Follow the White … wait… Bat?!

Jep. Das ist es, woran „Fledermausland“ von Oliver Dierssen ein wenig (aber nur ein wenig) erinnert. Alice im Wunderland auf dem Weg in den Kaninchenbau. Nur dass es nicht Alice ist, sondern Sebastian. Und er folgt auch keinem weißen Kaninchen, sondern einer Fledermaus. Beziehungsweise versucht, vor ihr zu fliehen. Was aber auf das selbe hinaus läuft. Und er muss, nebenbei gesagt, auch keine roten oder blauen Pillen einwerfen, um einen seltsamen Trip zu haben, der seine Realität durcheinander bringt.

Vorab vielleicht noch:
Diese Rezension hier schulde ich Oliver mindestens seit der Buchmesse in Leipzig, wo er mir sein gerade noch benutztes Lese-Exemplar als zukünftige Rezensionsgrundlage in die Hand gedrückt hat, bevor er seinen Fans wieder Autogramme und Jung-Journalisten Interviews geben musste. Und er hat das in einer souveränen Art und Weise getan, die mir gleich ein wenig schmeichelte, damals. Es war sicher nicht so beabsichtigt – aber die Wirkung hatte ein wenig was von „Wartet mal bitte noch einen Moment, ich muss hier erstmal noch mit meinem Autoren-Kollegen ein wichtiges Gespräch unter unseresgleichen zu Ende führen. Dann gibt’s auch ein Interview.“ Hatte was, Oliver. Und über das mit dem Autogramm hatte ich ja schon berichtet.

Fledermausland habe ich inzwischen dann zum zweiten Mal gelesen.
Das erste Mal, um es eben gelesen zu haben und es rezensieren zu können – und das zweite Mal, um es endlich zu rezensieren. Und um noch mal nachzusehen, was Oliver eigentlich besser macht, als A. Lee Martinez. Den ich eigentlich nämlich mag.

Tatsächlich habe ich aber schon nach dem ersten Lesen festgestellt, dass ich mich nicht schämen muss, bei so starkem Stoff nicht in die Endrunde des Heyne-Fantasy-Bestseller-Wettbewerbes gekommen zu sein. Das Buch gefällt mir so gut, dass hier keinerlei Neid aufkommt.  Ich freue mich stattdessen, dass es ein derartiger Roman geschafft hat, bei uns veröffentlicht zu werden. Immerhin stammt er aus den Händen eines bis dahin im Grunde vollkommen unbekannten Autoren. Dazu bedient er auch noch ein humoristisches Segment, das innerhalb der Urban-Fantasy wirklich eine Randgruppe ist. Humoristische Urban-Fantasy.

Das ist wirklich selten. Da gibt es (neben den Tom Holts der 80er und 90er und den Dirk-Gently-Romanen von Adams) eigentlich nur Christopher Moore und A. Lee Martinez. Sonst fällt mir tatsächlich nichts ein, was vergleichbar wäre.
Insgesamt drängt sich beim Lesen immer wieder das Gefühl auf, einen Christopher Moore in der Hand zu haben. Das kann so subjektiv nicht sein, da ich mit dieser Feststellung nicht allein bin. Um so interessanter, dass Oliver von Moore noch nichts gelesen hatte, als wir uns in Leipzig getroffen haben. Vielleicht war das auch gut so. Sonst hätte er am Ende „Fledermausland“ gar nicht so geschrieben, wie es jetzt ist.

Enter Klappen (bzw. Amazon-)text:

Sind Sie schon einmal nackt einer Fledermaus begegnet?

Das ist nur eines der Probleme, mit denen Sebastian Schätz zu kämpfen hat, und langsam weiß er nicht mehr weiter: Die GEZ hetzt ihm eine Bande von Zwergen auf den Hals. Auf einer Toilette wird er von einem depressiven Vampir überfallen. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass die Frau, die er liebt, gar kein Mensch ist. Kann es für Sebastian noch schlimmer kommen? Ja, es kann … Willkommen im Fledermausland!

Sebastian Schätz, Anfang zwanzig, treibt eher planlos durch Hannover. Seine Freundin Kim ist zwar überirdisch schön, hält ihn aber noch auf Abstand. Also ist für Sebastian Priorität Nummer eins, Kim ganz für sich zu erobern. Doch auf einmal häufen sich die seltsamen Ereignisse: Zuerst muss er sich nachts gegen eine Fledermaus wehren, und zwar nackt. Dann vermasselt ihm auch noch ein Vampir das langersehnte Date mit Kim. Als er schließlich von einem unheimlichen Hausgeist und ein paar korrupten Zwergen entführt wird, dämmert Sebastian Schätz so langsam, dass er da in etwas hineingeraten ist: Ist die Welt völlig verrückt geworden oder nur er selbst? Für Sebastian beginnt die längste und wildeste Nacht seines Lebens. Er muss nicht nur sein, sondern auch Kims Leben verteidigen – und am Ende ist nichts mehr, wie es einmal war …

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja. Bin ich. Und?
Wenn man nicht gerade eine irrationale Angst vor kleinen Flatterdingern hat wie Sebastian, dann ist das nichts, weshalb man auch nur aufsteht. Es sei denn natürlich, der Fledermaus zuliebe. Die einen auch garantiert nicht daran hindert, sich etwas anzuziehen, bevor man sie vorsichtig aus der Gardine auswickelt.

