Schwindel-Götter

Und hier noch eine Geschichte, die ich vor etwa einem Jahr zur Geburt des Sohnes einer Freundin geschrieben habe.

Featuring 2 meiner Lieblingsgötter unserer Spiel- und Geschichtenwelt.

Damit hab ich dann, glaube ich, alle Geschichten aus der Xing-Gruppe „Textmanufaktur“ gerettet, die gerade mal wieder überlegen, ob sie dicht machen.

Viel Spaß und schönen Abend,
Tom

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Schwindel-Götter

Hallo Garrit. Ich habe lange überlegt, ob mir eine Geschichte für dich einfällt.
Ist mir aber nicht.
Deswegen habe ich jemanden gefragt, der da besser ist als ich.
Er heißt Takhasa, wird aber von seinen Freunden nur Khas genannt. Khas ist ein alter Freund von mir und passt ab und zu auf den Sohn einer anderen Freundin auf und erzählt ihm Geschichten.
Khas hat wirklich schon viel erlebt und kennt deshalb ganz viele Geschichten.
Und die erzählt er dann ab und zu Finn, dem Jungen.
Finn ist sieben Jahre alt und wohnt mit seinen Eltern in einem Haus, das in einem großen Garten am Rande eines Dorfes steht.
Finns Mutter ist Gärtnerin und Finns Vater ist Magier.
Deswegen ist er immer wieder mal leider nicht zuhause sondern muss verreisen, um zu arbeiten.
Dann kommen ab und zu Khas und ein oder zwei Freunde von seinen Eltern vorbei, passen auf Finn auf und bringen ihm Geschichten und Quatsch bei.
An diesem bestimmten Tag war außer Khas auch noch der kleine, dicke Mogo mitgekommen, den Finn besonders witzig fand.
Und weil es ein besonders schöner, sonniger Sommertag war, hatten die drei, Finn, Khas und Mogo, die Sessel aus dem Wohnzimmer stibitzt und sie im Garten unter die alten Kirschbäume getragen.
Damit sie es gemütlich hatten, wenn Khas eine neue Geschichte erzählte.
Diese hier:

„Pass mal auf“, sagte Khas.
„Und wenn er das sagt“, sagte Mogo zu Finn, „Dann solltest du gut zuhören, Junge. Dann will er was erklären, was keiner wissen will. Auf die Weise kannst du eine ganze Menge darüber lernen, was niemand wissen muss. Das ist bei vielen Menschen so.“ Mogo grinste breit, zupfte an seinen Bartzöpfen und zwinkerte ihm zu. Finn musste kichern.
Khas rollte mit den Augen und sagte: „Halt die Klappe, Zwerg.“
„Ha!“ machte Mogo und richtete sich zu seiner vollen Größe von einem Meter dreißig auf. Damit war er nur ganz knapp größer als Finn. Aber etwa viermal so schwer.
„Nur, weil du zu groß für eine normale Person bist, musst du mich nicht Zwerg nennen! Wie ist die Luft da oben, Bohnenstange?“
Mogo war nämlich ein Dalkar.
Das ist ein kleines Volk von Bergleuten und Schmieden, das von den Menschen oft ‚Zwerge‘ genannt wird. Sie selbst nennen sich natürlich nicht so, weil sie nicht finden, dass sie klein sind. Sie finden, dass wir Menschen einfach zu groß sind. Deshalb mögen sie es gar nicht, wenn man sie Zwerge nennt.
