Pratchett muss aus der Fantasy-Nische!

So sieht es zumindest der Verlag Manhattan-Deutschland.

Liest man sich den Artikel durch, über den Andrea Bottlinger gestern auf buchreport.de gestolpert ist, dann kann man sich nicht ganz des Gefühls erwehren, dass der Satz „Pratchett muss aus der Fantasy-Schmuddel-Nische!“ lauten sollte.

Zugegeben, sie haben es nicht so deutlich gesagt – aber es klingt so. Anders ist eine Formulierung wie „Nichts gegen Fantasy, aber Pratchett wird unter Wert verkauft. Er ist viel mehr als ein Genreautor, weil er so wunderbar bissig-witzig und intelligent erzählen kann. Seine Romane spielen zwar in einer magischen Welt, doch die entpuppt sich schnell als Spiegelbild unserer Gesellschaft.“ (Vera Thielenhaus, Manhattan) kaum zu verstehen.

Die Implikation dieses Ausspruches ist doch: „Der Autor ist so gut – das kann gar keine Fantasy sein. Holen wir ihn raus aus der Ecke!“
Da kann ich als Phantastik-Autor nur sagen: Herzlichen Dank auch, Manhattan!

Nein, im Ernst: Prinzipiell kann man Manhattan sogar verstehen.

Zum einen ist Pratchett tatsächlich einer der erfolgreichsten britischen Autoren (der selbst in besten Harry-Potter-Zeiten kaum hinter Frau Rowling zurückgebieben ist. Er gilt als einer der wichtigsten Satiriker und Humanisten im englischsprachigen Raum, als „phantastischer Moralist“, der nicht nur für seine Verdienste um die Literatur einen OBE (in etwa die britische Entsprechung zum Bundesverdienstkreuz) erhalten hat, sondern für besagte Verdienste sogar von der Queen geadelt wurde. Was ihn vermutlich zu mehr als einem schlichten Belletristik-Autor für Geeks macht.

Zum anderen lässt sich mit einer breiteren Aufstellung auch mehr Geld verdienen. Was man spätestens an Christopher Moore sieht, dessen „Bibel nach Biff“ jeder kennt, dessen restliche Bücher in der Fantasy-Ecke in Deutschland jedoch nur Genre-Erfolge erzielen.

Man kann es Manhattan also nicht übel nehmen, wenn sie mehr Geld verdienen wollen.
Deshalb will Manhattan ihn neu übersetzen (worauf ich ehrlich gespannt bin. Ist ja bekannt, das ich kein Fan der Brandthorst’schen Übersetzungen bin. Selbst wenn sie weltweit mit zu den besten zählen sollen) und mit völlig neuen Covern versehen. Und so will man sie mit Hilfe einer Aufklärungskampagne unter den Buchhändlern aus der Fantasyecke in die Regale der wertvolleren Romane hieven.

Die Frage ist nur, ob das so funktioniert.
Es ist, Unkenrufen zum trotz, prinzipiell möglich.

Walter Moers zum Beispiel ist mit seinen phantastischen Romanen, die sogar Germanisten zur Begeisterung treiben, eigentlich Fantasy, jedoch nie in diesem „Genre“ eingesperrt worden. Im Gegensatz zu vielen Fantasy-Autoren genießt er wohl auch deshalb eine wesentlich breiter gestreute Verbreitung. Eben auch unter Lesern, die Fantasy sonst nicht anfassen.

