Trauer tragen II: Pratchett und Übersetzungen

Ich bin gestern über etwas gestolpert, das ich Euch nicht vorenthalten will. Der neue Pratchett-Roman wird bei Manhattan auf Deutsch „Das Mitternachtskleid“ heißen.

Bei aller Gewöhnung an seltsame deutsche Buchtitelungen hat mich das doch wieder einmal ein wenig entsetzt.
Sehen wir mal ganz von der Tatsache ab, dass der Untertitel „Ein Märchen von der Scheibenwelt“ schon Blödsinn ist, da Pratchetts Romane – selbst die Jugendromane – schon seit einigen Jahren nicht mehr der Kategorie „Märchen“ zuzuordnen sind*. Das Tragische am „Mitternachtskleid“ ist, dass ein solches Kleid im Buch überhaupt nicht vorkommt! Der Titel hat keinerlei Bezug zum Buch – abgesehen von einer Fehlinterpretation des Originaltitels.

Der Originaltitel „I shall wear midnight“** wiederum umfasst ein ziemlich komplexes Bedeutungsgeflecht.
Von „Ich werde Trauer tragen“ über „Ich werde die Farbe tragen, die einer alten Frau geziemt“ bis zur eher wörtlichen Übersetzung „Ich werde Mitternachts-Blauschwarz tragen“ ist eine Menge enthalten.
Als Übersetzung wäre sogar „Die Farbe Mitternacht“ (in augenzwinkernder, jedoch inhaltlich gar nicht mal so abwegiger Anlehnung an „die Farbe Lila“) brauchbar gewesen. Die Kleiderfrage an sich, die „Das Mitternachtskleid“ noch annehmbar gemacht hätte, wurde zwei Romane früher in der Tiffany-Aching-Serie behandelt, in „A hat full of sky“***.  Die vielleicht nächste Bedeutung von „I shall wear midnight“ ist etwas in der Richtung von: „Wenn ich älter bin, werde ich angemessene und würdevolle Zurückhaltung zeigen – aber JETZT NICHT!“

Um noch genauer zu sein: Tiffany trägt ihre Kleidung symbolisch – und bewusst NICHT mitternachtsschwarz. Denn der Titel entstammt folgender Szene (im Doubleday-Hardcover auf Seite 288):

“But not in a black dress, I notice …?”
(…)”When I am old I shall wear midnight,” she said.
“Entirely appropriate,” said the pastor, “but now you wear green, white and blue, the downland colours, I can’t help noticing!”
Tiffany was impressed.

Es wird zwar im Zusammenhang mit Bekleidung verwendet, hat jedoch mit einem „Mitternachtskleid“ überhaupt nichts zu tun.

Zugegeben, seltsame Übersetzungen sind gerade bei Pratchett nichts Neues (ich erinnere nur an das Debakel mit „Nation“ – zu deutsch: „Eine Insel“). Über die Übersetzungen des Inhaltes kann man streiten, muss man aber nicht. Ich mag die Brandthorst’schen Übersetzungen nicht und lese Pratchett ohnehin nur auf Englisch – aber nicht umsonst gelten bei aller Kritik die deutschen Übersetzungen zu den besten weltweit. Kann man also so stehen lassen.

Aber die Titel. Die sind alle nur mehr oder weniger gelungen. Viele wirklich weniger.

Da war „Soul Music“ das zu „Rollende Steine“ wurde. Hier ist erstens die „Rolling Stones“-Assoziation an den Haaren herbeigezogen worden (schon weil man dafür schon zurück übersetzen können muss), zweitens inhaltlich irrelevant, da es nicht einmal um eine Band dieses Namens ging. „Felsmusik“ oder eine ähnliche Anspielung auf „Musik mit Steinen drin“ wäre noch gegangen, da „Seelenmusik“ auf Deutsch zugegebenermaßen irgendwie schwülstig klingt.

