Diese Sache mit Wikileaks

Ich gebe zu, ich bin nicht der bestinformierte Mensch, was das Thema Wikileaks betrifft. Aber nach den letzten Tagen kann ich eine Sache feststellen: In diesem Fall gehen mir beide Seiten gehörig auf den Keks. Warum?

Auf der einen Seite haben wir die verschiedenen Staaten, Konsortien und Geheimdienste, denen die Anarchos von Wikileaks ordentlich die Hosen herunter gezogen haben – worüber sie, verständlicherweise, ziemlich sauer sind. Allen voran die USA, denen WL ständig (zu Recht) auf die Finger tritt, sobald sie  sich wieder aufgerappelt haben. Enthüllungen über den Irakkrieg, Enthüllungen über Bankenabsprachen, Geheimdienst-Missstände, ehrliche Ansichten über Politiker (die eigentlich keinen wundern sollten, weil da auch nichts neues drin stand), und so weiter. Natürlich plustern sich auch die betroffenen Politiker auf. Tat ja sicher auch weh. Und gerade unter Diplomaten ist man deutliche Worte nicht gewohnt. Genau das ist Diplomatie ja schließlich. Von den Managern verschiedener Banken und Großkonzerne ganz abgesehen, die Wikileaks schon um die schwer erschlichenen Ausschüttungen und Abfindungen gebracht hat. Siehe Island. Das geht natürlich nicht. Klar.

Auf der anderen Seite haben wie die berufs-sauren Leute von Wikileaks, die sich die totale Offenlegung sämtlicher Missstände dieser Welt (nach anfänglichen verwirren zum Thema Privatpersonen zumindest alle aus Politik und Wirtschaft) vorgenommen haben. Ein heeres Ziel, mit dem man sich viel Feind und viel Ehr schafft. Und einer muss es ja tun. Also kämpfen die Bewohner des unbeugsamen Dorfes im Informationsgroßreich munter weiter gegen Cäsaren  und Despoten, gegen Korruption, Verschleierung und für die totale Freiheit sämtlicher Information. Ein hehres Ziel und prinzipiell zu verstehen und zu teilen!

Prinzipiell. Denn wenn man genauer hin sieht, dann kommen einem beide Seiten vor, wie trotzige Grundschulkinder auf dem Schulhof.

Auf der einen Seite die Klassensprecher und sonstige Anbiederer und Mangagersöhnchen, die sich in jeden erdenklichen Posten drängeln und peinlich genau auf die einhaltung der Schulordnung zu achten, um auch ja den bestmöglichen Stand zu haben – und die dafür, sobald keiner hin sieht, rücksichtslos mobben, erpressen und schummeln.

Auf der anderen die anarchischen kleinen Petzen, die jedes Fehlverhalten an die Wände sprühen, anonyme Hinweise beim Rektor abliefern und Liebesbriefchen fremder Leute ans schwarze Brett pinnen und heimlich geschossene Klofotos in der Schulzeitung ausbreiten.

Also genau die beiden Gruppen, die eigentlich keiner mochte – und die der Mehrheit das Leben schwer gemacht haben. Jetzt sind sie erwachsen und haben sich keine Spur geändert.

Ach ja, und sie haben ihre üblichen Gefolgsleute mitgebracht:
Der große ‚Bully‘ USA hat seine Speichellecker dabei, die in vorrauseilendem Gehorsam Konten sperren, Websites vom Netz nehmen und auch sonst vor dem Dicken buckeln.
Und der Anarcho hat seine Randalierer im Schlepptau, die Tagebücher verbrennen, im Schulhaus randalieren – oder PayPal, die Postbank und Mastercard hacken.

Wie gesagt – mich nerven beide Seiten. Dabei, wie ebenfalls gesagt, kann ich Assange und Wikileaks eigentlich verstehen und ihre Ideale nachvollziehen.
Aber das „wie“ macht mir Sorgen. „In doubt we publish“ ist das Motto der Seite. Und genau das kann ich nicht gutheißen. Ein rechtstaatlicher Grundsatz (und genau gegen die Nicht-einhaltung dieser Grundsätze will Wikileaks ja schließlich vorgehen) lautet „Im Zweifel für den Angeklagten“. Selbst wenn sie für sich selbst, pardon, darauf scheißen – das ist nicht allen zuzumuten. So ist es mehr als einmal vorgekommen, dass Wikileaks Dokumente veröffentlicht hat, die sich nachher als falsch herausgestellt haben. Dass Namen (und Konto-sowie Telefonnummern und Adressen) von Informanten und gänzlich Unbeteiligten in die Welt geschrien wurden. Nahezu alles, was Wikileaks in die Finger kommt, geht auch ungefiltert hinaus.