Aber – Pratchett ist nicht neu im Geschäft. Er ist schon seit mehreren Jahrzehnten auf dem Markt. Und man kann sagen, was man will – Pratchett schreibt nun mal Fantasy. Astreine, waschechte moderne Fantasy. Schlimmer noch – er bekennt sich offizielle dazu und bezeichnet das, was er schreibt, selbst so. Er ist kein Carlos Ruiz Zafón, den man in die Ecke des „phantastischen Romanes“ schieben und unter die ernsthafte Literatur mischen kann – oder muss. Natürlich sind seine Romane nicht pure Unterhaltung, sondern ein Spiegel auf unsere Gesellschaft. Das macht sie aber nicht weniger zur Fantasy. Im Gegenteil.
Das macht sie zu einem Aushängeschild der Fantasy – ein aushängeschild, das freilich bislang nie wirklich genutzt wurde. Immerhin sagt es: Seht her, Fantasy ist nicht flach, doof und für würfelschwingende, streng riechende Geeks. Auch nichts nur für Zehnjährige, die sich mit einem mit Sternen beklebten Hut und einer aufgemalten Narbe  nachts vor die Buchhandlungen stellen, begleitet von ihren stilldementen Müttern, die die Schwarten dann noch vor ihnen lesen wollen.
Fantasy kann hochintelligent sein und zeitkritische Themen leicht und trotzdem gehaltvoll verarbeiten. Fantasy muss sich nicht hinter einem Günter Grass verstecken (der immerhin für sein verkopft-unverdauliches Geschwafel der letzten Jahre keine Alzheimer als Entschuldigung ins Feld führen kann).

Pratchett ist in den UK nicht deshalb so dermaßen erfolgreich, weil er dort etwa nicht als Fantasy gehandelt wird – sondern einfach, weil er gut ist.
Die Vorbehalte liegen nämlich nicht bei den LEsern, sondern vor allem bei den buchhändlern. Der Ansatz mit der Aufklärungskampagne ist deshalb an und für sich richtig.

Man könnte Pratchett, sich als Verlag und dem Genre in Deutschland sicher einen Gefallen tun, wenn man die Buchhändler dafür auf seine Seite ziehen würde: Indem man die Fantasy-Regale und ihren Ruf insgesamt aufpoliert, statt die besseren Vertreter mit aller Gewalt aus ihnen heraus zu reißen und mutwillig von ihnen abzugrenzen.

Aus gestalterischer Hinsicht steht der Start schon mal unter keinem guten Stern:
Die neuen Cover sind, man verzeihe mir die Deutlichkeit, peinlich.

Manhattan nennt das:
Der Umschlag: Statt der witzig-ironischen Illustrationen der englischen Originalausgaben setzt Manhattan künftig für Neuerscheinungen und Backlist auf eigene Buchcover aus einem Guss, die der deutsche Künstler Tom Steyer in bester Pratchett-Manier mit einem fröhlichen Augenzwinkern gestaltet.

©Manhattan

Ich wünsche damit viel Erfolg…
Nichts gegen den Illustrator Tom Steyer, dessen Stil für vieles verwendbar ist. Aber er passt wirklich überhaupt nicht zu Pratchett und seinen Romanen.
Wie eine Bekannte sagte: „Neckisch. Sieht aus wie ein Krimi mit Aliens …“, während sich ein anderer Autor (nicht Fantasy!) spontan an Pat Mallets „Kleine Grüne Männchen“) erinnert fühlte.

Gut, das ist natürlich bis zu einem gewissen Grad Geschmackssache.
Aber wen sollen diese Cover ansprechen? Meine Eltern, die gern mal einen Humanisten lesen? Leser „ernsthaft-kritischer“ Literatur wie z.B. Zusaks „Die Bücherdiebin“? Grass-Leser? Max-Gold-Leser? Die alle doch schon mal nicht. Fantasy-Fans auch nicht – die sind seit einigen Jahren deutlich besseres gewohnt.

Vielleicht „Bridget-Jones-Diary“-Leser … aber die können mehrheitlich mit Pratchetts fein- und vor allem tiefsinnigen Humor auch nicht viel anfangen.

