Warum ich nicht Charlie bin –

Zuersteinmal – wobei ich hoffe, dass es eigentlich nicht notwendig ist – ich verurteile die Morde an den französischen Karrikaturisten und Journalisten auf das schärfste und habe vollstes Mitgefühl für die Betroffenen und die Hinterbliebenen. Die Tat dieser extremistischen Arschlöcher ist  nicht zu rechtfertigen, abscheulich und unentschuldbar.

Zum Zweiten verurteile ich auch den Angriff auf die Pressefreiheit, die ich als eines unserer höchsten Güter betrachte. Es gibt schlicht nichts in Journalismus – und noch weniger in der Satire – das eine solche Tat auch nur im Entferntesten rechtfertigen könnte. Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung sind Grundrechte eines jeden Menschen und Grundstein einer jeden aufgeklärten Gesellschaft. Und dabei muss man nicht mögen, was der andere sagt. In dieser Hinsicht stimme ich zum Beispiel Neil Gaiman zu (und er bringt gleich zu Anfang den sehr schwierigen Passus der Kinderpornografie, der hier genauso eingeschlossen ist, wie jede Äußerung religiöser, politischer und allgemein weltanschaulicher Art. Wirklich harter Tobak! Nachzulesen HIER). Das zu Unrecht Voltaire zugeschriebene Wort von Evelyn Beatrice Hall „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“ trifft es meiner Ansicht nach gut (auch wenn ich vermutlich zu feige dazu wäre, das umzusetzen. Oder mir zu schade, was eine ganze Reihe von Meinungen angeht).

Aber ich bin trotzdem nicht Charlie.

Das hat etwas mit der oben genannten Verachtung der Meinung zu tun. Denn nur, weil ich die Tat verurteile, die daraus resultierte, muss ich mich nicht mit den Leuten identifizieren, deren Meinung und vor allem deren Art, sie zu transportieren ich absolut nicht teile.
Im Moment geht durch die Presse, aber auch durch’s Internet die Forderung, die Karrikaturen von Charlie Hebdo „jetzt erst recht“ zu teilen und zu verbreiten, vermutlich, um „ein Zeichen zu setzen“ oder auch, um „es denen da zu zeigen“.
Aber wenn ich mir die fraglichen Cartoons ansehe, die ich da zeigen soll (ich kann kein französisch, bin also auf die Übersetzungsfunktion meines Browsers angewiesen und habe mich daher auch zuvor nie mit der Arbeit des französischen Satiremagazins beschäftigt), dann muss ich feststellen, dass es Cartoons sind, die ich nie geteilt und verbreitet hätte, wenn die Leute noch am Leben wären und ihre nächste Ausgabe vorbereiten würden. Zumindest nicht die fraglichen, die sich mit Mohammed und seinen Anhängern beschäftigen (andere Cartoons zum Thema Tierschutz zum Beispiel finde ich recht gelungen, wenn auch ebenfalls keine Meilensteine der Satire). Das ist kein Zeichen, das ich setzen möchte. Weder vor noch nach einer solchen Tat.

Das hat nichts mit Rücksicht auf die religiösen Gefühle anderer Gruppen zu tun, sondern lediglich mit dem, was Charlie Hebdo unter ‚Satire‘ zu verstehen scheint.

Ja, Satire darf alles. Sie hat sogar das verbriefte RECHT, alles zu dürfen und das würde ich ihr nie nehmen wollen. Es ist der Freibrief des modernen Hofnarren und damit die uneingeschränkte Macht und Fähigkeit, mit Worten und Bildern anderen den Spiegel vorzuhalten und auch die beeinflussen und notfalls bloßstellen zu können, die das absolut nicht wollen.

Aber (ja, es war klar, dass jetzt ein ‚Aber‘ kommt) an dieser Stelle folgt fast zwangsläufig das abgedroschene Spiderman-Zitat „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“.
Satire ist nicht nur ein scharfes, sondern auch ein zweischneidiges Schwert. Und nachdem Charlie Hebdo recht grob und unelegeant mit der einen Schneide auf den wahrgenommenen Gegner eingehackt hat, kam jetzt die zweite Schneide auf sie zurück. Das hätte man sehen können.
Wer in Die Hard 3 John McClane mit dem Schild „I hate Niggers“ durch Harlem laufen sieht, weiß auch, was kommen wird. Charlie Hebdo hat sich das Schild selbst umgehängt und da das echte Leben kein Hollywoodfilm ist, war diesmal kein Zeus Carver zur Stelle, der den lebensgefährlichen Schwachsinn gestoppt hat, bevor es zu spät war. Auch damit hätte man rechnen können, wenn man in Frankreich lebt und das Problem mit den radikalisierten Islamisten im eigenen Haus hat.

