Eskapistischer Sonntag
Nicht direkt für mich, sondern für die restliche Familie - aber trotzdem.
Eltern und Bruder sitzen am Küchentisch und planen den diesjährigen Familien-Eskapismus - bei uns auch bezeichnet als “Kanada-Urlaub”.
Nachdem es aber einige Dinge gibt, die man mit einem noch nicht ganz einjährigen Kind nicht tun sollte (und vermeidbare Transatlantik-Flüge gehören dazu), wird das diesmal ohnemeine Frau und mich stattfinden.
Indirekt betrifft die Planung allerdings auch meine sommerliche Eskapismusplanung.
Vor allem, was das Schreiben betrifft, da uns das bei gleich drei Projekten ein wenig in zeitliche Bedrängnis bringt. Wir hoffen ,dass wir den Großteil der gerade anstehenden Geschichten geschrieben bzw. lektoriert haben, bevor der Urlaub anfängt, aber derartige Termine haben gerade die Tendenz, sich nach hinten zu verschieben.
Tatsächlich wird inzwischen einer davon so eng, dass wir ein geplantes Manuskript nicht fertig bekommen werden und auf eine Alternative ausweichen müssen.
Das ist jetzt wiederum eine Premiere: Recycling einer unveröffentlichten Kurzgeschichte. Das ist nicht so schnell erledigt, wie es klingt. Alle Namen müssen geändert werden von Namen der Protagonisten und Nebendarsteller bis hin zu Orten, Straßen, Fahrzeugen, Alltagsgegenständen, Speisen und Getränken. Dazu kommt das Ausmerzen leichtfertig eingesetzter, übernatürlicher Elemente. Und natürlich Recherche, um historisch notwendige Details halbwegs korrekt wiederzugeben.
Bei gut 50 Seiten ist das allerdings immer noch weniger Aufwand, als bei Null anzufangen. Hoffen wir. Immerhin ist es, wie gesagt, eine Premiere.
Dazu kommt bei mir noch ein Sachverhalt, den Stephan R. Bellem gerade so schön beschrieben hat.
Beziehungsweise ein Naher Verwandter davon. Ein gezielter Drei-Fronten-Angriff gleich mehrerer Ideen und Plots. Der es nicht nur schwer macht, sich auf die vorrangigste, weil zeitlich drängendste Geschichte zu konzentrieren, sondern sich auch noch auf den Brotjob auswirkt (es ist schwer, sich auf einen Pressetext zu konzentrieren, wenn Männer mit Schwertern durch den Kopf trampeln und unflätige Dinge von sich geben. Für mich zumindest).
Und wie man so schön in der seriösen Berichterstattung (wie zum Beispiel im “volksfreund” …) lesen kann, ist das ein weit schwerwiegenderes Problem als im ersten Augenblick angenommen. Denn diese Fantasy lässt keinen Raum für wirklich wichtige Dinge, wie die eigene Familiengeschichte:
Mittlerweile dürften Heerscharen von 20- bis 40-Jährigen zu Experten in Vampirologie und Dämonologie geworden sein. Doch dieselben Menschen, die im Detail den Lebenslauf von Harry Potter und die Liebesgeschichte von Bella und Edward runterbeten können, werden erstaunlich wortkarg, wenn es um die eigene Familien biografie geht. “Oral History”, die mündliche Weitergabe von Alltagsgeschichte, die in anderen Kulturen selbstverständlich ist, findet in Deutschland schon lang nicht mehr statt.
Das beginnt, laut Artikel, etwa bei der Generation unserer Großeltern (bzw. Urgroßeltern für die jüngeren Fantasy-Leser).
Weil man sich (was ja stimmt) im dritten Reich nicht mit Ruhm bekleckert hat und aus den Hippie-Idealen der Tolkien-lesenden 68er* nicht viel geworden ist, flüchten sich heute lebende Familien in das Lesen von Fantasy. Ein wirklich interessanter Nebenansatz zum mittlerweile etwas ausgeleierten Eskapismus-Argument. Das erklärt zwar nicht wirklich, warum Fantasy nicht nur in Deutschland, sondern auch in allen anderen Ländern boomt, aber sei’s drum.
