Von Menschen und Miezen – Die Myranor-Anthologie ist da

Hab ich ja noch gar nicht berichtet:
Dieser Tage ist im Uhrwerk-Verlag die Myranor-Anthologie „Netz der Intrige“ erschienen, in der Stephan und ich ebenfalls eine 40-seitige Kurzgeschichte untergebracht haben. Und wir befinden uns in bester Gesellschaft: Neben dem Herausgeber Bernhard Hennen sind auch die DSA-Veteranen Tom Finn, Lena Falkenhagen (im Team mit Friederike Hölscher) und Jörg Raddatz mit an Bord. Nicht zu vergessen natürlich Freund, Kollege und Steamtown-Mitverschwörer Carsten Steenbergen.
Neben ihnen und uns gibt’s außerdem Geschichten von Christoph Daether, Linda Budinger, Oliver Graute, Florian Don-Schauen und Heike Kamaris, deren Arbeiten ich zwar noch nicht kenne, aber nachdem die Anthologie ja derart hochkarätig besetzt ist, wird das alles guter Stoff sein.

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Der Kurzgeschichtenband (Carstens, Stephans, Lenas und Bernhards Geschichten sind etwa gleich lang, Toms etwas länger, der Rest kürzer) spielt komplett in der freien Stadt Daranel, die mitten im Kontinent Myranor liegt – also im Universum des Rollenspiels und DSA-Ablegers Myranor.
Daranel hat als Freistadt ein buntes Vielvölkergemisch, das nicht ganz von ungefähr an das legendäre „Freistatt“ (aka. Sanctuary) des Diebeswelt-Zyklus‘ von Robert Lynn Asprin erinnert. Auch dort haben sich einige der namhaften Autoren der damaligen Fantasy (von Marion Zimmer Bradley über Diana L. Paxson bis Philip José Farmer) Geschichten in einer „shared world“, einer gemeinsamen literarischen Welt angesiedelt.

Und wie dort (oder in dem übrigens ebenfalls großartigen, aktuellen deutschen Projekt „Saramee„) spielen alle Geschichten innerhalb derselben Stadt, zu etwa der gleichen Zeit (in einigen Fällen sogar buchstäblich gleichzeitig) und zumindest von einigen Geschichten kenne ich schon die Verknüpfungen untereinander. So gibt es (in beiden Geschichten) eine kurze Begegnung von Carstens und unseren Protagonisten, oder es spielen bei Tom Finn Figuren aus den Geschichten von Carsten und Lena Falkenhagen eine Rolle). Es hängt in dieser Stadt eben eine ganze Menge zusammen. Ach ja, eine Leseprobe aus Tom Finns Geschichte gibt es übrigens hier beim Rollenspiel-Almanach.

Spannend an diesem Projekt ist eigentlich auch die Tatsache, dass es aus diversen Gründen so lange gebraucht hat, bis das Ergebnis jetzt gedruckt vorliegt.
Das bedeutet nämlich, dass es eigentlich die erste T.S. Orgel-Kurzgeschichte ist, die wir jemals für eine Veröffentlichung geschrieben haben. Die Geschichte lag schon beim Verlag, als Orks vs. Zwerge und die anderen bisher veröffentlichten Kurzgeschichten noch nicht mal angedacht waren. Nichtsdestotrotz gibt es ein paar kleinere Parallelen zu „Orks vs. Zwerge“: Es gibt zwei Protagonisten, Mardas und Shursa, die der Geschichte auch ihre Namen gegeben haben. Mardas, der Hehler, wurde dabei vor allem von mir entwickelt, und er hat gewisse Eigenschaften, die man später bei dem einen oder anderen Ork wiedertreffen wird. Einfach, weil er mir als Figur nachhaltig Spaß gemacht hat. (Leseprobe unten … ich denke, ihr wisst, was ich meine. ;) )
Shursa, der Shingwa-Dieb, wurde hauptsächlich von Stephan erdacht. Und nein, er ist nicht sonderlich zwergisch, stellt aber eine wundervolle Ergänzung zum alten Mardas dar. Tatsächlich ist auch diese Geschichte mit verteilten Rollen und Abschnitten entstanden, obwohl wir natürlich auf nur 40 Seiten nicht mit zwei komplett unterschiedlichen Erzählsträngen arbeiten konnten.
Alles in Allem (die Geschichte entstand 2009/2010) haben wir uns inzwischen natürlich ein wenig weiterentwickelt, was den Erzählstil betrifft, aber ich muss sagen, ich mag die Geschichte noch immer. So sehr, dass sowohl Stephan und ich immer wieder mal mit dem Gedanken zu spielen, Mardas und Shursa nochmal zu besuchen.

