WordPress, Kreativität und nackte Tatsachen

Diesmal: Über WordPress-updates, nackte Werbung nach dem Sex-Sells-Holzhammerprinzip und über unsägliches Geschwafel über die „Kreativwirtschaft“ in der „Hauptstadt der Innovationen“ (aka. Berlin) in der aktuellen ZEIT. Wofür die Leute aus der Zeit nichts können. Das Geschwafel stammt nicht von den Kollegen Journalisten, sondern von den so genannten „Kreativen“. Vielleicht sollte man doch wieder eine Mauer um einen Teil von Berlin ziehen. Mit all diesen selbsternannten „Kreativen“ darin. Ganz offensichtlich leben sie ja sowieso schon in ihrer ganz eigenen Welt.

Aber von Anfang an.

So. Ein Gewaltakt wäre hinter  mich gebracht.
3 WordPress-Blogs bzw. -Seiten sind auf die neueste Version gebracht – ich muss sagen, ich bin von WordPress 3.0.1 bislang positiv beeindruckt. Das einzige Problem, das auftauchte, lag am Provider 1und1 – WordPress selbst ist eleganter, schneller und sauberer geworden – und endlich, endlich funktioniert auch die Auto-update-Funktion für alle Plug-ins.

Eine Seite hatte ich mir zwar dabei zerstört – aber das war wohl eher eigene Blödheit, die ich (wie üblich) durch meine Backup-Manie folgenfrei kompensieren konnte (rechnet man die eine Stunde Mehraufwand jetzt mal nicht…).

Erstaunlicherweise machen mir auch (z.B. gerade in diesem Blog hier) meine Templates diesmal überhaupt keinen Ärger.
Ich bin also hocherfreut und kann endlich mal wieder auf einem ordentlichen, technischen Stand arbeiten. Inzwischen lief ja doch die Hälfte meiner Plugins nicht mehr ordentlich, weil der Krempel zu alt war. Woran man merkt, dass WordPress also kein Microsoft-Produkt sein kann? Mit einem Update 5 Programmversionen (davon 2 major updates) übersprungen – und alles tut. Sauber.

Nicht ganz sauber hingegen können die Leute sein ,die folgende Werbung schalten. Mal ernsthaft – das ist nicht die einzige davon – und es ist ganz gewiss nicht die anzüglichste und gleichzeitig platteste der Serie. In Ordnung – sex sells und Handwerker hängen sich ja gern mal luftig- bis unbekleidete Mädels in die Werkstatt (vorzugsweise als Kalender). Aber irgendwie rechtfertigt das diese Werbung trotz allem nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sich der Hersteller hiermit wirklich einen Gefallen tut. „Wie wär’s mit richtig legen?“ – Bitte was?!

Und wo ich schon bei nackten Tatsachen und der Werbung bin – in der gestrigen Ausgabe der ZEIT (die mir gerade ein unglaublich altpapierlastiges Probeabo ins Haus schickt . Muss ich noch abbestellen. Bei uns wird nur alle 4 Wochen Altpapier geholt. Das übersteigt unser Volumen…) ist ein sehr interessanter Bericht enthalten, der von einem noch interessanteren Interview getoppt wird.

Unter der Überschrift „Die neue K-Klasse“ berichten Im Feuilleton Thomas Gross und Tobias Timm aus der „Hauptstadt der Innovationen“. Also aus Berlin, wo sich zwischen Kreativ-Hotel mit „Event Center“ und „Dynamic Space“ (letzterer ein Treppenaufgang mit wechselnden Ausstellungen…) und street credibility, Kreativ-Cluster und der Kreativ-Wirtschaft der „kreativen Klasse“ unterbezahlte und stressverkorkste Kollegen und Kolleginnen die Branche schönreden. Nach drei Seiten ZEIT ist das K-Wort endgültig ein Unwort.

