#Neuland – Eine kurze Geschichte von der Besiedlung der Welt

Unsere werte Kanzlerin Frau Merkel hat gerade den denkwürdigen Ausspruch getätigt „Das Internet ist für uns alle Neuland“ und die Netzgemeinde macht sich darüber lustig.
Dabei hat sie Recht. Voll und ganz.

Ich lese gerade Joe Abercrombies „Blutklingen“ und er nennt die neue Welt „Fernland“. Und auch in unserem eigenen Roman „Orks vs. Zwerge“ oder in Stephan R. Bellems „Die Ballade von Tarlin“ geht es ja im weitesten Sinne um die Besiedlung einer neuen Welt. Neu zumindest für einen Teil ihrer Bewohner. Betrachten wir das Internet, haben wir erstaunliche, jedoch nahe liegende und schlicht unvermeidliche Parallelen.

Am Anfang entdeckten kleine Stämme von Menschen die neue Welt, die sich ihnen nur in Form von kleinen, unzusammenhängenden Oasen erschloss. sie besiedelten sie schrittweise, lernten sorgfältig die Regeln des neuen Landes und lebten in Harmonie mit ihren Grundgesetzen. erst langsam entstanden kleine Verbünde der vereinzelten Stämme, man jagte, sammelte und ging mit kindlicher Neugier jedoch großem Jagdgeschick an die  Landnahme.

Bis eines Tages die ersten Siedler aus dem Alten Land, dem analogen Land, Neuland für sich entdeckten. Für sie war es eine unverständliche, riesige Wildnis voller Gefahren und Potential.
Also kamen zuerst die Militärs und die Abenteurer und Entdecker in dieses Land. Sie bauten Forts, die sie vor den Einheimischen schützen sollten, nahmen das Land im Namen des einen oder anderen Altweltstaates in Besitz und begannen mit der langsamen Kartographierung. Die Karten waren fehlerhaft und ungenau, doch das hielt sie nicht davon ab, das riesige Neuland zu erkunden, das immer größer zu werden schien, je tiefer sie  darin vordrangen. Den Forschern und Soldaten folgten die ersten Siedler, die sich noch in den Randgebieten niederließen und Oasen der Zivilisation schufen, oft nach Gesetzen des Alten Landes, die für Neuland überhaupt nicht angemessen waren. Es gab erste Scharmützel untereinander und mit den Eingeborenen, doch es war mehr als genug Platz da, um sich aus dem Weg gehen zu können.

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Dann machten Gerüchte in der Alten Welt den Umlauf, in Neuland könne man Gold finden, ungeahnte Reichtümer und Land, auf dem man eine neue Existenz aufbauen könne.
Also kamen die Glücksritter und jene, die in der Alten Welt keinen Lebensunterhalt verdienen konnten, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Und mit ihnen kamen die ausgestoßenen und die kleinen und großen Verbrecher.
Während die Rechtschaffenen unter den neuen Siedlern sich Landparzellen absteckten, kleine Heimatbasen aufbauten und begannen, das Land zu bestellen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, fingen die Glücksritter und Goldsucher an zu graben und zu jagen. einige davon stießen auf Goldadern und Ölfelder und wurden reich, andere ruinierten sich vollständig und gingen an den Unbilden des Neulands zugrunde. Die etwas weniger Glücklosen zogen sich nach mühseligen Jahren in der fremdartigen Wildnis geschlagen und noch ärmer als vorher zurück in die zivilisierten Parzellen an den Rändern oder gingen sogar vollständig zurück in die Alte Welt. Doch ihnen folgten immer mehr und mehr Siedler. Jetzt nicht nur Militärs, Forscher, Entdecker, Abenteurer und Glücksritter sondern immer mehr Trecks von normalen Siedlern drangen in Wellen  in das reiche, fruchtbare Land vor, steckten ihre Claims ab und begannen, sich niederzulassen und das Land urbar zu machen.

In der Wildnis entstanden Gemeinschaften, Communities, manche friedlich und offen, die jeden Neuankömmling freundlich begrüßten und seine Fähigkeiten in ihre Siedlungen integrierten, andere befestigte Nester von Gesetzlosen, die sich in unwirtlichen, schwer zugänglichen Regionen verschanzten. In ihnen galt und gilt nur das Recht des Stärkeren, des noch brutaleren, gerisseneren und gewissenlosen.

Beide Gruppen machten sich ihre eigenen Gesetze, wodurch sie mit den Gesetzesvertretern der alten Welt und ihren Militärforts aneinander gerieten, und so entstanden nach und nach erst eigene Gesetze für einzelne Siedlungen, dann landstriche und schließlich für ganz Neuland. Gesetzen an die sich die großen, konzernartigen Farmer und Goldbarone ebenso wenig halten wollten, wie die autonomen Gesetzlosen, die bis heute Überfälle auf die braven Siedler ausführen.

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Es kamen außerdem die religiös Verwirrten, deren seltsame Visionen in der Alten Welt niemand hören wollte. hier konnten sie sich, in den tiefen von Neuland, ihre eigenen Gemeinden schaffen.

