Jugendgefährdende Schriften

Aufregung allenthalben in der Medienlandschaft, himmelschreiende(1) Empörung unter den Autorenseiten-Betreibern, blankes Entsetzen(2) gar bei den Bloggern:

Ab dem 1. Januar 2011 gilt der neue Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV). Beziehungsweise der neue alte, in einigen wenigen Punkten jedoch frisch gestrichene. Denn der JMStV gilt eigentlich schon seit 2003 – nur hat ihn davor in der Blogosphäre scheinbar noch niemand wahrgenommen. Jetzt allerdings wird er wie die tolle Sau durch’s mediale Dorf getrieben. Und auch mich ergreift ein wenig die Verunsicherung.

Da steht, das bislang nur wenig bekannte und noch weniger durchgesetzte Gesetz gilt für alle Anbieter von Telemedien (unabhängig von der Kommerzialität des Angebotes). Es gilt also auch für mich, den Blogger.

Weiter steht da:
Sofern Anbieter Angebote, die geeignet sind, die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen, verbreiten oder zugänglich machen, haben sie dafür Sorge zu tragen, dass Kinder oder Jugendliche der betroffenen Altersstufen sie üblicherweise nicht wahrnehmen.

Das ist knifflig. Also nicht allein die Frage, wie man Kinder und Jugendliche im Internet dazu bringt, etwas „üblicherweise“ (die Begriffsdefinition hätte ich an dieser Stelle mal gern) nicht wahrzunehmen. Mit über das Alter gesteuerten Jugendschutz-Mechanismen auf dem heimischen Rechner? Diesen Programmen, die die 14-Jährigen normalerweise ihren Eltern erklären müssen? Wohl kaum. Das ginge allenfalls über Ausweiskontrolle und Kreditkartenabfrage. Wenn überhaupt.

Aber halt, ich kann ja eine Sendezeitbegrenzung einbauen. Im … wie heißt das Ding noch gleich… Weltweiten Web. Na sicher. Ein Schlaukopf mag mir jetzt sagen: Aber natürlich – man kann doch für die Webseite einstellen, dass sie zu der jeweils herrschenden Ortszeit zugangsbeschränkt ist! Stimmt. Solche Seiten habe ich tatsächlich schon gesehen. und wie man die Uhr am eigenen Rechner (das einzige Steuerelement für diese Abfrage) umstellt, das habe ich schon mit 15 gewusst. Da hatte ich meinen ersten Rechner. Sonst vermutlich noch früher.

Es bleibt mir also nur, keine derart gefährdenden Dinge auf meiner Webseite einzubauen.
Auch das ist knifflig. Immerhin schreibe ich Fantasy. Mit gelegentlichen Anklängen an Horror – auf jeden Fall jedoch mit Schwert und Blut und so. In Ordnung, ich habe nicht das Problem des Kollegen Bellem, der gleich von „Bluttrinkern“ erzählt. Aber heroische Fantasy, die nicht in irgendeiner Form den Krieg verherrlicht – das ist eine interessante Aufgabe. Der ich mich allerdings zu stellen verspreche.

Viel gravierender aber ist die Frage:

Wenn ich „die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit nicht beeinträchtigen darf – darf ich dann eigentlich noch Kommentare zu schwachsinnigen Ideen aus Politik und Wirtschaft (ich sage nur Urheberrecht) abgeben? Darf ich auf den Online-Auftritt der Zeitung mit den vier großen Buchstaben verweisen? Oder die Ärzte mit dem Lied darüber zitieren (das ja zu jeder Zeit im öffentlich-rechtlichen Bayern3 ohne Jugendschutzmaßnahmen gespielt wurde)? Ihr wisst schon, das Lied mit „Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht“?

Vielleicht aber stelle ich genau diese Frage falsch. Vermutlich muss man viel grundlegender anfangen, nämlich mit der Klärung: WOZU sollen sich besagte Kinder oder Jugendliche entwickeln? Und zu Persönlichkeiten die zu exakt WELCHER Gemeinschaft fähig sind?
Eine Gemeinschaft, in der eine Seite wie Bild / Unterhaltung / Erotik nicht unter diese Jugendschutzpflicht fällt?
In der es tatsächlich jemanden gibt, der darüber staunt, dass in den Wikileaks-Dokumenten steht, dass die USA-Diplomaten die deutschen Politiker für unfähig halten(3)?
In der im Öffentlich-Rechtlichen der Mutantenstadl und von Gebürenzahlergeldern produzierte, hirnbefreihte Seifenopern unter dem Deckmantel des Bildungsauftrages ausgestrahlt werden?
In dem Dieter Bohlen als Vorbild junger Menschen gilt und der ostdeutsche Tanzlehrer Detlef Soost über Talent bestimmen darf?
(Mal nebenbei gefragt: Was sagt eigentlich die Genfer Konvention dazu? Nach Artikel 3 ist die Ausstrahlung auf einem nicht verschlüsselten Sender doch eigentlich verboten, oder?)

Dann muss ich mich vermutlich schuldig bekennen – einen Beitrag dazu, dass sich Kinder und Jugendliche dahin entwickeln, kann ich leider nicht leisten. Ich bin hier einfach kein guter Entwicklungshelfer. Das ist mit meinem Gewissen nicht vereinbar.

Bei allem Spaß – folgende Punkte sollte man sich, in aller gebotener Vorsicht, zumindest mal durchgelesen haben.

Ich denke trotzdem, dass ich mich auf der sicheren Seite befinde, solange ich mich hier in dem Rahmen verhalte und äußere, der dem Vorabendprogramm des Fernsehens entspricht – was, bedenkt man RTL2, Pro7 und Co – eigentlich verdammt viel Handlungsspielraum lässt. Die Härtegrade der Jugendgefährdung wie handelsübliche Mittags-Gerichtssendungen und Talkshows oder auch der Druckwerke aus dem Axel-Springer-Verlag erreiche ich jedenfalls so gut wie nie.

Aber es beruhigt doch, gut rechtschutzversichert zu sein (die 24 Euro im Quartal scheinen mir immer besser angelegt) und ein bis vier gute Anwälte  für diesen Fachbereich zu kennen. Man weiß ja nie, was den Abmahn-Anwälten jetzt so einfällt.

Mit ein wenig jugendgefährdender Eigenwerbung verabschiede ich mich jetzt jedenfalls erstmal in den Schlaf der Ungerechten:

httpv://www.youtube.com/watch?v=CRrDDuzZj-k

Jugendgefährdend?
Jep. Das ist Mr. Ferret. Der ist ein wandelnder Toter. Ein Zombie. Gruselig, gell?
Andererseits… Andersen ist grausamer. Fällt der auch unter dieses Gesetz?

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Stephan R. Bellems Gedanken dazu.

Hier weist er auch auf einen eintrag im Lawblog hin: Warum Blogger leidlich gelassen bleiben können.

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(1) nicht religiös, sondern rein geo-physikalisch/naturwissenschaftlich verwendeter Ausdruck. Beitrag zum Bildungsauftrag.
(2) zulässig, da nicht verharmlosend verwendet

(3) Wie stand es auf Twitter: „Viel beängstigender wäre es doch, wenn sie sie für kompetent hielten.“ Q.E.D.

2 comments for “Jugendgefährdende Schriften

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