Wo das Marketing ein ‚Wheel off‘ hat

Über Anglizismen kann man sich streiten. Meist zumindest. Aber wenn ich mir den neuesten Newsletter des Marketing-Käseblattes ‚werben&verkaufen‘ aka. w&v ansehe, muss man sich ernsthaft fragen, ob die da mehr als nur ein wheel off haben.

Wie bitte schön kommt man sonst auf so einen Satz wie „Lesen Sie in der neuen W&V-Serie, wie Unternehmen mit Facebook umgehen und welche Learnings sie dabei gemacht haben.“

Ein Learning, das bei der w&v mal jemand machen könnte: Peinliche, unnötige und vollkommen unangebrachte Anglizismen mögen dem einen oder anderen ‚Marketing-Sprech‘-verhafteten BWLer zwar professionell vorkommen, sind aber in Wirklichkeit höchst peinlich.

Ein weiteres Learning, das sich ruhig durchsetzen dürfte: Die (unter Werbetreibenden eigentlich alte) Erkenntnis, dass aus Sicht der Verbraucher schon EIN Newsletter täglich grenzwertig ist. Offensichtlich hat denen das dort noch niemand gesagt.

Betrachte ich mir meinen Spam-Ordner vom 25. Januar zum Beispiel haben wir: „W6V Morgenpost“ um 8.50 Uhr, „W&V update“ um 10.51 Uhr, noch ein „W&V update“ um 11.57 Uhr, ein drittes „W&V update“ um 15.46 Uhr, gefolgt vom „W&V Newsletter“ um 17.35.

Und das war ein guter Tag, denn es fehlten „W&V Extra Kreativ“, „Werben & Verkaufen“ (von der „sales“-Abteilung) und die „W&V Fashion Mail“.
All diese Dinge kamen allein in dieser Woche rein, vermutlich habe ich also noch etwas verdrängt.

Und nein, es kommen keine wirklich essentiellen, fachlich relevanten Informationen – ich habe heute Morgen nämlich neben den „Learnings“ der facebook-Nutzer vor allem erfahren, dass Jean-Remy von Matt (aus der Werbeagentur Jung von Matt) jetzt mit seinen 58. Jahren selbst seinen ‚gephotoshopten‘ Körper als Unterwäschemodel in die Kamera hält (supi), dass E.On eine Frauenquote einführt (löblich. Jetzt noch eine Intelligenz-Quote für Managaer und das wird was) und dass Stefan Raab das Finale des Eurovision Song Contest unter Umständen nicht moderieren dürfen wird, weil er Komponist einiger Lena-Lieder ist.

Ich bin schon so dermaßen gespannt, was der nächste, wichtige Sonder-Newsletter bringen wird, der in ca. T minus 30 ansteht.
Mal ernsthaft – entweder, man weiß in dem Verlag nicht, womit man seine Praktikanten sonst den lieben langen Tag beschäftigen soll – oder man glaubt, dass seine Zielgruppe nichts besseres zu tun hat, als den ganzen Tag Newsletter zu lesen. Na gut, vielleicht zu Recht. Das Zielpublikum ist schließlich vor allem im Marketing zu finden, also in der 2. Hälfte von „werben&verkaufen“. In der ersten weniger – irgendwer muss schließlich auch arbeiten.

Jetzt könnte man mir natürlich die Frage zu werfen: Warum bestellst du den Newsletter dann nicht einfach ab?
Eine Frage, die ich mir ernsthaft schon selbst stelle. Blöderweise ist das Ding leider das relevante Fachblatt am Markt, die „Zeitung mit den vier großen Buchstaben“ des Marketing (nur dass es nur drei sind und die klein. Was ja auch was aussagt). Das heißt, gelegentlich ist schon mal eine Fachinformation dabei, die tatsächlich nützlich ist. Dafür abonniere ich schließlich Newsletter. Mit einem am Tag (und vieleicht noch einem Update, wenn es etwas wirklich wichtiges zu wissen gibt) hätte ich daher ja auch kein Problem. Aber fünf bis acht?

