Google+ ate my hamster!

Zwei Themen, wie sie eigentlich nicht gegensätzlicher sein könnten, beherrschen heute meine mediale Aufmerksamkeit: Google+ und die angeblich bevorstehende Wiedergeburt des Kult-Boulevard-Magazines Weekly World News kurz vor dem Weltende 2012.

Eigentlich. Denn wenn man genau hinsieht, passen diese beiden Nachrichten hervorragend zusammen.

Titelblatt der "Weekly World News" vom 17. Dezember 1996 - Quelle: Spiegel Online

Die „Weekly World News“, über die Spiegel Online gerade in seiner Rubrik „eines Tages“ berichtet, war einst ein Revolverblatt, das 1979 gegründet wurde – schlicht, damit die alten schwarzweiß-Druckmaschinen des „National Enquirer“ bei der Umstellung auf Farbdruck nicht weggeworfen werden mussten. Also schuf man ein Blatt, in das all die Nachrichten sollten, die selbst für ein Klatschblatt ein wenig zu unglaubwürdig oder zumindest zu wenig von handfesten Beweisen untermauert waren.

Aber wie das so ist mit blödsinnigen aber gut konstruierten Gerüchten – das Käseblatt erfreute sich bester Verkaufszahlen. Je unwahrscheinlicher und haarsträubender seine Nachrichten, desto größer die Schlagzeile und desto beliebter und weiter verbreitet die Geschichte.

Mit Chefredakteur Eddie Clontz (ein Name, den sich eigentlich die Redaktion von M.A.D. – die alte, als das Blatt noch wirklich gut war – ausgedacht haben muss) fütterte sich das Blatt schnell mit selbsterdachten Geschichten. Zuerst nur als Füllmaterial zwischen den Boulevard-Nachrichten – wobei sich das Verhältnis in den folgenden Jahren beinahe umdrehen sollte. Immerhin schafften sie es lange, die Balance zu halten zwischen erdachter, intelligenter Falschinformation und verrückten, echten Nachrichten, die auch andere Blätter aufgegriffen hatten. Was selbst völlig hahnebüchenen Geschichten immer noch einen Resthauch der Glaubwürdigkeit verlieh.

In den frühen 90er Jahren brachte das Blatt es immerhin auf eine regelmäßige Auflage von deutlich über einer Million und verewigte sich damit fast zwangsläufig selbst in verschwörungstheoriefreundlichen Produktionen wie „The X-Files“, „Men in Black“ oder auch „Fletchers Visionen“. Und natürlich nicht zuletzt niedergeschlagen auch in Pratchetts grandioser Mediensatire „The Truth“und seinem „Inquirer“.*
Von einer ehrfürchtigen, filmischen Verneigung durch den finnischen Independend-Film und Crowd-Funding-Vorreiter „Iron Sky“ ganz zu schweigen.

Titelblatt der "Weekly World News" vom 17. April 1990 - Quelle: Spiegel Online

Der Niedergang der WWN kam erst mit dem kometenhaften Aufstieg des WWW.

Hier war plötzliche eine Plattform, auf der Unwahrscheinliches, Unglaubliches, Beinahe Richtiges, Nicht Ganz Falsches und Frei Erfundenes in einem wunderschönen wohlig-warmen Brei aus Information, Gerücht, Schwachsinn und Lüge schwimmen konnte. Weit besser, als das eine Zeitung je schaffen konnte. „Bonsai Kitten“ wäre selbst für die Weekly World News kein schlechter Griff gewesen – wirklich aufblühen konnte diese Idee allerdings nur im Web. Und zudem kann das Internet  etwas, was die Zeitung nicht konnte – Querverweise spinnen, mittels derer ein Gerücht innerhalb eines beinahe unentwirrbaren Netzes an Wiederholungen, Zitierungen, Kreuzverlinkungen und Untermauerung mit anderen Wahrheiten (oder auch nicht) zementiert werden kann, bis es von einer tatsächlichen Wahrheit beinahe nicht mehr zu unterscheiden ist – so schwachsinnig die Meldung auch sein mag. Tausende, Hunderttausende, wenn nicht Millionen Rezipienten sind nicht nur Leser sondern unversehens auch Mitspieler in diesem großartigen Verwirrspiel. Was die Weekly World News leider letztendlich überflüssig machte.

Was mich zu Google+ bringt, von dem der große Weise Sascha Lobo (amüsanterweise ebenfalls auf Spiegel online) sagt:

Google+ könnte Facebook von diesem vorläufigen Social-News-Thron stoßen. Die meisten Medien scheinen noch nicht realisiert zu haben, dass sie damit Google News auf sozialem Speed vor sich haben – nach ihren eigenen Maßstäben also einen Konkurrenten. Google+ kann als sozialer Frontalangriff auf die Sortierfunktion professioneller Redaktionen verstanden werden. Was wohl passiert, wenn sich das in verlegerischen Gefilden herumspricht?

Vereinfacht gesagt haben wir hier das Weekly World News-Redaktionssystem der nächsten Generation. Weltweite Berichterstattung, wie so treffend beobachtet „auf sozialem Speed“ war es schon immer, die grandiose Nachrichten wie des Satans Gesicht im Rauch über dem World Trade Center zu weltweiter Beachtung (und ein Feature in deutschen Nachrichtensendungen) brachten. Ob diese Art von drogenunterstütztem Journalismus wirklich vor allem professionelle Berichterstattung hervorbringt darf mal dahingestellt bleiben – lustige Nebenwirkungen sind auf jeden Fall garantiert. Die interessanteste Frage ist wohl: Wer wird die erste grandiose Gerüchtewelle lostreten – und wann? Man könnte fast selbst versucht sein. Immerhin bekommt die Analogie, dass ein Gerücht immer größere Kreise zieht, mit dem „Circles“-System von G+ eine ganz neue Aktualität.

