Filmkritik: Verhaltensauffällig

18. Juli 2008
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(Originaltitel: Happy-Go-Lucky)

Poppy ist 30 Jahre alt und Grundschullehrerin. Poppy ist ein stets gut gelauntes, knallbunt gekleidetes Energiebündel, das gerne und viel lacht und unglaublichen Spaß am Leben hat. Poppy hat das Herz am rechten Fleck, kann gut zuhören und ist überhaupt sowas von sympathisch, dass man ihr einfach… am liebsten mit einem nassen Waschlappen totschlagen möchte (auch wenn das kein gutes Deutsch ist, ist es die einzig richtige Art, diesen Satz zu beenden).

Da kann Poppy mit ihren “herzhaft komischen Grimassen und Verrenkungen” (Was kommt heraus, wenn man Mr.Bean und Michael Mittermaier kreuzt und das Ergebnis mit LSD füttert?) noch so viele Bären auf der Berlinale gewinnen, es ändert nichts an der Tatsache, dass sie ein so unerträglicher und nerviger Charakter ist, dass man sie bereits nach wenigen Minuten herzhaft zu hassen beginnt. Während die Nebencharaktere zum Teil recht amüsant und interessant gestaltet wurden (vielleicht täuscht der Eindruck aber auch nur durch den direkten Vergleich) ist Poppy einfach nur… nervig.

Es ist noch nicht einmal ihre Art an sich, die mich aufregt. Wäre sie leicht zurückgeblieben oder geistig behindert, könnte ich mich wunderbar darüber amüsieren, wie sie andere Menschen zur Weißglut bringt, indem sie sich grinsend und herumalbernd über die Konventionen der Gesellschaft hinwegsetzt. Aber man sollte annehmen, dass eine offensichtlich vernunftbegabte und hochgebildete Lehrerin (jaja, ich weiß, dass das nicht unbedingt zusammenpassen muss) genügend Verstand besitzt, um zumindest beim Autofahren kurz von ihrem Trip herunterzukommen.

An der Stelle wurde übrigens eine der zahlreichen Chancen verpasst, dieser Ulknudel den Dämpfer zu verpassen, den sie verdient. Aber Poppy ist ja ein Sympathieträger. Ihr Fahrlehrer nämlich, die einzige Person im Film, die ihr mal gehörig die Meinung sagt, und sie dezent darauf hinweist, dass ihre Fahr- und Lebensweise möglicherweise zu dem einen oder anderen unbedeutenderen Todesfall führen könnte, wird im nächsten Atemzug für seine Unverschämtheit abgestraft, indem ihn der Regisseur in einen verklemmten, homophoben Rassisten verwandelt – tja, hätte er mal besser die Klappe gehalten.

Wie es sich gehört, ist das der Zeitpunkt, an dem für Poppy der Spaß aufhört. Selbst sie hat irgendwo ihre Grenzen – nämlich genau dort, wo es mal gegen sie selbst geht. Aber Poppy ist ja ein Sympathieträger (hatte ich das bereits erwähnt?). Also sehen wir ihr auch hier die komplett wahnsinnigen Reaktionen nach und freuen uns, dass es ihr gelingt, jeder Situation geschickt aus dem Wege zu gehen, in der es mal ein bißchen schwieriger werden könnte. So einfach kann das Leben sein, wenn einem alles und Jeder am Arsch vorbei geht.

Dass Poppy aber doch ein Gespür für die Sorgen und Nöte anderer Menschen hat, beweisen die sozialpädagogisch angehauchten Szenen in ihrer Grundschule. Dort vermöbelt nämlich gerade so ein ungehobelter kleiner Scheißer ungestört seine Mitschüler. Selbstverständlich liegt das nicht daran, dass der ungehobelte kleine Scheißer einfach nur schlecht erzogen ist, sondern dass er Probleme hat, mit denen er nicht fertig wird. Also wird der Übeltäter das Opfer sanft beiseite genommen und ernst und liebevoll belehrt (als ob so ein kleines Kind für pädagogisch wertvolles Probleme ausdiskutieren überhaupt schon Verständnis aufbringen könnte. Aber erstaunlicherweise hört er trotzdem zu – von dem kann Poppy also direkt noch was lernen!). Dem eiligst eingeflogenen Schulpsychologen gelingt es nicht nur innerhalb von drei Minuten und zwei Sätzen die Probleme des Jungen zutage zu fördern (“Nimm Stift, male Haus auf!” Drei Fenster, drei Personen – aha, Stiefvater schlägt Stiefsohn.), sondern im Vorbeigehen gleich noch das Herz seiner Lehrerin zu erobern und in mir einen mittleren Brechreiz auszulösen. So einfach kann das Leben sein, wenn man einen Stift zur Hand hat.

Was bleibt mir abschließend noch zu sagen? Übergewichtigen Mädels in gestreiften Ringelröckchen und ihren übergewichtigen Freundinnen in schwarzen Leggins und mit rosa Oberteil scheint der Film zu gefallen. Leute, die sich von ihrer Freundin den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass der neueste Indiana Jones Zeitverschwendung war (leider zu recht), sind dagegen endlich quitt.

Dieser Film bekommt 1 von 10 Punkten (die 0 Punkte behalte ich mir sicherheitshalber auf, falls ich mich durch einen dummen Zufall oder eine verlorene Wette in den demnächst startenden Schmachtfetzen “So ist Paris” verirren sollte).

Tags: happy go lucky, Kritik, punkte, verhaltensauffällig

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