Kastrierte Orks?

Gerade bin ich in der aktuellen „phantastisch!“, Ausgabe 48, über den Artikel „Fantasy und Science Fiction – ein Vergleich“ von Bernd Robker gestolpert.

Genau genommen bin ich über folgenden Abschnitt gestolpert:

„Darum ist es ein Fehler, eine Fantasy-Geschichte wie einen modernen Krimi erzählen zu wollen, die Grauschattierungen alles verwischen zu lassen und den Ork zum Repräsentanten eine bedrohten Naturvolks zu kastrieren.“

Und kurz darauf:

„Die Fantasy dagegen, in ihren Topoi wesentlich beschränkter, in ihren Gegenständen deutlich kleiner <als die Science Fiction>, meist begrenzt auf Geschichten mit vergleichsweise wenigen Figuren und überschaubarer Wirkung, ist die Literatur der Leuchtfeuer, der großen Linien und der groben Kelle, mit der Gut und Böse zugemessen werden.“

Aus verständlichen Gründen – I beg to differ.

Mal ganz davon abgesehen, dass aktuelle Fantasyautoren (wie George R.R. Martin, Joe Abercrombie, Alex Bledsoe oder Richard Schwartz und viele andere) zur Genüge beweisen, dass das eben nicht stimmt – es ist eine gute Idee, überkommene „Traditionen“ und damit auch Klischees auf ihren Wert zu prüfen.

Zudem sind auch die „klassischen Archetypen“ lange nicht so einseitig gut oder böse, wie Robker zu glauben scheint. Die strahlenden Helden wie zum Beispiel Siegfried, Herakles oder (der „keltische Herakles“) Cuchulainn sind, genauer betrachtet, selbst gewaltige Armleuchter. Von den diversen Göttern der weltweiten Mythenzyklen ganz abgesehen – egal ob Ägypter, Griechen, Kelten, Germanen oder beliebige andere Panthei – sie sind nahezu ausnahmslos mit den menschlichsten aller Typen besetzt, von denen kein einziger wirklich gut und nur die allerwenigsten wirklich böse sind. Ist Loki böse? Ares gut? Nope.

Auch im – neben Tolkien – zweiten Standbein der modernen Fantasy, in Robert E. Howards Conan-Zyklus, treffen wir auf einen Helden, der als vieles zu bezeichnen ist, aber sicherlich nicht als archetypisch „gut“.
Die Schwarzweiß-Malerei der Fantasy ist wohl eher ein typisches Phänomen der 70er und 80er, das sich schon im Lauf der 90er wieder aufgelöst hat. Eben weil auch den meisten Lesern diese Lesart zu einfach war.

Heroische Fantasy des „strahlend gute Heldengruppe zieht gegen das ultimativ und ziemlich unmotiviert Böse“-Typus, das sich aus einer missverstandenen Interpretation des Herrn der Ringe entwickelt hat, hat heute kaum noch eine sinnvolle Daseinsberechtigung. Wenn sie es überhaupt je hatte. Ein Großteil der Leser will nicht nur glaubhafte Motivationen der „Helden“, sondern eine zumindest ebenso glaubhafte Motivation der „Bösen“ – oder besser: Antagonisten.

Eine vergleichbare Entwicklung haben wir schließlich auch im Superheldencomic, der ebenfalls vom plakativen Konflikt gegensätzlicher Philosophien lebt. Ein „nur guter“ Langweiler wie Superman und seine „nur bösen“ Gegner haben gegen wesentlich gebrochenere Charaktere wie Batman verloren. Helden und Antihelden wie Professor Xavier und Magneto rücken (wie aktuelle Verfilmungen deutlich genug machen) nah zusammen. So nahe, dass sie trotz ihres Antagonistentums sogar befreundet sein können. Schwarz-Weiß hat, jenseits des klassisch amerikanischen Patriotismus, schon seit Jahren ausgedient. Es war im Grunde nur eine kurze Episode – denn der gebrochene Charakter ist schon immer viel interessanter gewesen. Und die Leser wissen selbst, dass das Leben, glaubhaft dargestellt (und eine nicht glaubhaft dargestellte Geschichte ist einfach zum Scheitern verurteilt) eben nicht so einfach ist.