„Sehr witzig“, sagte Khas und drehte sich wieder zu Finn, der immer noch kicherte. „Also pass mal auf. Ich wollte dir heute was über Götter erzählen. Du weißt, was ein Gott ist?“
Finn runzelte die Stirn. „Onkel Peter sagt, dass Gott im Himmel wohnt und alles sieht. Wer gut und wer böse ist und so. Außerdem hat er die Welt gemacht.“
Mogo lachte schallend und ließ sich auf einen Sessel fallen, den er vorher aus dem Haus in den Garten getragen hatte. „Im Himmel?“ sagte er. „Wie soll das denn gehen? Da sind Vögel und Wolken.“
„Ich weiß nicht“, sagte Finn nachdenklich. Er kletterte auf den Sessel zwischen Mogo und Khas und baumelte mit den Beinen. „Vielleicht hat er Flügel. Wie die Vögel.“
„Das sind Engel. Ein ordentlicher Gott braucht keine Flügel.“, sagte Mogo und trank einen Schluck Kirschlimonade aus seinem Glas. Dann runzelte er die Stirn und sah das Glas an. Er schnippte mit den Fingern und die Limonade verwandelte sich vor Finns Augen in ein schäumendes Bier. Mogo nickte zufrieden. Dann hielt er das Finn das Glas hin. „Magst du auch einen Schluck Bier?“
Finn verzog angeekelt das Gesicht und Mogo kicherte.
„Bier ist nichts für Kinder“, rügte Khas und goss Finn ein Glas Kirschlimonade ein.
„Danke“, sagte Finn und nippte an seiner Limonade. „Aber er hat die Welt gemacht, oder?“
„Naja“, sagte Khas, „Nicht so direkt. Kein Gott kann einfach so alleine eine Welt machen. Dein Onkel Peter ist ein netter Mann, aber von Göttern versteht er nicht viel.“
„Götter?“ fragte Finn neugierig. „Gibt es mehr als einen Gott?“
„Na sicher“, sagte Khas. „Hat dir deine Mama nichts von der Großen Mutter erzählt?“
Finn nickte. „Ja“, sagte er. „Mama sagt, sie ist die Erde und hat uns alle erschaffen.“
„So groß ist sie gar nicht“, sagte Mogo.
„Nicht?“, fragte Finn.
„Nö“, sagte Mogo. „Sie ist kleiner als Khas hier. Größer als ich, aber ich bin ja auch nur ein Zwerg.“ Er grinste und zwinkerte Finn wieder zu.
„Mogo erzählt Quatsch“, sagte Khas und seufzte. „Mit ‚groß‘ ist nicht gemeint, dass die Große Mutter, naja, groß ist. Also nicht groß gewachsen. Groß bedeutet eher so was wie ‚wichtig‘. Weil sie wichtig für uns alle ist.“
„Okay“, sagte Finn. „Das verstehe ich. Also gibt es Gott und die Große Mutter und die haben zusammen die Welt gemacht.“
„Ich hab‘ ja auch Mama und Papa.“, fügte er dann schlau hinzu.
„Naja“, sage Khas, „Neben dem Gott von deinem Onkel Peter und der Großen Mutter gibt es noch einige Götter mehr. Du hast ja auch nicht bloß Mama und Papa, du hast auch noch Onkel und Tanten und Cousins und Cousinen und Oma und Opa und Mogo und mich. Zum Beispiel.“
„Stimmt“, gab Finn zu. „Oma ist die Mama von meiner Mama. Ohne Oma gäbe es meine Mama ja gar nicht.“
„Schlauer Bursche“, sagte Mogo.
„Wer ist dann die Mama von der Großen Mutter?“ wollte Finn wissen.
Mogo prustete und fiel vor Lachen fast aus seinem Sessel. „Da hast du’s, Khas!“ kicherte er und wischte sich das Bier aus dem Bart. „Der Junge ist schlauer als du!“
Khas wischte sich das Bier von der Lederhose. Mogo hatte ihm vor Lachen sein Glas über die Hose gegossen. Auch Finn musste kichern, als er den Gesichtsausdruck von Khas sah.
„Die Mama von der Großen Mutter“, sagte Khas nachdenklich und holte eine Zigarette aus seiner Lederjacke.
„He“, schimpfte Finn. „Man darf nicht rauchen, wenn Kinder dabei sind! Außerdem ist das ungesund. Davon kann man Krabben bekommen!“
„So ähnlich. Aber du hast recht.“, sagte Khas und schämte sich. Dann steckte er die Zigarette wieder weg. „Also die Mutter von der Großen Mutter nennt man natürlich Große Großmutter.“
Diesmal prusteten Finn und Mogo gemeinsam los.