Damit betreibt Wikileaks allerdings keinen Journalismus mehr, auch wenn das gern behauptet wird. Journalistischer Ethos würde nämlich verlangen, seine Quellen zu prüfen, zu verifizieren und Unbeteiligte so weit es geht zu schützen. Halbwegs nüchtern zu berichten und so, dass möglichst wenig Schaden durch die Berichterstattung selbst entsteht. Sorgfaltspflicht nennt sich das und selbst Boulevardblätter legen davon in der Regel mehr an den Tag, als Wikileaks.

Nur ein Gedankengang: Nach Wikileaks-Vorgehen wäre es für niemanden ein Problem und für alle ein Nutzen, sämtliche noch vorhandenen Stasi-Akten unter großem Trara ins Internet zu stellen. Das wäre dann für alle, vor allem aber für die freie Bevölkerung Deutschlands ein Gewinn – und ein Gewinn auch für die Meinungsfreiheit und die Zugänglichkeit allen Wissens.
Glaubt das irgend jemand auch nur einen Augenblick lang? Das ist rohe Information, mit der niemand etwas anfangen kann. Oder genauer: Die, die etwas mit dieser Information anfangen können, die haben ohnehin Zugang dazu. Das regelt bei uns das Gesetz und eine Behörde, deren Namengeber übrigens in Deutschland beinahe Bundespräsident geworden wäre. Gerade wenn es nach den Leuten gegangen wäre, die jetzt mit Asange sympatisieren. Der Rest von uns? Der hat keinen Zugang zu diesen Informationen. Und das ist gut so! Denn alles, was daraus entstehen würde, wäre Verunsicherheit, Halbwissen, Fehlinformationen und allgemeines Misstrauen. Schon weil dieser ganze Papierwust von persönlichen Meinungen, Halbwissen und Halbwahrheiten nur so strotzt. Genauso wie die Dokumente der amerikanischen Diplomaten.  Würde nur eben uns betreffen, statt die.

Das liegt daran, dass wir – und allen voran ein Großteil der Medien – immer mal gern „Wissen“ mit „Information“ verwechseln.

Rohe Information auf den Markt werfen ist leicht. Das kann, mit Verlaub gesagt, jeder Depp. Das jedoch verantwortungsvoll und mit Fingerspitzengefühl zu tun, das wäre die gefragte Kunst. Und das beherrscht diese Organisation leider gar nicht. Dazu kommt das Messen mit zweierlei Maß: Denn für sich selbst nimmt Wikileaks genau das in Anspruch, was sie Regierungen, Geheimdiensten und Konzernen vorwirft: Größte Geheimhaltung und Verschleierung. Das kann so nicht funktionieren – und das tut es nicht. Weshalb die Organisation tatsächlich schon bröckelt.

Vor allem aber schadet es ihren gesetzten Zielen: Der schonungs- und vor allem rücksichtslose Kampf (der eigentlich eher wie ein wildes Um-sich-schlagen aussieht) bewirkt vor allem eines: Die Gegenseite darf endlich das aus der Schublade ziehen, was dort schon so lange liegt. Nämlich Gesetze zur Verschärfung der „Internetsicherheit“ und der Überwachung derselben! Interstaatliche Gesetze zu einer besseren Verfolgung von Inhalten und letztlich eine weltweit koordinierte Zensur – und vor allem die Schaffung von Mitteln zur selbigen. Denn jetzt sind sich Industrie und die Staatengemeinschaft einig wie noch nie – so eine schamlose Bloßstellung darf nicht nochmal passieren. also wird man sich schnell auf Gesetze einigen können, die vorher nie zustande gekommen wären.

