Urheberrechts-Piraten und Facebook-Panik

Es ist wieder mal so weit. Das Thema hat seinen Zyklus im großen Eintopf der Medienpolitik vollendet und ist zurück an die Oberfläche gedümpelt wie eine tote Ratte: Die Piratenpartei und das Urheberrecht.

Ein großer Aufschrei geht durch die Netzwelt – zumindest durch den Teil, der professionell mit dem Netz arbeitet und es nicht nur zum konsumieren nutzt. Der Aufschrei geht auch durch andere Medien, doch da ist er naturbedingt gedämpfter. Immerhin findet er wiederum das eine oder andere Echo in den online-Medien. Der Grund des ganzen Geschreis?

Die Piratenpartei hat erklärt, wie sie sich das mit dem Urheberrecht vorstellt.

Das ist zwar ein ziemlich alter Hut, schlägt aber jetzt erst seine Wellen. Es hat wohl niemand das Bundestags-Wahlprogramm dieser Partei vorher überhaupt gelesen.

Eine Begrenzung auf einen Zeitraum deutlich unterhalb der Lebenszeit des Urhebers halten wir für geboten. (…) könnte dieser Zeitraum etwa bei 15 Jahren liegen.

Ist es nicht süß? Da würde sich so mancher wirklich richtig freuen. Auch wenn es dazu nicht kommen wird. Da ist schon die GEMA vor. Man stelle sich vor: Keine Beatles-Songs mehr mit Urheberrechten! Schlimmer noch: Keine Einnahmen mehr über „Last Christmas“ von Wham! Das sind jährlich Millionen! Keine Chance.

Spaß beiseite – diese Idee ist so dermaßen undurchdacht, dass es schon beinahe wieder lustig ist. Man denke zum Beispiel an jene Künstler, die nicht nur einmalig auf einem „The Dome“-Sampler vertreten sind, den in einem Jahr schon ohnehin keiner mehr hört und die den Rest ihres Lebens wieder bei H&M in der Herrenkonfektion verbringen. Da geht es auch nicht um die ITler, deren Code quasi ohnehin schon überholt ist, wenn das Produkt, für den sie ihn geschrieben haben, auf den Markt kommt. Damit ist logischerweise nur unter Zwang Geld zu machen.
Das Problem betrifft alle, die ein Werk schaffen, das einen längeren Nachhall hat. Den Autoren, der nach 25 Jahren harten Schaffens am Existenzminimum endlich den Durchbruch schafft und dessen Bücher sich jetzt verkaufen wie warme Semmeln? Der hätte nichts davon. Urheberrecht verfallen – kann jeder drucken wie er will – der Mann bekommt keinen Cent. Auch nicht von der Hollywoodverfilmung, dem Merchandising und dem Musical. Vor unglaublich grausamer Fan-Fiction auf dem Markt kann er seine Werke auch nicht schützen (wenn ich da an Pratchetts Scheibenwelt denke, wird mir fast schlecht).

Tatsächlich kann er das dann schon zu Lebzeiten nicht. Ehrlich? Ehrlich.

Abgeleitete Werke sind neue künstlerische Schöpfungen und müssen dem Kreativen grundsätzlich erlaubt sein.

Brrr. Die oben erwähnten Musiker, vor allem Komponisten, die vor 20 Jahren mal einen Hit hatten – daran ist nichts mehr zu verdienen. Urheberrecht ist weg. Erfindungen? ah… da kann man Glück haben. Das Patentrecht greift auch ohne Urheberrecht. Aber ansonsten – der volkswirtschaftliche Schaden einer derartigen Idee ist überhaupt nicht absehbar, für einen betriebswirtschaftlichen Amateur wie mich auf jeden Fall nicht bezifferbar. Zum Glück muss man kein BWL-As sein, um zu erkennen, dass da jemand nicht mal die Grundrechenarten beherrscht.

Gut, irgend jemand muss das den Piraten auch mal gesagt haben, denn gleich darauf wurde ein wenig zurückgerudert. Klar, man kann ja hart arbeitenden Leuten nicht ihre Lebensgrundlage entziehen. Also kamen die Schlauschlümpfe auf die Idee:

Wir stellen uns gegen eine weitere Ausweitung der Schutzfristen. Eine Begrenzung auf einen Zeitraum bis maximal zum Tode des Urhebers halten wir für geboten.

