Channeling

So, eine weitere kleine Geschichte, eher eine kurze Szene in Rohfassung, die aufgrund einer regen Forendiskussion (unter mehrheitlich „Esoterikern“. Was mich nicht einschließt.) rund um Channeling, Trancereisen und Co. entstanden ist. Irgendwann konnte ich nicht mehr anders. Sonst wär‘ ich vermutlich ausfällig geworden. ;)

Jedenfalls ist das nur die erste Rohfassung. Vielleicht werd‘ ich’s irgendwann mal überarbeiten. Vielleicht auch nicht.

Gruß, Tom

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Wir befinden uns irgendwo in der Traumzeit, der Zwischenwelt, der Astralebene.
Auf einer selbstverständlich nicht wirklich realen, aber für alle Sinne eines zufälligen Beobachters vollkommen als real wahrgenommenen Wiese sitzen drei Gestalten. Vielmehr lungern und lagern, da die Anatomie nicht jedes von ihnen für normales Sitzen gemacht ist.
Betrachtet man sie genauer, fällt zunächst einmal eine junge, ausnehmend hübsche Frau ins Auge. Sie hat moosgrünes, glänzendes Haar, in welches sie recht dekorativ letztjähriges Laub eingewoben hat (was natürlich nur eine Metapher ist, denn hier oben gibt es keine Jahre im strikten Sinnes des Wortes. Genau genommen gibt es nicht einmal ein „oben“). Ihre Haut schimmert seidig im Lindgrün frischer Triebe und ihre Augen leuchten satt wie taunasse Seerosenblätter. So gesehen könnte der belesene Betrachter auf die Vermutung kommen, dass es sich um eine Dryade handelt.
Ein weiterer Hinweis könnte freilich auch sein, dass sie halb aus einem Eichenstamm herauszuwachsen scheint, ohne dass ihr das irgendwelches Unbehagen bereitet. Wie auch immer.
Die Gestalt zu ihrer Rechten ist nicht wirklich als menschlich zu betrachten.
Eigentlich auch nicht unwirklich.
Es handelt sich um einen großen Rotfuchs. Einen wirklich großen, etwa vom Format eines Shettlandponies (nur neigt er nicht so zur Fettleibigkeit), der im Schatten der Eiche liegt und träge vor sich hin hechelt.
Ihr anderer Begleiter ist ein kleinerer Mensch-Ziege-Hybrid, ein nett aussehender Kerl mit dürren, krummen und zugegeben äußerst behaarten Beinen, kleinen Hörnern auf dem Kopf und einem sorgfältig geschnittenen Ziegenbärtchen, das förmlich nach einer randlosen Brille und einem schwarzen Rollkragenpullover schreit. Er scheint Musiker zu sein, denn neben ihm liegt ein kleines Keyboard.

