Vom Altern, Wehmut und RPG – der Dreieich-Con 2010

By Tom

Eigentlich sollte meine letzte Veranstaltung in diesem Jahr ja der Bucon (in Dreieich) sein, aber dann hat es mich doch gepackt: Ich bin auf den Dreieich-Con gefahren. Rollenspieler gucken.

Es hat sich gelohnt.
Die Entscheidung fiel letzten Samstag extrem kurzfristig(also Spätnachmittags). Glücklicherweise liegt Dreieich nur etwa eine Stunde Fahrzeit entfernt, insofern kann man das schon mal machen. Und immerhin lag meine letzte Con(vention) schon etwa 8 Jahre zurück. Darüber hinaus bin ich seit gut 5 Jahren trocken, was das Rollenspiel anbelangt. Höchste Zeit also, mir das ganze Mal wieder anzusehen. So als nicht Betroffener.

Da war ich dann. Ein klein wenig zu spät, um mir Karl-Heinz Wizkos Lesung anzuhören (aus einem Buch in Rohfassung, das noch nicht mal einen Titel hat. Nett.). Also streunte ich erst einmal kurz zwischen Tabletop-Tischen (ziemlich vielen), Trading-Card-Spieltischen (etwas weniger) und Pen&Paper-Spielrunden hindurch und sah mir die versammelte Spielerwelt an. Ja, es gibt sie immer noch, wie schon in meiner Jugendzeit: Die langhaarigen, schlecht rasierten Rollenspieler in Blind-Guardian-Sweatshirt und langem, schwarzen Ledermantel. Die, die nicht nur aussehen, als würden sie streng riechen, sondern das tatsächlich auch tun. Kein Wunder, wenn man im Mantel in einer gut beheizten Halle herumläuft, die mir schon im Hemd zu warm war. Ich habe 4 gezählt und bei zweien Geruchsproben nehmen “dürfen”. Heieiei. Jungs, lernt doch bitte aus den Fehlern der vorhergehenden Generation! ;)

Dreieich-Con 2010 - Impression I

Insgesamt war aber die erste Erkenntnis: Ich bin keiner der Senioren. Wenn ich über dem Altersdurchschnitt der anwesenden Spieler lag, dann aber keinesfalls weiter als bei meinem letzten Con! Das bedeutet – die komplette Szene ist mit mir gealtert. Dazu gleich noch was.

Die zweite Erkenntnis: Abgesehen von den Tischen mit den Table-Top-Spielern war der Frauenanteil um ein Vielfaches höher als vor 8 Jahren. Inzwischen fielen sie so wenig auf, dass es schon fast wieder auffiel.

Erkenntnis Nummer 3: Eine Kaffee-Flatrate lohnt sich durchaus auch an einem Abend. Zumal, wenn sie inklusive Con-No.20-Jubiläums-Becher kommt.

Dreieich-Con 2010 - Impression II

Abseits dieser wertvollen Einsichten gab es allerdings noch weitere Gründe, warum sich der Con-Besuch gelohnt hat. Zum Beispiel bin ich über eine ziemlich gute Illustratorin gestolpert. In Ordnung, das bitte nicht wörtlich nehmen. Ich bin Nadine Wewer an der langen Tafel der Illustratoren begegnet, an der auch andere mir bekannte Illustratorinnen wie Chris Schlicht oder Caryad (die mit den DSA-Illustrationen) ausstellten. Das Gespräch war kurz aber angenehm – und wir können wirklich noch einen guten Illustrationspartner für Steamtown brauchen. Das war einer der Gründe, warum ich mich dort umgesehen habe. Beim Umsehen bin ich übrigens auch noch auf den einen oder die andere von unseren Autoren-Kollegen gestoßen. Das ist eine Mafia, allesamt…

Mafia-Treffen: Eddie Temple und Karl-Heinz Witzko

Außerdem habe ich die Thomase Vaterrodt und Will sowie Simone vom Marburg-Con getroffen.
Deren kleiner aber allem Hörensagen nach feiner Con ist dieses Jahr ausgefallen, soll aber im kommenden wieder stattfinden. Vermutlich um Mai herum. Jetzt ist Marburg nicht so weit weg von mir – das sollte ich im Kopf behalten. Die Apokalyptischen Schreiber sind ja Marburger und auch einige andere der Üblichen Verdächtigen sind nicht allzu weit von dort entfernt beheimatet. Wäre also eine gute Gelegenheit, sich nach Leipzig nochmal zu treffen. Und vielleicht zu lesen? Mal seh’n.