Es kamen die Missionare, die ihre Kirchen und Katedralen in Neuland bauten und ihre Anhänger um sich scharten.

Es kamen die Spekulanten, die erschlossene und unerschlossene Regionen von Neuland handelten – und einige von ihnen ruinierten die neuen Siedler, die sich blauäugig und voller Tatendrang auf die vollmundigen Versprechungen auf den Werbeaushängen in der Alten Welt und an den Grenzen Neulands verließen. Viele wurden ausgeplündert bis auf’s letzte Hemd.

Es kamen die Spieler, die sich ihre Oasenstädte in den wüsten von Neuland erschufen, um sich selbst auf ganz neue Arten zu ruinieren oder die unbedarften Wanderer in Neuland auszuplündern.

Es kamen die Quaksalber, die hier ihre Wundermittel und Jungbrunnen verkaufen und weiterziehen konnten, bevor man ihnen auf die Schliche kam und sie lynchen konnte.

Piraten und Wegelagerer kamen und nahmen ihren Teil der erwirtschafteten Güter und Goldfunde.

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Und die ursprünglichen Eingeborenen?
Sie wurden verdrängt in Reservationen, so sie sich nicht anpassten und mit den Neusiedlern verschmolzen und dort den neuen Siedlern Wolkenkratzer oder Kasinos schufen, Ölquellen erschlossen oder als landkundige Scouts bei der weiteren Besiedlung oder in zahlreichen Kriegen zu dienen. Und die meisten von ihnen wurden um ihren Anteil an Neuland betrogen, da sie friedlich im Einklang mit der Natur Neulands lebten und weder über Geschäftssinn, noch über den Willen verfügten, Neuland immer noch mehr Reichtümer abzuringen.

Neue Krankheiten, Viren, Würmer und wuchernde Geschwüre tauchten auf, rafften die Bewohner dahin und wurden von einer wachsenden Ärzteschaft bekämpft.
Sklaverei und Schuldfron erlebten eine neue Blüte und einige Siedler wurden Reich an der Arbeit von unzähligen Versklavten, die auf ihren Farmen schufteten.
Und noch immer wurden neue Regionen entdeckt, in die Siedler vordrangen, während die zuerst besiedelten Gegenden langsam einen Zustand der Zivilisation nach dem Vorbild der Alten Welt annahmen, für die Gesetze erschaffen wurden, die die Siedler aus der Alten Welt verstehen konnten. Es entstanden Städte und Netzwerke von Straßen und Kommunikationsmitteln, Schnellstraßen und Schwerlasttransportwege folgten.

Die Nachrichtennetzwerke kamen auf, seriöse wie absolut unseriöse, die frühen Postreiter und Briefboten wurden durch Netzwerke ersetzt, in denen unzählige Menschen gleichzeitig kommunizieren konnten und bald schon musste man sich nicht mehr auf die boten verlassen – jeder bekam seinen eigenen Zugang zu Netzwerken und Leitungen und eine eigene Adresse.


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Es entstanden aber auch die Mythen und Legenden Neulands:
Geschichten der frühen Siedler, Urban Legends, hartnäckige Gerüchte über Ufos, Verschwörungen und mythische Kreaturen. einige wurden sogar selbst zu solchen, oft verrohte Nachkommen der ersten Siedler, zum Teil auch die Nachkommen der Ureinwohner (jene oft ausgestattet mit einer beinahe übernatürlichen Kenntnis um Land und Jagd), die zu Trollen mutierten, die in ihren Höhlen wohnten und den übrigen nachstellten, um den unachtsamen Wanderer in die Irre zu führen oder zu zerfleischen. Die Monster wurden von anderen gejagt und machten Jagd auf sie.
Auch wegen ihnen, wie auch wegen der Räuber, der flüchtigen Verbrecher und der Piraten wurden noch mehr neue Gesetze aufgestellt und Gesetzeshütertruppen, die sie aufspüren und ausrotten sollten – auch wen ndie neuen Gesetze auch die Rechte der einfachen Siedler einschränkten.

Inzwischen wurden die ersten Kinder der Erstbesiedler geboren, dann ihre Enkel und sie verstanden sich als die neuen Einheimischen, die neuen Natives, die unter den Gesetzen des besiedelten Neulands aufwuchsen und die Wildnis der ersten Tage nicht kannten. sie begannen, die Befremdung der Alten Welt zu verlachen. Auch wenn sich dort, im Alten Land, nach und nach mehr Informationen zu Neuland sammelten und Allgemeinwissen wurden, und auch wenn immer mehr Siedler der alten Welt Verwandte hatten, die in Neuland beheimatet waren, so galt Neuland doch immer noch als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten (oder Unmöglichkeiten)“ und viele von ihnen kommunizierten nur zögerlich mit der anderen Seite oder besuchten sie für behütete, geführte Urlaube. Nicht mehr.