„Ihr braucht gar nicht lachen“, sagte Khas ernst. „Das ist doch allgemein bekannt!“
„Tante Janne hat mir von Großmutter Schildkröte erzählt“, sagte Finn. „auf ihrem Rücken ist die Erde gebaut.“
„Auf dem Rücken von Großmutter Schildkröte?“, fragte Mogo.
Finn nickte weise.
„Nicht wirklich“, sage Khas. „Das wäre unpraktisch. Und sehr unbequem für Großmutter Schildkröte. Dann könnte sie ja nie wieder tauchen, sondern müsste immer nur an der Oberfläche des Meeres herumschwimmen. Das wäre nicht gut für sie und würde sie wirklich traurig machen.“
Finn nippte an seiner Limonade und schob nachdenklich die Unterlippe vor. „Stimmt“, gab er dann zu. „Aber Großmutter Schildkröte ist also auch ein Gott?“
„Eine Göttin“, verbesserte Mogo. „Ich glaube zwar nicht, dass sie die Mama von der Großen Mutter ist, aber sie ist eine Göttin.“
„Für Schildkröten?“ fragte Finn neugierig.
„Genau“, lächelte Mogo und strich sich seinen langen Bart. „Für Schildkröten.“
„Gibt es auch einen Gott für Katzen?“ fragte Finn.
„Mehrere!“ sagte Khas. „Katzen sind kompliziert, die brauchen mehrere Götter und Göttinnen.“
„Eine hab ich mal getroffen“, sagte Mogo. „Sie heißt Bastet. Wenn man nicht ganz nett zu ihr war, hat sie mächtig böse fauchen können!“
„Wie Katzen“, stellte Finn fest.
„Genau. Wie Katzen“, stimmte Mogo zu und trank wieder einen Schluck Bier. „Deswegen ist sie auch Göttin von den Katzen geworden.“
„Gibt es auch einen Gott für Bier?“ wollte Finn wissen.
Diesesmal musste Khas lachen. Mogo guckte Khas böse an und reckte dann seine mächtige Brust stolz heraus.
„Ganz zufällig bin ICH der Gott für das Bier!“ sagte Mogo stolz.
„Du?“ fragte Finn erstaunt.
„Ich“, sagte Mogo. „Ich bin der Gott für das Bier und für die Dalkar. Und für die Schmiede.“
„Für die Schmiede gibt es allerdings ganz viele Götter. Hephaistos und Vulkanus und Goibhniu und noch viele, viele mehr“, sagte Khas.
„Warum?“ fragte Finn.
„Weil das schmieden so wichtig für alle Leute ist. Deswegen gibt es immer viel Arbeit. Und deswegen teilen sich viele Götter die Arbeit. Stell dir vor, dass dein Papa zum Beispiel die neue Scheune ganz alleine hätte bauen müssen.“
„Das wäre viel zu schwer gewesen“, sagte Finn überzeugt. „Die ist ganz groß!“
„Genau“, sagte Mogo. „Und genauso ist das mit dem schmieden. Wenn viele helfen, dann wird man schneller fertig. Außerdem kann ich mich ja nicht den ganzen Tag nur um die Schmiede kümmern. Dann komme ich ja gar nicht mehr dazu, mich um die Dalkar zu kümmern. Oder um das Bier. Und ich hätte keine Zeit, um hier bei dir zu sitzen.“
„Und das Bier zu trinken“, sagte Khas.
„Genau“, stimmte Mogo zu.
„Dann siehst du also alles?“ wollte Finn wissen.
Mogo winkte ab. „Ach was“, sagte er. „Ich habe noch nie einen Gott getroffen, der alles weiß. Das ist völliger Quatsch. Außerdem will ich auch gar nicht alles wissen!“
„Ich schon!“ sagte Finn bestimmt. „Dann wäre ich in der Schule immer der Beste.“
„Das schon“, gab Khas zu. „Aber wenn du wirklich alles wüsstest, dann müsstest du auch wissen, wie ein Hundehaufen schmeckt. Denn das gehört ja auch zu allem dazu. Und das willst du wirklich?“
„Iiiiiihh!“ rief Finn und verzog angeekelt das Gesicht. „Nein!“ sagte er dann schnell.
„Siehst du, und Göttern geht das genauso. Deswegen sind wir auch alle froh, dass wir nicht alles wissen“, sagte Mogo.
„Aber wenn Götter nicht alles wissen, dann machen sie ja auch mal was falsch!“ stellte Finn fest.
„Genau. Zum Beispiel spucken sie anderen Leuten aus Versehen Bier auf die Hose“, sagte Khas und wischte immer noch an seiner nassen Lederhose herum. Mogo und Finn sahen sich an und kicherten wieder.
„Schwindeln Götter auch?“ fragte Finn dann.
Khas und Mogo sahen sich an.
„Nein“, sagte Mogo.
„Das war geschwindelt“, sagte Khas.
Mogo kicherte und nickte.
„Man darf aber gar nicht schwindeln!“ sagte Finn entrüstet.
„Ach was“, sagte Mogo. „Es gibt sogar Götter für das Schwindeln!“
„Ehrlich?“ fragte Finn.
„Nein“, sagte Khas.
„Doch“, erwiderte Mogo. „Loki zum Beispiel. Oder Mikk. Oder Kojote. Weltbekannte, große Schwindel-Götter.“
„Bring‘ doch dem Jungen keinen Blödsinn bei“, schimpfte Khas.
„Aber wenn es wahr ist“, sagte Mogo.
„Ein Kojote, der schwindelt?“ fragte Finn ungläubig. Was ein Kojote ist, wusste Finn schon. Sowas Ähnliches wie ein Hund. Oder Wolf. Fast zumindest. Jedenfalls hatte er schon mal einen in einem Buch gesehen.
„DER Kojote. Der Gott der Kojoten. Und ein Schwindelgott.“ Khas nickte. „Er ist nämlich ziemlich schlau, der Kojote. Er ist aber nicht stark und auch nicht das schnellste oder gefährlichste Tier. Also muss er manchmal schwindeln, damit ihn die größeren und stärkeren Tiere wie der Bär oder der Wolf oder auch der Puma oder der Adler nicht verhaun oder gar fressen.“
Mogo nickte und sagte: „Er schwindelt sogar so gut, dass er sich oft mal selbst austrickst und dann der Dumme ist. Oft erzählt er Leuten völligen Blödsinn. Kojote ist nämlich kein großer Krieger wie Wolf oder Bär. Dafür ist er schlauer. Aber auch wenn er sie überlistet, merken sie es irgendwann doch und sind dann erst recht böse auf ihn. Woraus du erkennen kannst, dass es oft besser ist, nur zu schwindeln, wenn es unbedingt nötig ist. Das spart Ärger.“
„Hmhm.“ Finn nickte. Er hatte ja auch schon geschwindelt und war erwischt worden. Das war dann unangenehmer, als wenn er gar nicht geschwindelt hätte. Aber es war zumindest angenehmer, als verhauen zu werden. Ja, er konnte Kojote, den Schwindler, verstehen. Manchmal war es einfacher, andere auszutricksen.
„Gibt es denn dann Götter für alles?“ wollte er wissen.
Mogo sah Khas an und strich sich nachdenklich den Bart. „Ja“, sagte er dann, „So ziemlich.“
„Auch für Fliegen?“
„Ja, auch für Fliegen“, sagte Khas.
„Und für Feen?“
„Na sicher“, sagte Mogo. „Jede Menge.“
„Und Wolken?“, fragte Finn.
„Wolken?“, sagte Pendius. „Ou, du. Das ist kniffliger. Klar gibt es auch Götter für Wolken. Aber nicht, weil Wolken Götter brauchen. Die sind ganz zufrieden ohne Götter. Die Götter für Wolken sind eigentlich Götter für Menschen.“
„Wolkengötter für Menschen?“, fragte Finn verwirrt.
