Buch der Helden – Deleted Scene I

Mit einem stirnrunzelnden Blick auf die zwei seltsamen neuen Wächter vor Lord Snoguls Büro trat Dominia ein und schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Was sind das für Clowns da draußen, mein Lord“, fragte sie Snogul, der hinter seinem Schreibtisch saß und sich durch einen Stapel Dokumente wühlte.
„Ah!“ bemerkte der Kanzler und hob freudestrahlend seinen Blick. „Dominia, meine Liebe. Herein, herein! Wie ich sehe, habt Ihr sie bereits bemerkt!“ Er ließ den Haufen Papier auf seinen Tisch fallen und wedelte in Richtung eines Sessels. „Ich dachte mir schon, dass Euch das freuen wird.“
„Tatsächlich?“

„Natürlich“, Snogul nickte zu dem Sessel und als Dominias Blick endlich seiner Geste folgte, entdeckte sie eine Gestalt in schwerer, weißer Rüstung, die einen klobigen Eisenhelm mit einer geradezu grotesk großen Nase und seitlich angebrachten, feuerroten Pferdehaarbüschen auf dem Knie balancierte und sich gerade einen Kelch Wein einschenkte. „Darf ich Euch die langersehnte Verstärkung vorstellen, um die Ihr vor Monaten schon ersucht habt, meine Liebe?“ Die Gestalt schenkte ihr einen freudloses Grinsen, das ihr Gesicht nicht attraktiver machte und salutierte. Jedoch ohne aufzustehen, wie Dominia sehr wohl bemerkte.
„Ah. Habe ich, mein Lord?“ entgegnete die Generalin vorsichtig. „Wenn Ihr so freundlich wäret und meinem Gedächtnis auf die Sprünge helft?“
„Sicher, sicher. Setzt Euch doch.“ Snogul versuchte, ihr einen Kelch in die Hand zu drücken, den sie geflissentlich ignorierte und nickte zu dem Gepanzerten. „Dies ist Major Boba. Der neue Befehlshaber der von euch angeforderten Clownkrieger.“

„Clownkrieger“, wiederholte Dominia tonlos.
„Genau“, strahlte Snogul, „Die Idee ging mir nicht mehr aus dem Kopf, seit Ihr mir davon erzählt habt, und so habe ich mich entschlossen, mich höchstpersönlich darum zu kümmern. Mit dem heutigen Tage stehen Euch 250 gut ausgebildete, hochmotivierte Clownkrieger unter dem Befehl von Major Boba zur Verfügung. Weitere 500 sind in Ausbildung und werden binnen weniger Wochen einsatzbereit sein.“

„Clownkrieger“, sagte Dominia abermals und diesmal klang sie ein klein wenig ungehalten.
„Eine hervorragende Idee, wenn Ihr mich fragt, meine Liebe. Ich stimme Euch voll und ganz zu, dass sie unser Heer wahrlich bereichern werden. Gut für die Truppenmoral und vermutlich höchst verwirrend für den Feind.“

„Vermutlich. “ Dominias rechter Augenwinkel begann, zu zucken. „Clown? Krieger?“
„Ich kann Euch zu Eurer brillanten Idee nur beglückwünschen, meine Liebe“, fuhr Snogul eifrig fort, „Ich meine, anfangs war ich ja ein wenig im Zweifel, aber jetzt, wo ich sie vor mir sehe, muss ich Euch zustimmen. Eine solche Truppe hat man sicherlich noch nie gesehen. Das eröffnet uns völlig neue, taktische Dimensionen! Das bringt sozusagen wieder das Fest ins Schlachtfest, wenn Ihr mir den Scherz erlaubt.“ Der Kanzler kicherte sichtlich erbaut.

„Ich werde Euch nicht daran hindern können“, knurrte die Generalin. „CLOWNKRIEGER?! Bei allem Respekt, Lord Snogul, aber ich bat Euch darum, eine Armee von Klonkriegern aufstellen zu dürfen! Klonkrieger, nicht Clownkrieger!!! Ich finde das nicht witzig!“
„Klonkrieger?“ Snogul wirkte verwirrt. „Aber was sollte das denn bringen?“
„Was das bringen sollte?“ Dominia seufzte verzweifelt und musste mit sich ringen, um den Kanzler nicht vor Bobas Augen zu erwürgen. „Ich wollte eine schlagkräftige, unaufhaltsame Armee aus gleichgeschalteten, leicht zu steuernden, willenlosen Kampfmaschinen, beliebig reproduzierbar und billig in der Haltung und im Sold!“
„Haben wir dafür nicht unsere Dunklen Reiter?“ fragte der Kanzler verständnislos.
„Nein, mein Lord. Die Reiter sind unzureichend, veraltet und zudem erschreckend undiszipliniert! Wir hätten Hunderte von gehorsamen Soldaten mit einem einfachen, rechtlichen Kniff auf einer einzigen Besoldungsstelle abrechnen können und wären nicht mehr darauf angewiesen, in den Dörfern Freiwillige zu rekrutieren! Stattdessen liefert ihr mir Clowns! Ich hasse Clowns!“ Die Generalin schrie es nahezu hinaus.