Nichts anderes allerdings sagt ja auch Thomas Assheuers Interview mit dem Soziologen Ulrich Bröckling, der das K-Wort als „vergiftet“ bezeichnet und erst einmal für ein paar Jahre „in den Giftschrank gesperrt“ gehört. Er hat allerdings wirklich nicht unrecht, wenn er da auf Richard Florida hinweist (Erfinder der creative class – wofür allein er schon geschlagen gehört), nach dem „kreativ das ist, was ökonomischen Mehrwert schafft„.

Das ist beinahe so gut wie  der klugscheißende Schaumschläger Paul Arden mit seinem aus Plattitüden und schlicht (typografisch hervorragend verpacktem) Schwachsinn bestehenden „besten Buch der Welt“ den Ausspruch „Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern wer du sein willst“ zum Credo unserer Branche erheben will.
Beides ist in der Welt der Werbung, innerhalb der „Kreativwirtschaft“ vermutlich sogar richtig. Außerhalb davon aber, im wahren Leben, nicht.

Schön finde ich Bröcklings Aussage „Das Lob der Kreativwirtschaft klingt in meinen Ohren wie eine Identifikation mit dem Aggressor. Man feiert Zumutungen, weil man sie nicht ändern kann„. Was man sehr gut an Florida oder Arden bestätigt finden kann.
Ich habe es selten so schön ausgedrückt gefunden, wer denn in der „Kreativwirtschaft“ arbeitet: „…meist junge Leute zwischen Mitte Zwanzig und Ende Dreißig, in der Regel ohne Familie. Sie sind … mobil, dynamisch und bereit, mit wenig auszukommen. … Die Arbeitsbedingungen in der Kreativwirtschaft sind jedenfalls nichts für Leute, die kleine Kinder haben oder Angehörige pflegen müssen.

Dazu kommt das in der Branche so geheiligte Lob auf die Selbständigkeit, die unter jungen Kreativen immer noch von einem Hauch von Unabhängigkeit, Freiheit, Abenteuer und Partydrogen umweht wird. Auch hier findet er recht klare Worte: „Sein eigener Chef zu sein nützt wenig, wenn man sich rücksichtslos selbst ausbeuten muss, um irgendwie durchzukommen. Und Leben und Arbeiten verbinden heißt oft nichts anderes, als gar keinen Feierabend mehr zu haben.“ Das hat trotz allem einen gewissen Reiz, wenn man um die 30 ist. Geht man auf die 40 zu, ist von einer derartigen Lebensweise endgültig der Lack ab. Alles andere hieße, dass man ein Rad ab hat. Wobei das in diesem Beruf nur allzu oft vorkommt.

Schönes Interview, das im Ganzen zu lesen sich lohnt. Eventuell lohnt sich auch Bröcklings neues Buch „Das unternehmerische Selbst“. von Schwarten dieser Art halte ich ja eigentlich nicht viel – aber der Mann hat in diesem Interview in wenigen Sätzen eine Menge erstaunlich Wahres gesagt. Was vielleicht daran liegt, dass er nicht selbst aus der Branche stammt.

Letztendlich findet sich aber auch hier wieder eine Kernaussage: Der Druck – vor allem der Zeitdruck – ist in diesem Job in den letzten Jahren exponentiell gestiegen (was zu Kämpfen nicht nur mit harten Bandagen, sondern rostigen Nägeln, Hufeisen und Glasscherben in den Handschuhen führt) und gleichzeitig ist Kreativität zu einer Ware verkommen.

Wichtiger denn je also der weise Ausspruch meines Haus- und Zen-Meisters Herr Sprengel: „Faulheit ist eine Kunst. Sie zu beherrschen ist mindestens so wichtig wie jede Technik. Alle wirklich großen Erfindungen der Menschen sind aus Faulheit entstanden. Es lohnt sich also.“

Es lohnt sich, zwei Schritte zurück zu machen, sich nicht hetzen zu lassen und in Ruhe zu betrachten, was man da eigentlich tut. Und gelegentlich kreativ ohne Hintergedanken zu sein. Nicht, weil es ökonomisch sinnvoll ist – sondern nur weil es Spaß macht.

Oder wie Tassilo von Arnheim sagte: „Sag nicht, was du bist, sondern denk, was du meinst.

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