Thomas und Thomas vom Marburg-Con

Jedenfalls war ich rechtzeitig für die Podiumsdiskussion „Cons in Deutschland – gestern, heute & morgen“, die von Thomas Finn moderiert wurde. Interessantes Thema, wenn auch mit nur knapp 30 Zuhörern in einem Altersdurchschnitt von Mitte Dreißig eher schwach besucht. Aber gut, die Leute waren doch eher zum Spielen hier, als sich die Klagen der Veranstalter anzuhören. ;)

Die Podiumsdiskussions-Runde

Es stellte sich unter Anderem heraus, dass mich mein Eindruck nicht getrogen hatte:
Der Altersdurchschnitt der Con-Besucher ist beinahe mit meinem eigenen Alter gestiegen. Der Con-Nachwuchs fehlt. Beziehungsweise die nächste Generation fehlt, die heute 16- bis 25-Jährigen (grob geschätzt). Das ist nicht nur an den Gästen zu sehen – das spüren vor allem die Veranstalter. Denen fehlt nämlich inzwischen der Helfer-Nachwuchs. All die Schüler und Studenten, die vor 15 oder 20 Jahren die Cons ausgerichtet haben, machen das heute immer noch. Nur sind sie heute keine Schüler und Studenten mehr, sondern Enddreißiger oder älter und müssen sehen, wie sie die Zeit zwischen Job und eigenen Kindern noch zusammenkratzen. Eigentlich schade, denn eine derartige Veranstaltung macht auch als Helfer ziemlich viel Spaß.

Ich denke aber, dass da ein Teil der Schuld auch bei den “alten Säcken” selbst liegt. Denn was in anderen Vereinen gang und gäbe ist – angemessene Jugendarbeit nämlich – das fehlt den meisten Gruppen und Organisationen dieser Art weitgehend. Ob diese Erkenntnis wirklich angekommen ist, weiß ich nicht. Denn eigentlich wollen die Leute ja spielen. Wenn man es ihnen nur mal – EINFACH(!) beibringt.

Leider sind die allermeisten Systeme heute nur etwas für langjährige Spieler, die in die Tiefe der Regeln vorgestoßen sind – sei es DSA, D&D, Rolemaster, Midgard, etc. – selbst die White-Wolf-Storytelling-Systeme sind inzwischen völlig regelüberladen. Die ‘Generation WoW’ hat nicht die Zeit und Geduld, ewig und drei Tage mehrhundertseitige Regelmücher zu wälzen, bevor sie sich an das erste Spiel wagt.
Und ich – ganz ehrlich – auch nicht mehr. Gib mir ein Spielsystem, bei dem die Regeln auf ein Din-A4-Blatt gehen (okay, von mir aus mit Rückseite) und ich fange wieder an. Aber selbst um mich in D&D oder DSA einzuarbeiten, habe ich heute nicht mehr die Zeit. Un die konnte ich vor 14 Jahren mal fast auswendig. Reden wir gar nicht erst von Rolemaster. Seltsame Experimente wie die D&D-Anfängerboxen sind da keine Hilfe. Ich will rollenspielen und keine Mischung aus Table-Top und Trading-Card-Game. Da kann ich auch gleich “Die Siedler” spielen.

Jugendarbeit etwas anderer Art ist allerdings als fehlend erkannt worden:
Der Feen-Con bietet inzwischen, wie ich gelernt habe, fachlich kompetente Kinderbetreuung für den Nachwuchs der Alt-Spieler. So weit ist es jetzt also schon gekommen.

Im Ernst, das finde ich klasse. Das ist auch etwas, das auf anderen Cons gewünscht und im LARP-Bereich ja nun sogar schon länger praktiziert wird. Immerhin hatte Deutschlands größter LARP-Con Mythodea ein eigenes “Familienlager”. Ich wollte eigentlich “Kinderlager” schreiben – aber das liest sich irgendwie seltsam.

Jedenfalls ist das auch notwendig, wenn die altgedienten Spinner von damals ihrem Hobby weiter nachgehen können sollen (und ohne die würde es ja leer werden). Natürlich ist das auch eine Investition in die Zukunft – aus den heute betreuten 10-Jährigen werden die Spieler von übermorgen. Nachdem sie aufgehört haben, sich für ihre bekloppten Alten zu schämen. Hoffentlich.

Überhaupt – LARP. Ein Konsens herrschte hier in Bezug auf die Pflicht zum sogenannten “Cross-Marketing”. Eine Öffnung der Veranstaltung in Richtung LARP auf der einen Seite und der digitalen Spielebranche auf der anderen. Derzeit ist das Pen&Paper-Spiel das Stiefkind zwischen diesen beiden Richtungen. Die LARPer spielen ihre Rollen am liebsten ganz aus – die Computerspieler der WoW-Generation im Grunde nur in recht strikt vom Medium vorgegebenen Minimalausprägungen. Beide können mit dem “expressiven Sitzen am Tisch” bislang wenig anfangen. Wobei hier doch der Phantasie am wenigsten Grenzen gesetzt sind. Aber stimmt schon: Wo sollen sie es lernen? Weder Larpie noch WoW-Spieler wird es auf eine Con wie in Dreieich ziehen. Der Anreiz fehlt.

Glücklicherweise haben das sowohl Con-Veranstalter als auch Spiele-Hersteller (digital wie auch im Dead-Tree-Format) erkannt und die Groß-Cons werden wohl in Zukunft deutlich “fächerübergreifender” arbeiten. Mit Live-Veranstaltungen, Spielepräsentationen, Multimedia-Events, etc.
Es scheint nötig, auch wenn ich es ein wenig schade finde. Aber zu sagen, dass “früher” ein paar Blätter Papier, ein Bleistift, ein Kilogramm Würfel und mehrere Pizzen gereicht haben, lässt mich älter wirken, als ich mir vorkomme*. Deswegen spar ich mir das.

Eine der Auswirkungen des LARP (und der flächendeckenden Einführung des Storytelling ins Rollenspiel) ist übrigens der Zuwachs des weiblichen Spieleranteils. Noch bis beinahe 2000 lag der Anteil der weiblichen Spieler bei nur knapp 10%. Zehn Jahre später ist es für den typischen Rollenspieler schon deutlich einfacher, auch während der bevorzugten Freizeitbeschäftigung mal einer Frau zu begegnen: Deren Anteil liegt heute bei gut 40%.
Ein wechselseitiger Effekt davon ist, dass die modernen Rollenspielabenteuer in der Regel deutlich komplexer und interaktionslastiger sind – ein reines Gemetzelabenteuer wie Nightmare Keep oder natürlich Hellgate Keep aus den 80ern bis 90ern käme heute wohl kaum noch zustande.

Die allgemeine Sozialisierung der Rollenspiel-Geeks wurde mit wehmütigem Grinsen verkündet. Und ich kam mir furchtbar alt vor. Immerhin – wir hatten vor 20 Jahren schon 2 Frauen in der 8-köpfigen Runde. Und vor 15 Jahren dann 3 Frauen und … einen ehemaligen Mann in einer 10er-Truppe. Das dürfte beinahe Rekord gewesen sein. Those were the days**…

In diesem Zusammenhang sind mir vorgestern beim Aufräumen und Altpapier-Ausmisten ein paar alte Ausdrucke in die Hände gefallen, die ich so interessant fand, dass ich sie Euch nicht vorenthalten will. Rollenspiel-Statistikmaterial von www.envoyer.de von 1997/98. Viel Spaß beim Durchsehen und vergleichen.

Fazit: Auch wenn die Cons (zum Glück?) heute nicht mehr sind, was sie früher waren – es war eine gelungene Veranstaltung, das Abendessen war gut und informativ, die Gesellschaft dabei ausgesprochen unterhaltsam (und ja, Tom, ich such den fehlenden, halben Satz noch raus). Außerdem hätte ich gern das angebotene Äthna-Adventure für den MAC. ;). Und nicht vergessen: Nächstes Jahr bitte eine Runde Cthulhu.