Ein ehrlich geschmeicheltes Lächeln wanderte über Bobas narbiges Gesicht. „Freut mich, zu hören. Wir arbeiten hart daran.“
Er stellte seinen Kelch auf Snoguls Schreibtisch und erhob sich mit knarrender Rüstung. „Ich denke aber, meine Generalin, Ihr missversteht die Natur meiner Truppe. Ich hoffe jedoch, dass ich Euch davon überzeugen kann, dass wir keineswegs zum Scherzen aufgelegt sind, wenn es um unser Handwerk geht.“
„Nicht?“ fragte Snogul verwundert, „Aber…“
Boba seufzte, verdrehte die Augen und bedachte Dominia mit einem wissenden Blick, der das Interesse der Generalin weckte. Sie musterte sein freudloses, bleiches Gesicht mit den tiefliegenden, roten Augen und der schwarzen Tränen-Tätowierung auf der Wange. Nun, sie konnte sich allerdings vorstellen, dass ein solcher Mann auf einem Kindergeburtstag für Verheerung sorgen konnte. Mehr noch – wer auf Kindergeburtstagen auftrat, war vermutlich nicht mehr durch viele Greuel zu erschüttern. Sie betrachtete den Major mit anderen Augen. „Nein“, entgegnete dieser, an die Generalin gewandt. „Man behauptet zwar, wir würden dem Tod ins Gesicht lachen, aber das ist nur eine Redensart, die jeglicher Grundlage entbehrt. Und was unsere Kompetenz betrifft, Generalin, seid unbesorgt. Ihr erinnert Euch an den Eimertrick von General Grusty?“

Dominia nickte langsam. Sie hatte die stille, beinahe melancholische Autorität des alten Generals mit dem grinsenden Totenkopf als Wappen immer bewundert. Er war einer der wenigen, der ihre Reorganisation des Heeres von Ji Indra von Anfang an unterstützt hatte. Und wenn sie bedachte, was er, nur mit dem Inhalt eines unscheinbaren Eimers und einem Klappstuhl, unter drei Dutzend Elitekriegern der Mittleren Ebenen angerichtet hatte…
„Er war mein Mentor“, ergänzte der Major sachlich. „Und wie er schätze ich die neue Art, mit der Ihr die Truppen des Dunklen Throns handhabt. Klar, strukturiert und ohne das Herumgealbere und die disziplinlosen Witze, mit denen gewisse, antiquierte Subjekte in unseren Streitkräften bislang für  unentschuldbare Ineffizienz gesorgt haben. Wir sollten endlich dafür sorgen, dass den Feinden des Thrones des Lachen im Hals stecken bleibt. Es wird mir eine  Ehre sein, unter Euch zu dienen, Generalin.“

„Was? Dann habt ihr also keine dieser lustigen Spritzblumen?“ erkundigte sich Snogul enttäuscht. „Aber ich dachte…“
„Gewiss“, antwortete Boba und sein schmales Lächeln jagte Dominia einen eisigen Schauer über den Rücken. „Aber Ihr würdet nicht daran riechen wollen. Vertraut mir, mein Lord.“
„Nun, Major“, sagte Dominia nachdenklich, „wenn dem tatsächlich so ist, dann sollten wir Euren Männern vielleicht die Chance geben, sich in der Schlacht um Dol Minus Amon verdient zu machen. Bisher ist uns dort kein Erfolg vergönnt. Wer weiß, vielleicht seid Ihr ja der Richtige, um diese lächerliche Situation endlich zu bereinigen.“

Das grausige Lächeln des Majors breitete sich über sein ganzes Gesicht aus. „Wir werden dem Feind das Grinsen aus dem Gesicht wischen“, versprach er und verneigte sich vor dem verwirrten Snogul. „Wenn Ihr uns entschuldigen wollt, mein Lord.“ Er salutierte zackig, klemmte sich den Helm unter den Arm und hielt Dominia die Tür auf. „Lasst mich Euch zuerst Eure neuen Truppen zeigen. Ich denke, wir fangen bei den Tortenwerfern an.“
„Torten?“ fragte die Generalin misstrauisch, als sie das Büro des Kanzlers verließ.
„Oh sicher“, entgegnete die leiser werdende Stimme des sich Majors. „Wenn Ihr mir folgen wollt. Private Joker, lassen Sie die Truppe Aufstellung nehmen! – Es handelt sich um ein ganz besonderes Rezept von meiner Großmutter. Zuerst werden sie mit Hilfe einer speziellen Mixtur angezündet und dann…“

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