@ und Link: Randomhouse / Manhattan @ und Link: Randomhouse / Manhattan

Wen also dann? Und vor allem – warum?
Die beliebtsten Cover Pratchetts sind doch die kongenialen Illustrationen von Paul Kidby.
Gut, die zieren nur die englischen Doubleday- und Corgi-Ausgaben, während sich Manhattan da eher an der etwas seltsamen HarperCollins-Version orientiert. aber selbst diese wäre noch besser als die uninspirierten Harry-Potter-Light-Cover, die Manhattan hier gewählt hat. Das mag lizenzrechtliche Gründe haben – eine Ausrede ist es jedoch nicht. Wenn man schon Paul Kidby nicht bekommt oder bezahlen kann, warum redet man dann icht mit jemand anderem, der Pratchett kennt, liebt und angemessen ins Szene setzen kann? Die großartige Julie Dillon zum Beispiel.

Mit der derzeitigen Gestaltung kann ich mir ehrlich gesagt keine Zielgruppe vorstellen, die sich davon angesprochen fühlt.

Zum Thema Titelgebung habe ich ja schon ausführlich kommentiert – ich bin jetzt auf die Übersetzung gespannt. Immerhin werden nach wie vor die Eigennamen übersetzt. Das ist sinnvoll, wenn die große, deutsche Fangemeinde weiterhin angesprochen werden soll, klar. Die sind das seit über 20 Jahren so gewohnt – und wenn es mir auch selbst nicht gefällt – es hat sich nun mal eingebürgert.

Da aber Manhattan ohnehin ein komplett neues Segment und eine neue Leserschaft erschließen will – warum den Käse mit der Eigennamenübersetzung schon wieder? Warum wird aus „Tiffany Aching“ nach wie vor „Tiffany Weh“, aus „Granny Weatherwax“ immer noch „Oma Wetterwachs“ und aus „Captain Samuel Vimes“ ein „Hauptmann Samuel Mumm“?

Übersetzt man etwa „Jason Bourne“ als „Jason Geboren“? „Margaret Thatcher“ als „Margarete Dachdecker“? „James Bond“ als „Jakob Bindung“ oder „Oliver Twist“ als „Oliver Wendung“? Nur, weil der Name eine zweite, vielleicht hintersinnige Bedeutung hat oder zumindest so ähnlich klingt?

Ist Manhattan also nach wie vor der in den 70ern durchaus noch begründeten Ansicht, dass die Mehrheit ihrer Leser nicht einmal so viel Englisch beherrscht, dass ihr das Wortspiel verborgen bliebe, wenn man es nicht mit aller Gewalt ins Deutsche zerrte? Mag sein. Die Ansicht ist ja in der Phantastik seit Tolkien immer noch weit verbreitet (Warum heißt Harry Potter eigentlich nicht „Harald Töpfer“?! Hat da der Verlag geschlafen?).

Leider aber haben bei Pratchett die Namen oft auch eine phonetische Komponente (Vimes klingt nach Clint Eastwood und „Dirty Harry“ – Mumm nach Rühmann und „Hauptmann von Köpenik“). Die ist damit wieder mal gestorben. Schade eigentlich. Es bleibt also zu hoffen, dass Manhattan wenigstens aus dem Drama um die Übersetzung von „Nation“ / „Eine Insel“ 2009 etwas gelernt hat.

Und es bleibt die spannende Frage, ob Manhattans Vorhaben wirklich von Erfolg gekrönt sein wird. Ich wünsche es Pratchett – und uns, als Fantasy-Freunde und -Autoren. Denn Pratchett ist und bleibt nun mal Fantasy. Die darf ruhig noch mehr Leser gewinnen.

Nachtrag: Das Thema findet allgemein ordentlichen Nachhall:

Danke, TeichDragon.

Weitere Links, wenn ich darüber stolpere.

Nachtrag 2: Weitere Stimmen

Nachtrag 2: Weitere Stimmen

Die neuen Prachett-Cover für Frankreich. Na bitte. Es geht doch.

http://marcsimonetti.deviantart.com/gallery/12600784?

11 comments for “Pratchett muss aus der Fantasy-Nische!