„Die Farben der Magie“ zum Beispiel war ein völlig unnötiger Übersetzungsfehler von „The colour of magic“, da es ja nur um EINE Farbe geht (eben die der Magie, die nur Magier sehen können), Oktarin. Das hätte trotzdem irgendwem mal auffallen müssen.

Und dann war da noch „Weiberregiment“ – auf meiner persönlichen Liste DER Spoilertitel des Jahrzehnts. Nicht umsonst braucht „Monstrous Regiment“ gut die Hälfte des Buches, um mit dem Clou herauszukommen, den das deutsche „Weiberregiment“ schon auf dem Titel herausposaunt. Das tat so weh…

Ja, ich weiß, Titel werden wie auch Titelbilder (und zum Teil Klappentexte) in erster Linie nach marketingtechnischen Gesichtspunkten gewählt.
Das gilt für Völker-Romane („Die Elfen“, „Die Zwerge“, „Die Insert-Volk-Here“) über die Klassiker „Die Firma“, „Der Anschlag“, „Das Kompott“ bis(s) hin zu schwülstigerem Material. Dazu kommt, dass ein Titel per Genre möglichst nur einmal vergeben wird.
So hat natürlich ein Titelbild oft nicht wirklich viel mit den tatsächlichen Geschehnissen im Buch zu tun, sondern fungiert als symbolisches Aushängeschild, das Genre und Richtung verdeutlicht, nicht aber den tatsächlichen Produktinhalt widerspiegelt. Ein Klappentext sollte das eigentlich schon – aber auch der ist ja oft genug nur grob richtungsweisend. Das dürfte beinahe jeder schon leidvoll erfahren haben. Ungefähr in dieser Richtung ist es auch mit den Titeln. Sie sollten nicht nur das Buch widerspiegeln, sondern auch ein wenig den Zeitgeist treffen, selbst wenn es für das Werk selber einen treffenderen Titel gäbe. Das ist mir schon klar.

Aber ich bin trotz allem immer wieder erstaunt, WIE weit daneben manche liegen.
Schmerzhaft sind zum Beispiel auch die Titel der John-Moore-Romane. Da wird aus „Slay and rescue“ (den zentralen Themen des Buches) ein seltsames „Hauen und Stechen“ und aus „Bad Prince Charlie“ ein „Blödprinz Charlie“ (und der arme, böse Prinz heißt auch den kompletten Roman durch auf deutsch Blödprinz… Autsch).

Interessant übrigens der Versuch, die Übersetzung des neuesten Neil Gaiman eben NICHT durch eine schlechte Übersetzung zu verschandeln. Heraus kam „Das Graveyard-Buch“. Hm. Ausgerechnet hier gibts doch mal eine gute und passende Übersetzung.

Trotzdem natürlich:

Es betrifft nicht nur die Fantasy. Eines meiner Lieblingsbeispiele der unverständlichen Titelgebung ist immer noch das Thriller-Duo Preston/Child, deren englische Romantitel von Knaur durch … englische Romantitel ersetzt werden.
Nur völlig andere als die originalen, englischen Titel und ergänzt mit einem deutschen Untertitel, der eigentlich zu 80er-Jahre-Groschenromanen gehört.
Aus „Reliquary“ wird so „Attic – Gefahr aus der Tiefe“ (wobei ich zuerst an einen Unterwasser-Roman dachte), aus „Stillife with crows“ (ein genialer Titel, finde ich) wurde „Ritual – Höhle des Schreckens“, aus „Brimstone“ wurde gar „Burn Case – Geruch des Teufels“. „The Cabinett of Curiosities“ heißt auf deutsch „Formula – Tunnel des Grauens“…

Genial dämlich ist übrigens „Feuermönche“ von James Rollins. Viel kaputt machen kann man bei dem Roman ohnehin nicht – aber immerhin hieß er „Map of Bones“, was erstens gut klingt und zweitens einen Bezug zum Inhalt hat. Feuermönche kommen nämlich in diesem Buch sogar noch weniger vor, als Kleidungsstücke aus Mitternacht. Nämlich überhaupt so richtig gar keine.

