Grüße aus der Vergangenheit II
Melisandes Kommentar auf den vorangegangenen Teil hat mich dazu gebracht, mich wieder an die Zeit VOR den Muds, im Grunde vor dem Internet im Ganzen zu erinnern. Und daran, dass es auch damals schon Multi-User-Games gab – und wir sie begeistert gespielt haben (meine Güte – ich bin alt!) —-
Ja, okay, es gab das Internet schon, damals, Ende der 80er, Anfang der 90er. Aber es war im Grunde für uns normalsterbliche Rollenspieler-Jugendliche, die noch “The Bards Tale” und “Pool fo Radiance” mit 12 Disketten am C64 spielten (oder später dann Ultima 6 und Wizardry 7 am 386er) und die sich gerade über die zweite Edition von AD&D freuten und die selbige von DSA ärgerten und deshalb auf Rolemaster umstiegen – für uns war das Internet schlicht nicht von dieser Welt. Für mich persönlich hielt es erst ’96 mit meinem ersten MAC samt Analogmodem Einzug. Als ich genug davon hatte, im Internetcafe 5 DM pro 15 Minuten auszugeben. Was damals der normale Tarif war.
Davor gab es zum einen die Play-by-mail-Spiele (wobei in diesem Fall das Wort “Mail” nicht E-Mail bedeutet, sondern echte Post mit echtem Papier und echten Briefmarken), die mit Zugfrequenzen zwischen 1x/2Wochen und 1x/2Monate durchaus ihre Zeit brauchten. Die meisten davon waren Strategiespiele, die man vielleicht noch mit einem auf Papier gespielten “Age of Empires” vergleichen könnte. Dank genormter “Zugabgabe-Bögen” (selbstverständlich in Form von Papier-Kopien) waren sie oft erstaunlich komplex. Was ja auch sein durfte, bei nur einem Zug pro Monat. Der Betreiber, der sämtliche Züge der (in der Regel zwischen 10 bis 50) Mitspieler erhielt, wertete das ganze aus und schickte das Ergebnis der Auswertung dann wiederum per Post an alle zurück.
Das Prinzip habe ich übrigens damals auf ein Rollenspiel angewendet (und das Ergebnis der 10 individuellen Spieler-Züge erschien jeden Monat im Zine “Peek As” (wenn ich mich recht erinnere, gab es das auch unter dem Namen “Peek & Poke” und später wurde das Ganze in Konkurrenz zum “Drachenhort”-Zine per Abo in einer Auflage zu fast 50 Stück und zum Preis von 2,60 (+60 Pf. Porto)vertrieben). Zine bedeutete damals vor allem so etwas wie Fan-Zine. Nur ohne Fan von etwas Speziellem zu sein.
Hier wurden unter anderem so illustre Postspiel-Ableger wie “Matchball”, “Poesie-Master” oder “Soccer-League” veranstaltet. Und eben auch unser “Foren-Rollenspiel” TWO.
(Was übrigens “The Wrong Ones” bedeutet. Alle Charaktere waren die in den Prüfungen durchgefallenen Ausscheider einer Militär-Akademie – die sie in betrunkener Wut daraufhin abfackelten. Der Rest war eine wirre, blutige Flucht vor der Armee (der DKHT, der Drachenkrieger-Heldentruppen), zu der besagte Akademie gehörte. Aua…)
“Peek As” war wiederum ein Ableger des (Maga)Zines “Sülz”, das entstanden war, als Ludwig Eberle, der Betreiber des Computer-Flohmarkt irgendwann zu der Erkenntnis kam, dass eine Rubrik “Kommunikation” von mehr als einem Viertel seines Kleinanzeigen-Blattes (also rund 40 Seiten) auf Dauer nicht wirtschaftlich sei. Womit er sicherlich recht hatte.
Darauf hin lagerten einige findige Jungs den gesamten “Laber”-Bereich in ein eigenes Fanzine aus (das man abonnieren konnte und zugeschickt bekam) – und das man heute als nichts anderes bezeichnen kann, als ein Forum samt Chatroom. Auf Papier. Ich würde sogar behaupten, dass das das erste sinnfreie Chatforum in Deutschland war. Vor Einführung des World Wide Web (Juni 1991 vs. August 1991).
…Muss es mir eigentlich peinlich sein, dabei gewesen zu sein…?
Wie auch immer…
Zur Erklärung noch mal:
Der Computer-Flohmarkt war Ende der 80er/Anfang der 90er so etwas wie das Heise-Forum der deutschen Hobby-IT. Herausgegeben von Ludwig “Rotstift” Eberle in Maulbronn lag das Blatt (in Form einer der auch heute noch üblichen Flohmarkt-Kleinanzeigen-Zeitungen) alle zwei Monate im Laden. Die Kleinanzeigen selbst waren dabei (sofern nicht von kommerziellen Anbietern) kostenlos, allerdings in der Zeichenanzahl begrenzt.
