VBS – oder: Literatur ist Kindesmissbrauch

Europa muss sparen.
Das Land der stiff upper lip, unser europäischer Überwachungsstaat Nummer 1, macht sich seine schwarzhumorigen Scherze neuerdings selbst.

Anders ist die neue, britische Gesetzgebung kaum zu verstehen, hat sie doch mit dem „Vetting and Barring Scheme“ eine Regelung geschaffen, die sich Monty Python für einen ihrer völlig behämmerten und doch hochphilosophischen Sketche nicht besser hätte ausdenken können.
Das „Vetting und Barring Scheme“ (VBS) besagt nämlich, dass sich alle und jeder registrieren lassen müssen, die in irgend einer Form beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern zu tun haben. Jemanden im Umfeld von Kindern zu beschäftigen, der ab Inkrafttreten des Gesetzes keine staatlich beglaubigte Unbedenklichkeitsbescheinigung hat, ist fürderhin strafbar im Vereinigten Königkreich.

Das klingt zuerst mal nicht schlecht. Solange man nicht darüber nachdenkt.
Wenn man das jedoch tut (was die Gesetzgeber wohl sicherheitshalber unterlassen haben), dann kommt man schnell darauf, dass zum Beispiel alle Autoren, die zu freundlichen Gastlesungen in Schulen gehen, sich vorher registrieren – und damit überprüfen lassen! – müssen.

Selbstverständlich ist der Spaß der privaten Entblößung nicht kostenfrei. Satte 64 Pfund (umgerechnet etwa 75 Euro) fallen an, wenn man sich eintragen lassen will – oder muss. Vielleicht werden die Hintergründe auf diese Weise etwas nachvollziehbarer: Der britische Staat rechnet mit rund 11,8 Millionen Leuten, die sich von nun an auf eigene Kosten registrieren lassen müssen. Macht satte 885 Millionen Euro an einfach generierten Mehreinnahmen.
Das ist sicherlich im krisengebeutelten und steuerlochgeschädigten Inselkönigkreich eine gern gesehene Nebeneinkunft. Wenn auch natürlich bei der derzeitigen Lage ein Tropfen auf den heißen Stein.

Scheinbar haben aber selbst die Briten, die in Hinsicht auf staatsseitige Überwachung inzwischen ähnlich viel gewohnt sein dürften, wie weiland die DDR-Bürger samt Stasi, genug von albernen Scherzen dieser Art.
Dass sie dieses Gesetz, das offiziell am 12. Oktober 2009 in Kraft treten soll, und damit den Generalverdacht als Pädophiler Mensch reichlich unlustig finden, bekunden inzwischen eine ganze Reihe namhafter Briten, voran zum Beispiel J.K. Rowling, Anne Fine, Anthony Horowitz, Michael Morpurgo, Quentin Blake oder Phillip Pullmann. Letztrer gab denn auch zu Protokoll:
„Das zersetzt und vergiftet jegliche Form gesunder sozialer Interaktion. Es stärkt eine Kultur des Verdachts, der Angst und des Misstrauens und unterläuft die Errungenschaften unserer Gesellschaft. Es bringt den Kindern bei, dass sie jeden Erwachsenen als potenziellen Mörder oder Vergewaltiger zu betrachten haben.“

Und Anthony Horrowitz formuliert die Meinung der meisten seiner Kollegen so:
„Das Gesetz wurde von Leuten mit einem freudlosen und verdrehten Blick auf die Gesellschaft gemacht. Und solche Leute – so einfach ist das – sollten einfach keine Gesetze machen.“

Konsequenz daraus wird wohl sein, dass britische Schulen und Kinder  in Zukunft zum Beispiel auf öffentliche Lesungen – und jede Menge anderer ehrenamtlicher Arbeit verzichten müssen, da die, die es sich aussuchen können (also so ziemlich alle außer Erziehern und Lehrern) gern darauf verzichten, sich ins „Register für potentielle Pädophile“ eintragen zu lassen. Nebenbei wird’s dann wohl auch nichts mit dem erhofften Geldsegen.
Rule, Britannia…