„Ja, weil die Menschen oft nicht glauben wollen, dass manche Dinge einfach so passieren, von alleine. Also haben sie Götter für das Wetter erfunden, damit sie ihnen die Schuld geben können, wenn es stürmt, oder hagelt oder blitzt. Oder auch eben nicht regnet, wenn die Menschen gerne hätten, dass es regnet, weil die Felder vertrocknen“, sagte Khas. „Ich wäre nicht gern Wettergott. Da kann man es den Leuten nie recht machen“, fügte er hinzu.
„Hmhm“, machte Finn und nickte. „Aber ich mag Blitze und Schnee“, sagte er dann.
„Das wird die Wettergötter freuen zu hören“, brummte Mogo und lachte. „Finn, es gibt Götter für einfach alles. Sogar eine Göttin für die Sachen, die sich in der Küche immer so in der Schublade verklemmen, dass man sie nicht auf kriegt.“
„Echt?“ fragte Finn und fühlte sich ein wenig veralbert.
„Echt“, sagte aber Khas, „Sie heißt Anoia. Nette Frau. Deine Mama kennt sie auch.“
„Aber was ist mit Quallen? Haben Quallen auch Götter?“
„Quallen?“ Khas und Mogo überlegten. „Boah“, sagte Mogo schließlich. „Keine Ahnung. Aber ich denke schon.“
„Igitt“, sagte Finn, „Ich wär‘ nicht gern der Gott für Quallen.“
„Ich auch nicht“, gab Mogo zu. „Aber vermutlich ist er selber eine Qualle und deshalb macht es ihm gar nichts aus. Und vermutlich wäre er nicht gern der Gott für Dalkar und findet uns ziemlich ‚Igitt‘.“
Finn kicherte. „Stimmt“, sagte er. „Bist du auch ein Gott?“ wollte er dann von Khas wissen.
„Ähm“, machte Khas verlegen und rutschte auf seinem Sessel herum. „Ja“, sagte er dann.
„Aha“, sagte Finn. „Und wofür?“
„Für Krieg“, sagte Khas.
„Für Krieg?“ fragte Finn erschrocken und sah Khas mit großen Augen an. Khas war doch so ein freundlicher und netter Mann.
„Ja, leider“, sagte Khas. „Ich hab‘ es mir nicht ausgesucht. Das waren andere Menschen.“
„Andere Menschen haben bestimmt, wofür du Gott bist?“ staunte Finn.
„Ja“, nickte Khas. „Das passiert oft. Die meisten von uns Göttern werden von Menschen zu Göttern gemacht. Und oft fragen sie nicht einmal, ob man das überhaupt will.“
„Aber ich dachte, dass die Götter die Menschen gemacht haben!“ sagte Finn erstaunt.
„Nee“, sagte Mogo. „Die Menschen und auch die Dalkar und eigentlich die ganze Welt sind alleine entstanden. Aber da die meisten Menschen nicht genug nachdenken und keine Lust haben, selbst verantwortlich zu sein für das, was sie machen, haben sie die Götter erschaffen. Dann können sie sagen: Nicht wir haben den Krieg gewollt, sondern der Gott ist schuld.“
„Oh Mann“, sagte Finn mitfühlend. „Und deswegen sagen sie, dass du schuld bist, wenn Krieg ist?“
„Ich oder einer der anderen Götter für den Krieg.“ Khas nickte. „Es gibt mehr Götter für den Krieg, als für alles andere.“
„Das ist traurig“ sagte Finn.
„Na sicher ist das traurig“, sagte Mogo.
„Willst du nicht lieber Gott für etwas anderes sein?“ fragte Finn.
Khas zuckte mit den Schultern. „Nein, eigentlich nicht.“
„Aber wenn dir doch Krieg keinen Spaß macht!“ rief Finn.
„Deswegen ist Khas ein guter Kriegsgott. Weil er nämlich keinen Krieg mag“, sagte Mogo, „Stell dir mal vor, Khas macht etwas anderes und dafür wird jemand Kriegsgott, der Krieg tatsächlich gern hat.“
„Oh“, machte Finn nachdenklich. „Dann gäbe es wohl viel mehr Krieg“, überlegte er laut.