Ich hoffe, sie machen euch beim Lesen soviel Spaß, wie sie uns beim Schreiben gemacht haben.

PS: Kleine Leseprobe gefällig? Na gut:

Mardas wartete einige Augenblicke, bis die schweren Schritte der Stiefel auf der Treppe verklungen waren.

Schließlich nieste er mehrmals heftig und stemmte sich ächzend hoch.
Vorsichtig erkundete er mit der Zungenspitze seinen Kiefer. Mindestens einer seiner Backenzähne war gelockert und das Zahnfleisch aufgeplatzt. Wie er das hasste. Das war genau der Grund, warum er mit Leonir nie Geschäfte machte. Diese stinkenden Fleischfresser waren eine Gefahr für alle zivilisierten Menschen. Zugegeben – im Grunde war ihm das reichlich egal. Was zählte war, dass der Jähzorn der Fellsäcke vor allem seine eigene Gesundheit beeinträchtigte. Er schniefte und wischte sich die Nase am Ärmel ab.
Ach ja, das kam noch dazu: Die bloße Anwesenheit der Viecher ließ ihm den Rotz laufen.

Mardas’ Blick fiel auf die zerschundene Gestalt des Shingwa. Einen langen Moment musterte er den zierlichen Echsenmann nachdenklich. Dann humpelte er hinüber und trat ihm kräftig in die Rippen. Und zur Sicherheit gleich noch ein zweites Mal.
„Du dämliches, kleines Arschloch“, stellte er sachlich fest. Aber irgendwie war er nicht recht mit dem Herzen dabei. Also verzichtete er auf einen weiteren Tritt, schniefte erneut, spuckte Rotz und Blut aus und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Als er seinen Stuhl wieder aufstellte, rollte ihm eine Weinflasche vor die Füße, die wie durch ein Wunder der Zerstörungsfreude der Fellgesichter entgangen war. Saapwein aus Amphias. Ein richtig teurer Tropfen, der leicht ein Dutzend Aureal oder mehr wert war, wenn er den Weg in die Hände des richtigen Sammlers fand.
Der Hehler drückte den Korken mit dem Daumen in die Flasche und nahm einen tiefen, beruhigenden Schluck. Dann ließ er sich schwer auf den Stuhl fallen und beobachtete mitleidlos, wie der kleine Shingwa sich unter Stöhnen aufrichtete.
„Geschieht dir recht, du dämliches Stück Dreck“, murmelte er und nahm einen weiteren Zug aus der Flasche. Als der Wein in seiner aufgeschürften Wange brannte, verzog er unwirsch das Gesicht.
“Du bringst einen Haufen Fellärsche hierher? Haben sie dir dein wertloses Froschgehirn rausgeprügelt oder was hat dich zu dieser schwachsinnigen Idee bewegt? Man bringt keine Kunden hierher! Schon gar keine, die du erleichtert hast. Und niemals, niemals einen Fellarsch! Götter, weißt du eigentlich, was das mit meiner Nase macht?”
In einer plötzlichen Aufwallung von Zorn warf er die Flasche nach dem Shingwa, der sich gerade noch wegducken konnte. Klirrend barst das Gefäß und hinterließ einen interessanten, blauen Fleck an der Wand.
“Ich sollte dich erschlagen, du blöder Gecko. Alles, was mich davon abhält, ist, dass mir dann keiner das Chaos hier bezahlt.” Mit einer Geste umfasste er den verwüsteten Raum. “Und zahlen wirst du, Shursa.”

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