Ist euch eigentlich mal aufgefallen, dass der Kerl einen Mädchennamen hat?

2. Arbeitsversion „Furt-Szene“ aus dem Manuskript „Das Buch der Helden“, Leseprobe
T. & S. Orgel, alle Rechte vorbehalten

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„Endlich schien sich der Wald zu lichten und instinktiv atmeten die Gefährten auf.
„Seht, meine Freunde“, rief ihr Führer Glorifindia mit glockenheller Stimme, „bald haben wir die Furt erreicht, die uns über den Anilin bringen wird. Von dort ist es nicht mehr weit bis zum Berge Carkass, unserem Ziel. Doch Vorsicht jetzt und aufgemerkt – damit betreten wir nicht nur den Boden des Dunklen Imperiums, sondern auch das Gebiet des furchtbaren, berühmten Orronenkönigs Ozdun, des erklärten Feind des Lotheriens und unseres ganzen Volkes.“
„Ozdun?“ murmelte Rescher, dessen Laune sich durch den Strammen Waldlauf nicht gerade gebessert hatte, „Nie gehört. Muss man den kennen?“
„Das wundert mich nicht“, entgegnete der Eloi schnippisch. „Gebildeten Kennern der Literatur ist er über die ganzen Mittleren Ebenen bekannt durch die entzückende Ballade ‚Der Orronkönig’. Allerdings kommt das Wort ‚Gold’ nicht darin vor.“
Fisl und Bogumil grinsten. „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“, intonierten sie im Chor, „Es ist Lord Snogul, er raubt ein Kind …“
Glorifindia machte einen begeisterten Luftsprung und klatschte entzückt in die Hände. „Ihr kennt es!“ rief er aus.
„Wer nicht“, lächelte Fadrak.
„Pah!“ knurrte Rescher, „Ist euch eigentlich mal aufgefallen, dass der Kerl einen Mädchennamen hat?“
„Lord Snogul?“
„Nee, Glorifindia.“
„Jetzt, wo du’s sagst“, meinte Fisl.
„Gar nicht wahr!“ protestierte Glorifindia heftig.
„Wohl, ist es“, grinste Rescher.
„Ist es nicht!“
„Doch, wohl! Die Tochter eurer Königin heißt schließlich so!“
„Pöh.“
„Hah! Jetzt schmollt er schon WIEDER!“ feixte Rescher gehässig.
„Tu ich gar nicht!“
„Tust du wohl!“
„Könntet ihr jetzt mal aufhören?“ knurrte Fadrak.
„Aber er hat angefangen!“ verteidigte sich der Eloi.
„Gar nicht!“
„Wohl!“
„Haltet die Fresse!“
Begleitet vom Kopfschüttelnd ihrer Begleiter verzogen sich Dalkar und Eloi an die entgegengesetzten Enden ihrer Marschgruppe.

„Wird die Furt eigentlich bewacht?“ erkundigte sich Jon leise, als wenig später der Fluss durch die lichter werdenden Bäume glitzerte.
Glorifindia schüttelte die pomadierten Locken. „Für gewöhnlich nicht“, antwortete er. „Wir schicken ab und an eine Patrouille vorbei, um nach dem Rechten zu sehen, aber die Orrons kommen eigentlich nie so weit herunter.“
„Wir sollten trotzdem vorsichtig sein“, brummte Fadrak. „Ich könnte mir vorstellen, dass der Dunkle Thron unseren Weg vorausgesehen hat.“
„Der Dunkle Thron? Warum sollte er das tun?“  Bogumil musterte den Magier nachdenklich.
Fadrak zuckte mit den Schultern. „Ich würde es tun. Es würde mich wundern, wenn unsere Queste bislang unbemerkt geblieben wäre. Besonders, da in Lotherien einige Agenten des Throns anwesend waren.“
„Ihr meint, wir könnten erwartet werden?“ Jon blieb erschrocken stehen. Dann straffte er sich und zog sein Schwert. „Na gut. Dann sollten wir vorsichtig sein.“
„Das war das, was ich gerade gesagt habe, glaube ich.“ Fadrak verzog das Gesicht und machte sich an den Abstieg zum Flussufer.

