Platypus Plagiatus Perfidus

Eigentlich wollte ich ja die ganze Plagiatsgeschichte (wer mehr davon will, kann sich mal nach Döner-Krimis umsehen) auch schon wieder als Episode abgehakt behandeln.
Jetzt habe ich mir aber gerade mal angesehen, welche Seite inzwischen auf diesen Artikel verlinkt und was dort so diskutiert wird.
Und dabei bin ich auf eine verblüffende Verwirrung hinsichtlich des Themas Plagiat gestoßen.
Was ist das überhaupt und warum? Und was unterscheidet eigentlich eine Hommage, eine Parodie oder ein Sample von einem solchen?

Ich versuch’s mal kurz zu halten (jaja…), da mich zwei bis drei der Randgebiete davon ja auch betreffen.

Zuerst einmal die Wikipedia-Definition (ausführlicheres dazu dort):

Unter einem Plagiat (vom latn. plagium, „Menschenraub“ abgeleitet) wird im Urheberrecht allgemein das bewusste Aneignen fremden Geistesguts verstanden. Die weitere Definition ist umstritten. Eine Auffassung setzt für ein Plagiat die Benutzung eines urheberrechtlich geschützten Werkes voraus. Eine unerlaubte Benutzung liegt vor, wenn ein Werk ohne Zustimmung des Urhebers unverändert übernommen, umgestaltet oder bearbeitet wird (§ 23 UrhG)[1] Das so veränderte Werk muss dann noch vom Plagiator als sein eigenes ausgegeben werden.

Nach anderer Ansicht bedeutet Plagiat nur das Unterlassen der Quellenangabe bei einer sonst erlaubten Benutzung des Werkes. Nach dieser Meinung ist Plagiator, wer als Inhaber eines Nutzungsrechts die eigene Urheberschaft behauptet oder wer bei zulässigen Zitaten (§ 51 UrhG) das zitierte Werk nicht angibt.[2]

Sogar Selbstplagiate sind möglich. Der Urheber ist zwar berechtigt bei der Schöpfung eines neuen Werkes ein älteres Werk zu benutzen. Wenn die Rechte an dem älteren Werke auf einen Erwerber übergegangen sind, ist das ältere Werk nicht frei (§ 24 UrhG).[3]

Mit anderen Worten:
Plagiat ist, wie Frau Hegemann so anschaulich gezeigt hat, wenn man von anderen Werken klaut und behauptet, es wäre auf dem eigenen Mist gewachsen (oder man hätte die Rechte daran). Wenn man sich also mit fremden Federn schmückt oder zumindest, wenn es schon nicht schmückt, damit Ruhm und oder Geld einnimmt (ausgenommen natürlich die Bettenindustrie und verwandte Gewerbezweige. Die dürfen das).
Das ist rechtlich zumindest in Teilen ziemlich genau festgeschrieben und betrifft nicht nur Texte, sondern auch z.B. Musik, Design- und Produktdesigngegenstände (Imitate wie z.B. Guci-Taschen oder Adadis-Sneaker aus China sind zumeist auch Plagiate), Film und eigentlich alle kreative Arbeit und ein guter Teil wissenschaftlich-technischer Art kann als Plagiat auftreten. Sehr gern übrigens in meinem Brot-Beruf getan: in der Werbung. Da sind Plagiate sogar schon mit höchsten Auszeichnungen versehen worden, bevor es aufgeflogen ist. Beispiele gefällig? Bitte, hier. In diesem Fall geht es dabei „nur“ um geklaute Ideen, aber trotzdem.

Und zumindest die Herzogenauracher Sportartikelhersteller geben da keine Nachdruckgenehmigungen nach Fernost raus und sich auch nicht mit drohendem Finger zufrieden. Das wird richtig teuer.
Weil ich gesagt habe, Imitate sind zumeist auch Plagiate, gleich eine Einschränkung:
Der Adadis-Schuh ist kein Plagiat, dennoch aber strafbar. Grund: Er versucht, in betrügerischer Absicht so zu tun, als sei er das Original. Es wird also nicht die Urheberschaft in Anspruch genommen, sondern eine Fäschung untergeschoben.
Plagiat wäre, wenn der Hersteller in Fernost ein Modell des Sportschuhs nachbauen würde – und es dann unter seinem eigenen Namen als eigene Entwicklung verkaufen würde. Ein kleiner aber feiner Unterschied.