Editierter Einschub: Ich bin beinahe davon überzeugt, dass sie es tatsächlich haben kommen sehen und das Risiko bewusst in Kauf genommen haben. Sie wussten, dass sie sich mit ihren Werken auf ein Kriegsgebiet begeben, auf dem die gegnerische Seite nicht mit scharfen Zungen, scharfen Stiften (und teilweise nicht einmal mit scharfem Verstand), dafür aber mit scharfer Munition reagieren wird. Nicht umsonst hat die Redaktion seit einiger Zeit schon unter Polizeischutz gestanden. Damit weiter zu machen war so gesehen heldenhaft. Oder blödsinnig. Eines davon, vermutlich aber sogar beides zusammen. Auf jeden Fall aber bewusst eingegangenes Risiko.

Das bedeutet nicht, dass man dazu schweigen und die von Charlie Hebdo so ungeschickt angegangenen Themen um des lieben Friedens willen ignorieren sollte. Es bedeutet aber sehr wohl, dass man Satire verantwortungsbewusst einsetzen sollte. Der Verantwortung bewusst, nicht nur dem Recht auf freie Meinungsäußerung und der Aufklärung gegenüber, sondern auch der, die man dem Leben seiner Mitmenschen und dem Frieden gegenüber hat (ganz zu schweigen von der Verantwortung, gute, also intelligente und clevere Satire zu machen und nicht nur plumpe Schmiererei, die man als solche verkauft).

Das erste, was mit in den Sinn kam, als ich mir die fraglichen Karrikaturen angesehen habe, waren interessanterweise die Propaganda-Karrikaturen, die in den 30er und 40er Jahren populär waren. Karrikaturen, die dazu dienten, eine Gegnerschaft zu schüren und Fronten aufbauen zu können, Karrikaturen aber auch, die dazu da waren, zu provozieren – den Gegner zu Handlungen zu provozieren, mit denen man dann seine eigenen rechtfertigen kann. Das war bei den Nationalsozialisten über „Juden“, „den Iwan“, „Neger“ und andere „Untermenschen“ genauso populär wie bei den US-Amerikanern über die Asiaten (was auch während des Korea- und des Vietnamkrieges schön weiter betrieben wurde). Und das ist keine Satire, das ist Propaganda und Volksverhetzung, die im übrigen bei uns strafbar ist.
Charlie Hebdo macht Karrikaturen über Leute, die sich von Mohammed in den Hintern vögeln lassen, während andere offensichtlich darauf warten, an der Reihe zu sein. Das wird jetzt als Satire gefeiert (und würde es vermutlich auch mit einem Papst und einer Reihe katolischer Priester, auch wenn dieses Klischee schon so alt ist, dass man über diesen plumpen Versuch von Klischeeausnutzung nur noch genervt die Augen verdrehen würde).
Man stelle sich aber mal vor, derselbe Kartoon würde Martin Luther King und seine farbigen Anhänger darstellen. Oder man vergleiche ihn mit Propagandazeichnungen wie dieser hier aus dem ‚Stürmer‘ von 1935. Oder dort wären Beckenbauer und der Spielerkader von Bayern-München abgebildet, weil man den Fan-Kult um diese Mannschaft nicht mag. Das würde vermutlich Tatbestände von Volksverhetzung und/oder Verunglimpfung und persönlicher Beleidigung erfüllen und einen Aufschrei der Empörung auslösen, jedoch nicht mehr als Satire gefeiert werden.

Satire ist dann gut gemacht, wenn sie Missstände anprangert und die abgebildeten Personen (oder wenigstens ihre Anhänger) zum Nachdenken bringt. Sie ist schlecht, wenn sie Hass schürt und nicht zu Verständigung beiträgt, sondern nur zur Belustigung von Leuten dient, die ohnehin meiner Meinung sind und die ihre Vorurteile bekräftigt sehen. Das sind Bilder, die von Leuten gefeiert werden, die für PEGIDA auf die Straße gehen. Und das kann ich beim besten Willen nicht gutheißen.