Das Besondere dabei war, dass es neben den Rubriken für C64, Amiga 500, Apple2, ZX81 oder CPC jeweils noch Sub-Rubriken für “Fragen&Antworten” gab, in denen man ein Problem (auf etwa SMS-Länge!) schildern konnte und von anderen Lesern (2 Monate später) eventuell eine Hilfe dazu bekam. Und eben auch die berüchtigte Rubrik “Kommunikation”, die von Labertaschen unter den Lesern relativ schnell geentert wurde und von anfänglich zwei Dutzend Einträgen in Spitzenzeiten bis auf gefühlte 40 Seiten anwuchs. Von Rubriken wie “Grüße” wil ich gar nicht anfangen…
Interessanterweise traten dort all die Gestalten auf, die sich auch heute in einem Forum herumtreiben: der Troll ebenso wie der entrückte Weise (hieß dort “Leonardo”), die Zicke, der Männerschwarm, der durchgeknallte Geek, der einfach nur durchgeknallte (heute würde man sagen: der “Counter-Strike-Kandidat”), der Witzbold und der, der sich für einen Witzbold hält – der ganze Haufen halt. Man sollte vielleicht glauben, dass 2 Monate genug Zeit sind, um seine Laune ein wenig herunter zu kühlen – aber das ganze war oft genauso hitzig, wie auf einem heutigen Forum. Hat nur länger gedauert.
Irgendwann wurde das Produkt nach diversen Wiederbelebungsversuchen schließlich eingestellt - aber wenn man will, findet man im Netz noch immer Reste und geistige Nachfolger dieses kultigen Urvaters der Foren-Kultur.
Und amüsant waren natürlich die immer wieder aufflackernden Panikanfälle um den immer wieder in Kritik geratenen Anti-Piracy-Zorro , der ‘Advocatus Diaboli’ Rechtsanwalt “Günter Freiherr von Gravenreuth“, von dem jeder schon einmal gehört hatte, und der auch den CF mit den berüchtigten “Tanja-Briefen” zu müllen ließ (Tanja-Brief = vorgetäuschte Suchanfragen per Post nach Raubkopien bestimmter Spiele, die angeblich von einem Mädchen namens Tanja an Leute gingen, die im Verdacht standen, raubkopierte Disketten zu tauschen. Was von uns natürlich nie, NIE irgendjemand getan hat, damals…). Der Finstere Graf Gravenreuth, der Blutige Raubkopierer-Baron (Original-Zitate von damals), war der Albtraum jedes computerspielenden Jugendlichen. *g*
Wie gesagt, irgendwann wurde die ganze Rubriken-Foren-Kommunikations-Geschichte für den CF nicht mehr tragbar und jeder der “Schreiberlinge” musste sich fürderhin auf 10 kostenlose Kleinanzeigen pro Monat beschränken. Was natürlich viel zu wenig war (schon weil gerade zu dieser Zeit die Idee der im Magazin gespielten Strategie- und Rollenspiele aufkam!). Also wurden die oben erwähnten Sub-Zines gegründet.
Und damit Anfang 1991 das meines Wissens erste deutsche Foren-Rollenspiel. Nämlich unser “TWO” in “Peek-As”. Das ganze schön getippt mit Reiseschreibmaschine oder 9-Nadel-Drucker am C64 (und fein mit Hand korrigiert), eingetütet und später per Kopierer vervielfältigt. Spaßige Zeit…
Und ganz parallel bastelten die Jungs, die ein paar Jahre älter waren, 1991 in der Uni Stuttgart das erste deutschsprachige MUD. Eben UNItopia.
So gesehen steht “Steamtown” in bester Tradition zu damaligen, frühen Gehversuchen des interaktiven Fortsetzungs-Fantasy-Romans.
Und um bei der Tradition aus dem letzten Posting zu bleiben:
Diesmal grüße ich einen Haufen Leute, denen das heute, 18 Jahre später, teilweise ziemlich peinlich sein dürfte. Ist es mir auch, Leute. Allein, wenn ich eure Nicknames (damals “Pseudos”, kurz für: Pseudonyme) lese. Und vor allem meines… In diesem Sinne. Gruß an: Peek, Claudy, Miss Yen, Bruce Lee, Lady Dawn, Lythando, Leonardo, Subway, Fox Fortune, Astaroth, Jester, Dr. Nö, Lemming, Harry, Whity, Guinevre, Blue Hand, Räd Äd, Zila, White Snake, Charlie Prown, Kowalski, Marvin, Oppa, Animal, Lady Lucretia, … und natürlich an die Säzzer und Ludwig Eberle. Der schuld ist. Wie damals schon. ;)







[...] Verlauf einer entspannten Surfsession durch den digialen Raum so stellen. Kaum lese ich etwas von „Bards Tale“ und den dafür notwendigen zwölf (!) Disketten, da rätsele ich auch schon, ob es nicht noch umfangreichere Spiele mit noch mehr Disketten gab. [...]
Okay, das war vermutlich missverständlich. “The Bards Tale” hatte meines Wissens 5 oder 6 5,25” Disketten. Es waren tatsächlich “The Pool of Radiance” bzw. “The Curse of the Azure Bonds”, die mit rund einem Dutzend 4,25er aufgewartet hatten. Was größeres fällt mir momentan aber auch nicht ein.
Was es damals nicht alles gab… muss aber eine schöne Zeit gewesen sein, obwohl es dir jetzt teilweise peinlich erscheint ^^