Das ist eine Idee, ja. Über die kann man abends in der Kneipe am Tisch tatsächlich mal nachdenken. Aber doch um Himmels Willen in kein Wahlprogramm schreiben!
Da schreibe ich morgen einen Bestseller, fall übermorgen tot um – und meine Familie hat nichts davon. Klasse Idee. Für einen Fünftklässler. Wobei ich hier keine Fünftklässler beleidigen möchte.
Über das Szenario: ‚Geschichte hat das Zeug zum nächsten „Avatar“ mit 1 Milliarde Dollar Umsatz.‘ Möchte ich da gar nicht nachdenken. So ein Autorenunfall ist schnell und vergleichsweise günstig arrangiert. Urheberrecht erloschen. Sense, aus.

In Ordnung, das kann man in sein Wahlprogramm schreiben.
Aber dann sollte man eigentlich nicht von den Kreativen, den Medienschaffenden und den ITlern gewählt werden wollen. Denn hier rekrutiert sich eigentlich bislang der Großteil jener Leute, die mit der Partei nicht nur sympathisieren, sondern die alt genug sind, auch wählen zu dürfen. Seien wir ehrlich – die Grünen waren damals auch schon ziemlich mit dem Kopf in den Wolken. Aber zumindest den einen oder anderen Fachmann hatten sie dann doch an Bord, der ihnen sagen konnte, wenn sie tatsächlich völligen Blödsinn erzählen.

Es ist, im Gegensatz zu dem, was die Piraten selbst behaupten, keinesfalls zu Gunsten der Kreativen, der Schöpfenden und Kunstschaffenden. Im Gegenteil, es geht völlig an ihnen vorbei und hat ein wenig was von Schilda. Als würde die christ-demokratische Partei mit harten Bandagen für die Abschaffung des Religionsunterrichts kämpfen oder die FDP für die Abschaffung des Spitzensteuersatzes. Von wem wollen die Piraten denn jetzt eigentlich noch gewählt werden?
Urheberrechtsschutz bedeutet nämlich keinesfalls, dass man gewisse Dinge nicht frei verwenden darf. Wenn es der Urheber denn gestattet. Aber das sollte, in bester demokratisch-freiheitlicher Tradition, gefälligst ihm selbst überlassen werden. Wer seine Arbeit als Open Source bzw. unter Creative Commons Lizenz kostenfrei zur Verfügung stellt, dem sei das unbenommen. Ich freue mich auch, wenn ich an derartiges Material komme. Aber doch bitte nicht per Zwang!
Es bedeutet auch nicht, dass man sein Urheberrecht und damit die vorhandene rechtliche Handhabe durchsetzen MUSS.  Man hat eben nur etwas in der Hand, wenn es nötig ist.

Ein schönes Beispiel ist die derzeitige Facebook-Panik.

Von dieser kleinen, lustigen Aktion habe ich ja bereits berichtet: Möglichst viele Leute sollten sich berufen fühlen, ihren Avatar (also ihr Profilbild) durch ein Bild ihres Lieblings-Comic-Helden aus ihrer Kinderzeit zu ersetzen. Ziel war es, möglichst viel Nostalgie durch Facebook schweben zu lassen und mal wieder an die alten Helden der Kindertage zu erinnern (Captain Future führt unter meinen Kontakten übrigens immer noch). Auch die großen Medien wie z.B. BILD oder der Stern äußern sich begeistert über so viel anarchische Fröhlichkeit.
Jetzt aber werden ernste Panik-Stimmen laut – Und die Yahoo-Redaktion fragt sicherheitshalber einen Anwalt: Das Verwenden der Avatare sei schließlich eine Urheberrechtsverletzung und könne abgemahnt werden! Dem stimmen blogende Anwälte eilfertig und mahnend zu.

Das ist richtig. Sicher. Wenn wir ehrlich sind – das sollte zumindest jeder erwachsene Mensch bereits schon lange wissen. Ein Bild, dessen Rechte wir nicht besitzen, irgendwo verwendet (zum Beispiel im Internet) = illegal und rechtlich zu belangen. Das ist schließlich keine Neuigkeit – und nebenbei EXAKT das, wogegen die Piraten kämpfen.

Die Betonung liegt dabei aber auf „könne“.
Nicht „sollte“ oder „wird“. Denn als Rechteinhaber MUSS man seine Urheberrechte nicht durchsetzen. Und im Falle der Facebook-Nostalgie-Aktion wäre jeder Rechteinhaber wirklich selten dämlich, würde er das tatsächlich anwaltlich verfolgen lassen. Aus folgenden, einfachen Gründen:

  • Das Ganze ist eine einmalig geniale und vor allem vollkommen kostenfreie Werbemaßnahme ohne jeglichen Aufwand. Hunderttausende Leute bekunden, dass sie diese Arbeit so gut finden, dass sie genau diese bild zum Helden ihrer Kindheit erklären. Fan-Dom pur.
  • Das Ding ist auch noch zeitlich sehr eng begrenzt – es ist ein Happening, keine Dauerausstellung.
  • Es entsteht niemandem ein finanzieller Aufwand oder Schaden – und eine beleidigende oder ehrenrührige Verwendung ist es ebenfalls nicht.
  • Es kommt einem marketingtechnischen Selbstmordversuch gleich, genau diese fröhlichen Freiwilligen abzustrafen.
    Fans zu verklagen, die einen soeben über den grünen Klee beworben haben, dürfte in etwa so schlau sein, wie eine öffentliche Welpenverbrennung auf der Homepage.