Ich frage mich vielmehr, wie viel mehr früher erzählt wurde, aus der Familiengeschichte. Meiner Erfahrung nach haben auch unsere Großeltern nicht viel mehr gewusst als:
Opa Friedrich stammte aus Groß-Kleinern, war Bauer, heiratete Oma Berta. Sie hatten 7 Kinder, 4 davon Totgeburten. Er war bei der Infanterie in Frankreich und ist an der Schwindsucht gestorben. Sein Opa hieß Hermann, geboren in Groß-Kleinern, Bauer, er war bei der Infanterie im 30jährigen Krieg, er hatte 5 Kinder, zwei davon tot geboren. Und so weiter.
Wenn man viel erfährt, dann, dass Urgroßahn Georg seine Frau Katarina geschlagen und mit drei anderen Frauen im Dorf uneheliche Bankerte gezeugt hat (so einen gibts in jeder Familie, wenn man die Suche ausweitet) - aber meist wird das unter den Teppich der Familiengeschichte gekehrt.
Vor allem aber beschränkt sich die mündliche Weitergabe der Familiengeschichte auf Namen, Anzahl der Kinder, Todesarten und militärische Erfolge.
Das gilt nicht nur für uns in Deutschland, sondern für unsere (auch alliiert-siegreichen) Nachbarn und die entfernteren Verwandten in den USA. Sofern diese nicht einer der zahlreichen Religionsgemeinschaften angehören, die tiefgreifendere Ahnenforschung betreiben müssen und deshalb fast unweigerlich noch auf Pippin und Karl den Großen in der Ahnenreihe stoßen, bevor sie über Noa auf Adam und Eva kommen. Das sind dann Zeitgenossen, über die man tatsächlich mündlich ein wenig mehr erzählen kann. Opa Friedrich und Großonkel Wilhelm (sowie Urgroßvetter K… also der, über den man nicht spricht) geben in den meisten Familien allerdings nicht viel als Abendunterhaltung und noch weniger als moralische Leitfiguren her.
So wird den Kindern dieser “verschwiegenen Eltern, Großeltern und Urgroßeltern”, das sagt der Artikel zu Recht, vorenthalten, was es bedeutet, erwachsen zu werden: Sich von seinen Träumen und Hoffnungen zu verabschieden, Kompromisse zu schließen, seine Kinder und Ehepartner zu verprügeln, wie es schon die Ahnen taten. Um dann am Schlagfluss oder im Krieg zu sterben. Nicht schön, aber so ist das Erwachsenendasein. Da reicht auch die knappe, überlieferte Biografie der letzten 10 Generationen um zu erkennen: Life’s a bitch - an then you die.
Pfui also dem Eskapismus voller Fabelwesen und lebensferner Happy Endings, der die Illusion erweckt, es könne, zumindest für manche, auch anderes geben.
Fort mit den Illusionen und dem Selbstbetrug, der das morgendliche aufstehen für viele erträglich macht.
Weg mit der unschönen aber vermutlich wahren Erkenntnis, dass die meisten Leben schon zur Bedeutungslosigkeit verdammt sind, bevor nur die Pubertät eingesetzt hat.
Und vor allem aufgeräumt mit motivierenden, beflügelnden Fantastereien, die am Ende noch dazu führen, dass aus potentiellen Generationen folgsamer Arbeitsdronen phantasiebegabte, optimistische Querdenker werden, die sich eben NICHT von ihren Träumen verabschieden, gelegentlich mal kompromisslos ihre Hoffnungen und Ziele verfolgen und nicht nur eine geboren-fortgepflanzt-gestorben-Notiz in ihrer eigenen Familiengeschichte werden.
Das geht ja wohl gar nicht.
Wenn ich ehrlich bin - mir tut der Verfasser dieses Artikels leid.
Das muss ein wirklich trauriges Leben sein. Vielleicht aber auch nur eine interessante Familiengeschichte. Voll von lehrreicher Weisheit, Heldentaten, bemerkenswerten Kompromissen, grandios verabschiedeten Hoffnungen, erfolgreich niedergekämpften Träumen und natürlich reichlich Sex and Crime. Hat man das als mündliche Überlieferung vorzuweisen, dann braucht man natürlich weder “Tatort” noch “Eragon”. Klar.