Hinter einem dichten Gebüsch am Rande der rauschenden Furt sammelten sich die Gefährten. Vorsichtig spähten Glorifindia, Fad und Jon durch das dichte Blattwerk auf das gegenüberliegende Ufer.
„Nichts zu sehen“, flüsterte der Eloi.
„Das ist der Sinn eines Hinterhaltes“,  murmelte Fadrak neben ihm.
Jon runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber wie kriegen wir dann raus, ob da drüben jemand ist?“
„Tja, Jungchen. Das ist die Frage, nicht?“
„Ihr könnt ja aufstehen und winken“, bemerkte der Rescher sarkastisch von hinten.
„Gute Idee“, sagte Bogumil und stand auf. „He!“ rief er und formte mit den Händen einen Trichter vor dem Mund, „Irgendjemand da? Hallo?“
Stille antwortete ihm. Lediglich ein paar Vögel verließen verärgert schimpfend das andere Ufer.

Nach einigen Momenten atemlosen Wartens öffneten die Gefährten zaghaft die Augen und schielten zu Bogumil hinauf.
„Lebt er noch?“ flüsterte Fisl.
Bogumil hob die Augenbrauen.
Fadrak musterte ihn von unten. „Sieht fast so aus.“, murmelte er.
„Nicht tot?“
„Sieht nicht so aus.“
„Was zu sehen, Bogumil?“
„Nope.“
„Das“, stellte Rescher fest, „war entschieden eine der dämlicheren Aktionen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe.“
Fisl spuckte ein altes Blatt aus. „Wie wahr.“
„Was verstehst du eigentlich am Wort ‚vorsichtig’ nicht, Bogumil?“ fauchte Fadrak.
Der Krieger zuckte mit den Schultern. „Es ist eh niemand da“, bemerkte er lakonisch.
„Hat er keinen Pfeil im Rücken oder so?“
„Scheinbar nicht“, seufzte Rescher, “Leider. Du kannst jetzt rauskommen, Fisl.“
„Na gut. Es scheint sicher zu sein“, gab Jon zu und klopfte sich den Waldboden aus den Kleidern. „Dann lasst uns schnell den Fluss überqueren, bevor sich das ändert.“
„Immer noch keine Pfeile?“
„Ich würde vorschlagen, dass Bogumil voran geht“, stimmte Fadrak zu.
„Was? Wieso ich?“
„Weil du der Entbehr… der Mutigste von uns bist. Und“, fügte der Magier mit einem scharfen Blick hinzu und rückte seinen Bart gerade, „weil ich der weise und vor allem mächtige Magier hier bin und dir den Hintern anzünde, wenn du dich nicht in Bewegung setzt.“
„Gutes Argument.“ Rescher nickte zustimmend.
Bogumil schnaubte, schob sein Gepäck zurecht und watete in die Furt.
„Ist er immer noch nicht tot?“
„Nein, und wenn du die Hände vom Gesicht nimmst, Fisl, kannst du’s selber sehen und musst nicht dauernd fragen.“
„Vergiss es“, kam Fisls Stimme unter dem Busch hervor, „sobald ich das mache, passiert was Schreckliches!“
„Davon weiß ich nichts“, knurrte Fadrak gereizt, „aber ich weiß, dass etwas Schreckliches passiert, wenn du nicht sofort da raus kommst.“ Er richtete einen bedeutsamen Finger auf das zitternde Blattwerk, hinter dem sich der Dieb verbarg.
Quiekend sprang Fisl in den Fluss und watete Bogumil hinterher.
„Magier sein ist ziemlich cool, was?“ grinste Rescher und schickte sich an, in den Fluss zu steigen. Dann blieb er jedoch wie angewurzelt stehen. „Oh-oh“, murmelte er und starrte ans gegenüberliegende Ufer.
Dort waren wie aus dem Nichts drei riesige schwarze Pferde aufgetaucht, auf denen drei vermummte Gestalten in schwarzen Rüstungen und wehenden Umhängen saßen.
„Ich hab’s doch gesagt!“ kreischte Fisl und kam spritzend zurück gerannt, um in’s Dickicht zu hechten.
Bogumil und Jon rissen ihre Schwerter heraus und auch die anderen griffen zu ihren Waffen.
„Verdammt“, knurrte Fadrak, „die Dunklen Reiter.“
„Kchhhh … Ihr da!“ donnerte eine mächtige Stimme über das tosen des Flusses, „Gebt uns den Hobbit:“

Die erstarrten Gefährten sahen sich an und zuckten der Reihe nach mit den Schultern.
„Was?“ rief Jon schließlich zurück.
„Was?“, donnerte der Dunkle Reiter.
„Was ist ein Hobbit?“

