Infinity – Muss ich den verstehen?

Ich habe Wolfgang Hohlbein nach Jahren der Abstinenz mal wieder in die Hand genommen, um das Buch zu lesen, das er selbst als sein ‚Schlüsselwerk‘ bezeichnet: Infinity. Und ich muss sagen: Es blieb mir verschlossen.

Ernsthaft. Und ich bin wohl nicht der einzige (siehe auch Leserkommentare). Seinem Lektor ging es wohl irgendwie genauso. Sonst hätte er ihm nicht Sätze wie den folgenden durchgehen lassen:

„Jenseits dieser Zone gab es große brachliegende Bereiche ehemaligen Meeresbodens, die unversehrt blieben, aber auch jene Gebiete, in denen sich besonders Mutige (oder Verzweifelte) aus dem Schutz der Stadt und ihres Schildes herausgewagt hatten und in speziell konstruierten Habitaten lebten oder über viele Generationen hinweg ihre Körper an die lebensfeindliche Umwelt außerhalb der Stadt angepasst hatten, blieben meist verschont.“ (S. 604 Hardcover)

Ohne Scheiß. Das ist ein Satz. Der erst beim etwa dritten LEsen so etwas Ähnliches wie einen Sinn ergibt. Aber auch dann immer noch nicht gut ist. Da haben wohl Wolfgang wie auch der Lektor gründlich den Faden verloren. Nicht das einzige Mal.

Zugegeben, über die meisten Strecken liest sich das Ding flüssig und auch halbwegs schlüssig mal eben so weg. Ich verstehe zwar nicht, warum man das ganze Teil eine Million Jahre in die Zukunft verlegen musste, dann aber ein elisabetanisches Krönungsgewand eine Rolle spielen lassen muss. wo wir dabei sind – ich habe keine Ahnung, warum die Leute dann auch noch aussehen, denken und leben wie Menschen heute. Ich meine – eine MILLION Jahre (plusminus ein paar Tausend)! Während sich Mäuse und Schildkröten zu ganz neuen, intelligenten Spezies weiterentwickeln, bleiben Menschen und Pferde von der Zeit völlig unangetastet. Irgendwie macht das das Ganze furchtbar unglaubwürdig.

Das Ganze hätte weitaus besser funktioniert, hätte Wolfgang das lediglich 5-6.000 Jahre in die Zukunft verlegt. Es wäre genug Zeit gewesen, um trotzdem so gut wie alles (und noch phantastischeres) zu entwickeln. Und mit ein wenig Bio-Engineering, das ja eigentlich sowieso betrieben wird, wären auch Rassen wie die Mauslinge und die Quorrl problemlos auch dann im Spiel. Aber eine Million? Nee, lass mal.

Dazu kommt dann, dass keiner der Erzählstränge zu einem befriedigenden Ende geführt wird. Bei allen bleibt man irgendwie ratlos in der Luft hängen.
In Ordnung, ich nehme das ‚man‘ zurück. Aber es gilt auf jeden Fall für mich.

Wenn der Hohlbein-Ausspruch im Klappentext „Endlich habe ich den Roman vollendet, den ich schon immer schreiben wollte“ eigentlich bedeutet „Endlich habe ich Band eins der Trilogie vollendet, die ich schon immer schreiben wollte„, dann mag das vielleicht in Band zwei und drei noch verbessert werden. Als Stand-Alone funktioniert Infinity mal so richtig gar nicht und endet in einem klassischen „Häh?!“-Effekt.

Es sind schöne Ansätze drin, innovative Ideen und gut gezeichnete Charaktere – aber die Geschichte selbst – für mich funktioniert sie nicht. Ich warte mal, ob noch was kommt, bevor ich das bewerte. Aber als ‚Schlüsselwerk‘ ist es erstaunlich sperrig und lässt eine ganze Menge Türen verschlossen.

Next.

Aber wo wir gerade bei Rezensionen sind: Es gibt gleich 5 neue von mir.
Neben Band 2 von „Mara und der Feuerbringer“ von Tommy Krappweis, dessen Rezension demnächst auf der Jugendbuch-Couch erscheint, habe ich in dieser Juni-Ausgabe der Phantastik-Couch Band 2 von Gesa Schwartz‘ Grim „Das Erbe des Lichts“ rezensiert, dazu Alexander Ballys „Für Licht und Vollkommenheit“ (mit Licht haben wir’s wohl gerade), Ester S. Schmidts „Der Trollring“ und das lang erwartete „Heidi und die Monster. Links sind wie üblich oben unter „Rezensionen“ zu finden. Dann muss ich hier nicht alles nochmal erzählen. Außerdem gibts da ein wirklich nettes Interview, das Eva Bergschneider in Absprache mit mir mit Tommy Krappweis geführt hat. Lohnt sich.

Zu unserer eigenen Schreibarbeit gibts auch schöne Neuigkeiten. Wirklich großartige sogar. Die ich allerdings noch nicht erzählen darf.
Also noch etwas Geduld bitte. ;)
Ansonsten schreiben wir wie die Wilden – am großen Brocken und jetzt erstmal noch an einer Kurzgeschichte. Mit Drachen. Schaun wir mal.

Der NordCon in Hamburg hat mich auch in diesem Jahr nicht als Besucher gesehen – aber ich war zumindest im Geiste mit dabei. Hab da eine gewisse Autogrammkarte für Tom Finn gebastelt, die er bei der Präsentation seines Justifiers-Romanes vorgestellt hat. Auch dem Justifiers-Chef Markus Heitz. wie ich hörte, ist die Überraschung gelungen und gut angekommen. ;)

Und als nächstes steht der Marburg-Con an: also freihalten – und wer in der Gegend ist, sollte mal vorbeischaun: 17. bis 19. Juni. Näheres dazu hier.
Ich hoffe, ich schaff’s auch hin. Ist eigentlich nicht so weit, aber meine Wochenenden sind gerade etwas verplant. So wie ich.

PS: Ich war letzten Monat, umzugsbedingt, gleich zweimal bei IKEA. Da gibts schicke Sachen zum Selberbasteln. Die hier hab ich aber leider nicht bekommen.

3 comments for “Infinity – Muss ich den verstehen?

  1. 7. Juni 2011 at 07:12

    Hohlbein-Romane werden aus Prinzip einfach gar nicht lektoriert, glaube ich.

    • Tom
      7. Juni 2011 at 10:06

      Ich würde das sofort glauben, wenn es so ist.

      Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass einfach die 150 Seiten Schluss abgeschnitten und weggelassen wurden. Das derzeitige Ende ist so abrupt und ohne jede Logik. Es fehlt einfach das Finale, das mehr aus den fäden macht, als ein verworrenes Kneuel.

      • 7. Juni 2011 at 18:15

        Vielleicht hatte er einfach kurz vor Schluss keine Lust mehr, weiterzuschreiben.

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