Make the Most of, now! (reloaded)
Stephan R. Bellems schöner Blogeintrag zum Thema aktuelle Werbung hat mich daran erinnert, dass ich ja ausgewählte Artikel meiner alten Website rearchivieren wollte, bevor die endgültig verschwindet.
Dazu gehört auch der ungebrochen aktuelle Artikel zum Most.
Vodafone hat zwar seinen wirklich dämlichen Claim inzwischen weitgehend entsorgt (was eine gute Entscheidung war), nichts desto trotz gibt es unzählige Nachfolger, die daraus nichts gelernt haben.
Und da ich gerade keine Zeit habe, einen neuen Artikel zu schreiben, fange ich einfach mal mit der Artikel-Rearchivierung an.
In dieser Folge:
Make the Most of, now!
Es ist tatsächlich immer noch so, dass viele der deutschen Agenturen und Marketing-Abteilungen glauben, im Zuge der Globalisierung ihre deutsche Kundschaft weiterhin mit englischen Ausdrücken und schlimmer noch: mit immer neuen pseudo-englischen Wortschöpfungen foltern zu müssen.
Kein Wunder, haben doch offensichtlich einige findige Köpfe im Marketing zwecks Erhaltung der eigenen Daseinsberechtigung zum “Corporate Design” (=Firmenauftritt) innerhalb der “Corporate Identity” (=Firmenidentität) flugs den Ausdruck “Corporate Wording” (also Unternehmenssprache) ins Leben gerufen, um Wortungetüme in PowerPoint-Präsentationen zu rechtfertigen, die außerhalb ihrer engen Gemeinschaft eigentlich keiner versteht. Innerhalb übrigens auch nicht. Weshalb diese Art, Lautäußerungen mit mehr Silben als transportiertem Inhalt von sich zu geben (hinter dem Rücken des Marketings) auch als “Marketing-Sprech” bezeichnet wird.
Aber es ist zumindest beeindruckend, wenn der Senior Manager aus dem Marketing bei der nächsten Präsentation dem CEO (Chief Executive Officer, also dem, der bisher der Geschäftsleiter war) anhand bunter Beamer-Präsentationen vorführen kann, dass man jetzt im B2B-Bereich neue Synergien nutzt und mit Callcenter und E-Service den Kundenbenefit im Customer Service deutlich erhöht hat.
Worauf der alte Geschäftsführer, wenn er etwas verstanden hätte, antworten würde, dass es auch langsam Zeit wurde, dass die Kundenberater mal ihren Hintern hoch kriegen und die Kundenfreundlichkeit wieder etwas verbessern, denn Frau Schmitz von der Schmitz GmbH hat sich schon beschwert.
Zum Glück für die Marketingabteilung aber hat der alte Chef nicht verstanden und ist zufrieden, dass sein alter Familienbetrieb jetzt so richtig globalisiert ist. Und eine schöne Gehaltserhöhung ist auch noch drin.
Damit soll nicht gesagt werden, dass das Marketing keine Daseinsberechtigung hat. Aber es sollte in einer normal gut aufgestellten Firma keine größere Bedeutung als die Produktion, die Entwicklung oder das Sekretariat haben. Ebenso ist ein “Corporate Wording” durchaus in Ordnung – für eine international agierende Firma ist es schließlich notwendig, verstanden zu werden und eine einheitliche Sprache zu sprechen, die auf dem internationalen Markt auch verstanden wird.
Was genau der Punkt ist: Diese Sprache sollte nicht dazu dienen, sich von Konkurrenten und Kunden abzugrenzen, sondern von ihnen verstanden zu werden. Und das wiederum bedeutet, dass “Marketingsprech” sicherlich der falsche Ansatz in einem mittelständischen Unternehmen ist, in dem der überwiegende Teil der Mitarbeiter (inklusive des Firmengründers) solides Fränkisch sprechen.