Sicher – irgendjemand MUSS Schleimern, politischen Wendehälsen, Lobbyisten und schlicht Straftätern Paroli bieten. Aber das eben nicht mit dem Flammenwerfer, der das Gebäude über allen abfackelt. Und da sind auch Sympatisanten-Aktionen wie das Hacken von PayPal zum Beispiel vollkommen kontraproduktiv. Natürlich war es feige von denen (ebenso wie von Amazon) sich dem Druck der Geheimdienste und Regierungen vorauseilend zu beugen und Wikileaks auf die Straße zu setzen.

Großes ABER: Wikileaks hat die Geschäftsbedingungen dieser Unternehmen akzeptiert, die aber exakt eine derartige Verwendung ihrer Dienste ausschließen. Rein rechtlich ist den Unternehmen also überhaupt nichts vorzuwerfen. Und dass sie sich nicht in diesem Krieg* hineinziehen lassen wollen, sondern die metaphorischen Ladenschutzgitter herunterlassen – mal ehrlich, das ist verständlich. Nichtsdestotrotz: eine vorherige, gerichtliche Prüfung des Sachverhaltes wäre in diesen Fällen deutlich angebrachter gewesen als ein schnelles Ducken vor dem Druck von oben.

Zusammenfassend: Natürlich schaden die Internet-Gesetze mit ihren Regelungen und vorhandenen oder jetzt sicher folgenden Zensurmöglichkeiten sowohl der Allgemeinheit als auch der Pressefreiheit. Und damit letztendlich der Informationsbeschaffung, der Veröffentlichung von Missständen und der Möglichkeit, staatlicher und interstaatlicher willkür Einhalt zu gebieten. Aber einen ordentlichen Anteil daran dürfte Wikileaks bald selbst haben.

Wen das trifft? Natürlich nicht die Regierungen und Großkonzerne. Und auch nicht Wikileaks und ihre Hacker-Sympatisanten. und ganz sicher niemanden aus der professionellen Internetkriminalität. Es trifft sämtliche Normalnutzer, die zwangsläufig Grauzonen streifen und sich aus Unkenntnis nicht einmal verteidigen und schützen können.
Und es wird die Presse und die freie Berichterstattung – bis hin zu uns Bloggern – treffen. Denn wir sind, im Gegensatz zum ohnehin ungeachtet der Rechtslage operierenden Wikileaks, schön angreifbar, einfach zu finden und zu reglementieren. Prima gemacht, Herr Assange. Ganz toll. Früher nannte man das „Nachsitzen für die ganze Klasse, weil ein Arsch sich daneben benommen hat“. Der eine Arsch, der dann auch nicht zum Nachsitzen gekommen ist, weil ihm eh alles egal war. Allerdings gab das früher schon mal unter Umständen Klassenkeile. Weil eines noch unbeliebter war als die Schleimer: die notorische Petze. Möglich also, dass Hernn Assange jetzt die Ohrfeige der Presse trifft, sobald der mal aufgegangen ist, dass der Schaden, den er anrichtet, den Nutzen für die Allgemeinheit vielleicht doch nicht ganz rechtfertigt.

Hm. Vermutlich weiß ich wirklich nicht genug darüber. Aber ich bin auf jeden Fall gespannt.

——————-

*Die Bezeichnung als „Erster Informationskrieg“ finde ich übrigens albern. Das ist nicht der erste. Auch nicht der Dritte. Nur weil es denmeisten Leuten entgangen ist, heißt das nicht, dass es nicht schon früher derartige Krige gab. Das geht bis in die 70er zurück und Thema und Wort waren   ’98 schon mal groß in Mode.

3 comments for “Diese Sache mit Wikileaks

  1. Klaus
    21. Dezember 2010 at 17:45

    „Ich gebe zu, ich bin nicht der bestinformierte Mensch, was das Thema Wikileaks betrifft.“
    Die Ehrlichkeit ehrt. Aber: sollte man sich in dem Fall nicht erst besser informieren …oder still sein?

    • Tom
      21. Dezember 2010 at 18:55

      Och, das scheint in diesem Fall nicht so tragisch zu sein. Immerhin sind die meisten Meinungen dazu meiner Beobachtung nach noch wesentlich uninformierter. Vor allem die schonungslose Zustimmung zu allem, was die Organisation Wikileaks tut oder unterlässt, weist doch ziemlich deutlich darauf hin. Derzeit scheint es kaum Stimmen zwischen den beiden Extremen für oder wider WL zu geben. Das stimmt mich nun mal Bedenklich. Extreme sind selten gesund.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *