Urlaubs-Impressionen

Nach-Urlaubs-Eintrag. Der sich vor allem mit meinen seltsamen Erlebnissen im Allgäu beschäftigt, von Ökohof über Kreativ-Typographie bis Zombie-Apokalypse.

Eine Woche komplett online-frei und nahezu telefonfrei (obwohl – eigentlich kenn ich das ja gut. Hatte ich ja gerade erst einen Monat lang. Wir erinnern uns an das Vodafone-Debakel) liegt hinter mir. Mit Frau, Kind und Eltern wurde das Allgäu erkundet. Mit Eltern? Ja, meinen.

Im Gegensatz zu Herrn Krappweis habe ich unsere Familienurlaube nie als „Das Vorzelt zur Hölle“ empfunden. Was aber vielleicht auch daran liegen kann, dass wir nie ein Vorzelt hatten. Entweder wird richtig gezeltet oder gar nicht.

Deshalb kann ich auch heute noch ohne Nervenverlust mit meinen Eltern in den Urlaub fahren. Was mit Kind besonders dann praktisch ist, wenn man auch mal ein, zwei Tage ruhe und Zeit für sich braucht. Die Großeltern übernehmen den Betreuungsjob gern – und besser als eingekaufte Animateure. Ich bin mir sicher, dass unser Nachwuchs bei meinem Vater all die schönen Wanderlieder lernt, die auch wir auf langen Touren beigebracht bekommen hatten. Die, mit denen man seine Eltern bei etwa der fünfzigsten Wiederholung an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Ich sage nur: „Und scheint die Sonne so warm, dann nehm ich’s Papier untern Arm. Und scheint die Sonne so heiß, dann geh ich an’n Waldrand und …scheint die Sonne so warm…“ Das darf er der neuen Generation beibringen. Dann wahre ich schon einen Rest Autorität. ;)

Jedenfalls hat das Allgäu auch sonst so einiges zu bieten.
Neben grandioser Landschaft und wirklich netten Wirtsleuten (etwas Werbung an dieser Stelle sei erlaubt: Ferienhof Müller in Stiefenhofen kann ich uneingeschränkt empfehlen) gibt es eine Menge interessanter Dinge im Südlichen Allgäu zu entdecken. Da sind zum Beispiel Orte, die eine imposante Kirche mit Biergarten vorweisen. Moment… imposante Brauereien, die von außen wie imposante Dorfkirchen aussehen. Genau. Hervorragendes Bier dort in Stiefenhofen. Zur Mitnahme auch im handlichen 2-Liter-Fläschchen.

Da gibt es zudem Museen zur Verherrlichung von Wilddieben und alternativen Kräutergärten mit tiefenpsychologisch wertvollen Erkenntnissen im (Benzinrasenmäher-gepflegten) Zen-Garten.

Was ich, nebenbei gesagt, für falsch halte. Die plumpe Wahrheit macht die wenigste Arbeit. Eine kreative Lüge ist viel arbeitsaufwändiger.

Aber unabhängig davon sind Angebote wie das Räucherwochenende schon reizvoll: „(…) In diesem Seminar vertiefen wir uns in einzelne Räucherpflanzen, um in ein Zwiegespräch zu gehen. Intuitiv nehmen Sie Kontakt zu den Pflanzenwesenheiten auf und stellen sich Ihre individuelle Räuchermischung Ihrer Kraft- und Helferpflanzen zusammen. (…)„.
Da bleibt nur die Frage: Kiffen oder Rauchbomben basteln? Nur was mit „Sie erlernen das Abräuchern von Personen“ gemeint ist, bin ich mir nicht ganz sicher. Klingt aber illegal.

Schön sind auch gewonnene Erkenntnisse wie „In unserer westlichen Industriegesellschaft stirbt jeder Zweite an Herzkreislaufversagen. Das war nicht immer so. Bei den traditionellen Völkern, wie auch bei unseren Vorfahren, war Herzkreislauferkrankung so gut wie unbekannt.
Gut, man mag einwerfen, dass „war so gut wie unbekannt“ ja nicht heißt, dass es sie nicht gab, nur weil es keiner wusste. Dafür gab es aber so lustige Todesarten wie „Schlagfluss“, „Keuche“ oder „Brustverengung“, wie meine eigene Familienchronik berichtet. Zu bedenken wäre vielleicht auch noch, dass man selten Zeit hat, an „Herzkreislauf“ zu sterben, wenn einen davor Kriege, Infektionskrankheiten und Hungerfolgen dahinraffen. Aber gut, da will ich mal nicht päpstlicher sein, als der Papst. Es würde mich lediglich noch interessieren, was „traditionelle“ oder vielmehr, was „untraditionelle Völker“ sind.