Die Frage bleibt aber tatsächlich: Wird sich Google+ mit der geballten Macht von Google hinter sich gegen den verspielten Konkurrenten Facebook durchsetzen können? Bisherige Versuche von Nachrichten-Netzwerken wie „buzz“ oder „wave“ sind daran gescheitert. Am selben Umstand übrigens, wie der letzte Rettungsversuch der „Weekly World News“:
Wie Spiegel online berichtet und der ehemalige WWN-Mitarbeiter Lind sagte:

„Die Absatzzahlen wurden zur Grundlage für alles andere. Der Spaß war weg. Wenn man heute in das Verlagsgebäude geht, ist es dort wie in einer Gruft – kein Gelächter mehr.“

Das ist es, was Facebook bisher erfolgreicher macht, als alle anderen Business- und Sozialplattformen. Der reine, anarchiche Spaß am Medium, das Dasein als haarsträubender aber faszinierender Hybride aus Befriedigung der menschlichen Neugier, Kontaktpflege, ernsthafter Wissensvermittlung und purem Schwachsinn, friedlich nebeneinander gestellt wie in den Kuriositätenkabinetten des 19. Jahrhunderts.

Titelblatt der "Weekly World News" vom 9. November 1993 - Quelle: Spiegel Online

Titelblatt der "Weekly World News" vom 9. November 1993 - Quelle: Spiegel Online

Wenn das weg ist, ist bald auch aus dem Rest die Luft raus. Vielleicht aber lernt es Google+, was seinen Vorgängern entgangen ist: Dass Verkaufszahlen und Hype nicht alles sind, sondern dass die Benutzer (natürlich nicht alle, aber die relevante Schwungmasse) neben trockener Information vor allem eines wollen: Ein wenig Spaß am täglichen Gerücht, ein wenig Anarchie – wenn schon nicht im echten Leben, dann doch im virtuellen. Der größte Fehler von G+ wäre es wohl, das zu unterbinden und beizeiten Professionalität einzufordern. Einen Teil der facebook-Magie macht nämlich genau das aus: die herzerfrischende Unprofessionalität, die aus allen Ecken und Nähten leuchtet (selbst wenn sie mittlerweile sorgfältig gepflegtes Konzept und keineswegs Unfähigkeit sein dürfte).

Wobei man Google natürlich zugute halten muss, dass sie wirklich eine Ahnung von Marketing haben und vermutlich schon selbst darauf gekommen sind. Ein schöner Schachzug ist zumindest der selbstgenerierte Hype, der durch die angebliche „offene Beta-Testphase“ entstanden ist, bei der man nur über Einladung dabei sein kann.
Es hätte sich schließlich nicht ein Bruchteil der Leute dafür interessiert, wenn man nicht erst eine Einladung eines derer, die „bereits drin“ sind, bedürfte, um sich das mal selbst anzusehen. Dieses Prinzip verselbständigt sich natürlich – nichts füllt sich so schnell wie ein Schneeball-System, das auf sozialem Prestige beruht. Das alte Facebook-Friends-System und die Sache mit den Twitter-Followers perfekt umgesetzt.

Deswegen schreibe ich Google+ nicht ab. Das Ganze kann sich zu einem perfekten „Weekly World News“ der nächsten Generation entwickeln.

Und wenn diese schlau sind, dann werden sie sich auf Google+ stürzen, wie die Aliens auf den lebenden Elvis im Kalamazoo Burger King. Denn Weekly World News kehrt 2012 zurück, rechtzeitig zum Weltuntergang und vor allem in Deutschland: Als „ECHT“ und angeblich stilvoll in Bildzeitungs-Aufmachung. Damit würde sich der Kreis schließen – und DIESEN Circle würde ich mir in Google+ nicht entgehen lassen.

*Als Randnotiz: Für mich war das Blatt seit den 90ern ein Vorbild.
Seit wir damals im Online-Spiel „UNItopia“ in die marode ingame-Zeitung „Magyra Nachrichten“ (Motto: „The Truth Is In Here“. VOR Pratchetts „The Truth“ und seinem „The Truth Shall Make Ye Fret“, möchte ich mal anmerken!) eingestiegen sind. Wo wir die tatsächlichen ingame-Nachrichten durch zu Artikeln aufgebauschte Randbemerkungen oder erfundene Begebenheiten „ergänzt“ hatten. Was uns immerhin in den guten 90er Jahren zu einem echten Entscheidungsmacher im Spiel gemacht hatte. So weit, dass wir eigene (Papier!)-Druckausgaben (man bedenke: online-Spiel!) herausbrachten und ein fingiertes Sportereignis (der Weltherrschafts-Cup) etwas später eine ingame-reale Fortsetzung fand, weil sich so viele Spieler ärgerten, die erste veranstaltung verpasst zu haben.

Dass es heute die „Magira-News“ als Nachrichtenplattform zur deutschen SF und Fantasy-Szene gibt, ist eine unabhängige Parallelentwicklung, die keinerlei Wertung über deren Wahrheitsgehalt birgt. ;)

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