Pratchett-Übersetzungen – ein Trauerspiel

Dank Blogger- und Autorenkollegin Andrea bin ich gerade auf einen offenen Brief zu einem Thema gestoßen, das mich, als alten Freund von Terry Pratchetts Stil und Humor sowie auch selbst als Autor eher humoristischen Schriftgutes, Rezensent und Leser relativ direkt betrifft. und betroffen macht.

Und zwar das Thema: Schlechte Übersetzungen von Terry Pratchett ins Deutsche. Ausgewiesenermaßen und langjährig schon kein Freund der Andreas Brandhorstschen Scheibenwelt-Übersetzungen hatte es mich gefreut, einen anderen Übersetzer, nämlich Bernhard Kempen, an dieser Arbeit zu finden (Gut. Eigentlich kann mir das egal sein, da ich Pratchett ohnehin seit Jahren nur noch im Original lese. Trotzdem).

Und ausgerechnet der wirft jetzt aus eigener Entscheidung das Handtuch. Und tut dies mit einem offenen Brief, der, wie ich finde, Beachtung verdient.

Der nachfolgende Text ist dem Weblog von Hannes (Buchhandlung Otherland, zu deren Crew unter anderem Boris Koch gehört) entnommen. Weitere Informationen finden sich dort.

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pratchett-inselTerry Pratchetts Roman Eine Insel (Nation)
Stellungnahme des Übersetzers Bernhard Kempen

Im April 2009 erscheint Terry Pratchetts Roman Nation unter dem deutschen Titel Eine Insel im Verlag Manhattan. Als Übersetzer ist ein gewisser, bislang unbekannter »Peder Brehnkmann« genannt. Falls sich manche Leser wundern, dass eine Person dieses Namens zuvor noch nie öffentlich in Erscheinung getreten ist, mögen sie die Buchstaben des Anagramms einmal kräftig durcheinanderschütteln. Auf diese Weise bekommen sie gleichzeitig einen Eindruck davon, was mit der Übersetzung dieses Buches geschehen ist.

Als ich den Auftrag erhielt, den Roman Nation ins Deutsche zu übertragen, wurde mir schon nach der Lektüre weniger Seiten klar, dass ich das große Meisterwerk von Terry Pratchett in den Händen hielt − eines Autors, der mit gerade mal 60 Jahren nach einer Alzheimer-Diagnose möglicherweise kurz vor dem Ende seiner Schaffensphase steht. In Nation geht es um Leben und Tod, um Kindheit und Alter, um die Frage, wie man sich in einer Welt zurechtfinden kann, die jedes sichere Fundament verloren hat. Gleichzeitig ist das Buch ein augenzwinkernder Gegenentwurf zur Scheibenwelt, dem Romanzyklus, mit dem Terry Pratchett zum Bestsellerautor wurde.

Obwohl die Geschichte aus der Perspektive eines jugendlichen Protagonisten erzählt wird, ist Nation keineswegs ein herkömmliches Jugendbuch. Es steht vielmehr in der angelsächsischen Tradition, die Werke wie Alice in Wonderland hervorgebracht hat, ein Genre, das heutzutage gern als »All Age Books« vermarktet wird. Im deutschen Sprachraum wurden vergleichbare Werke von Autoren wie Wilhelm Busch oder Walter Moers verfasst − Autoren, die von einer Literaturkritik, die streng in U- und E-Kategorien denkt, nie richtig ernstgenommen wurden. Doch ich wollte mich dadurch nicht entmutigen lassen und machte mich daran, das Buch vor diesem Hintergrund angemessen und mit viel Herzblut ins Deutsche zu übersetzen, in einer scheinbar simplen, vordergründig naiven Sprache, die dem Duktus des Originals entspricht.

Zum ersten Mal kam ich ins Grübeln, als ich erfuhr, dass das Buch auf Deutsch Eine Insel heißen soll. Ich hätte Die Nation passender gefunden, doch ich konnte durchaus über die Lummerland-Assoziation schmunzeln, auch wenn die Insel bei Pratchett nur einen Berg hat − und es nicht im entferntesten um Lokomotiven geht. Ich hatte nur die leichte Sorge, dass die deutschen Leser durch diese Anspielung auf die falsche Fährte »Kinderbuch« gelockt werden könnten. Aber dann beschloss ich, das nicht so eng zu sehen und darauf zu hoffen, dass der Roman für sich wirkt.

