“We who think we are about to die will laugh at anything.” *

 

shaking_hands_with_death_by_sandara-d8li0dmShaking Hands With Death © Sandara

Terry Prattchett ist tot.

Das ist jetzt nicht weiter verwunderlich.
Nicht nur, weil uns das irgendwann ziemlich sicher allen so geht, sondern auch wegen der heimtückischen Alzheimervariante, die ihn in den letzten Jahren langsam aber sicher gefressen hat. Nicht seine Erinnerungen, wenn ich das richtig verstanden habe, aber seine Worte. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie das für jemanden gewesen sein mag, der von unzähligen Menschen für seinen Umgang mit Worten verehrt wird.

Ich hatte nie die Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen, aber ausnahmsweise kann ich trotzdem behaupten, betroffen zu sein.
Nicht so betroffen wie seine Familie, seine Freunde und all jene, die ihm nahe standen, natürlich. Das zu behaupten wäre ihnen und ihrem Verlust gegenüber unfair, denn wenn wir ehrlich sind – ich kannte ihn ja nicht, den Menschen Terrence Pratchett, den Familienvater, Ehemann und Freund. Wie er so war und was er als Mensch und als Freund bedeutete, haben andere in wesentlich bessere Worte gefasst, als ich es je könnte. Und deshalb werde ich ihren Verlust nicht schmälern, indem ich von meiner Betroffenheit fasele. Mein volles Mitgefühl gilt ihnen. Terry Pratchett braucht es nicht mehr und ich denke, er würde das genauso sehen. Auf jeden Fall jetzt, nachher. Keine Drüsen. Das ist der Grund.

Dass es mich trotzdem irgendwie betrifft, liegt daran, dass ich, wie so viele, ein Fan dieses Mannes und seiner Bücher war und bin, seit ich ihn kenne. Bei mir muss das so 1990 oder 1991 gewesen sein, als ich in die Oberstufe ging und es fing bezeichnenderweise mit „Strata“ an, gefolgt von der „Dunklen Seite der Sonne“. Oder anders herum. Jedenfalls nicht mit seiner Fantasy. Ich war damals vor allem Science Fiction Fan, verehrte Orson Scott Card, Stanislav Lem und Douglas Adams‘ Arbeit und kannte als humoristische Fantasy vor allem die Bücher von Robert Asprin und Craig Shaw Gardner.
Und dann schleppte mein Bruder diese Bücher des Engländers an, der in Deutschland tatsächlich mit „Der Douglas Adams der Fantasy“ beworben wurde. Auf seinen ersten deutschen Ausgaben, zumindest einem der Bücher, stand das sogar noch in dieser Art drauf.

Den Titel „der neue Tolkien“ bekam er meiner Erinnerung nach allerdings nicht verpasst. Dazu war er nicht ernst genug. Vermutlich ist er in den folgenden zwanzig Jahren gerade deswegen für mich das gewesen, was Tolkien für andere ist. Er ist (neben Adams, der sich ja vorher schon raus geschlichen hat) die einzige Person, als deren Fan ich mich jemals ernsthaft bezeichnet habe. Wie man in diesem Blog sehen kann, schätze ich.

Für mich ist interessant, dass seine Bücher und ich zusammen … gereift sind. Als ich ihn entdeckt habe, hat er kreuzalberne Rollenspieler-Fantasy geschrieben. Natürlich mit den ihm eigenen, fast durchgehenden Persiflagen auf unsere reale Welt, aber doch noch ziemlich flach und in klassische Fantasyplots verpackt, die einen Rollenspielfan wie mich sofort überzeugt hat.
Damit hat er aber eins ausgelöst: Ich wollte schreiben. Irgendwann vielleicht einmal so gut wie er. Auch wenn ich inzwischen fürchte, dass sich der Abstand zwischen uns über die letzten zwei Jahrzehnte nicht sonderlich verändert hat. Vermutlich bin ich etwas besser geworden als ich es damals war (das Zeug von damals würde ich keinem zu lesen geben), aber er hat sich mindestens genauso weiterentwickelt und mich mit jedem weiteren Buch zufrieden, aber auch ein wenig neidisch zurückgelassen.