In diesem Sinne: Auf in eine erfolgreiche und eskapistische Woche.
*schön am Rande übrigens Gandalfs Vortrag über die Vorzüge des Pfeifenkrautes der Hobbits. Sollte man mal gelesen haben, dieses Kiffer-Plädoyer














Du tust dem Autoren unrecht: Der gute Mann ebnet mit dem genannten Artikel doch lediglich recht unauffällig den Weg für sein erstes Buch, das, wer hätt’s gedacht, von Familiengeschichten handelt.
(so sind sie, die Werbetexter… ;-)
Verdammt - du hast natürlich recht.
Ein Werbetexter ist’s und noch dazu einer, der sich den ganzen Frust von der Seele schreibt.
Einer, der gelernt hat, wie man mit nur wenigen pointierten Sätzen viel sagt.
Wie diesen, aus der Leseprobe seines Verlages.
Es gibt nämlich nur wenige Menschen, die von sich sagen können: “Mein Onkel war auf dem Mond.” Ich gehöre dazu. Mein Onkel Charles Pete Conrad war der Leiter der zweiten Mondexpedition Apollo 12.
Ich gebe zu, die Bezeichnung “Onkel” ist etwas ungenau. Es ist nämlich so, dass Pete Conrads Urgroßvater auch der Urgroßvater meiner Oma war. Somit sind meine Gene zu 6,25 Prozent identisch mit denen von Pete. Mit diesem Wissen fiel es mir in angespannten Lagen oft leichter, die Ruhe zu bewahren.
Mein Fantasy-verseuchtes Hirn gerät kurz ins Stolpern. Zu 6,25 Prozent?
Das klingt gut und werbegetextet und beschwört Bilder unglaublich fremdartiger, phantastischer Kreaturen herauf.
Meine eigenen Gene sind immerhin zu rund 93% identisch mit denen eines Resusaffen. Und bei ihm sind es keine 7% zu einem Verwandten? Eine interessante Familie, fürwahr. Eine, über die man sicherlich viel erzählen kann. Da sind Vampire und Werwölfe natürlich nix.
Aber gut, ich weiß ja, dass sich in meiner Branche (also der Werbung) eine Menge höchst seltsamer Kreaturen tummelt.
Wie Jeff Goldblum in Jurassic Park schon sagt: “Das Leben findet immer einen Weg”.
Oder wie Francis Crick, einer der Entdecker des DNA-Moleküls, feststellte: “Evolution is cleverer than you are.”
Er benannte diese Regel nach seinem Kollegen Leslie Orgel als “Orgels 2nd Rule”. Leslies Urgroßvater war übrigens auch der Urgroßvater unseres Opas, sagt die Familien-Legende. Allerdings haben wir trotzdem weit mehr Gene gemeinsam.
Außerdem arbeitete er für die NASA an der Viking-Sonde, zog die Panspermie-Theorie in Betracht und mochte Perser-Teppiche. So schließt sich der Kreis.
Oder auch nicht. Vielleicht sollten wir ein Buch darüber schreiben.
Ich finde es spannend, wie der Autor dieses Artikels so Dinge wie Sagen, Mythen und Märchen (die ja auch nicht ursprünglich für Kinder waren) verschweigt.
Irgendwie muss ich auch gerade daran denken, wieviele Familiengeschichten in meiner Fantasy-verseuchten Familie erzählt wurden. Meine Oma wusste einige sehr interessante Dinge aus der Zeit zu berichten, in der ganz Deutschland sich nicht mit Ruhm bekleckert hat, und scheint sich nicht dafür geschähmt zu haben, dass sie halt irgendwie versucht hat, über die Runden zu kommen, und fast von Bomben getroffen wurde und solche Dinge.
Und dann gibt es da die Geschichte von meinem Urahn dem Arzt, der einen Adelstitel verliehen bekommen hat, nur damit irgendein anderer Urahn ihn wieder verspielen konnte. Ich wette, darin liegt auch irgendeine tiefere Botschaft übers Erwachsenwerden …
Ebenso wie ich ganz sicher gelernt habe, meine Hoffnungen und Träume auzugeben, als man mir von meinem Urahn dem Wissenschaftler und meinen verschiedenen künstlerischen Urahnen erzählt hat.