Vielleicht wäre ein Kurs in der Psychologie der Fünf Elemente eher das richtige für mich.
Da werden ganz praktische, wissenschaftliche Fragen erlätert, wie „Was war zuerst im Universum: Materie oder Licht? Ist doch jede Substanz nichts als stark komprimiertes Licht, so wirkt auf subtilster Ebene in jeder Substanz das Licht hindurch.“ In Ordnung – dafür bräuchte ich vermutlich eine kleine Lobotomie, um mir mein Basis-Schulwissen aus Physik und Chemie aus dem Kopf zu schneiden. Aber vielleicht könnte man bei der Gelegenheit auch die erforderliche Herz-OP vornehmen, mit der ich dann Wurzeln um’s Herz tragen kann. Damit die Zwerge der Berge wissen, dass ich ihr Freund bin, die misstrauischen, kleinen Bastarde.

Immerhin: Hier konnte ich auch lernen, dass es so etwas wie fehlenden Rassismus aufgrund von mangelndem Wissen geben kann. Denn dass eine Institution, die sich an anderer Stelle der Reinerhaltung der alten Arten verschreibt, ausgerechnet den agressiven, eingeschleppten asiatischen Marienkäfer als Titelbild ihrer Broschüre wählt, ist anders kaum zu erklären.

Zumindest nicht, wenn man nicht Rückschlüsse auf die Einschleppung von z.B. aggressiven asiatischen Philosophien ziehen will. Will natürlich keiner. Den ganzen Tag barfuß und im Kopftuch rumlaufen will ich allerdings auch nicht. Nicht dort, wo man böse angesehen wird, nur weil man (wie Vatern und ich) kurz diskutiert, was wohl besser zu rauchen sei: Die Hanfräucherstäbchen oder die Bärlauchpaste.
Ich hör jetzt besser auf, bevor ich von aggressiven Anhängern des Kräuterpapstes Mag. Dr. Wolf-Dieter Storl gelyncht werde (Was heißt eigentlich das Mag.? Magischer Doktor?). Das ist nämlich eine seiner Wirkungsstätten.

Deshalb auf zu anderen Kuriosa.
Typografischen zum Beispiel, wie etwa der sehr kreativen und extrem weit verbreiteten Verwendung des Apostroph, in dieser speziellen Form auch als „Deppen-Apostroph“ oder „Uschi’s Bierpinten-Apostroph“ bezeichnet.

Im ersten Fall noch verständlich (um nicht zu sagen zwingend für die Autentizität notwendig), deutet Fall zwei entweder darauf hin, dass es hier jemand unbedingt richtigmachen wollte, oder aber, dass, wie Pernd Perplies vermutet, der Dorfladen von einem Außerirdischen namens Ums‘ betrieben wird. Man weiß ja, dass Elfen und Außerirdische immer mindestens ein “ ‚ “ im Namen haben. Wobei ich finde, dass eine Dorfmetzgerei, die „Ums’s Eck“ heißt, auch eine gewisse Drohung beinhaltet. Kann aber auch schlicht Pragmatismus sein, in einer Gegend, in der ein Weiler „Weiler“ heißt, ein anderer Ort „Buch“ und ein dritter „Vorderhahnschenkel“. Wo es übrigens zu unserer größten Verblüffung keinen Wienerwald gibt.

Für Plakatgestalter und Werber auch  interessant: Wofür man hier so Werbung macht – und auf welche doch ansprechende Weise:

Aber weil wir gerade schon bei Schlachterthemen waren:
Das Allgäu bereitet sich in dem ihm eigenen Pragmatismus auf die Zombie-Apokalypse vor. Das sieht man an subtilen Markierungen an verschiedenen Orten,

… ebenso wie an den Sympatiebekundungen der trainierenden Totenjäger auf den Fahrzeugen.

Selbst die örtlichen Fischpopulationen werden schon aufwändig gesichert. Auch wenn man den Leuten vielleicht sagen sollte, dass Elektrozäune und Fische nur in der illegalen Fischerei eine brauchbare Kombination sind.

Aber das deutlichste Zeichen ist sicherlich das aufmunternde Merchandising, mit dem die lokalen Händler aufmunternde und hilfreiche Hinweise verbreiten. Die Zeichen sind sonnenklar: Dawn of the Dead ist nahe.

Spaß beiseite:
Die Woche im Allgäu war sehr erholsam und amüsant, die Leute sind ausgesprochen freundlich und ich kann eine Reise dahin nur empfehlen. Davon abgesehen ist Lindau einen Besuch wert. Lindau und der dortige Fantasy-Shop. Die machen einen wirklich guten Kaffee dort. Haben allerdings weder Anthologien noch eine einzige Justifiers-Ausgabe. Aber das nur am Rande.

Zurück an die Arbeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *