Vampire sind die neuen Pferde

Das ist eine Feststellung, die meine Frau gestern getroffen hat, als wir uns über Twilight und Konsorten unterhalten haben.
—- Nachdem ich heute mit Genuss Andreas Kurzbemerkung über Werwölfe (bzw. den von ihr dankenswerterweise geposteten, offenen Fan-Brief „Taylor Lautner Fan Letter To Universal: Your Wolfman Ripped Off Twilight„) gelesen habe, würde ich diese Aussage zwar ausweiten auf „Twilight sind die neuen Pferdegeschichten“, aber vom Prinzip her ist die Beobachtung so scharfsinnig und treffend, dass es mir fast peinlich ist, als Schreiberling nicht selbst darauf gekommen zu sein.

Sie trifft auf Edward „Wendy“ Cullen ebenso zu, wie auf Jacob „Fury“ Black.
Der Vampir, respektive Werwolf, ist tatsächlich zum Pferdeersatz für Mädchen in der Frühpubertät geworden (eine Phase, die sich ja bekanntlich bei einigen Leuten erstaunlich weit erstrecken kann). Vergleichen wir:

  • Kraftvoll und muskulös- check
  • seidig glänzend, bzw. schimmernd oder gar funkelnd – check
  • ästhetisch ansprechend und anmutig – check
  • beeindruckendes Gebiss – check
  • Beschützerfiguren zum Anlehnen – check
  • treu und sanft – check
  • potentiell unbändig, jedoch bei liebevoll-hingebungsvoller Pflege handzahm (frisst aus der Hand) – check
  • definitiv nicht furchteinflößend – check
  • große, treue Augen und eine streichelweiche Haut – check
  • riecht gut – check
  • latent, jedoch nicht überwältigend (wichtig!) gefährlich – check
  • latent, jedoch nicht überwältigend (wichtig!) sexuell besetzt – check

Die hier propagierten Vampire und Werwölfe sind damit von der Warn-Figur für Frauen vor dem unbändigen, sexuell unmäßigen und zerstörerischen Tier im Manne zum Ersatzfreund Pferd für pubertierende Teenies geworden.
Eine allgemein anerkannte Interpretation der Pferdevernarrtheit junger Mädchen ist es schließlich, dass Pferde für eine gewisse Phase exakt das Bedürfnis nach dem großen, beschützenden Freund erfüllen, an dem Mädchen sich anlehnen kann. So lange, bis die Anziehungskraft der Jungs die Oberhand gewinnt. Was der Grund dafür zu sein scheint, warum sich viel mehr Mädchen für Pferde interessieren, als Jungs – es aber fast gleich viele männliche und weibliche erwachsene Reiter gibt (für die das Pferd einfach nur ein Pferd ist und kein Ersatz-Kuschelpartner).
Die Zielgruppe von Twilight ist damit fast 100%ig exakt beschrieben.

tompferd

Me and the common vampire

So gesehen könnten die Twilight-Vampire ebensogut Black Beauty, Flashdance oder Fury heißen und die Werwölfe Lassie, Boomer oder Pongo.
Und die alte Weisheit „Das größte Glück der Erde liegt auf dem Rücken der…“ könnte ebensogut aus Frau Meyers Welt stammen.

Wobei man da eigentlich den Pferden unrecht tut.
Als langjähriger Reiter bin ich überzeugt davon, dass im durchschnittlichen Pferd weit mehr destruktives Potential (und in vielen eine deutlich durchtriebenere Intelligenz) steckt, als in den Figuren aus dem Twilight-Universum. Aber diese Seite der Pferdewelt wird in der „Wendy“ ja auch nicht thematisiert, insofern ist das schon okay.

So, die nächsten Tage werden wieder zeitraubend, deshalb hier mal schon: Gute Woche euch allen.

PS: Facebook hat übrigens eine recht verstörende Werbeanzeige.

Dieses seltsame, kleine Pelztier streckt darauf den Hintern in die Höhe und wackelt rhythmisch damit. Ich weiß nicht, was es und die zugehörige Headline sagen wollen – aber ich vermute, dass ich es auch gar nicht wissen will. Könnte natürlich sein, das es auch etwas Zwielichtiges ist.

like-animals

12 comments for “Vampire sind die neuen Pferde

  1. Nadine
    21. Februar 2010 at 20:49

    Ja, das ist ein Gedanke, der einem durchaus kommen kann und mir gefällt deine Checkliste.
    Aber warum nur dürfen die Mädels in Pferdebüchern stark und selbstbewusst sein und am Ende eine gleichberechtigte Partnerschaft eingehen, bzw., sie sind der dominatere Part (Welcher Teen lässt das Pferd bestimmen, wohin der Ausritt geht? Und welches Mädchen lässt sich gerne von einem Pferd für dumm verkaufen, egal wie süß es ist?) und in den Vampirbüchern wird schnell klar, dass sie nur so lange stark sind, bis sie die Schulter zum Anlehnen domestiziert/geheiratet haben?
    Die Altersgruppe, die in der Bib Vampirromane ausleiht erstreckt sich von den Teens bis hin zu den reifen Damen Mitte 40.

    Also ganz 100% stimme ich dem nicht zu, aber die meisten Punkte kann ich so stehen lassen ;-)
    Dumm nur, wenn man als Autorin eine Empfehlung bekommt, das mit der dominanten Protagonistin sein zu lassen oder einen stärkeren männlichen Gegenpart dazu zu schreiben. *grrrr*

    Grüße und mach die nicht so viel Stress!
    Nadine (die unheimlich gerne mal wieder ein vierbeiniges Objekt ihrer Begierde in der Nähe hätte)

  2. Tom
    21. Februar 2010 at 21:18

    Zitat 1: „Die Altersgruppe, die in der Bib Vampirromane ausleiht erstreckt sich von den Teens bis hin zu den reifen Damen Mitte 40.“

    Das meinte ich mit „(eine Phase, die sich ja bekanntlich bei einigen Leuten erstaunlich weit erstrecken kann)“. *fg*

    Zitat 2: „das mit der dominanten Protagonistin sein zu lassen oder einen stärkeren männlichen Gegenpart dazu zu schreiben.“
    Ernsthaft?! Aua! Wer war das?

  3. Nadine
    21. Februar 2010 at 22:20

    Zitat: „Ernsthaft?! Aua! Wer war das?“
    Leider jemand, die sich mit den Zielgruppen professionell beschäftigt und auskennt.
    Dabei ist mein Teenseufzroman eigentlich schmonzettig genug und ich wollte mir nur den Spaß gönnen, den männlichen Prota etwas zu quälen.
    Vielleicht sollte ich meinen Gruftipferderoman in Angriff nehmen. Leider sind Maden weder süß, noch sexy.

    Dann bin ich mal gespannt, ob von dir demnächst etwas über Zombiepferde und Steampunk zu lesen ist.

  4. Tom
    21. Februar 2010 at 22:46

    Hm. Braucht Mr. Ferret ein Pferd? Wär mal ne Überlegung.

    Ich muss übrigens noch mehr einschränken:
    Mir sind gerade die beeindruckenden, fleischfressenden Pferde der iro-keltischen Sagenwelt eingefallen, die Kelpies oder ihre griechischen Verwandten Sinus, Lampus, Podargus und Xanthus, die Gäule von Thrakerkönig Diomedes aus der Herakles-Sage.

    Die Verbindungen zwischen Pferden und Werwölfen scheinen noch enger zu sein als gedacht.
    Schmankerl: Aus der Teutschen Zeitschrift für die gesammte Thierheilkunde, Seite 120. … *g*

  5. 22. Februar 2010 at 09:16

    Brillant erkannt! Ich bin beeindruckt und schließe mich an.

    Aber wir halten fest: Pferde schmecken besser. :)

  6. 22. Februar 2010 at 11:36

    Schließe mich ebenfalls an. Überraschend schlüssige Argumentationskette.
    (was den Geschmack angeht, kann ich leider nicht mitreden. Habe noch nirgendwo Werwolf auf der Speisekarte gelesen)

  7. 22. Februar 2010 at 22:12

    Danke. Das war das vernünftigste Statement über das Phänomen „Vampirroman“ seit Langem.

  8. TPF
    23. Februar 2010 at 13:56

    Das, mein lieber Freund, merke ich mir, und ich werde es noch sehr oft zitieren.
    Natürlich mit Quellenangabe! :-)

  9. SRB
    26. Februar 2010 at 03:44

    Ich bin schockiert, dass du so viele Namen kennst. Flashdance? Ich erlaube meinem Hirn das gerade mal als Film, in dem ein metrosexueller Tanzlehrer pubertierende Halbblinde erfreute, abzuspeichern.

    Und wo ist Mr. Ed? Wobei ich mich da immer frage, ob das mit der Erdnussbutter nicht ziemliche Tierquälerei war.

    Aber on topic: Das ist eine wirklich scharfsinnige Analyse. :)

  10. Tom
    26. Februar 2010 at 10:59

    Bitte! Mr. Ed ist ja wohl eine andere Klasse.
    Der Bela Lugosi unter den Pferden, sozusagen. Den wollen wir besser nicht mit Robert Pattison in Verbindung bringen.

  11. 1. Mai 2010 at 12:49

    wie treffend :)
    als Teenager bin ich am liebsten auf so riesen Warmblut-Schlitten durchs Gehölz gejagt – und jetzt, jenseits der 30, hab ich einen struppeligen kleinen Haflinger ;)

    Aber mal Spass beiseite, es stimmt wirklich – welches Mädchen älter als acht liest heute noch Pferde-Geschichten? Scary….!

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