Fusseln am Mund und auf dem Rücken - Nachlese Leipziger Buchmesse 2010
Hier also der versprochene Nachbericht zur Leipziger Buchmesse 2010.
Sie war für mich mal wieder kurz. Leider. Ich habe hingebungsvoll jene beneidet, die bereits am Mittwoch Abend nach Leipzig gegondelt sind.
Bei uns, Stephan und mir, war der Plan letztendlich gewesen, am Freitag um 18.00 Uhr in die Spur zu kommen, um wenigstens von der 2. Hälfte des Abends noch etwas zu haben.
Um es kurz zu machen: wir waren um ca. 23.30 Uhr am Leipziger Hauptbahnhof und nach einem Schnittchen von René (eigentlich einem Chicken-Curry-Bagel. Aber Schnittchen klingt besser) und einer abschließenden, gemeingefährlichen Fahrt über eine Loch-zerfressene Schotterpiste (tapfer als Bundesstraße bezeichnet und immerhin eine der Hauptverkehrsadern der irgendwie baufälligen Stadt) fanden wir uns dann deutlich nach Mitternacht an unserer Unterkunft wieder.
Vielleicht erinnern sich Leser noch an unser Plattenbau-Abenteuer vom letzten Jahr?
Anderer Vorort, gleiches Spiel.
Immerhin mit einer Neuerung. Ich habe noch nicht einmal im Gartenhaus meines Opas Wände erlebt, die genauso dick wie die darin befindlichen Türen waren. Dünne Türen. Ich sage nur: Es ist mir persönlich irgendwie unangenehm, unter solchen Verhältnissen Zähne zu putzen und dabei jemanden direkt über meinem Kopf sein Geschäft verrichten zu haben. Es gibt Dinge, die will man nicht hören.

Was das Hören betrifft: Zumindest hatte sich damals das MfS in diesem Wohnblock teure Abhöranlagen sparen können. Unsere Feststellung: In dieser Wohnanlage ist man nie einsam - und jeder weiß, wenn es dir schlecht geht. Auch jene Nachbarn, die drei Wohnungen weiter und zwei Stockwerke über dir wohnen. Zur Stärkung des Wir-Gefühls ungemein förderlich.
Immerhin war das Morgenbier* fein, das Frühstück gut, reichlich und gesund und damit ein guter Start in einen ereignisreichen Messesamstag für Carsten, Stephan, Chris, Maike und mich.
Ein Tag voller, ja, man ahnt es an dieser Stelle schon, Cosplayer.

Cosplayer-Urgestein. Vermutlich aus der Manga-Serie 'Arupusu No Shoujo Haiji'**. Wir hatten ja nix, damals...
Ja, es war wieder das “Jeder lebt in seiner eigenen Welt”-Spiel, das die Lassie Singers so schön besungen haben. Ich weiß nicht, ob meine die richtige ist - andere waren es aber hoffentlich auch nicht. Wobei die Kostüme mal wieder zwischen beeindruckend aufwändig und beeindruckend peinlich rangierten. Ich habe Dinge gesehen… Dinge! …Solche, die den Wunsch wecken, sich die Augen zu waschen. Mit Kernseife und Wurzelbürste…
Wie auch immer. Über den Cosplay-Teil darf jemand anderes berichten.
Wir waren froh, dass sie diesmal ihr eigenes, weitgehend geschlossenes Gehege hatten und sie sich bei schönem Wetter im Freigehege innerhalb des Wassergrabens selbst und gegenseitig fotografierten. So liefen sie schon weniger den des Lesens mächtigen im Weg herum.
Unser Messe-Tag begann mit einem stilechten Check-in über den Presse-Eingang (über den allerdings auch Vorschulkinder und Leute in voller Cosplay-Montur reinkamen. Was einem irgendwie das Gefühl von Wichtigkeit verleiden konnte. Hm). Und mit großem Hallo am Stand des Wunderwald-Verlags bei Eric Schreiber und Wolfgang Brandt. Oh, und der Erkenntnis, dass Markus Heitz ein “hoffnungsvoller Jungautor” ist. Stand auf dem Buch, muss also stimmen. ;)
Vom Eingang bis zu unserem geplanten Basislager an der Fantasyleseinsel haben wir also auch nur eine Stunde gebraucht. Um dann kurz vor Erreichen des Zieles am strategisch perfekt gelegenen Stand von Manticor Illustrations bei Maik Schmidt und Elke Brandt hängen zu bleiben. Nochmal 30 min. - aber wenn man sich gegenseitig die FarmVille-wiesen mäht, muss man sich halt auch im echten Leben die Hand schütteln. Der Hühnerbrust-Drachen war übrigens auch da. Und Maik machte mich gleich mit der beiläufigen Bemerkung fertig, dass er auf der RPC mit meinem Jugendidol Larry Elmore ausgestellt hat. Woah. Ehrfurcht. Das wäre vor 15 Jahren für mich etwa das gewesen, was es für den Macianer bedeutet, mit Steve Jobs zum Brunchen zu gehen. Hey, aber immerhin hatte ich recht, als ich Maik vor Wochen unterstellte, dass man bei seiner Arbeit ein wenig Elmore durchscheinen sieht.