„Genau, sagte Mogo und klopfte Finn auf die Schulter. „Deswegen ist es gut, wenn Khas seine Arbeit macht, gerade weil er Krieg nicht mag. Deswegen trickst er nämlich meist die Leute, die kämpfen wollen, aus, so dass sie vergessen, dass sie Krieg führen wollten.“
„Oh“, machte Finn. „Wie Kojote?“
„Ja“, nickte Khas. „So ähnlich wie Kojote. Meist schaffe ich es, dass sie stattdessen einen Wettbewerb veranstalten oder um einen Ball kämpfen oder so. Dann verprügeln sie sich wenigstens nicht wirklich und keiner muss sterben.“
„Dann bist du ja eher ein Gott für Sport!“ stellte Finn erleichtert fest.
Khas überlegte und nickte dann. „Ja“, sagte er. „So hab‘ ich das noch gar nicht gesehen.“
„Das ist so ähnlich wie mit der griechischen Göttin Nike“, fügte Mogo hinzu. „Die ist eigentlich auch Göttin für den Krieg gewesen und heute Göttin für Sport.“
„Cool“, sagte Finn. Er trank wieder einen großen Schluck Limonade und überlegte angestrengt.
„Aber wenn die Götter von den Menschen gemacht wurden und die Welt nicht erschaffen haben und nicht alles wissen und nicht alles können und manchmal schwach sind und schwindeln und Eltern haben und so – wo ist dann der Unterschied zu ganz normalen Leuten?“ fragte er schließlich.
„Der Junge hat’s verstanden“, sagte Mogo lächelnd.
Dann sagte er zu Finn: „Im Grund gibt es keinen Unterschied. Götter sind auch nur Leute. So wie Khas und ich. Nur dass die meisten wesentlich länger leben als normale Leute.“
„Hm. Könnte meine Mama dann auch eine Göttin sein?“
„Larya? Deine Mama? Die IST eine Göttin“, sagte Khas.
„Echt? Von was?“ staunte Finn.
„Naja. Zuerst einmal von dir. Na, und von deinem Papa natürlich“, sagte Mogo und lächelte verschmitzt. „Aber ganz zufällig ist sie auch die Göttin für den Garten und die Pflanzen im Garten und auf den Feldern. Deswegen arbeitet sie immer im Garten und alles wächst und gedeit bei ihr. Und bei den Leuten, die sie darum bitten. Denen hilft sie auch damit.“
„Aber das ist doch Arbeit!“ sagte Finn erstaunt.
„Wer hat gesagt, dass Gott sein keine Arbeit ist?“ wollte Khas wissen.
„Naja, ich dachte, wenn man Gott ist, muss man nicht mehr arbeiten. Dann schnippst man mit den Fingern und will dass alles, naja, so ist wie man will und es passiert dann!“
„Ach was. Das ist Magie, was du meinst. Aber wenn man will, dass etwas richtig gemacht wird, muss man es schon selbst machen“, sagte Mogo.
Khas nickte und sagte: „Aber das mit der Magie erklär‘ ich dir ein anderes Mal. Oder du fragst deine Mama. Jedenfalls muss sie schon selbst im Garten arbeiten.“
„Außerdem hab‘ ich eh kaum Ahnung von Magie. Und Khas überhaupt keine.“ Mogo grinste.
Finn schaute einen Moment enttäuscht, zuckte dann aber mit den Schultern.
„Okay“, sagte er. „Wenn Mama eine Göttin ist“, fragte er dann, „bin ich dann auch ein Gott?“
„Nicht unbedingt“, sagte Mogo. „Aber du kannst natürlich einer werden.“
„Echt?“ Finn strahlte. „Wovon?“
„Naja. Zuerst einmal von dir selbst“, sagte Khas.
„Von mir?“ fragte Finn, „Wie denn das?“
„Indem du selbst verantwortlich bist für alles was du machst und die Schuld nicht auf andere schiebst. Auch nicht auf Götter.“
„Aber das mach ich doch sowieso nicht!“ protestierte Finn entrüstet.