Doch dann erhielt ich die Druckfahnen mit der von der Lektorin Kerstin Jeske bearbeiteten Fassung und musste feststellen, dass mein Übersetzungstext durch den Reißwolf gedreht worden war. Mit den vielen Änderungen, die man unter »Geschmackssache« verbuchen könnte, hätte ich leben können, auch wenn ich mich immer wieder fragen musste, warum Formulierungen, die völlig in Ordnung waren, durch andere ersetzt wurden, die genauso in Ordnung waren. Problematischer waren die typischen Lektoratsfehler (die passieren, wenn Passagen umgeschrieben werden und dabei Wörter oder Satzzeichen unter den Tisch fallen) und die vielen sachlichen Fehler (mit »calenture« ist »Tropenkoller« und nicht »Tropenfieber« gemeint). Einige von diesen Patzern konnte ich rückgängig machen, wobei es jedoch immer wieder zu überflüssigen Diskussionen kam, weil Lektorin und Redakteurin zunächst auf ihren offensichtlich falschen Ansichten beharrten, bis sie sich schließlich von meinen Sachargumenten überzeugen ließen. So wollte mir Frau Jeske zunächst nicht glauben, dass die Kapitelüberschrift »How Imo Made the World« der üblichen Großschreibung englischer Titel entspricht und man sie demzufolge nicht mit „Wie Imo Die Welt Machte« wiedergeben sollte, weil das im Deutschen einfach nicht üblich ist. Ich erhielt immer mehr den Eindruck, dass hier eine Lektorin am Werk war, die sich auf Kosten eines Übersetzers profilieren wollte. Am schlimmsten war jedoch die Tatsache, dass sie versucht hatte, Pratchetts (und meinen) naiv-lakonischen Stil in den eines handelsüblichen, pädagogisch unbedenklichen Jugendbuchs zu ändern.

Der Gerechtigkeit halber möchte ich anmerken, dass vielleicht ein Zehntel der Änderungen durchaus berechtigt waren, wenn Fehler korrigiert oder misslungene Satzkonstruktionen durch elegantere Lösungen ersetzt wurden. Ich arbeite selbst gelegentlich als Lektor und weiß, dass kaum ein Autor oder Übersetzer fehlerfreie Texte abliefert, weil man dazu neigt, die Fehler in den eigenen Texten zu übersehen. Das hat etwas mit Betriebsblindheit zu tun. Deshalb bin im Normalfall froh, dass meine Texte noch einmal von einem Lektor gegengelesen werden. Allerdings erwarte ich von einem guten Lektorat, dass meine Fehler korrigiert und keine neuen in den Text eingebaut werden.

Ich habe mir dann große Mühe gegeben, die ersten ca. 70 Seiten der Druckfahnen zu bearbeiten, wobei ich hauptsächlich zurückkorrigiert habe, also die Änderungen der Lektorin durch meine ursprünglichen Formulierungen ersetzt habe. Danach habe ich es aufgegeben, weil ich es in der Kürze der Zeit ohnehin nicht geschafft hätte, das ganze Buch zu überarbeiten, und weil die Redakteurin mir ganz klar sagte, dass sie sowieso nur einen kleinen Teil meiner Korrekturen übernehmen würde. Damit war der Punkt erreicht, wo ich mich nicht mehr mit dem identifizieren konnte, was man aus meiner Übersetzung gemacht hatte. Daraufhin kündigte ich jede weitere Zusammenarbeit mit der betreffenden Redakteurin auf, worauf das nächste Pratchett-Buch, dessen Übersetzung bereits mit mir vereinbart worden war, einem anderen Übersetzer anvertraut wurde − einem netten Kollegen, dem ich freundschaftlich verbunden bin. Ich kann ihm nur eine bessere Zusammenarbeit mit der Redaktion wünschen, die nun vielleicht verstanden hat, dass man nicht nach Belieben mit einem Lohnübersetzer umspringen kann.