Ein zusätzliches Learning, das man spätestens aus Facebook auch tätigen kann: Wer den ganzen Tag mit Belanglosigkeiten wie Spiele-Anfragen oder nackten, alten Werbern spammt, der wird vom Großteil der Nutzer blockiert und irgendwann aus der Kontaktliste gelöscht.

Ein letztes, eigentlich auch grundlegendes Learning: Man sollte sich festlegen, wie man seine Zielgruppe anspricht. Schon auf der Startseite des eigenen facebook-Auftrittes einmal zu „Siezen“ und daneben das kumpelige „Du“ zu verwenden, zeugt auch nicht gerade von Professionalität. Aber das habe ich an dieser Stelle auch schon gar nicht mehr erwartet. Nur auf eines warte ich noch: Dass mich die W&V, wie derzeit ein bekanntes Möbelhaus, zum Sale einlädt.

Immerhin: Sie sind ehrlich. No, w&v, you can’t tatsächlich nicht. Zumindest nicht richtig.

PS: Vielleicht hilft euch ja das hier für eine ordentliche Facebook-Statistik weiter.

6 comments for “Wo das Marketing ein ‚Wheel off‘ hat

  1. 3. Februar 2011 at 13:12

    Ich muss ja sagen, „photoshoppen“ halte ich für ein durchaus sinnvolles Verb. Immerhin lautet die Alternative „digital nachbearbeiten“, was 1. länger ist und 2. irgendwie überkorrekt klingt.

    Aber du hast mich gerade auf die Idee gebracht, in irgendeinem Urban Fantasy Roman einen Marketingtypen vorkommen zu lassen. Nur um einen Charakter zu haben, der so sprechen darf *g*

    • Tom
      3. Februar 2011 at 13:39

      ‚Photoshoppen‘ ist tatsächlich ein Verb, das ich selbst gelegentlich verwende – schon weil es im Gegensatz zum ‚Learning‘ eine eigene, nicht einfach übersetzbare, weil sehr komplexe Bedeutung hat.

      Was den Marketingtypen angeht, so liebäugle ich schon damit, seit ich Beigbeders Schwarte ‚39,90‘ gelesen habe.
      einen guten Ansatz sehe ich dazu aber in dieser Leseprobe, von der ich gern mehr lesen würde. Ist zwar ein Event-Marketing-Mensch, aber die ausdrücke sind so ähnlich. *g*

      • 3. Februar 2011 at 15:01

        Stimmt, die Leseprobe ist nicht schlecht.

        Wobei ich da eher an was anderes gedacht hatte. Nehmen wir z.B. mal an, irgendwelche Vampire outen sich „True Blood“-mäßig und wollen endlich Teil der Gesellschaft werden. Was läge da näher, als eine Pro-Vampir-Marketingcampagne zu starten, um den vampirischen Lifestyle zu promoten … oder so …

        Mit Werbesprüchen wie: „Wir wollen Ihr Blut, aber zumindest nicht Ihr Geld.“

  2. Tom
    3. Februar 2011 at 16:11

    Okay, hat auch was. *g*
    Mach – ich würd’s lesen!

    „Vampires – Everything else sucks.“

    • 3. Februar 2011 at 17:01

      Auch ein netter Spruch *g*

      Vampire gehen aber nicht mehr. Der Markt ist übersättigt. Die machen jetzt noch das Zeug, was sie schon eingekauft hatten, und dann ist damit erst mal wieder gut.

      • Tom
        3. Februar 2011 at 17:21

        Und das ist ein Glück und auch gut so.

        Es gibt nur noch einen einzigen Vampirroman, auf den ich gerade warte. Das ist Christopher Moore mit „Bite me„. Ist schon ne Weile raus, aber ich hab ihn halt noch nicht.
        Da mochte ich schon die ersten beiden – der muss der Vollständigkeit halber noch sein. Dann ist das Thema… hm… gegessen.

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