Die Chroniken des Raben (James Barclay)

Wohlan, nun denn,… 

so wollen wir dies Buch bewerthigen! 

– Entschuldigung. Kleiner Scherz vorweg. *gg* 

James Barclay hat mich mit den „Chroniken des Raben“ sichtlich begeistert – vor allem, da er nicht die ausgeleierte tolkieneske Fantasysprache benutzt (was Tolkien beherrschte, die Heerscharen seiner Nacheiferer von Holbein bis zu den unsäglichen DSA-Romanschreiberlingen jedoch nicht). Stattdessen lässt er seine Helden frisch und „modern“ sprechen, gewürzt mit trockenem Humor bis hin zu derber Ausdrucksweise (Ein Satz wie „Ich reite mit dem Arsch, nicht mit dem Kopf“ steht der realistischen Sprache eines Götz von Berlichingen ohnehin näher als traurige Fantasyklassiker wie „Mögest du verdammt sein, Schurke!“). Realistisch anmutende Helden, die, durchaus realistisch, mit 30 schon kurz vor dem Ruhestand stehen und schon lange keine romantischen Flausen mehr im Kopf haben. 

Ja, die Mitglieder des Raben haben durchaus viele Gemeinsamkeiten, die sie auf den ersten Blick etwas undifferenziert erscheinen lassen – aber mit ihrer 10jährigen gemeinsamen Vergangenheit verhält es sich bei Söldnertruppen wohl so wie bei alten Ehepaaren. 

Ich muss allerdings gestehen, dass ich in die „Chroniken“ mit Band 3 eingestiegen bin und Band 1+2 erst nach allen anderen gelesen habe, so dass ich mir ohnehin von vornherein der Tiefe und Unterschiedlichkeit der einzelnen Charaktere bewusst war. 
Meiner Ansicht nach tut Barclay damit allerdings sich und seinen Lesern einen Gefallen: 
Statt der üblichen zwei „Vorstellungskapitel“ in denen jeder zukünftig relevante Held von Haarfarbe bis Schuhgröße, vom kindlichen Trauma bis zum schicksalsträchtigen Kratzer auf der Rückseite seiner Schwertklinge vorgestellt wird (und man schon ziemlich genau sagen kann, welcher Charakter wann im Buch wie sterben wird, wer mit wem ein Verhältnis haben und wer seinen lange verschollenen Vater/Bruder/Onkel/Erzfeind/linken Schuh finden wird), wirft Barclay seine Truppe und den Leser direkt in die Action und überlässt es der Geschichte, nach und nach die Charaktere zu entwickeln. 
Man merkt dabei deutlich, dass die „Chroniken“ von vornherein als längere Serie angelegt sind (was sich ja auch damit bewahrheitet, dass Serie 2, „Die Legenden des Raben“ lückenlos an die „Chroniken“ anschließt), die dem Autor genug Zeit gibt, seine Figuren und seinen Plot zu entwickeln. 
Deswegen kann er sich, statt den Leser zwanghaft mit möglichst viel Hintergrundinformation über Welt und Figuren zu bombardieren und damit die Hälfte der 350 Seiten jedes Bandes zu verkleistern, auf das Wesentliche seiner Geschichte konzentrieren und sie frisch und knackig halten. 

Mag das am Anfang noch etwas seicht erscheinen, zieht Barclay seine Leser unmerklich immer tiefer in seine sehr reichhaltige Geschichte, bei der die Bösen nur selten wirklich böse und die Guten nie gänzlich gut sind (vor allem aber nicht hehr und edel) – und die durchaus je nach persönlicher Motivation in der Geschichte plötzlich sympathisch oder unsympathischer werden können (für Freunde der klassischen Fantasy: Sie wechseln die Seiten. – Wobei es keine feststehenden Seiten gibt. Es ist eine ziemlich realistische Welt.) 
Spätestens im dritten Band erscheinen einem die Raben-Mitglieder (und viele andere Charaktere) wie gute alte Bekannte mit menschlichen Schwächen und Stärken weit jenseits der klassischen Fantasyfiguren – dafür aber eher wie reale Personen. 

Einen kleinen Wermutstropfen bildet die geographische „Anlage“ von Balaya, dem Heimatkontinent des „Raben“. 
Auf den ersten Blick viel zu starr und schlicht angelegt verheißt die Karte im Buch Schlimmes – was sich zum Glück nicht im Buch selbst widerspiegelt. Die Welt ist weit facettenreicher als die Karte vermuten lässt. 

Zweiter Wermutstropfen ist (wie in Deutschland leider üblich) der weit am Buch vorbei getextete Klappentext (es wäre hilfreich, wenn Leute, die Klappentexte schreiben, zuerst das Buch lesen…) und die Auflistung der handelnden Personen. Mag das im ersten Buch noch brauchbar sein, wird es spätestens bei Band drei irreführend und lästig bis lächerlich (angefangen von der Tatsache, dass „Der Rabe“ dann schon lange nicht mehr aus „sechs Kriegern und einem Magier“ besteht und viele der aufgeführten Personen schon seit 2 Bänden nicht mehr vorkommen bis hin dazu, dass die Geschichte inzwischen generell weiter ist, als der Klappentext des ersten Buches). 

Ausgesprochen positiv hingegen finde ich die Art, wie Barclay mit Magie und der Dimensionstheorie umgeht – seine Erklärungen (und die Theorien seiner Charaktere und ihrer magischen Kollegien) sind angenehm realistisch und „wissenschaftlich“ – er verzichtet auf das übliche Schema „wenn ich nicht weiß, warum es funktioniert, schreibe ich, dass es Magie war. das erklärt alles“. 
Auf diese Weise entsteht ein „High-Level“-Fantasy-Setting voller mächtiger und mächtigster Magie (Was ich nicht mag. Zugegeben.) mit einer konkreten „Low-Level“-Geschichte, in der die Charaktere im Rahmen von legendären Veteranen einer von Söldnern und Magie geprägten Kultur schön bodennah, realistisch und durchaus verletzlich und sterblich bleiben. 

Toll: Die Covergestaltung, die der Grund war, dass ich überhaupt einen Band der Serie gekauft habe. 

Zusammenfassend: Eine tolle Serie, die zwar nicht das Rad der Fantasy neu erfindet, sich aber deutlich abseits der ausgetretenen Wege bewegt und zeigt, dass man Genre auch moderner als in den 80ern und Anfang der 90er behandeln kann (was in England ohnehin bekannter zu sein scheint als in Deutschland oder den USA). Sehr empfehlenswert. 

Punkte: 8/10 

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