Buchstabe ISO/IEC 10646

 

Was man so alles normen kann…

Zum Beispiel Dinge, die bis zur Einführung der Norm überhaupt nicht existieren. Oder wenn doch, dann nur als grausige Schreibfehler auf typografisch fragwürdigen Visitenkarten in CorelDraw®-Selbstausdruck.

Mit dem 23. Januar allerdings hat die ISO (die Internationale Organisation für Normung) offiziell einen nagelneuen Buchstaben zur internationalen Norm erhoben und damit effektiv vor allem das deutsche Alphabet erweitert.

Denn sonst findet dieser Buchstabe eigentlich keine Verwendung in irgendeiner Sprache der Welt. Bei ISO/IEC 10646 handelt es sich nämlich um das „EsZett“. Genauer gesagt, das große. 

Der erste Gedanke des Typografen bei dieser Nachricht ist: „Autsch“. Der zweite allerdings: „Warum eigentlich nicht?“

Bislang (und nebenbei gesagt, vorerst auch weiterhin) schreibt die Rechtschreibregel vor, dass das „sz“ bei in Versalien, also Großbuchstaben, geschriebenen Worten durch SS ersetzt wird.

Das allerdings ruft beim geschichtsbewussten deutschen Typografen nicht nur beim Schreiben ein ungutes Gefühl hervor, sondern auch beim Lesen.

Denn SCHILLERSTRASSE ist zwar immer noch besser als SCHILLERSTRAßE, tut aber trotzdem im Auge weh. Mal ganz davon abgesehen, dass schillernde Strasse als Accessoires ganz nett und allenfalls Geschmackssache sein mögen – gleich darin wohnen will aber wohl kaum jemand. Trotz vornehmer Lage.

Auch in Bierzelten kann das große SZ durchaus nützlich sein, wenn mit seiner Hilfe die plakative Aufforderung „MASSHALTEN!“ endlich richtig verstanden wird. Denn in Maßen genossener Alkohol ist doch etwas anderes, als in Massen konsumierter. Dutzende Lebern werden dem neuen Buchstaben also dankbar sein.

Mehr allerdings vermutlich auch nicht, denn ich wage es zu bezweifeln, dass den meisten Leuten, die sich in bayrischen Bierzelten das Hirn weg knallen, der inhaltliche Unterschied dieser beiden Worte auffallen würde. Besonders, wenn sie gerade eine Mass halten. Immerhin fällt den meisten von ihnen schon schwer, den Unterschied zwischen ‚das‘ und ‚dass‘ (früher: daß) zu verstehen. Außerdem heißt es ‚DIE Mass‘. Und ned ‚heißt‘, sondern ‚hoast‘. Und der Rest der Gäste sind Japaner, Koreaner, Italiener, Engländer und Australier, denen die Feinheiten der deutschen Sprachbürokratie ohnehin entgehen. Und auch egal sind, denn schließlich sind sie nicht zum lesen hier, sondern, um sich ordentlich zu besaufen. Mit Bier in Massen. Ohne SZ. Und Amerikanern ist das sowieso egal. Die können von unter den Biertischen das Schild ohnehin nicht lesen. Weil sie keine Mass vertragen.

Immerhin bin ich mir ziemlich sicher, dass die Münchner Wirtin, die uns weiland (so etwa 1992) mit oberbayrischer Herzlichkeit erklärte „Wenn’d koa Mass ned hoidn koas, no schleich di!“ sicherlich auch heute keine Verwendung für das SZ hat. Egal, ob klein oder groß.

So bleibt ISO/IEC 10646 wohl hauptsächlich Bürokraten und Typografen vorbehalten. Für letztere kann es ohnehin nicht genug schöne buchstaben geben – und vor allem erfüllt es sie mit gehässiger Freude, dass ersteren jetzt die Grundlage für Wortungetüme wie „Schillerstrasze“ und „maszhalten“ endlich gründlich entzogen ist.

Ich grüße, nicht grüsze, an dieser Stelle meinen speziellen Freund Phokael und verweise auf die Erweiterung des Unicode-Zeichensatzes vom 4. April 2008 um U+00DF und U+1E9E.

Du darfst offiziell aufhören, deine Umwelt zu foltern. Keine Ausreden mehr!

 

Quellen: Bremer Sprachblog , Wikipedia

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.