Ziegenbart ist gerade damit beschäftigt, sich die Klauen an seinen Füßen zu pediküren, als eine kleine, grüne Lampe an seinem Keyboard zu blinken beginnt. „Ach Mist, wer ist denn das schon wieder“, brummt er. Naja. Er brummt weniger. Er hat einen eher meckernden Tonfall. Seufzend legt er die Huffeile beiseite, setzt ein am Instrument befestigtes Headset auf und drückt eine Taste. „Ja, bitte?“
Einen Moment lauscht er unter den gelangweilten Blicken des Fuchses und der Dryade. Dann schleicht sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht. Er legt eine haarige Hand um das Mikro und flüstert: „He! Falsch verbunden! Da will jemand was von Raphikiel.“
„Echt?“ So etwas wie Interesse schleicht sich in das spitze Gesicht des Fuchses, „Ne Anrufung für Raphikiel? Lass mithören!“
„Sag halt, dass er falsch verbunden ist“, murrt die Dryade.
„Quatsch!“ erwidert der Fuchs, „Nimm das Gespräch entgegen. Lass uns mithören!“
„Sicher das!“ grinst der Ziegenmann. „Seid mal ruhig.“
Er drückt eine weitere Taste und eine körperlose Stimme erhebt sich in mäßig melodischem Singsang über der Wiese: „Hört mich, Engel! Gewährt uns die Gnade Eurer Anwesenheit und erfüllt uns mit Euren Energien. Engel, hört uns. Raphikiel, Engel der rosigen Sphäre, hört unseren Ruf.“
„Eieiei“, hechelt der Fuchs, „ein Channeling, hm?“
„Psst, Fitje“, zischt der Ziegengesichtige leise, „lass mich das machen. Ich glaube ich kenn die. Sie nennt sich Mme Anama. Die verwählt sich öfter. Letztens kam sie bei Loki raus.“
Er räuspert sich, nimmt die Hand vom Mikro, zwinkert Fuchs und Dryade zu, spielt ätherische Flötentöne auf der Tastatur seines Keyboards und sagt schließlich mit verstellter Stimme: „Ich höre dich, Anama.“
„Oh Raphikiel“, sagt die körperlose Stimme, die unwillkürlich das Bild einer etwas verhärmten Dame anfang Fünfzig, mit violettgerandeter Plastikbrille, wie sie in den 80er Jahren (Erdenzeitrechnung) modern war, bunter Kleidung aus einem Dritte-Welt-Laden, Ledersandalen und einem gebatikten Tuch um die lederbraun gebrannten Schultern heraufbeschwört, „wir grüßen Euch!“
„Uns?“ flüstert die Dryade, „woher weiß sie…“
Der Ziegengesichtige winkt ab und entgegnet lautlos: „Sie meint den Engel. Sie spricht immer im pluralis majestatis von ihm.“
Der Fuchs rollt mit den Augen während die Anruferin weiter spricht: „… danken Euch, dass Ihr uns mit Eurer Anwesenheit beehrt. Ich habe hier eine junge Frau, die Führung und Wahrheit sucht. Sie möchte mit ihrem Schutzengel in Kontakt treten. Könnt Ihr uns helfen und uns einen Blick auf ihren Engel gewähren?“
„Was die immer nur mit Engeln haben“, haucht die Dryade pikiert. „Als ob das Geflügel nichts besseres zu tun hätte, als Schülerlotse für Menschen zu spielen.“
„Sie kann froh sein, dass sie Raphikiel nicht am Apparat hat. Der würde ihr was husten, der alte Flammenschwertschwinger“, bestätigt sie der Fuchs. Der Bocksgesichtige funkelt sie an und legt einen Finger an den Mund.
„Was habt Ihr gesagt, Raphikiel?“
„Um…“ Ziegengesicht wendet sich wieder seinem Gespräch zu, „Ich sprach: Ich werde sehn, was ich tun kann. Ich meine, ich werde den Schutzengel jener Frau befragen, ob er … äh… sein Bild zeigen will. Genau.“ Dabei gestikuliert er dem kichernden Fuchs zu, seine Tasche zu öffnen, die ein paar Schritte entfernt im Gras liegt.
Der Fuchs erhebt sich, trabt zur Tasche und schubst sie mit der Nase auf. Er wirft einen Blick in die Tasche und schaut den Ziegengesichtigen dann fragend an. „Was genau willst du, Pan?“
Der Ziegenkopf deckt das Mikro ab und flüstert: „Das Magazin, Fitje. Mach hin!“ In der Zwischenzeit spielt er eine sphärische Warteschleifenmelodie, um Mme Anama zu versichern, dass er noch dran ist.
Fitje steckt die Nase wieder in die Tasche, zieht ein schon leicht abgegriffenes Hochglanzmagazin hervor, wirft einen Blick auf den Titel und beginnt, noch viel weiter zu grinsen. „Alter Schwerenöter“, feixt er, schnappt das Magazin und trägt es zu Pan hinüber, der ebenfalls grinsend beginnt, durch die Seiten des Magazines zu blättern, bis er schließlich bei der Mittelseite ankommt und mit einer schnellen Bewegung ein großes Bild ausklappt.
Darauf ist eine äußerst spärlich in weich fallende, ziemlich transparente Roben gekleidete junge Frau abgebildet, deren ausnehmend vorteilhaft abgelichteter Astralleib wenig Spielraum für Phantasie lässt. Also wenn man davon absieht, dass sie statt eines menschlichen Kopfes den eines Fuchses aufweist. Was jetzt für gewisse Personen schon wieder äußerst phantasieanregend sein könnte.
Wenn man den hechelnden Fitje jetzt so betrachtet, dann steht Letzteres eigentlich außer Frage.
Die Dryade verdreht die Augen. „Männer!“ schnaubt sie, „Ihr seid unmöglich!“
„Ich kann nichts dafür, Hama“, grinst Pan, „Das liegt in meiner Natur. Aber so kriegt sie wenigstens was für ihr Geld. Meinst du, der alte Engel würde mit etwas ansatzweise ähnlich Gutem aufwarten können?“

