Unterschwellige Werbung und komische Gesichter

Dank Falko bin ich heute auf einen interessanten Briten gestoßen:
Derren Brown, der in seiner Show immer wieder vorführt, wodurch und wie einfach wir beeinflussbar sind. Auch Werbeleute, die es ja eigentlich wissen müssten.

In dieser Hinsicht interessant ist vor allem der Beitrag, in dem er zwei Werbeleute anheuert, um von ihnen in einer halben Stunde eine Grundidee für ein bestimmtes Plakat geliefert zu bekommen. Inklusive Logo, Claim, Firmenname und Motiv. Danach zeigt er ihnen, was er sich vorher selbst ausgedacht hat. ein sehr erhellendes Ergebnis. Wer also nicht glaubt, dass unterschwellige Werbung funktioniert, nur weil es verboten wurde, plump Werbebilder in Filme einzuklinken, der sollte sich Folgendes mal genau ansehen.

httpv://www.youtube.com/watch?v=ZyQjr1YL0zg

Nein, es ist nicht gestellt, ja es funktioniert.
Die meisten Kollegen werden mir da zustimmen – es ist schwer bis beinahe unmöglich, sich wirklich von dem zu lösen, was man in der letzten Zeit gesehen und aufgeschnappt hat, sei es in Zeitungen, Magazinen, Auf Plakaten oder im Fernsehen. Was immer man entwirft, es wird gefärbt sein, von dem was man gerade um sich erlebt hat.

Auf der Plus-Seite: Die meisten von uns nutzen diese Technik natürlich auch aktiv. Und die Beeinflussbarkeit ist ja nicht automatisch etwas Schlechtes. Zum einen hilft es uns, instinktiv und ohne großartiges Nachdenken halbwegs sicher den Zeitgeschmack zu treffen. Und das sollte man schließlich, wenn man etwas bewerben will, dass bei der Masse der Käufer dann auch ankommt. Auch deswegen ist es wichtig, sich mit dem Umfeld der Zielgruppe zu beschäftigen. Das meint nicht nur das übliche werbliche umfeld der zielgruppe sondern ihren „natürlichen Lebensraum“ an sich.

Eine alte, abgedroschene, nichtsdestoweniger jedoch wahre Weisheit sagt nicht umsonst: Wer nur Werbung macht, macht keine gute Werbung.

Das gilt im Übrigen nicht nur für meinen Beruf.
Ich bin nach wie vor der Meinung (und die Erfahrung gibt mir da recht), dass zum Beispiel Lehrer nur dann gut sind, wenn sie auch mal etwas anderes als Schule gesehen haben. Die besten Lehrer (bis auf einige wenige Ausnahmen), die ich hatte, waren entweder nicht immer Lehrer oder aber haben einen mindestens ebenso wichtigen Ausgleich. Ist ja auch logisch. Wie sollte jemand, der aus der Schule in die Uni und von dort direkt wieder in die Schule gegangen ist, jemand anderen auf das Leben „da draußen“ vorbereiten können, wenn er selbst nie „da draußen“ gelebt hat?

Es gab in den Handwerksberufen früher nicht umsonst „Die Walz“, bei der man zumindest mal für ein paar Jahre raus indie Welt und über den Tellerrand schauen musste, bevor man als einigermaßen brauchbar im Beruf galt.
Im Grunde gibt es das in meiner Branche immer noch: Kaum jemand ist wirklich gut geworden, der nicht mindestens eine Handvoll Praktika und drei oder vier Arbeitsstellen durchlaufen hat.

Und vor vielen Anderen gilt das auch für Autoren:
Wie viel Phantasie man auch mitbringen mag – Phantasie und das schreiberische Handwerk allein sind es nicht, die eine wirklich gute Geschichte ausmachen. Ein ganz wichtiger Punkt ist auch etwas Lebenserfahrung. Es schadet nie, wenn man als Leser tatsächlich ziwschen den Zeilen und Worten spüen kann, dass der Autor zumindest grundlegend eine Ahnung von dem hat, was er erzählt. Etwas, das über ein paar Stunden Recherche auf Wikipedia hinaus geht. Ich merke es meist, wenn der betreffende Autor einen Schwertkampf beschreibt, aber nur auf Hollywood-Filmwissen zurückgreifen kann. Wenn jemand selbst mal ein paar Stunden ein Schwert in der Hand hatte, schreibt er einfach anders. Das gilt für das Reiten, das Tauchen und alle möglichen anderen Lebenssituationen genauso. Es würde ja niemand erwarten, dass jemand ohne Führerschein, der das Autofahren nur als Beifahrer kennt, glaubhaft beschreiben kann, wie sich eine Verfolgungsjagd durch die Stadt für den Fahrer anfühlt.Wie eine glaubhafte, leidenschaftliche Liebesszene von jemandem der noch nie Sex hatte? Unsere Erfahrungen im Leben beeinflussen uns – und als Autoren beeinflussen sie unser Schreiben. Um gut zu schreiben, sollte man also auch erst mal Erfahrungen haben.

Ein etwas ungünstiger Nebeneffekt davon ist es, dass auch das, was man gerade liest oder im Fernsehen/auf DVD/im Kino sieht, dazu tendiert, spürbar auf den eigenen Schreibstil abzufärben. Zumindest ich muss also sehr genau auswählen, was ich sehe und lese, während ich schreibe. sonst wird es entweder nicht so, wie ich es gern hätte – oder ich bekomme, im schlechtesten Fall, gar nichts gebacken. Zumindest eine Fernsehabstinenz hat sich in Schreibphasen daher bewährt.