Wieder ein wenig anders liegt die Sache beim Sample.
Meist in der Musik verwendet ist das aber durchaus auch in anderen Bereichen denkbar und verwendet: Im Film (z.B. im genialen „Tote tragen keine Karos“ mit Steve Martin, der fast nur aus Samples besteht. Aber auch in zahlreichen Filmen, in denen zum Beispiel ein anderer Film läuft), im Buch, in der bildenden Kunst (Kollagen sind oft aus Samples. Hier wird es schon knifflig…).
Ein Sample ist ein verwendeter ausschnitt aus einem anderen Werk (und das, worauf sich die Axolotl-Dame berufen hat).
Legal ist das aber nur, wenn man brav dafür gezahlt, oder zumindest sich die Erlaubnis des ursprünglichen Rechteinhabers geholt hat. Dann kann man das schon mal machen. Ansonsten ist auch das Samplen strafbar.

Eine Hommage hingegen ist eine Verbeugung vor dem Werk eines anderen.
Das muss nicht zwangsläufig etwas ähnliches sein, ist aber oft so gestrickt, dass man das Original ehrerbietig verpackt wieder findet. In aller Regel aber wird bei der Hommage dazu gesagt, vor wessen Werk man sich da verneigt.
Ein Zitat dagegen ist eine wort (oder Bild-, etc.) getreue Wiederholung der Schöpfung eines anderen – unter genauen Angaben der Quellen. In diesem Fall gibt es strenge Auflagen, die dann das Zitieren zulässig machen (besonders wichtig für Facharbeiten).

Eine Parodie oder Persiflage, ebenso wie eine Satire hingegen muss nicht zwangsläufig dazusagen, wer oder was da parodiert oder persifliert wird.
Aber – und das ist ein wichtiges Merkmal – diese Formen zielen darauf ab, dass der Rezipient genau erkennt, welches Werk gemeint ist. Man verleugnet also nicht die Urheberschaft des Zieles der Persiflage. Vor allem, weil diese ja schon mal gar nicht funktioniert, wenn der Leser/Zuschauer gar nicht merkt, WAS da veralbert wird. Es ist hier also sogar wichtig für den Effekt, dass genau klar ist, was das Original ist – das man mehr oder weniger ironisch, satirisch oder auch bösartig vorführt. Was nicht dadurch geht, dass man es stoisch übernimmt, sondern indem man es in irgendeiner Form abandelt, so dass es absurd(er), lustiger oder z.B.entlarvender wird. Das beginnt bei „Lampooning“-Sachen wie den Zucker-Abrahams-Zucker-Kommödien im Stil von Scary Movie über die Weltraum-Serienparodie „Galaxy Quest“ bis hin zu feinsinnigen Anspielungen in „ernsten“ Filmen (was oft schon wieder an die Hommage grenzt). Das ist tatsächlich erlaubt, da man hier eine völlig andere Aussage trifft, als das behandelte Original (und vielleicht auch, weil es fast noch mehr Arbeit bedeutet… *g*).

Wenn also z.B. Terry Pratchett ein Haus auf eine Hexe fallen lässt und ein Mädchen in roten Schuhen über eine gelbe Backsteinstraße gen Gennua marschiert, dann ist das eine Persiflage – weil die Hexe wieder aufsteht und sich böse über das Drecksgör beschwert, um sich nachher mit Glod, dem geklonten Zwerg auseinander zu setzen. Die Szene ist amüsant, weil man das Original kennt. Es nimmt das Oringinal aber auf den Arm – und hat noch einen anderen Zweck in der Geschichte (weshalb es eine Persiflage ist, und keine Parodie).