Das Spiel kann man noch schier endlos weiterziehen, durch beinahe alle Verlage und Genres. Es scheint beinahe so, als gäbe es in Deutschland einen geheimen Wettbewerb, in dem es darum geht, Titel am besten zu verdödeln.

Bleibt nur die tief erschütterte Frage: Warum?
Ich weiß es nicht – und es konnte mir auch bislang niemand eine vernünftige, schlüssige Erklärung geben. Falls es jemand kann – her damit, ich wäre da wirklich gern schlauer.

So gesehen ist das Mitternachtskleid zwar traurig, aber in durchaus illustrer Gesellschaft.

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*Okay, dazu habe ich eine Theorie: In den UK ist die Tiffany-Aching-Reihe neben ‘The Amazing Maurice …’ als ‘Young Readers’-Material eingestuft worden – im Gegensatz zu den restlichen Scheibenwelt-Romanen. Und wie ich gerade feststelle, trägt ‚Maurice‘ auf Deutsch den Titel “Maurice, der Kater – Ein Märchen aus der Scheibenwelt”. Nur dass das mit dem Märchen in diesem Fall ja stimmt. Daher wohl das ganze Problem.

** Nur als Info nebenbei:
Ich habe „I shall wear midnight“ (die englische Originalausgabe von Doubleday) für die Dezember-Ausgabe der Phantastik-Couch rezensiert. Ab Anfang Dezember also dort zu lesen. Vorab: Meine bislang höchste Bewertung auf der Couch. Ich scheue wirklich Werte über 90/100. Aber in diesem Fall…

*** “When I’m old I shall wear midnight, she’d decided. But for now she’d had enough of darkness.” – Danke für’s Raussuchen, Alex.

Nachschlag: Mehr zum „Mitternachtskleid“ bei Alex auf Cynxpire.

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Anderes Thema, nur kurz:
Andrea hat auf der Phantastik-Couch ein kurzes aber sehr treffendes Essay über das Verhältnis von Fantasy, Communities und das Internet geschrieben.
Sollte man mal gelesen haben!

„Nicht die Sehnsucht nach einer weniger technisierten Welt treibt immer mehr Leser in die Arme der Fantasy, sondern neue technische Möglichkeiten machen eine größere Verbreitung des Genres möglich.“

Soviel zum Eskapismus.

4 comments for “Trauer tragen II: Pratchett und Übersetzungen

  1. TPF
    24. November 2010 at 12:58

    Eine Freundin von mir ist Filmproduzentin/Drehbuchschreiberin. Mit der habe ich mich mal über eine ähnliche Frage unterhalten – Filmtitel. Auch da findet man hahnebüchene Übersetzungen, teilweise haben die Filme im deutschen Verleih auch andere _englische_ Titel usw. usf.
    Tatsächlich läßt sich aber an den Einschaltquoten im TV ablesen, daß die Zuschauer das wollen. Bei „Die Geschichte von X“ schalten einfach viel weniger Menschen ein, als bei „Blutnacht in Nonnentracht“.

    Bitter.

  2. Tom
    24. November 2010 at 13:08

    Jep, das hatte ich im Studium freilich auch erlebt. Wir haben einen Filmtrailer aus Rohmaterial geschnitten zu einem Film, der dann auf Sat1 oder so ausgestrahlt werden sollte. Der hatte eigentlich auch einen halbwegs ordentlichen Titel: Die keusche Göttin.
    Unsere Trailer sind dementsprechend ziemlich gut geworden – der Sender hatte sich dann aber für einen völlig reißerischen unter dem Titel „Jagd auf den Plastiktütenmörder“ entschieden.
    Angeblich auch, weil das die Quoten erhöhen würde. Der Film hatte besseres verdient. Vor allem, weil der neue Titel völlig falsche Erwartungen (auf einen typischen deutschen Fernsehkrimi) geweckt hat.

    Ich denke, das Ergebnis war tatsächlich: Höhere Einschaltquoten – aber jede Menge unzufriedene Zuschauer.

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