„Stimmt auch wieder, Böckchen“, schmunzelt die Dryade und kichert vor sich hin, „Das alte Neutrum hat soviel Sinn für Ästhetik, wie ihr für Anstand.“

„Stimt genau“, hechelt Fitje, der seinen Blick nicht von der Gestalt auf dem Foto abwenden kann. „Und von seinem Sinn für Humor wollen wir gar nicht reden.“
Pan nickt, bedeutet dem Fuchs, das Magazin hoch zu halten, nimmt die Hand vom Mikro und stellt mit verstellter Stimme fest: „So, bin wieder da. Euer … um… Engel wird sich euch jetzt kurz offenbaren.“
Er richtet eine kleine Kamera, die oben auf dem Keyboard installiert ist, auf das Klappbild und drückt einen Knopf.
Ein längerer Moment der Stille folgt.
Nur untermalt vom erstickten Glucksen von Fitje und Hama, die sich krampfhaft das Lachen verbeissen.
Schließlich räuspert sich die Stimme von Mme Anama. „Und… und wie heißt der Engel, möchte ihr Schützling wissen“, sagt sie in etwas verunsichertem Tonfall.
„Sie heißt“, verkündet Pan feierlich und beugt sich vor, um die kleine Aufschrift am unteren Ende der Seite zu entziffern. Dort steht ‚Miss Hengehokai Mai 2148‘ „Sie heißt ‚Maia‘.“
„Maia?“ erkundigt sich die körperlose Stimme.
„Maia“, bestätigt Pan und schaltet die Kamera gerade noch rechtzeitig ab, bevor Fitjes haariges Fuchsgesicht im Bild erscheint, weil der vor Lachen das Magazin fallen lässt, „sonst noch Fragen, Sterb… ähm… Anama?“
„Nun ja, die junge Dame hier möchte wissen, ob …“
Mit einem leisen, hallenden „HoooooooooooooHHHHH…“ wie von celestialen Chören, die eben mal sonor HoooooooooooooHHHHH… singen und begleitet von einem gleißenden Licht erscheint eine hochaufragende Gestalt auf der Wiese hinter Pan. Fitje verschluckt sich fast an seiner Zunge und Hama verschwindet eilig in der Eiche, von wo sie nur durch ein größeres Astloch nach draußen schaut.
„WAS Geht Hier Vor?“ verlangt eine Stimme wie Donnerhall und Posaunenchöre zu wissen, „Ich Hörte Meinen Namen In Den Sphären.“
„Oh. Hi, Raphikiel“, antwortet Pan, die Hand wieder auf dem Mikrophon. „Äh, nichts Wichtiges. Wir sprachen gerade über dich. – Könntest du bitte das Licht etwas runterfahren? Niemand da, den du damit beeindrucken kannst.“
„Hmpf“, macht der Engel und dimmt das Gleißen auf ein angenehmeres Maß herunter.
„Alter Energieverschwender“, murmelt Fitje und läßt das Magazin unauffällig unter seinem Bauch verschwinden. Wie er weiß sind Engel nicht gerade Freunde von freizügigen Darstellungen von Sinnesfreuden, wenn es sich nicht gerade um reine Jungfrauen handelt. Und das kann man bei Miss Hengehokai Mai 2148 getrost ausschließen.
„Was Sagt Ihr Da?“ verlangt Raphikiel zu wissen.