Wer Pratchetts Roman Nation in der deutschen Fassung Eine Insel liest, wird vermutlich trotz aller Pannen erkennen, dass dieses Buch ein großes Meisterwerk ist, weil die Geschichte und die Themen durch das Lektorat kaum beschädigt wurden. Wer die Sprache und den Stil etwas unpassend oder gar daneben findet, möge sich bei der zuständigen Redakteurin Nicole Geismann beschweren. Hier wurde die Chance versäumt, ein wunderbares, magisches Buch in literarisch angemessener deutscher Übersetzung zu präsentieren.
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23. November 2010: Kleines Update – „Trauer tragen II – Pratchett und Übersetzungen

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Nachtrag: Zu Sir Terry und dem Thema Alzheimer bitte auch mal hier reinschauen.
Schließlich geht es nicht nur darum, Pratchett zu genießen, sondern sich auch darüber klar zu sein, dass nicht ewig Neues nach kommen wird:

Wear the Lilac for Sir Pratchett

8 comments for “Pratchett-Übersetzungen – ein Trauerspiel

  1. 8. April 2009 at 19:53

    Au Weia.

    Ich weiß schon, weshalb ich englische Literatur schon seit Jahren (aka. seit ich 15 war) nur noch im Original lese. Schon damals haben mich die Übersetzungen mehr als genervt; ein kritischer Leser war ich damals beileibe nicht.

    Aber das ist mehr als nur arm.

  2. 8. April 2009 at 22:52

    Das ist dann aber nicht das erste Mal, dass eine deutsche Übersetzung den eigentlichen Geist des Werkes zerstört… Wirklich schade… aber da ich auch generell recht häufig Bücher direkt auf englisch lese, weiß ich ja, woran ich mich im Notfall halten muss.

    Da würde ich mal glatt sagen: So richtet sich die deutsche Sprache selbst zu Grunde, weil die, die einigermaßen gut deutsch können immer häufiger zum englischen Original greifen und deutsch so verlernen :D

    – kein weiterer Kommentar –

  3. Tom
    9. April 2009 at 07:57

    Gut, das Drama gibt’s ja nun auch schon, seit englische Bücher ins Deutsche übersetzt werden. Dazu fällt mir immer noch die schicke Anekdote des Übersetzers Harry Rowohlt um das Flann O’Brien-Werk „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“(At Swim Two Birds), das vor seiner Übersetzung nur als „Zwei Vögel beim Schwimmen“ von Lore Fiedler vorlag. Mit entsprechend übersetztem Inhalt. *gg*
    Über die „rote“ Herr-der-Ringe-Ausgabe sprechen wir besser gar nicht…

    Wobei ich nach wie vor fest davon überzeugt bin, dass das große Drama mit den Eigennamen-Übersetzungen bei Pratchett in den Brandhorstschen Übersetzungen auch von irgendeinem Schlauschlumpf im Verlag erzwungen wurde. Auf diese blödsinnige Idee kommt doch vermutlich kein Übersetzer, aber damals war das im Fahrwasser von Tolkien noch so üblich. (Wie kommt man eigentlich darauf, Bill als Lutz zu übersetzen bzw. wohl eher zu übertragen?!)
    Und jetzt kann man halt nicht mehr raus, aus der Schiene.

  4. Trischa
    9. April 2009 at 10:17

    Vielleicht sollte ich das wirklich mal zum Anlass nehmen, ein Pratchett-Buch im Original zu lesen. Allerdings habe ich Angst davor, die ganzen Wortwitze nicht zu verstehen. Mein Englisch reicht zwar für Jane Austen und Krimis, aber bei Pratchett habe ich da so meine Bedenken.

    • Tom
      9. April 2009 at 16:08

      Es lohnt sich auf jeden Fall. Schon wegen der schönen Sprache (nicht Englisch an sich. Das ist nicht schöner als Deutsch. Aber Pratchetts Englisch eben). Und wenn du Jane Austen schaffst, dann schaffst du Pratchett auch. Sicher, das eine oder andere Wortspiel entgeht einem vielleicht – aber wenn man bedenkt, wie groß (oder eher: klein) der übliche Wortschatz eines Engländers ist (nämlich ein paar hundert bis tausend Wörter kleiner als der eines Deutschen), dann sind es vermutlich nicht so viele, wie du vielleicht erwartest. *g*

  5. Ulrike
    10. April 2009 at 19:04

    Da bin ich ja froh, dass ich jetzt damit begonnen habe, Pratchett auf Englisch zu lesen. Es geht zwar nicht so flott wie im Deutschen, aber dafür habe ich länger was davon :)

    Danke für den informativen Artikel

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