Ebenso wie “Denglisch“, die oftmals extrem über’s Knie gebrochene Deutsch-Englisch-Verwurstung in der Werbung für ein einheimisches Unternehmen nichts zu suchen hat. Untersuchungen zufolge versteht zum Beispiel nur etwa 1 Prozent der Deutschen den Werbespruch (=Slogan) von Vodafone: “Make the most of now.”
Der unterfränkische Streuobst-Bauer kann das bestenfalls das als Aufforderung verstehen, jetzt (zur Erntezeit) sein wohlschmeckendes Getränk zu pressen. Was durch das nette Tropfen-Logo ja auch nochmals deutlich unterstrichen wird.
Aber selbst des Schulenglischen noch mächtige Personen fragen sich meist nur zweifelnd, was “Das meiste aus jetzt machen” irgendwie mit Telefonen zu tun haben soll. Schneller sprechen am Telefon? Hat Vodafone so hohe Tarife?
Ungeschickt. Und dabei noch richtiges Englisch. Die Deutsche Bank hat mit “A Passion to Perform” dagegen so richtig daneben gelangt. Denn eine “Heiße Leidenschaft zum Auftritt auf der Theaterbühne” ist nun wirklich das letzte, was ich von meiner Bank (noch viel weniger DER Deutschen Bank!) verlange oder erwarte! Wobei das Martin Crellin als englischer Muttersprachler und Übersetzer noch weit besser erklären kann. Aber auch mich als simplen Werber regt eine solche unsinnige Verwendung von FALSCHEN Anglizismen auf. wobei man sich an dieser Stelle eigentlich jegliche Aufregung sparen kann, denn die Finanzwelt ist schließlich dafür bekannt, in mehr als einem Bereich weltfremd zu sein.
Glücklicherweise haben es andere Konzerne (allen voran übrigens der ur-amerikanische MacDonald’s-Konzern) mittlerweile begriffen. Während sich deutsche Unternehmen krampfhaft mit grausigen Anglizismen schmücken, treten ausländische Firmen wie MacDonald’s in schönstem, einfachen Deutsch auf – und werden vom einheimischen Publikum (sprich: den Käufern) weit besser verstanden.
Ich liebe es.©
Ein amüsanter Aspekt der Geschichte ist übrigens der Kampf englischer Muttersprachler gerade derzeit gegen die “Ver-Germanisierung” der schönen, englischen Sprache. Die englische Analogie zum abwertenden “Denglish” ist übrigens tatsächlich der Ausdruck “Germish”.
Es ist ja aber auch eine Unart, dass die ganzen Jugendlichen und Leute der Kreativbranchen (von Werbern und Medienleuten über Autoren bis hin zu den Musikern) sich neuerdings und unnötigerweise mit deutschen Sprachfüllseln schmücken müssen und damit die Sprache verderben!
Das wird sicherlich der Untergang des Abendlandes sein.
Im Prinzip gilt einfach:
Das Problem ist nicht das eingestreute Englisch im Deutschen - und auch nicht wirklich eingedeutschte Worte. Selbst wenn es Konstrukte wie “Handy” sind. Es ist vollkommen falsch benutztes oder (/ meist “und”) holpriges Englisch, das von Zeitgenossen genutzt wird, die bei näherer Betrachtung nicht nur das Englische nicht korrekt verwenden können, sondern auch ihre Muttersprache nicht richtig beherrschen.
Was sie nicht davon abhält, ihre Umwelt (also uns) mit Werbetexten und -botschaften in falschem Englisch zu foltern.
Nichts gegen eine sinnvolle Verwendung oder gar Eindeutschung eines nützlichen Wortes, aber das Ersetzen eines brauchbaren und richtigen deutschen Wortes oder Ausdrucks durch einen FALSCHEN englischen tut mir auch immer wieder weh.
Das MACHT gar keinen Sinn.
…
Schönes Wochenende und “Make the Most of, now“,
Tom