Den Manticor-Leuten sind wir dann öfter begegnet – und vielleicht ergibt sich das in abesehbarer Zeit wieder. Immerhin steht demnächst der Relaunch von Steamtown an. Auch darüber wurde geredet. Mit den Manticor-Leuten ebenso wie mit dem einen oder anderen Presse-Vertreter. Und auch in Richtung Hörbuch haben wir hier nochmal das eine oder andere Gespräch führen können. Schaun wir mal.
Wie auch immer: Das Basislager war (natürlich nicht überraschend) gut gewählt: Zwischen Leseinsel und dem Stand von WerkZeugs war nämlich erwartungsgemäß nicht nur unser Basislager, sondern das von etwa 80 Prozent der Menschen, denen wir hier gern (wieder) begegnen wollten.
Die Erkenntnisse aus den nächsten 3 Stunden ölsardinengleich gedrängtem Stehen, Händeschütteln (nicht den Ölsardinen gleich, versteht sich) und palavern: Es gibt ziemlich viele Stephans, schon zwei Toms sind verwirrend, ein Oberarmbruch verheilt wirklich langsam, mit Junior-Wasserflaschen lässt es sich gut angeben - und das nächste Mal erwäge ich ernsthaft, einen Klappsitz mitzubringen.
Das heißt, wenn nicht die Idee des gemeinschaftlich angebieteten Autorenstands zum Sitzen realisiert wird. Die Idee wurde im Laufe des Messebesuches immer reizvoller. Mit Sofa…
Auf jeden Fall waren auch diesmal sehr interessante Neu-Begegnungen wie die Herren Bellem, Dierssen und Perplies oder auch das Team Christiansen/Plischke (und später ihrer ausgesprochen sympathischen Mitbewohnerin) dabei. Und natürlich das Wiedersehen mit schon Bekannten (Zitat: “Verdammt, hier ist ja meine ganze Mafia versammelt!” - Ja, Bernd. Meine auch), nur unterbrochen von dringenden Tankanflügen auf den nächsten Kaffeeausschank. Es ist übrigens erstaunlich, wie schnell andere, namhafte Autoren zu bloßen Statisten degradiert werden, wenn die autogrammwütigen Fans Herrn Holbein neben ihnen entdecken. Das hat allgemeine Heiterkeit ausgelöst. Ein halbes Dutzend deutsche Fantasyautoren der Oberliga - und nur um Wolfgang schart sich die zu Tränen gerührte Masse. Der Rest kann einen Schritt zur Seite tun und sich umso ungestörter unterhalten.
Das heißt - alle bis auf Bernhard Hennen und Markus Heitz, die sich ebenfalls fast die Finger wund signiert haben müssen. Trotzdem- immer noch kein Vergleich zu Wolfgang. Der saß dann auf seinem Sessel, als zu Beginn seiner Lesung die Nachricht die Runde machte, dass auf der ganzen Messe alle seine Romanexemplare verkauft wären und sagte den schönen Satz: “Ja. Buch wäre schön…” Zum Glück rückte man dann bei WerkZeugs noch ein Privatexemplar heraus. Sonst wär’s das am Ende noch gewesen, mit der Lesung. *g*
Letztendlich lässt sich der Messetag als erfolgreich verbuchen.
Wir wissen, dass wir (Zitat: “Wenn das Ergebnis nicht beschissen ist, natürlich”) in einer schicken Anthologie sein werden, wir haben einiges an Inspiration und an Kontakten nicht nur für Steamtown, sondern auch für andere, in Arbeit befindliche Projekte mitnehmen können, haben unverhoffenten Zuspruch erhalten, Rezensionsexemplare ergattern können. Auch wenn meine Chefredakteurin Eva mir meinen Favoriten, Gesa Schwartz’ “Grim” vor der Nase weggeschnappt hat. Egal. Ich werde es wohl einfach kaufen. Der Kartenmann war ein seltsames und seltenes Vergnügen einer beinahe Gaiman’schen Horrorfigur. Und Gesas erste Lesung gleich vor großem Publikum war wirklich gelungen. Macht Lust auf mehr.
