Unternehmensberatung ist Lifestyle

Na endlich sagt es mal jemand, wie es ist.

Unternehmensberatung ist nicht nur ein Beruf, das ist auch Lifestyle„, sagt die 27-jährige, studierte Psychologin, die gerade in Bremen in BWL promoviert und sich zum Zeitpunkt des Ausspruches auf einer Strategie-Konferenz in einem 4-Sterne-Hotel in Bilbao befindet. Hier entwickelt bei Tag die zukünftige Unternehmensberater-Elite unserer Wirtschaft „innovative Geschäftsmodelle“ für die Telekommunikationsbranche. Oder für Rentner. Damit kennt man sich ja aus. Jeder hat ein Handy. Und fast jeder eine Oma.

Ihr 25jähriger Kollege, der ebenfalls gerade promoviert und sein VWL-Mathematik-Studium bereits in der Tasche hat, „will jetzt wirklich nicht arrogant klingen“, wenn er sagt, dass er keine Lust hat, mit durchschnittlichen BWLern in irgendeinem beliebigen Unternehmen zu arbeiten. Tut er aber.

Aber gut, wenn man die Wahl hat, in einem Unternehmen zu arbeiten, oder einen „Lifestyle-Job“ wie Beratung zu haben, dann ist das auch verständlich. Dann kann es nur der pure Neid auf stolze 60.000 Euro Jahresgehalt für Berufseinsteiger im „Junior Associate-Programm“ (sprich: blutjunge Anfänger ohne irgendwelche Erfahrung arbeiten als Berater) sein, der da aus mir spricht. Mag sein. Mit Arbeit verdient man jedenfalls weniger als mit Beratung.

Irgendwie mache ich mir aber auch Sorgen. Da müssen die armen, jungen Lifestyle-Jobber 60 bis 80 Wochenstunden in einem Job arbeiten, von dem sie „erst noch herausfinden müssen, ob er zu ihnen passt“. Und dann müssen sie auch noch Tempo machen, damit ihnen Abends Zeit zum Feiern bleibt. Denn „wir wollen keine reinen Arbeitsmaschinen einstellen“, sagen die großen Unternehmensberatungen.

Deshalb gilt das Motto der Berater: „Work hard, play hard“ und nachts wird gefeiert. Drei Stunden Schlaf reichen auch, um seinen Berater-Job ausgeruht, unverkatert und mit klarem Kopf erledigen zu können. Ob das aber so gesund ist, auf Dauer? Die Beraterin aus dem Hause Booz Allen Hamilton (ein Menschenschlag, der sich selbst „Boozis“ nennt. Und wie wir wissen, ist „Booze“ ja Slang für Alkohol und „boozie“ für Bullshit. Unter anderem…) weiß zu beruhigen: „Work-Life-Balance ist etwas, worauf die Bewerber immer häufiger Wert legen“, erzählt sie. „Für uns ist das auch ein wichtiger Aspekt. Wir wollen die Leute langfristig halten. Keiner soll ausbrennen.“

Da bin ich dann doch wieder beruhigt. Kurz nachgerechnet ist das ja eigentlich auch nur ein Halbtagsjob. Denn die Woche hat ja 168 Stunden. Damit kann man leben. Und unter der Vorraussetzung sind diese jungen Lifestyler eigentlich auch genau die Leute, von denen ich meine Firma beraten lassen wollte:

Ob männlich, 25, abgeschlossenes Doppelstudium und demnächst Doktor für Finanzwissenschaften und Statistik, Anzugträger und „wirklich nicht arrogant“ (eventuell aber nicht bei bester Gesundheit, denn vermutlich wehrdienstuntauglich) oder weiblich, 22, im 8. Semester des BWL-Studiums in Wien, die die Option hat, „nach ein paar Jahren immer noch etwas anderes machen“ zu können, sollte sie „feststellen, dass mir der Job nicht liegt“ – diese junge Business-Elite bringt alles mit, was ich mir von jemandem wünsche, der mein Unternehmen fachlich kompetent, vorausschauend und mit Fingerspitzengefühl beraten kann:

Lebenserfahrung, eine fundierte Ausbildung in einem echten Beruf, Weisheit, Konferenzerfahrung, Trinkfestigkeit, Feierfreude und einen unschlagbaren Sinn für Humor. Denn sie kennen sich aus mit Arbeitsgruppen, die im Eiltempo tolle Powerpoint-Präsentationen entwerfen, dabei unternehmerisches Denken beweisen und bezeichnen sie scharfsinnig mit Namen wie „The New Silver Bullet of Communications„.

So viel Fingerspitzengefühl und scharfsinnigen Humor hätte ich bei Hochgeschwindigkeits-Elite-BWLern wirklich nicht erwartet. Denn wie man weiß: was eine normale Kugel nicht umbringen kann, das schafft auf jeden Fall die Silberkugel. Werwölfe, Vampire – und eben auch Unternehmen. Wofür althergebrachte Techniken eines einfachen, mittelständischen Unternehmers oft Jahre und Jahrzehnte brauchen (also einer Firma den Gnadenschuss zu setzen), das traut man sich in den großen Unternehmensberatungen schon vor Beendigung des 23. Lebensjahres und dritten Studienganges zu. Und vermutlich hat sie recht, die selbstbewusste, neue Elite.

Es ist eben nicht nur einfach ein Job – es ist eine Lebenseinstellung!

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