Generell gilt: Hat eine Arbeit aus sich selbst heraus einen neuen, vom Original deutlich unterschiedenen eigenwert (meist bei Collagen der Fall, oft aber auch bei Bildmanipulationen von Digitalkünstlern), dann ist auch die ungefragte Verwendung prinzipiell rechtens. Es muss eben ein eigenständiges Werk von künstlerischem Wert entstehen.  Allerdings sollte man lieber einen sehr guten Anwalt an der Hand haben, denn das ist nahezu immer eine Einzelfallfrage.

Was wir schließlich noch haben, sind Arbeiten, die neu aufgelegt werden, weil ihre ursprünglichen Urheber- oder Patentrechte erloschen sind. Bei uns ist das 70 Jahre nach dem tod des Urhebers (also NICHT 70 Jahre nach entstehen des Werkes!) der Fall (bei Patenten sieht das etwas anders aus).
Das ist ein Grund, warum Seth Greenes Jane-austen-Mashup „Pride and Prejudice and Zombies“ möglich war.
Insofern ist das auch mit Karl May-Werken möglich, ebenso wie z.B. mit z.B. dem Zauberer von Oz, da Lyman Frank Baum, der Autor, 1919 gestorben ist.
„Mein Kampf“ übrigens fällt ab 2015 in diese Kategorie, da Hitler ’45 gestorben ist (in Japan übrigens gilt das schon jetzt. Da sind es nur 40 Jahre Urheberschutz).

Das ist der Grund, warum es in letzter Zeit so viele Neubearbeitungen des Wizard von Oz gab, auf denen nie der Name „Baum“ auftauchte. Es war nicht mehr nötig.

Was mir dabei übrigens auffällt ist, dass eines der Lieblingsbücher aus meiner Kinderzeit ein eiskaltes, waschechtes, 100%iges Plagiat ist:

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Alexander Wolkows „Die Smaragdenstadt„, Band 1, von 1939. Ich habe sie geliebt – und Wolkow hat noch einen draufgesetzt, indem er einfach Fortsetzungen geschrieben hat. Die ich fast noch besser finde. In diesem Fall hat das Plagiat für mich fast mehr wert als das Original. Das war zwar schon damals höchst illegal – nur war Wolkow dank der politischen Lage einfach rechtlich nicht angreifbar – und das auf Jahrzehnte hinaus. Glück für mich – und ein Lesetipp zum gelungenen Plagiat. Da könnte sich mancher All-Age-Fantasyautor heute noch eine Scheibe abschneiden.

Eine Scheibe abzuschneiden bin ich übrigens auch versucht. Bei einem 1940 erschienenen, deutschen Science-Fiction. Den kein Schwein mehr kennt und den ich eigentlich (modernisiert) gern mal nachschreiben würde. Allerdings muss ich da noch 10 Jahre warten, denn der Autor ist erst dann 70 Jahre tot. gutes Buch, trotzdem. Im Stil von Hans Dominik.
Hm. Mir fällt auf, dass ich einen ganzen Packen Science Fiction aus den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts habe. Einen guten Teil davon geerbt von meinem Großvater. Originalausgaben. Ist mir bis jetzt noch nie aufgefallen – aber das heißt, das ein Opa in den 50ern und früher SF gelesen haben muss. Das ist … unvermutet geekig. Okay, aber in seiner Generation hatte man noch die Ausrede, dass SF von Ingenieuren geschrieben wurde und „Wissenschaftsroman“ hieß. Trotzdem…

Wie auch immer: Gute Nacht.

Ach ja: Ob das Schnabeltier, das perfide, wirklich des Plagiats schuldig ist, ist schwer zu sagen. Der Schnabel von der Ente, der Beutel vom Känguru, der Schwanz vom Biber, das Fell vom Otter… So wie das Ergebnis wirkt, könnte es auch einfach eine Parodie sein. Und das ist erlaubt.
Trotzdem. Es sollte sicherheitshalber mal mit einem Anwalt reden.

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