Dafür hab ich Oli Dierssens Leseexemplar. Unsigniert natürlich. Ich lass mir nicht noch mal vorwerfen, das nachher auf eBay verkaufen zu wollen! Aber hallo! Ich habe noch nie eines meiner Bücher verkauft! Unverschämtheit.
Mit den Herren vom Perry-Stand gleich um die Ecke konnten wir auch noch ein paar Worte reden. Aber insgesamt war der Tag viel zu schnell rum. Und ich habe mich danach gefühlt, wie nach zwei Wochen Vollkontakt-Campen in einer U-Bahn. Also war erst eine Dusche nötig, bevor wir abends bei bzw. mit den Autoren und Freunden von Carstens Agentur Schmidt&Abrahams zum Tapas-Essen waren, was weitere hochinteressante Gespräche mit sich brachte. Und die Erkenntnis, dass man Kellner durchaus überfordern kann. Vielen Dank an dieser Stelle nochmal für den sehr angenehmen Abend allen Beteiligten, vor allem aber Julia und Natalja. Und ja, Ole, natürlich ist es gut, wenn man sein Handtuch dabei hat. Das würde ich als Towel-Day-Anhänger ohnehin nie abstreiten.
Einzige Wermutstropfen: Ich habe ein, zwei Leute verpasst, die ich gern auch noch gesehen hätte (aber hey - 36 Euro für diese Party in der Moritzbastei waren nun wirklich ein wenig übertrieben. ;) ). Das muss dann auf den Herbst und Frankfurt verschoben werden - und ich muss mir ordentlich Urlaub nehmen. Für die ganze Messe - und den Montag danach. Das ist wichtig.
Immerhin haben wir, Stephan und ich, auf den gut 3,5 Stunden Heimfahrt im strömenden Regen endlich einmal Zeit gefunden, ausgiebig und ungestört einige Gedanken zu den drei aktuellen Projekten weiter zu verfolgen und glatt zu schleifen. Mehr dazu, wenn’s spruchreif ist - aber die Fahrt war produktiv.
Spaß hat’s jedenfalls gemacht - und die Schlussphrase von Frankfurt gilt auch für die Buchmesse Leipzig: “Bis nächstes Mal.” Was dann wohl wieder Frankfurt meint. Zumindest für die, die sich nicht gleich wieder auf der RPC sehen.
*okay. Es war Bionade. Wofür haltet ihr mich?
Nein, ich will’s nicht wissen.
** besser bekannt als die Zeichentrickserie “Heidi”.






























Hier gibt´s wenigstens mal anständige Photos. Nicht die greislichen von Anke … ;)
Irgendwann muss ich da auch mal mitmischen, klingt ja ganz nett soweit ^^
Also zumindest die “Freak”-Halle kann ich nur empfehlen. Sehr sympatisch und interessant - vor allem die Lesungen (besonders zu empfehlen sind übrigens Bernd Perplies und Christian Humberg, wenn sie wie 2009 mit dem Abenteuerspielbuch “Das schleichende Grauen” zusammen lesen. Das war die beste Lesung die ich je gehört habe)
Also diese Zusammenfassung unseres Gesprächs kann ich so nicht stehen lassen. Richtigstellung: Die Aufwertung meines bescheidenen, fledderigen Leseexemplars durch eine liebevolle Widmung wurde schamlos und ohne mit der Wimper zu zucken abgelehnt. So nicht, Herr Orgel, so nicht!
Musst du so auch nicht stehen lassen.
Die gehässigen Kommentare kamen von den Umstehenden. Meinem Bruder zum Beispiel. Dafür hab ich’s ihm auch noch nicht geliehen.
Große Schande über mich, dass ich den Bericht erst jetzt lese. Sehr unterhaltsam.
Und ich freue mich schon jetzt darauf, euch im Herbst in Frankfurt wiederzusehen.
Hmmm, nächstes Jahr zur Buchmesse erscheint mein fünfter Roman, da wäre ja eigentlich mal ne kleine Party fällig :D