Typo-Mittwoch – Von Schriftadel und Textelite

Der Typo-Mittwoch – der dritte Tag in Folge, an dem mich besonders typografische Fragen beschäftigen. Zumindest in dritter Linie. Nach Halsschmerzen und Bürokratie. Da diese beiden Themen jedoch eher uninteressant sind, gleich zu Platz drei: Typografie und Schriften.

Ich mach’s kurz, weil man ja mit Halsschmerzen nicht so viel reden soll:

Ich habe in den letzten zwei Wochen gleich drei Schriften für mich (wieder-) entdeckt.

Zum einen ist da die gute alte Neutraface, benannt nach dem Österreicher Architekten Richard Neutra, dem Begründer der ‚biorealistischen Architektur‚. Die Neutraface ist nach seiner Handschrift gestaltet – genauer gesagt, nach der Schrift, mit der er seine architektonischen Pläne von Hand beschriftet hat. Ich finde, das Wort ‚STEAMTOWN‘ sieht in dieser Type einfach grandios aus.


Nicht ganz billig, das gute Stück. Aber wer eine wirklich vielseitige, zeitlos elegante Schrift ohne Serifen braucht, sollte sie sich wirklich mal ansehen. Man muss ja nicht alle Schnitte kaufen.

Ein neuer, persönlicher Favorit von mir ist die Schrift des Hamburger Gestalters Marco Müller. Ein rundum gelungener Neuentwurf einer serifenlosen Type mit gerundeten Ecken, die auch noch dermaßen schön läuft, dass sie ohne Einschränkungen fließtexttauglich ist. Das gute Stück ist noch nicht ganz fertig (die schrägen Schriftschnitte fehlen noch), dafür ist sie nicht-kommerziell frei verwendbar – und eine kommerzielle Lizenz kann man mit Marco direkt aushandeln. Ich finde: Lohnt sich! Ich mag sie.

Und dort, wo ich die Melbourne entdeckt habe, gibt’s gleich noch ein Schmuckstück zu finden. Auf die Seite des Würzburger Schriftenprojektes 26plus-zeichen hat der Potsdamer Gestalter Timo Titzmann seine coole und ausgesprochen nützliche ‚Say it fat‘ gestellt. Ebenfalls für nichtkommerziele Zwecke frei verwendbar – und ich denke, auch hier kann man über eine kommerzielle Lizenz zu vernünftigen Preisen verhandeln.

Mit derartigen Werkzeugen macht das Arbeiten Spaß. ;)

Wer sich aber unsicher ist, wo er die richtige Schrift findet und auch wer mehr über die einzelnen, wichtigen Schriften (also ausdrücklich NICHT Comic Sans!) wissen will, dem sei an dieser Stelle das PDF ‚Die 100 besten Schriften‘ von FontShop ans Herz gelegt. Kann man hier laden – oder online anschauen. An dieser Stelle erfährt man auch einiges Nützliches zum Thema Lesetypografie.

Der Platz 1 dieser Liste, die gute, alte Helvetica (den meisten Nicht-Grafikern unter den PC-Usern eher in ihrer Kopie-Form als ‚Arial‘ bekannt), steht allerdings gerade ein wenig unter Beschuss- und zwar von niemand Geringerem als einem der wichtigsten deutschen Schriftgestaltern, Eric Spiekermann.

Spiekermann, dem in diesem Jahr der Designpreis Deutschland verliehen wird, sagte nämlich in einem Interview dem Deutschlandradio: ‚Helvetica is played out‚ – Helvetica ist sozusagen kaputt gespielt. Der Schweizer Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Er muss zwar nicht gehen – aber er kann langsam mal Platz für frischere Typen machen.

Der Eric sagt auf gestalten.tv weiter, das er findet, dass es Zeit wird, den inzwischen viel zu funktionalen und damit gesichtslosen Typen*, die heute meist verwendet werden, wieder ein Gesicht zu geben. Englisch griffiger: Putting back the face into Typeface. Da hat er nicht ganz unrecht. Es gibt so viele schöne Schriften. Man muss nur etwas Mut haben. Und natürlich ein paar Grundregeln beherrschen.

Dabei, also bei den Grundregeln, kann einem aber auch das schöne Buch ‚The Elements of Typographic Style‚ helfen. Oder eines der zahlreichen Typo-Basiswerke vom Verlag Hermann Schmidt Mainz, dr ja passenderweise schon die URL www.typografie.de hat. Mehr Mut also.

Und wer Inspiration braucht, der kann sich das hier ansehen – nicht nur Typo – aber eben auch: TheDesignCubicle zeigt hier z.B. 40 Plakate, die eine hervorragende Inspiration sein können. Und immer schön dran denken – wer gute Arbeit will, sollte sie auch so bezahlen. Und wer gute arbeit bietet, sollte sie sich bezahlen lassen. Das ist nicht zuviel verlangt. In Anlehnung an das Firefox-8-Plakat:

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Was noch? Ach ja:
Wer NOCH mehr Inspiration braucht, der muss nur auf Aisle One stöbern. Viel Spaß!

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MAY THE FONTS BE WITH YOU.

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* Wie die Helvetica, die eben irgendwie für alles passt – und damit für nichts richtig.

2 comments for “Typo-Mittwoch – Von Schriftadel und Textelite

  1. 15. Februar 2011 at 11:39

    Sag mal, gibt es etwas Schickeres in mono-space, das die gute alte (ahem!) Courier New ersetzt? Linotype Deja Vue finde ich einfach schrecklich, und ich schreibe bevorzugt gleich im Manuskriptformat.

    –Thea

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