„Na?“ sagte Mogo und schmunzelte, „Ganz ehrlich?“
Finn nickte heftig. „Klar ganz ehrl…“ Dann wurde er rot und sagte kleinlaut. „Nein. Nicht immer.“
Mogo zwinkerte. „Ich auch nicht immer“, gab er zu. „Aber man muss es immer versuchen. Das ist der erste Schritt.“
Khas nickte und fügte hinzu: „Und du darfst nicht alles glauben, was dir andere Leute erzählen. Nicht, bevor du nicht selber drüber nachgedacht hast. Das ist wichtig!“
„Auch euch nicht?“, fragte Finn
„Ganz besonders uns nicht“, lachte Mogo dröhnend. „Ganz besonders uns nicht. Wir sind Schwindel-Götter. Schon vergessen?“
Finn machte ein nachdenkliches Gesicht. Dann nickte er schließlich und grinste breit. „Okay.“
„Kluger Junge“, sagte Mogo.
„Aber ich wäre gern Gott der Falken“, sagte Finn. „Kann ich Gott der Falken werden? Falken sind cool!“
„Hm“, machte Khas. „Da gibt es schon einen oder zwei. Horus zum Beispiel. Obwohl, der ist ja nicht mehr im Dienst. Aber ja, ich denke, das sollte gehen. Wenn du dich um Falken kümmerst. Wirklich kümmerst! Mit ihnen arbeitest, alles über sie lernst, mit ihnen sprichst und immer für sie da bist. Wenn du ein ganz besonderer Mensch für die Falken wirst. Dann kannst du vielleicht auch Gott für Falken werden. Wenn sie dich dazu machen. Aber denk dran: Das ist Arbeit. Viel Arbeit! Vielleicht für dein ganzes Leben.“
„Puh“, machte Finn.
„Niemand hat gesagt, dass es einfach ist, ein Gott zu sein. Für die meisten ist es schon schwer genug, ein guter Mensch zu sein. Oder Dalkar“, sagte Mogo.
„Ich weiß.“ Finn nickte ernst. „Ich denk‘ drüber nach.“
„Mach das“, nickte Khas.
„Finn!“ rief eine Stimme vom anderen Ende des Gartens. „Was ist denn hier los? Was machen die Sessel auf der Wiese?“
„Larya“, seufzte Mogo.
„Deine Mama!“, sagte Khas.
„Nichts, Mama!“ rief Finn laut. „Ich war’s nicht! Khas und Mogo haben…“
„Na?“ sagte Mogo und hob grinsend eine buschige Augenbraue.
„Oh“, machte Finn und wurde rot. „‚Tschuldigung.“ „Ich war’s doch auch“, rief er, „Ich und Khas und Mogo haben die Sessel rausgetragen, weil schönes Wetter ist. Sie erzählen mir gerade was über Götter!“
Larya trat durch das Gartentor und stemmte die Hände in die Hüften. Sie hatte schwere Gartenerde an den Stiefeln und Grasflecken am Kleid und sah wirklich aus wie eine Gartengöttin. Eine saure Gartengöttin. „Khas und Mogo! Ha! Mogo, ist das da ein Bier, was ich da sehe?“
„Bier?“ murmelte Mogo entrüstet und schaute in sein Glas, in dem sich gerade eben das restliche Bier wieder zurück in Kirschlimonade verwandelte. „Wie kommt sie denn darauf?“ Er grinste Finn an und zwinkerte verschwörerisch.
„Räumt sofort die Sessel wieder ins Haus, ihr drei! Und glaub bloß nicht alles, was dir die zwei erzählen, Finn!“
Finn kicherte.
„Klar. Weiß ich doch!“ rief er seiner Mama zurück. „Das sind doch Schwindel-Götter!“

So war das, Garrit.
Das war die Geschichte von Khas.
Ob alles so stimmt, weiß ich nicht, aber Khas hat mir versichert, dass alles genau so wahr ist. Aber sicher sein kann man sich nicht.
Denk lieber selber noch mal darüber nach.
Immerhin ist Khas ein Schwindel-Gott.

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