Käme jemand etwa bei Disney auf die Idee, einem paar Hunderttausend Fans für die Verwendung von Bambi, Bernhard&Bianca oder Mogli Abmahnungen zu schicken, dürfte das eigentlich ein legitimer Grund für eine fristlose Entlassung wegen Geschäfts- und Imageschädigung sein.
Und falls doch irgendein schmieriger Abmahn-Anwalt von sich aus auf diese clevere Idee kommen sollte – ich bin mir recht sicher, dass der Konzern auf Anfrage einen gepfefferten Rechtsbeistand bietet. Gegen die Abmahnung. Alles andere wäre eine Form von schlechter Presse, die sich nun wirklich niemand in diesem auf Fans angewiesenen Business leisten kann.

Insofern bin ich gespannt, ob es tatsächlich mehr als nur Abmahngerüchte geben wird.
Anderen Quellen zufolge haben ja Disney, Paramount, Marvel und Co sogar ausdrücklich die Unterstützung der Aktion zugesichert.

Christopher Klein, Chef für das Digitale Marketing bei Disney, zum Beispiel gibt Entwarnung: „Nein, wir machen da nichts.

Der einzig schlaue Schachzug.
Und alles unter dem heutigen Urheberrecht. Vielleicht sollten sich das die Piraten bei Gelegenheit mal durchlesen. Man muss ja wissen, wogegen man ist.

PS: Urheberrechtlich sicher geschützt, jedoch gern zitiert: KEINE PANIK!

Wie nennt man das Prinzip noch gleich? Ach ja. Hatten wir schon lange nicht mehr hier.

httpv://www.youtube.com/watch?v=uF2djJcPO2A

2 comments for “Urheberrechts-Piraten und Facebook-Panik

  1. Oliver
    23. November 2010 at 00:17

    Tja, wobei ich allerdings aus direkter Erfahrung im Marketing-Bereich sagen muss: Man sollte von Leuten, die im Marketing arbeiten, nicht unbedingt erwarten, dass sie wissen, was gutes Marketing ist und was ein Schuss ins eigene Knie. Denn auch da gilt das Peter-Prinzip ;) Als Beispiel sei da nur die Musikindustrie zitiert, die gegen fallende Umsätze damit vorgeht, sich auch noch die letzten überzeugten Scheibenkäufer mit unverhältnismäßigen Strafforderungen oder aber mit eigenem illegalen Verhalten wie Patentverletzungen, Preisabsprachen etc. zu vergrätzen.

    Grundsätzlich hast Du im Übrigen mit Deinen Einwänden recht, allerdings lassen die sich auch schön umdrehen: Wenn der Autor eben keinen Unfall hat, soll dann ein grottenschlechtes Erstlingswerk noch auf Jahrzehnte hinweg seiner Familie auch mit erlauben, von goldenen Tellern zu speisen, nur weil er später etwas richtig gutes geschrieben hat, was dann einen Hype ausgelöst hat? Man könnte sich daher z.B. Lösungen überlegen, die statt vom Tod des Autors bei veröffentlichten Werken vom Zeitpuntk der Veröffentlichung ausgehen o.ä. Wenn das Ding 50 Jahre kein Geld abgeworfen hat, dann ist es vermutlich eher einem Hype als einem geistigen Wert zu verdanken, wenn es sich nach 60 Jahren auf einmal verkauft wie geschnitten Brot… Natürlich wird der Künstler gleich sagen, er war seiner Zeit einfach voraus ;)

    Das Problem wird ja noch viel komplexer, da ich ja auch noch in vielen Bereichen getrennt Urheberrecht und Verfielfältigungsrecht betrachten muss. Wenn ein Wissenschaftler seine eigenen Bilder vom Verlag, dem er das Copyright übertragen MUSSTE zurücklizensieren muss, dann wird’s teilweise schon etwas dreist.

    Und wo wir bei dreist sind: Die handwerkliche Leistung, einen Rembrandt halbwegs vernünftig ablichten zu lasten, sich versilbern zu lassen und die Leute gleichzeitig daran zu hindern, eigene Lichtbilder davon zu machen, führt das Auslaufen von Urheberrechten ad absurdum und daher m.b.M.n. hochgradig fragwürdig.

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