Was die Orks betrifft: Die einseitig böse Darstellung, die aus Tolkien erwachsen ist (ich sage bewusst nicht: „die von Tolkien stammt“, denn Tolkiens Orks sind ja nichts anderes als bis in den Wahnsinn gefolterte und körperlich verstümmelte, gebrochene Elben und damit seine vielleicht tragischsten Figuren überhaupt) hat ebenso wenig brauchbare Daseinsberechtigung, wie ein verklärt rehabilitierter Hippie-Ork, wie er gelegentlich in neueren Romanen auftaucht.
Angehöriger eines Naturvolkes zu sein, bedeutet nicht „kastriert“ zu sein (diese Einschätzung dürfte Robker, zum Beispiel in einer nordamerikanischen Reservation laut geäußert, einen Satz eingeschlagene Schneidezähne bringen). Es bedeutet nicht, weniger kriegerisch zu sein. Es schmälert nicht die brachiale Urgewalt, die das Auftauchen eines Orks in einer Geschichte mit sich bringen kann.
Es heißt nur, dass jeder einzelne, wie die Angehörigen aller anderen Völker, das Recht auf eine eigene Meinung hat und seine eigenen moralischen Entscheidungen zu treffen, die in seinem individuellen und kulturellen Hintergrund entspringen. Je nach Sichtweise kann das gut oder böse sein, natürlich. Und es bleibt jedem Ork damit noch immer unbenommen, ein mordsmäßiges Arschloch zu sein. Eine Chance, die man übrigens auch jedem Zwerg, Hobbit oder Elben zubilligen darf (Terry Pratchett, Mary Gentle oder A. Lee Martinez beweisen das mit Bravour)
Aber die meisten Fantasyleser neben Robker wissen es doch zu schätzen, wenn man ihnen das Denken und die moralischen Schlüsse, die sie aus einem Fantasy-Roman ziehen, selbst überlässt.

Also immer daran denken: Für die Kastrationsunterstellung bricht dir auch der netteste Naturvolk-Ork immer noch gern den Kiefer. Vermutlich mit deinem eigenen Bein.

4 comments for “Kastrierte Orks?

  1. 21. Oktober 2012 at 20:58

    Die Klage über die Begrenztheit der Fantasy – einer Literaturgattung, die doch bewusst Grenzen aushebelt – stößt mir schon länger sauer auf. Vielen Dank für die eloquenten Worte!

  2. 25. Oktober 2012 at 11:39

    Wahre Worte, wahre Worte.
    Die meiner Meinung nach „unwissenden“ bezeichnen die Fantasy ja meist immer als recht stupide und werfen mit Begriffen wie „Eskapismus“ um sich.
    Eine Fantasy- oder Sci-Fi-Welt ist nur ein vollkommen anderes Setting in der die (handelnden) Charaktere ihre eigenen auf die entsprechende Welt zugeschnittenen Probleme und Ziele haben.
    Eben auch die Antagonisten. Und die Geschichten in denen man merkt, dass so ein Hintergrund existiert … die sind meiner Meinung nach eben die Besten.

  3. 27. Oktober 2012 at 11:11

    Sehr gut auf den Punkt gebracht. Danke für diese klärenden Aussagen zu einem der Hauptvorurteile, mit der die Fantasy heute zu kämpfen hat. In einem Genre und in einem Medium kann man alles machen; die Möglichkeiten sind nur durch die Phantasie und den Willen der Kreativen begrenzt. Nur weil jemand ein Genre als begrenzt wahrnimmt, heißt das nicht, dass es sich auch entsprechend dieser Wahrnehmung verhalten muss. Die Begrenzung liegt beim Wahrnehmenden; sie muss nicht bei den Kreativen liegen. Wenn man aus der eigenen Wahrnehmung heraus aber glaubt, Regeln ableiten zu müssen, ist das absurd. „Ihr müsst schlechte Geschichten schreiben, weil ich glaube, dass ihr schlechte Geschichten schreibt, und wagt es ja nicht irgendetwas anderes als schlechte Geschichten zu schreiben.“ So etwas spricht eigentlich für sich selber. Gut, dass sich niemand an solche merkwürdigen Regeln halten muss. Kastriert keine Orks und kastriert auch kein Genre und seine Kreativen. Fantasy ist, wie auch jedes andere Genre, grundsätzlich erst einmal gar nicht begrenzt. Lasst erst gar keine Grenzen in unseren Köpfen aufkommen.

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