Dazu kommt: Wenn Heinz Hirnlos mit einem Streichholz nachsieht, wieviel Benzin im Tank ist, werde ich nachher auch nicht rausgehen und „Ich bin Heinz“ verkünden. Allenfalls werde ich Heinz für den Darwin Award nominieren. Ähnlich ist meine Gefühlslage hier.

Ja, Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung gehören zu den schützenswertesten Gütern, die wir haben. Ja, Satire darf alles. Und ja, das muss in unserer Gesellschaft jeder aushalten, egal, ob es ihm passt, oder nicht. Aber zum Recht auf freie Meinungsäußerung gehört auch das Recht, einfach mal den Mund zu halten – und meiner Ansicht nach auch die persönliche Verpflichtung, seine Meinung so zu äußern, dass am Ende mehr Diskurs und Verständigung steht. Eine Verbesserung von Missständen, nicht mehr Hass.

Zusammengefasst kann ich sagen, dass ich mich weit eher mit dem toten Polizisten Ahmed Merabet solidarisieren kann (der ironischerweise auch noch Moslem war), der nämlich für unsere westeuropäischen Werte wie eben die Verteidigung der Pressefreiheit sein Leben gelassen hat, und das, obwohl ihm die Sachen, die er bewacht hat, ziemlich sicher selbst gegen den Strich gingen. Das finde ich deutlich bewundernswerter – und deutlich näher am Kern der Sache.

Nichts rechtfertigt die Morde. Nichts rechtfertigt die Tötung von Leuten, deren Meigung einem nicht passt. Dass muss Religion genauso aushalten, wie jede andere Weltanschauung.
Aber ebensowenig rechtfertigt nichts das Schüren von Hass und die Entzweiung von Kulturen, besonders, wenn man die Intelligenz und die Fähigkeit hat, genau dem entgegenzuwirken.

Charlie Hebdo hat, wenn überhaupt, meiner Meinung nach in diesem Fall verdammt schlechte Satire gemacht.
Ich mag Satire. Gute Satire. Deswegen bin ich nicht Charlie.

Nachtrag: Ich sehe inzwischen, dass dieses Unbehagen nicht nur mich befallen hat. Die Süddeutsche bringt einen, wie ich finde, lesenswerten Artikel dazu.
Ich denke, dessen letzter Satz, vom britischen Journalisten Eliot Higgins geäußert, bringt meine Gedanken recht gut auf den Punkt: „Ich verteidige dein Recht, dummen Scheiß zu sagen, aber es bleibt dummer Scheiß.“

1 comment for “Warum ich nicht Charlie bin –

  1. Bert
    5. Februar 2015 at 16:21

    Hallo,

    ich bin durch Zufall auf Ihren Blog gestossen weil ich mal wissen wollte ob das Zitat welches Litith Volkert in ihrem Artikel für die Süddeutsche fälscherlicherweise verwendet im Umlauf ist.
    Denn der arme Eliot Higgins hat, wie er bereitwillig auf Nachfrage mitteilt, mit diesem Tweet keinesfalls die Karikaturen von Charlie Hebdo sondern allgemein Unsinn im Interent gemeint. Rätselhaft wie die Autorin des Süddeutschenartikels auf die Idee kommt zu behaupten er hätte damit CH gemeint.
    Desweiteren ist der Artikel von Frau Volkert in der Kritik weil er es nicht schafft die schwerwiegenden Vorwürfe es wären sexistische, homophobe oder rassistische Karikaturen in CH zu sehen gewesen seriös zu belegen.
    Für Leute die wie Sie Herr Orgel ebenfalls kein Französisch können (und mit Verlaub, vielleicht auch nicht diese Art Humor teilen und wahrscheinlich auch kein Family Guy oder Stephen Colbert gucken) gibt es deswegen bereits diverse Websites die den Kontext diverser Karikaturen beleuchten.
    http://www.understandingcharliehebdo.com/

    Ich bitte Sie nicht CH zu mögen oder „Je suis Charlie“ zu schreiben. Aber ich bitte Sie inständig das Andenken an die Ermordeten Mitarbeiter nicht mit Vorwürfen zu beschmutzen gegen welche sich diese ihr Leben lang verwehrt haben.
    http://www.humanite.fr/charlie-hebdo/minute-n-est-pas-charlie-hebdo-le-racisme-n-est-pa-55313 (französisch, aber O-Ton des verstorbenen Charb)

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