Die Kobolde (K.-H. Witzko)

Tja, wie soll ich’s sagen.
Vermutlich ist es mein Fehler. Als alter Rollenspieler hatte ich unter „Kobold“ ein vollkommen anderes Bild im Kopf (Ihr wisst schon. Die kleinen, sadistischen, schuppigen, hinterhältigen, fiesen Bastarde mit den leuchtenden Augen und spitzen Zähnen…) – und der Klappentext („Vor ihnen gehen Trolle in Deckung und flüchten die Elfen auf die Bäume.“) hat diese Idee natürlich noch unterstützt.

Silly me.
Müsste ich es doch besser wissen, als mich je auf einen deutschen Klappentext zu verlassen. Die ja ohnehin fast immer von Leuten geschrieben werden, die das Buch nie gelesen haben.

Also was kriegen wir wirklich?
Kobolde nicht im „klassischen“ Rollenspielsinn, sondern im noch klassischeren Märchensinn.
Wichtel und Heinzel (im englischen würde man sie ebenfalls nicht als „Kobolds“ bezeichnen, sondern als Brownies oder Knockers). Sie sind fröhlich, lustig, zu recht harmlosen Streichen aufgelegt und stellen immer wieder ziemlich belanglosen Blödsinn an. Ansonsten sind sie bei aller Schläue und Gewitztheit unbedarft und blauäugig.
Kobolde der harmlosesten Sorte, ohne eine Spur der (von mir erwarteten, durch Schadenfreude) erfrischenden Bosheit, wie man sie selbst in klassischen Koboldsagen findet.
Man könnte sie sogar regelrecht als „putzig“ oder „drollig“ bezeichnen. Ugh…

Wenn man diese Eingangserkenntnis verdaut hat und über den Punkt hinaus ist, an dem man einen Schwenk in der Geschichte erwartet – oder die vom Klappentext erwähnten Trolle und Elfen – findet man sich in einer durchweg netten, stellenweise amüsanten (wenn auch nie wirklich „wahnwitzigen“, wie der Klappentext verspricht oder sonderlich „verdrehten“, wie ihr erwartet) Geschichte wieder, die stellenweise an Walter Moers‘ Zamonien erinnert (nur nicht auf so hohem und originellem Niveau), an anderen Stellen wieder an klassische Märchen (nur nicht so düster wie die originalen, alten Grimms und Pre-Grimms) und streckenweise auch an „Mein großes, buntes Wichtelbuch“.
Wirklich dramatische Wendungen sucht man in der recht simpel gestrickten Geschichte vergebens und nur die gelegentlich herumliegenden, abgeschlagenen Köpfe von Rittern und die eine oder andere Zote verhindern, dass ich es als Kinderbuch ab 6 Jahren empfehlen würde.

Als Kinderbuch ab 10 geht es jedoch ohne Probleme durch, da es weniger düster als selbst einer der frühen Harry Potters ist.

Ein harmloses, nettes Buch ohne besondere Höhen oder Tiefen – aber immerhin keine heere Fantasy-Schmonzette. Und ohne glitzernde Vampire.

Fazit: 5 von 10 Punkten, als Kinderbuch 6 von 10.

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