PS: Sollte ich mir jetzt noch eine Runde wehmütiges MUD-Memorial-Treffen geben?
Das Thema gab’s auch dort mal wieder. Und heute schneite prompt eine Mail dazu ins Haus…

——

*Wir hatten ja nichts! Nur grobes Sandpapier.

** In einer Ausgabe des “Dragon-Magazine” von Anfang der 90er gabs mal ein paar nette Songtexte. Aus der Serie mit Klassikern wie I am a Vrock, I am a Tana’ri oder New Orc, New Orc stammt, wenn ich mich recht erinnere, auch:

Once upon a time there was a tavern
Where we used to raise a dice or two
Remember how we played away the hours
And dreamed of all the great things we could do

Those were the games my friend
We thought they’d never end
We’d roll and play forever and a day
We lived the lifes we choose
We fought and never lose
For we were young and sure to have our way.
La la la la…
Those were the games, oh yes those were the games

Tags: con, Dreieich, LARP, Marburg, MUD, Rollenspiel, RPG, unitopia

9 Responses to “Vom Altern, Wehmut und RPG – der Dreieich-Con 2010”

  1. TPF

    Du schreibst: “Immerhin hatte Myranor ein eigenes “Familienlager”.”
    Damit meinst Du aber MYTHODEA, oder? Myranor ist ein Kontinent auf Dere, wenn ich mich nicht sehr irre! :-)

    #7918
    • Tom

      Sorry. Natürlich. wird korrigiert. Hab ich wirklich nicht gemerkt.
      Myranor spielte an dem Abend auch eine Rolle – und spät Nachts kommts bei Blogeinträgen shcon mal zu geistiger… Umnachtung. ;)

      #7927
  2. Guter und angenehm zu lesender Artikel, dem ich über weite Strecken voll und ganz zustimmen kann. Ich hatte mich mit Ulrich Schüppler (er und ich hatten übrigens den Stand neben Nadine) lange über das Thema Alter und RPG unterhalten und wir sind zu einigen netten Theorien gekommen, die ich hier aber nicht erörtern möchte. Das würde den Rahmen sprengen.

    #7950
  3. [...] Dinge zusammengetragen. Eigentlich wollte ich davon nichts niederschreiben, doch nachdem ich einen Artikel auf der Schreibblockade gefunden und diesen kommentiert habe, dachte ich mir das es möglicherweise [...]

    #8011
    • RPK

      Mich würde interessieren worauf sich die genannten Zahlen (bis ins Jahr 2000 ca. 10% weibliche Spieler, 2010 ca. 40% weibliche Spieler) beziehen, sind das Zahlen (Schätzungen?), die in der Podiumsdiskussion genannt wurden?

      #8740
      • Tom

        Für die Zahl von 2000 (genauer: von ©envoyer 1997) stammt das direkt aus den (im text ja anklickbaren) Dokumenten der Statistiken vom Envoyer.
        Zit: “Weiter konnten wir feststellen, daß 91% aller Rollenspieler männlichen Geschlechts sind. Für alle blonden Männer sei gesagt: 9% der Rollenspieler sind “leider”, “Gott sei Dank” oder wie auch immer weiblich.”
        Die 2010er-Zahl von 40% bezieht sich auf eine Feststellung, auf die sich die verschiedenen Ausrichter der Cons (Dreieich-Con, Feencon, …) und Spielehersteller (Ulysses, Pegasus, …) bei der Podiumsdiskussion als groben Richtwert geeinigt haben (vermutlich also mit Schwankungen von 5% plus-minus – allerdings, so die Aussagen, eher plus). einbezogen sind hier allerdings auch online-rollenspiele wie (ja!) auch WoW und natürlich die LARPs.
        Bei Tabletop und Card-Games im Rollenspielrandbereich sind es deutlich weniger (nämlich ein verschwindend geringer Anteil) – beim klassischen Pen&Paper vermutlich eher 5% weniger, aber sicherlich 1 Drittel (auch wenn man nach dem Con selbst geht).

        #8743
  4. [...] Tom Orgel gibt in seinem Blog einem persönlichen Rückblick, wo er auch über die alternde Zielgruppe [...]

    #8142

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