Eine andere Sache ist in meinen Augen freilich die viel geschmähte Weigerung des online-Buchhändlers Amazon, sogenannte NPD-Schmutzliteratur von der Verkaufsliste zu nehmen.
Ich will damit nicht sagen, dass ich geistlose Machwerke dieser Art gut heiße. Natürlich ist Zeug wie „Rudolf Heß – Märtyrer für den Frieden“ oder „Verrat in der Normandie – Eisenhowers heimliche Helfer“ hahnebüchener Schund und teilweise sicherlich auch nicht ungefährlich.
Aber – und das ist der Knackpunkt – diese Bücher sind nicht verboten. Ebenso wie die NPD nicht verboten ist (ob das gerechtfertigt ist, ist eine andere Sache). Jetzt zum großen Boykott von Amazon aufzurufen mag in erster Instanz zwar einen moralischen Standpunkt vertreten, der sich gegen braune Schundliteratur richtet.
Allerdings… die Bücher Andersdenkender zu verbieten, zu verbrennen und auf Zwang des Mobs aus den Regalen und Buchschränken zu verbannen – das hatten wir schon mal. Das ist, ehrlich gesagt, kein Zeichen einer funktionierenden Demokratie. Rosa Luxemburg sagte „Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden.“ – ein anderer Mensch hat es noch etwas prägnanter formuliert: „Eine Demokratie muss es aushalten können, dass auch Arschlöcher ein Recht darauf haben, ihre Meinung zu äußern.“
Das finde ich allerdings auch.
Zu Recht sind einige volksverhetzerische Aussagen (etwa die Auschwitz-Lüge) verboten – aber Bücher generell zu verbieten halte ich für den falschen Weg. Man muss dabei bedenken, dass zum Beispiel nicht einmal Hitlers „Mein Kampf“ auf dem Index steht. Es ist lediglich verboten, ihn nachzudrucken (weil die Rechte bei der Bayrischen Landesregierung liegen, die den Nachlass Hitlers geerbt hat). Antiquarisch darf er jedoch durchaus verkauft werden. Und selbst das gilt nur noch bis 2015. Dann nämlich ist der GRÖFAZ 70 Jahre tot – und der Urheberrechtsschutz erlischt. Was das ding überall erhältlich macht. Zu Recht, wie ich finde. Denn jene, die ihn und sein Gedankengut verehren, haben ohnehin keine Probleme, an das Ding zu kommen. Eine kritische Auseinandersetzung mit geistigem Durchfall jedoch kann nur erfolgen, wenn der entsprechende Lesestoff auch für jeden erhältlich ist. Zensur ist da auf keinen Fall ein Weg.
Vor allem – wenn man damit erst einmal angefangen hat – wo hört man auf? Welche Bücher, Volks- und Gesinnungsgruppen gefallen Volkes Geist den noch alles nicht? Kommunisten? Moslems? Juden? Freimaurer? Vegetarier? Kleingärtner? Frauen?
Ich kenne eine Menge Leute, deren Meinung ich nicht teile. aber sie sollen sie bitteschön äußern dürfen. Dann kann ich auch Stellung dazu beziehen.
Auch Zensur auf Volkes Druck ist da kein Weg.

Dass Amazon aufgrund dieses Drucks der NPD-Verlag vom Amazon-Partnerprogramm ausgeschlossen wurde, ist hingegen auch in meinen Augen okay. Dass man Meinungen und Literatur frei zugänglich macht, ist eine Seite – ob man gewissen Leuten die Gelegenheit gibt, daran mit zu verdienen, hingegen eine andere. Und das ist eher eine moralische Frage. Hier kann ich die Entscheidung verstehen.

1 comment for “VBS – oder: Literatur ist Kindesmissbrauch

  1. 24. Juli 2009 at 23:47

    Das ist eine sehr sinnvolle Ansicht zu Meinungsfreiheit, finde ich.

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