Zurück zu Derren und seinen Experimenten:
Wie weit die unterschwellige Beeinflussung gehen kann, kann man hier sehen. Nicht eingeweihte, buchstäblich hunderte Besucher einer Shopping-Mall heben aus ihnen unerfindlichen Gründen (und zu ihrem eigenen Entsetzen) plötzlich den rechten Arm. Eine perfekt ausgeführte, akkustische Beeinflussung, ebenso wie der „Trick“ Leute vergessen zu lassen, an welcher Station sie aussteigen müssen. Das bringt mich auf die eine oder andere wirklich interessante Schreib-Idee.

httpv://www.youtube.com/watch?v=IOEKdaXIEHc

httpv://www.youtube.com/watch?v=6bkleuxpvxY

Besonders interessant finde ich aber den Trickdieb-Versuch:

httpv://www.youtube.com/watch?v=CIIz2FAgwcw

Und dass das gut funktioniert ist auch eines der (gar nicht so geheimen) Geheimnisse von Google Advertising. Google selbst hätte es nicht schöner illustrieren können als exakt so:

Denn NLP, also Neuro-linguistisches Programmieren, ist genau das, was Derren da tut. Er verwendet die gleichen Techniken und treibt sie nur noch ein wenig weiter, um zu illustrieren, dass niemand (oder zumindest fast niemand) davor gefeit ist, auf Manipulationen von außen hereinzufallen. Er zeigt damit aber auch, wie gefährlich diese Art von Manipulation sein kann, wenn man sie beherrscht. Ein Aspekt, der mich in Hinblick auf NLP schon immer sehr, sehr nachdenklich stimmt.

Auch eine nette Form von Beeinflussung und Massenkontrolle: der aktuelle running gag auf Facebook.

Er kommt folgendermaßen daher:

Ersetzt zwischen dem 12. und 18. November euer Profilbild auf Facebook durch ein Comic-Bild aus eurer Kindheit. Ladet auch eure Freunde dazu ein. Ziel des Spiels? Keine „Menschenbilder“ mehr auf Facebook zu sehen, dafür eine richtige Flut an Kindheitserinnerungen!

Mit ein wenig schleppender anlaufzeit, sieht man derzeit beinahe nur noch comic-Bilder statt Personen-Portraits auf facebook, von Wicki und Hägar über Captain Future (der derzeit ganz, ganz weit vorn liegt) bis hin zu exotischeren Figuren wie Abrafaxe, Danger Mouse oder Lurchi. Das sieht dann so aus:

Teilweise macht man da erstaunliche Entdeckungen. Zum Beispiel, dass der Eingeweihte nicht nur ziemlich gut erkennen kann, wie alt jemand in etwa ist. Auch wer seine Kindheit im Osten Deutschlands verbracht hat, ist so erstaunlich gut herauszufinden. Die Abrafaxe oder digedags würde jemand aus dem Westen Deutschlands wohl kaum als seine Kindheitsidole angeben.

Diese ganze Aktion wurde übrigens, wenn man den Gerüchten glauben darf, von Xiko Rodrigues und Filipa Fonseca losgetreten: http://www.facebook.com/event.php?eid=175521892463725

Mittlerweile sieht das dann so aus auf Fcebook:
Vom 16. bis 30. November solltet ihr euer Profilbild ändern. Nehmt den Comic-Helden eurer Kindheit – Ziel des Spiels ist es, keine echten Köpfe mehr auf FB zu sehen sowie eine Woche lang unsere Kindheit wieder aufleben zu lassen! Macht mit und lasst es jeden wissen! :D english: Profile picture change from 16.-30.november. Take the comic hero of your childhood – the purpose of the play is to see no more real heads on Facebook as well as to let revive during 1 week our childhood! Takes part and lets it everybody know!!!!! español cambia del 16 al 30 de noviembre la foto de tu perfil, por una de tu dibujo animado preferido de tu infancia. Resultado: ninguna foto humana en facebook por una semana y recuerdos a la infancia. :) Participa y deja participar a tus amigos

Der kleine Spaß findet also jetzt tatsächlich weltweit statt und ist verlängert worden. Damit ist die Blödelei so groß geworden, dass sogar die Presse langsam darüber Bericht erstattet. Gepflegter, intelligenter Blösinn ist also durchaus massentauglich. ;)

Und das Ernsthafte dabei: Genau so funktioniert das Web 2.0. Werbeleute sollten sich derartige Effekte ebenso genau ansehen, wie die Sache mit NLP und unterschwelliger Werbung. Denn nur eine Facebook-Fanseite zu haben allein bringt überhaupt nichts.

PS:
Zum Schluss noch: Warum Wahrheit in der Werbung nichts zu suchen hat.
Das war der Aufhänger heute morgen. Danke, Falko.

httpv://www.youtube.com/watch?v=Go_VtqtxCHY

5 comments for “Unterschwellige Werbung und komische Gesichter

  1. 17. November 2010 at 18:20

    Immer eine Freude, mit einem sinnlosen Link anderen Leuten die Arbeitsmoral zu versauen. :)

    • Tom
      17. November 2010 at 18:28

      Definitiv gelungen. Danke! *g*

  2. 18. November 2010 at 09:28

    Zum Thema Comic-Bildchen: Die E-Mail ist tot. Es lebe der Facebook-Kettenbrief!

    • Tom
      22. November 2010 at 23:22

      Cool. Ich habe mir soeben einen automatischen(!) Pingback auf meinen eigenen Artikel fabriziert.
      Hatte ich auch noch nie…

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