  1. 21. Januar 2011 at 15:34

    Jepp, das ganze finden auch andere Leute gar nicht so toll.
    (Aus unterschiedlichen Gründen…)

    http://cronenburg.blogspot.com/2011/01/ein-gemachter-mann.html

    http://www.bibliotheka-phantastika.de/2011/01/19/pratchett-ist-die-phantasie-los/

    Gruß,
    Teich

    • Tom
      21. Januar 2011 at 16:19

      Muchas gracias. Ich hatte auch noch was gesehen. Mach heute Abend vieleicht noch mal einen Rundblick.
      Amüsant aber der Kommentar des Piper-Fantasy-Blogs auf facebook:

      Piper-Fantasy Seine Scheibenwelt-Romane sind Kult. Doch jetzt soll Terry Pratchett aus der Fantasy -„Nische“ geholt und dem breiten Publikum schmackhaft gemacht werden. Ob er seinen Stil ändern wird? Oder reicht es, seine Bücher mit anderem Cover zu versehen und ins Belletristik-Regal zu stellen? Fraglich…

      Häme aus den Reihen des Wettbewerbs. Süß!
      Danke, Piper.

      • 21. Januar 2011 at 16:24

        *lachtot*
        Danke für den Hinweis, bin selber nicht auf Facebook.
        Da muss ich gleich mal suchen gehen. :)

  2. 22. Januar 2011 at 14:03

    Ich habe mir spontan Gedanken gemacht, was für Bücher ich vermuten würde, wenn ich von weitem in der Buchhandlung diese Cover sähe. Leicht trashige Kinderbücher, Lesealter 10-12.
    „Das kleine grüne Männchen in Papas DVD-Player verstehen – leichtgemacht“
    „Quidditch gegen die schwarze Lehrer-Gang“
    „Hexe Bullerbü räumt auf“

    Die Frage im obigen Beitrag, wen die neue Inszenierung faszinieren soll, ist berechtigt! Ich hätte so jedenfalls Pratchett nie für mich entdeckt.

    • Tom
      22. Januar 2011 at 23:11

      Ich ziemlich sicher auch nicht, Petra.
      Den hätte ich so weder aus dem Fantasy- noch aus einem sonstigen Regal genommen. Vermutlich nicht mal aus der Wühlkiste beim OBI. Und dort habe ich schon einige Sünden gekauft…

      Schöne Einschätzung übrigens – „Hexe Bullerbü räumt auf“ gefällt mir wirklich! *g*

  3. 23. Januar 2011 at 19:40

    Da haben wir uns ja schon auf FB zu unterhalten. Ich bleibe dabei – Common Sense – So rare, it’s a goddamn superpower…

    • Tom
      24. Januar 2011 at 00:05

      Haben wir, ja. Und ich stimme dir da nochmals zu. *g*
      Herzlich willkommen hier. ;)

  4. 8. September 2014 at 00:02

    Puh.. muss gestehen ich habe Pratchett vor einigen Jahren aus den Augen verloren, nachdem ich alles bisherige verschlungen habe.
    Jetzt lese ich grad wieder ein bisschen, momentan „Steife Prise“…und ich denke ich werde das Buch mit irgendwas umwickeln, Oma-Tapete oder Ähnliches. Vielleicht zeichne ich auch selbst was, wenn die Zeit da ist. Zumindest irgendwas, um dieses absolut unwürdige Cover zu verdecken.
    „Club der u. Gelehrten“ liegt ebenfalls daheim, bis jetzt noch nicht gelesen…ich vermute ernsthaft, dass es das Cover ist, das mich abschreckt. Ich weiß, dass es ein Pratchett ist, ich weiß, dass ich es lieben werde, aber es ist urhässlich. Durch mein Grafikdesignstudium lege seitdem umso mehr Wert auf das Optische und das hier schmerzt einfach.
    Ich mein, habt ihr die wunderbaren Holzschnittcover für die britische Sammleredition gesehen?
    http://www.gollancz.co.uk/2013/10/announcing-the-discworld-collectors-library/
    Himmlisch! Ich denk, ich werde mir die zulegen, mein Auge wird lachen, meine Englisch-Skills lachen, ich lache.

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