„Och nix“, Fitje versucht, betont unschuldig zu schauen, was, wie man weiß, für ein Fuchsgesicht gar nicht so einfach ist, „Ich sagte nur, dass du mit Energie geradezu verschwenderisch ausgestattet zu sein scheinst. Beneidenswert.“
„Ah Ja“, nickt der Engel und wendet sich wieder Pan zu. „Ich Bin Mir Sicher, Dass Da Gerade Eine Anrufung Für Mich Herein Kam. Du Hast Sie Nicht Zufällig Angenommen.“
„Iiiich?“ Pans Miene ist ein einziges Bild erstaunter Unschuld. „Wie kommst du darauf, Raffi. Wir alle hier wissen doch, dass ihr Großen allsehend und allwissend seid. Wie könnte ich also so etwas tun?“
„Hm“, macht der Engel, unwillig zuzugeben, dass er seine Allwissenheit gerade für eine Runde Poker mit Michael und Horus abgeschaltet hatte. (Allwissenheit trübt die Freude an einem Pokerspiel doch beträchtlich.) „Natürlich, Natürlich. Trotzdem“, er deutet auf Pans Headset, dessen Mikrophon der Ziegenköpfige noch immer umklammert hält, „Dürfte Ich Fragen, Mit Wem Ihr Da Gerade Sprecht? Nur Zur Sicherheit.“
„Hallo?“ erkundigt sich Anamas Stimme in diesem Moment, „Seid Ihr noch da?“
Eilig schaltet Pan den Lautsprecher ab, bedeutet dem Engel mit einer Geste, kurz zu warten und sagt eilig: „Entschuldige, meine Zeit ist begrenzt. Ruf mich bitte zu einem geeigneteren Zeitpunkt nochmal an, Mutter. Ich habe gerade ein dringendes Gespräch auf einer anderen Leitung!“
Er legt auf und schaut dem Engel ins Gesicht, das wie üblich keinerlei Gefühle preisgibt.
„Mutter?“ fragt Raphikiel drohend, „Ich Wusste Gar Nicht, Dass Ihr Eine Mutter Habt, Pan!“
Der Bocksbeinige runzelt verwirrt die Stirn ob dieser seltsamen Feststellung. „Bitte, Raphi? Jeder hat doch eine Mutter. Was’n das für ne Frage?!“
„Ich Nicht“, stellte der Engel trocken fest.
„Oh. Naja. Das erklärt einiges“, murmelt Pan, steht auf und tätschelt dem Engel mitfühlend das Knie. Höher hinauf reichen kann er nicht. Die Bemerkung geht spurlos an Raphikiel vorbei und Pan seufzt. „Mach dir nichts draus, Großer. Also, wie auch immer, wenn irgendeine Anrufung für dich reinkommen sollte, werden wir dir auf jeden Fall sofort Bescheid geben.“ Pan fischt eine selbstgedrehte Ritualzigarette hinter dem spitzen Ziegenohr hervor und steckt sie sich zwischen die Lippen. Dann wirft er einen Blick auf das riesige Flammenschwert am Gürtel des Engels. „Haste mal Feuer?“
„Was?!“ der Engel blickt ihn konsterniert an. Dann dämmert es ihm. „Impertinente Naturgeister!“ empört er sich und verschwindet in einem weiteren „HoooooooooooooHHHHH…“ und einem Aufblitzen.
Fitje und Pan schauen sich einen Moment wortlos an, brechen dann in schallendes Gelächter aus und wälzen sich über die Wiese. Auch die Äste der Eiche beben im Kichern der Dryade.

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