Einer der beiden anderen Reiter beugte sich zum Wortführer und schien ihm etwas zu zu flüstern.
„Chrrrr … vergesst den Hobbit“, donnerte der erste Reiter schließlich, „Gebt uns … Krchch … das Buch!“
„Ihr werdet das Buch nie bekommen!“ schrie Jon zornig und schwenkte drohend das Schwert.
„Was sollte uns aufhalten?“
„Jon, Bogumil, ihr solltet jetzt besser aus dem Wasser kommen“, zischte Glorifindia hinter ihnen. Dann rief er laut: „Der Fluss selbst wird euch hindern! Der Zauber von Lotherien wird es keinem Dunklen Reiter je gestatten, einen Fuß auf das diesseitige Ufer zu setzen!“
Langsam ging der Eloi rückwärts und bedeutete den restlichen Gefährten, das Ufer zu erklimmen.
„Das ist kein Problem“, rief der zweite Reiter, „Wir hatten nicht vor, abzusteigen. Jetzt rückt das Buch heraus!“
Glorifindia zuckte mit den Schultern, zog sein reich ornamentiertes Schwert und reckte es herausfordernd in die Luft. „So kommt denn und holt es euch!“
„Ist der total bescheuert?“ keuchte Fadrak, während er den Dalkar die Böschung hinauf zog.
„Er ist ein Eloi“, antwortete Rescher trocken.

„Diese Entgegnung war weder witzig noch geistreich.“, rief der zweite Reiter, „Dafür aber ziemlich dämlich. Du hättest noch hinzufügen sollen: Nur über meine Leiche. Das wäre wenigstens angemessen gewesen.“ Er schnippte seine Zigarette in den Fluss und gab seinem Schlachtross die Sporen. Einen Augenblick bäumten sich die Pferde schrill wiehernd auf und dann donnerten die drei Reiter in die Furt hinab und durch den Fluss.

Rescher wollte dem Eloi gerade eine scharfe Bemerkung zuwerfen, als er plötzlich ein ausgesprochen bösartiges Lächeln über dessen ebenmäßiges Gesicht huschen sah. Glorifindias Klinge zuckte blitzend herab und mit einem scharfen Knall peitschte ein durchtrenntes Seilende dicht über den Kopf des Dalkar.
„Hurtig jetzt! Kletter schneller, kleiner Mann.“, rief der Eloi ihm lachend zu und schnellte mit eleganten Sätzen den Hang hinauf.
Rescher warf einen Blick auf die Dunklen Reiter, die bereits fast die Mitte der Furt erreicht hatten und dann flussaufwärts, von wo aus jetzt ein ominöses Donnern aufbrandete.
Was daran lag, dass um die nächste Biegung heran, gekrönt von Flocken weißer Gischt, eine unerwartete Brandung donnerte.
„Was zum …!“
Einen Moment lang glaubte Rescher fast, eine Herde weißer Pferde inmitten von Schaum und Gischt galoppieren zu sehen. Bis ihm klar wurde, dass die Woge eine Wand aus Felsen, bleichen Baumstämmen und einigen ausgesprochen zornigen Bibern vor sich her schob. „Oh Sch… !“
„Deine Hand! Schnell! Gib mir deine Hand!“
Der Dalkar sprang so hoch er konnte und ergriff Jons ausgestreckten Arm, der ihn auf den Ast einer mächtigen Weide zog, kurz bevor Ufer und Furt von der Welle aus Wasser und Geröll begraben wurden. Unter schrillem Wiehern und düsteren Flüchen verschwanden Pferde und Reiter in den Fluten und mit deren splitternder und malmender Fracht flussabwärts.

Einige endlos erscheinende Minuten später ebbten Lärm und Wasserstand allmählich wieder ab und lediglich einige verspätete Baumstämme rumpelten noch durch die schlammige Furt, verfolgt von zeternden Bibern.
„Das war ja mal was …“, stellte Rescher beeindruckt fest und wrang sich den Bart aus.
„Ja“, bemerkte Fadrak nüchtern, „und zwar etwas verdammt Hinterhältiges. Gefällt mir. Hat jemand unseren heldenhaften Dieb gesehen?“

Es dauerte eine ganze Weile, bis der morastverklebte, zitternde Fisl gefunden und aus dem Gebüsch geborgen worden war, in dem er sich verheddert hatte.
Kurz darauf waren sie, angeführt vom fröhlich pfeifenden Eloi, wieder auf ihrem Weg zum Berg Carcass.

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