Ich muss ehrlich sein – dieses seltsame Verhalten des Protagonisten gleich zu Anfang hat ein Bild von ihm erstellt, das ich nur mühsam korrigieren konnte. Das mag Olivers Arbeit als Arzt in einer psychiatrischen Klinik geschuldet sein, in der er vermutlich den seltsamsten Psychosen begegnet – aber normal ist das nicht. Auch wenn es gut geschrieben ist. Immerhin so gut, dass ich auch nach der Leseprobe Lust auf mehr hatte und nicht enttäuscht wurde.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Fledermausland ist eine Loser-Geschichte und die Geschichte einer Heldenreise, selbst wenn diese auf Hannover beschränkt bleibt.
Loser, weil Sebastian selbst bei niedrig angesetzter Messlatte ein eher lebens-ungeeignetes Weichei ist. Schlimmer noch als der weinerliche Frodo. Und Heldenreise, weil er es tatsächlich schafft, über sich hinaus zu wachsen und in den einen oder anderen Arsch zu tre… na gut, auf den einen oder anderen Po zu klopfen. Womit ich jetzt nicht den von Kim meine.

Close up and personal

Letztendlich ist es aber genau das (die Tatsache, dass er nicht zum Superhelden wird) der Umstand, der den Roman gut macht.
Oliver hält die Geschichte in einer gut austarierten Waage von „abgedreht“ und „klein“.

Ein sehr vergleichbares Gegenbeispiel dieses Prinzip ist derzeit A. Lee Martinez‘ „Monsterkontrolle“. Dieser Roman fängt in einem ähnlich lokal begrenzten Verlierer-Milieu an (wie ja auch Christopher Moores „Lange Zähne“ und „Liebe auf den ersten Biss“), ufert dann jedoch aus bis zum weltenumspannenden Finale. „Fledermausland“ hingegen bleibt auf nächtliche Hannoveraner Hinterhöfe beschränkt. Was ihn zugleich glaubwürdiger (sofern man diesen Ausdruck für humoristische Urban-Fantasy verwenden darf) und zudem amüsanter.

Fledermausland braucht einfach keine „großen“ Krisen, um zu funktionieren – die kleinen Schauplätze wie Kino-Toiletten, Bushaltestellen und Hinterzimmer heruntergekommener Puffs sind genauso gut geeignet um eine reiche Fülle von Absurditäten und skurriler Figuren unter zu bringen. Dass er sich für diese nicht nur in der handelsüblichen Schublade Werwolf/Vampir/Elfen/Engel bedient, kommt den ganzen zusätzlich zugute. Figuren wie der Domovoi, mit denen der typische Leser von Urban Fantasy normalerweise eher selten zu tun hat, genügen schon, um der Geschichte alle Exotik zu verleihen, die sie benötigt. Das man zuerst auf eher gewöhnliche Vertreter des Genres (wie eben die GEZ-Zwerge) stößt, erleichtert dabei den Einstieg.
Und dass, wie bei „Monsterkontrolle“, die Tierrettung eine Rolle spielt, ist tatsächlich Zufall. „Fledermausland“ war schon geschrieben, als Martinez‘ Roman erschien.

Pluspunkte: „Kleines“ Setting, funktionierender, trockener Humor mit nur wenig Slapstick, größtenteils glaubwürdige Charaktere, runde Sprache, runde Geschichte.

Minuspunkte:
Nummer 1 ist sehr subjektiv. Ich mir liegt der Protagonist nicht. Der Kerl ist mir einfach ein wenig ZU sehr auf Verlierer gestrickt. Ich kann mit derartig trüben Tassen auch im echten Leben nicht viel anfangen. Das brauche ich also auch nicht unbedingt in meinen Büchern.

Nummer 2: Der Hintergrund der Geschichte hat für meinen Geschmack in der 2. Hälfte zu viel Ähnlichkeit mit den „Wächter“-Romanen von Lukjanenko. Diese konkurrierenden Wächter-Organisationen der Lichtie- wie der finsteren Seite der paranormalen Parallelwelt sind mir einfach zu nah an der Grundidee des Russen (bzw. Kasachen, jaja). Dazu kommt, dass ich einen religiösen Aspekt der Geschichte vermisst habe. In Ordnung, man umschifft damit die eine oder andere politisch vielleicht nicht ganz korrekte Klippe – aber es fehlt doch etwas.
Schlicht und einfach, da im „echten Leben“ genau dieser Aspekt unweigerlich auftauchen und zur Sprache gebracht würde.
Ich kann trotzdem verstehen, warum das vermutlich ausgeklammert wurde.

Insgesamt ist „Fledermausland“ wirklich lesens- und empfehlenswert.
Oliver, ich würde auch eine Fortsetzung lesen. Und auch kaufen. ;)
Aber vielleicht ist Sebastian dann nicht mehr ganz so ein Flachtaucher.

Meine Wertung: runde 8 von 10 Punkten

Dierssen-Fledermausland_Rezension

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