Ich glaube, es gibt keinen Autor, der so viele einzelne Romane geschrieben hat, die in meiner persönlichen Top-50 auftauchen, weil sie mich nachhaltig beeinflusst haben und es immer noch tun. Der Erste (in der Reihenfolge des Lesens, nicht notwendigerweise des Erscheinens) war sicherlich „Small Gods“, gefolgt von „Good Omens“ (seine Zusammenarbeit mit Neil Gaiman), dann kam „Guards! Guards!“, dann „Feet of Clay“, „Nights Watch“, „Hogfather,“, „The Fifth Elephant“, „The Truth“, „Wee Free Men“ … alles Bücher, die ich mit Sicherheit mehr als dreimal gelesen habe und das ebenso sicher nicht zum letzten Mal.
(Davon abgesehen hat er mir mein Englisch-Abi gerettet, denn hätte ich nicht angefangen, seine Romane im Original zu lesen, hätte ich vermutlich ordentlich versagt. Der unterricht allein hat’s jedenfalls nicht gebracht. Und sicherlich wäre mir auch nie klar geworden, wie furchtbar ich seine Übersetzungen finde. ;) ). Ich habe mich für meine Mitarbeit in einem Comicladen damals sogar unter anderem in „Pratchetts“ auszahlen lassen. Dann immer ein, zwei Wochen vor offiziellem Erscheinen. Das war wichtig!

Über die Jahre ist er von der klassischen Fantasy der 80er, in der wir aufgewachsen sind und die die meisten Autoren damals auch noch fleißig bedient haben, immer weiter abgewichen und hat mich mitgenommen. Ich denke, durch ihn habe ich für mich entdeckt, dass Fantasy ruhig mehr als Eskapismus und weit mehr als das Wiederkauen bzw. Nachschöpfen alter Mythen sein kann, sondern aktuell, unterhaltsam, und dabei kritisch und hinter dem gesamten Humor ausgesprochen ernst. Fantasy kann, darf und sollte gelegentlich vielleicht sogar mit unserer Welt und uns zu tun haben, sie darf politisch sein, Kritik üben und vor allem Satire sein.
Pratchett wird heute nicht umsonst nicht nur als einer der größten Fantasy-Autoren verehrt, sondern auch immer wieder als Humanist in der Tradition Dickens‘ gelobt und als einer der größten Satiriker unserer Zeit. Ich denke, davon können wir uns ruhig ab und an eine Scheibe abschneiden.

Seine wichtigsten Bücher sind für mich trotzdem die, die am wenigsten Fantasy sind (auch wenn sie voll und ganz Scheiben – und Rundwelt sind und damit die vermutlich wichtigsten Scheibenweltromane), seine „Science of the Discworld“-Bücher, zusammen mit Ian Stewart und Jack Cohen verfasst. Ich behaupte, ich habe daraus mehr gelernt, als in meinen letzten zwei doer drei Schuljahren zusammen – und es hat deutlich mehr Spaß gemacht. Ich bin versucht, zu sagen: Wenn man etwas von Pratchett gelesen haben sollte, dann sind es diese Bücher (was allerdings Quatsch wäre, weil sie ohne die Scheibenwelt einfach nur halb so gut funktionieren).

So, und jetzt höre ich endlich auf – morgen geht’s auf die Buchmesse nach Leipzig, aus meinen eigenen Sachen lesen, die es auch ohne ihn nicht gäbe und mich mit vielen tollen Kollegen treffen, von denen es einer nicht geringen Anzahl genauso geht. Und ich denke, es wird sich ein Bier finden, das wir auf ihn trinken können.

Ich werde es vermissen, weitere Pratchetts zu lesen, und ich bedanke mich für das, was ich in den vergangenen mehr als zwei Jahrzehnten mitnehmen durfte.
Ich hatte viel Spaß und ich habe eine Menge gelernt. Was kann man mehr wollen. Gute Reise, Sir Pratchett.

„Plenty of creatures are intelligent, but only one tells stories. That’s us, ‚pan narrans‘, the storytelling chimpanzee. And what about ‚homo sapiens‘? Yes, we think that would be a very good idea…“ (Stewart/Cohen/Pratchett)


* Terry Pratchett, „Night Watch“

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