Waren und Annehmlichkeiten, Exotika, neue Rauschmittel und neue Technologien, neue Heilmittel und neue Währungen wurden mehr und mehr nach Altland exportiert, dort anfänglich falsch verwendet (was zu einigen unschönen Episoden führte) und wurden Alltäglichkeit. Auch im Leben von Altland hielten Teile der Kultur von Neuland einzug, ohne dass die Bewohner der Alten Welt selbst in die neue Welt ziehen mussten.

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Es gab natürlich auch jene in Neuland, die in ihrem neu erwachten Nationalstolz meinten, die Regeln von Neuland jetzt auch der restlichen Welt aufzwingen zu müssen. sie bereisten Altland und verhielten sich dort nach den Regeln Neulands (was für Altland oft nicht angemessen war), sie führten Kriege mit Altland und glaubten, ihre Kultur sei die allein selig machende und müsse auch in Altland verbreitet und Standard werden.
Sie hatten vergessen, dass Neuland eigene Regeln gebraucht hatte, da die von Altland dort nicht funktionierten und versuchten – wie ihre Vorväter auf dem umgekehrten Weg, die Gesetze Neulands auf die alte Welt anzuwenden.

Erst heute und erst langsam gleichen sich die Regeln Altlands und Neulands aneinander an, so dass irgendwann, in einigen Generationen, für beide ein gemeinsames Gesetzwerk vorliegen könnte. wobei die lokalen Gesetze schon durch die unterschiedliche Natur und Kultur von Altland und Neuland immer Unterscheidungen haben werden.

Noch immer ist Neuland für uns Neuland, auch wenn einige von uns dort wohnen oder sogar geboren sind.
Noch immer gibt es neue Regionen zu entdecken, noch immer gibt es schier unberührte Wildnis da draußen, das Versprechen von Gold, die verborgenen Siedlungen der Ureinwohner, der Auswanderer, die autonomen Hippiekommunen (auch wenn die  von den Agenten der neuen Gesetzeshüter argwöhnisch beobachtet werden) und der Gesetzlosen.Schon deshalb sollten die neuen Eingeborenen, die Nachfolgegenerationen der ersten Siedler, die in den behüteten, vollklimatisierten Städten der Zivilisation der Ankunftshäfen nicht über die neuen Siedler und die Bewohner der alten Welt spotten.

Die wenigsten von uns kennen die riesige Wildnis da draußen wirklich, ihre Wunder, Gefahren und Gesetze. wir kennen nur die Gesetze der großen Küstenstädte und der ausgedehnten Farmland-Kommunen vor ihren Toren.

Noch immer ist Neuland nicht kartographiert und die „Final Frontier“ nicht gefunden. Und es kann gut sein, dass irgendwo da draußen in den Weiten von Neuland bigfoot haust, der Beweis für Außerirdisches Leben wartet oder neu, gefährliche Raubtiere.

Für uns alle ist Neuland noch immer Neuland, selbst für die Fährtensucher, die ausgedehnte Erkundungstouren in die Urwälder hinter den bisher erschlossenen Grenzen vorbei machen und wundersame Geschichten von dort mitbringen.
Und wer weiß – vielleicht finden sie eines Tages sogar intelligentes Leben dort draußen.

Wir sollten in diesem Punkt nicht über die Kanzlerin aus der Alten Welt spotten, die das mal endlich ausgesprochen hat.

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1 comment for “#Neuland – Eine kurze Geschichte von der Besiedlung der Welt

  1. Oliver
    21. Juni 2013 at 11:52

    Sehe ich nicht so. Aus zweierlei Gründen: Zum einen, weil es die Bemerkung in Isolation interpretiert und nicht im Kontext ihrer anderen Ergüsse zum Thema. Zum anderen, weil es Aufgabe der Politik sein sollte, die Veränderungen zu begleiten und mit zu gestalten. Stattdessen steht die Bundesregierung da wie der Ochs vorm Scheunentor, weiss nicht, was sie mit diesem „Internet“-Dingsbums genau anfangen soll. Es ist ihr nicht geheuer, also am besten erstmal überwachen. Zum zweiten ist es auch anderen nicht geheuer, wie den Verlagen. Also frag man doch am besten die, was man damit machen soll, richtig?

    Laut Grundgesetz geht aber die Staatsgewalt nicht von den Verlagen sondern vom Volk aus. Mit dem Volk sollte man sich auseinandersetzen, die Willensbildung fördern und darauf basierend einen Plan entwerfen, wie man damit umgehen will.

    Da ist aber nichts und es kommt auch nichts.

    „Noch immer ist Neuland nicht kartographiert und die “Final Frontier” nicht gefunden.“

    Ja wie auch? Wenn es selbst die „Anführer“ nicht für nötig halten, genau das in Angriff zu nehmen? Stattdessen stiert man ins vermeintlich Dunkle und wittert dort derart mythische Gestalten, dass man das, was sich dort abspielt, schon fast nicht mehr für real hält – deswegen meint Frau Merkel auch, das Internet sei nicht Teil der Realwirtschaft…

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