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Kapitel 5-03
Ein fremdes Bett, die ungewohnte Umgebung, seltsame Geräusche. Der Brand im Haus ihres Onkels. Eigentlich war es kein Wunder, dass Whiggs lange wach gelegen hatte. Der Agent hatte ihr sein eigenes Zimmer für die Nacht angeboten, während er selbst in das winzige Gästezimmer umgezogen war. Ihr Onkel hatte mit der Couch im Wohnzimmer vorlieb nehmen müssen. Mr. Ferret dagegen, der dürre Mann mit den komischen Augen, setzte sich allen anderen Angeboten zum Trotz in einen der Ohrensessel. Whiggs hatte nicht den Eindruck gewonnen, dass der Plasmierte tatsächlich schlafen würde. Wahrscheinlich brauchte er es nicht. Nur angesehen hatte er sie, als sie das Zimmer verließ. Und geblinzelt. Einmal.
Sie sammelte ihre Gedanken und lauschte dabei dem leisen Glockenschlag der St. Fountain Cathedral, die einige Häuserblocks entfernt lag. Als sie schließlich doch endlich Ruhe fand, war ihr Schlaf leicht und unruhig geblieben. So wie sie es gewohnt war. In den Tunneln unter der Stadt schlief niemand tief. Nicht einmal in seinem eigenen Haus. Schließlich bedeutete Wachsamkeit Überleben, selbst wenn die Augen geschlossen waren. Die trügerische Sicherheit Lethes nahm niemand der Tunnler auf die leichte Schulter und die, die es trotzdem taten, erfuhren zumeist ein äußerst unangenehmes Ableben.
Gegen drei Uhr nachts erwachte sie plötzlich. Sie wusste nicht, ob ein Geräusch oder die Andeutung einer Bewegung sie geweckt hatte, aber es eines war ihr sofort klar: sie war nicht mehr allein in ihrem Zimmer. Vorsichtig öffnete sie die Augen einen Spalt. Im Zimmer war es dunkel. Ein wenig mehr, als sie es in Erinnerung hatte. Ein zarter, kühler Lufthauch strich über ihre Wange. Das Fenster. Jemand hatte es geöffnet. Ihre Hand wanderte wie von selbst und überaus vorsichtig zu der Fernbedienung, nur falls es ihr Onkel war, der sie um diese Zeit belästigte. Langsam schälte sich eine Gestalt aus den Schatten. Groß, muskulös und irgendwie geschmeidig. Ein heller Schimmer wanderte kurz über die Stirn des Besuchers, aber das Licht war nicht ausreichend hell, um zu erkennen, wer da an ihrem Bett stand.
Als die Faust auf ihren Kopf niedersauste wurde ihr klar, dass es definitiv nicht Pater Grand sein konnte. Whiggs zog den Kopf ein und rollte über das Bett, nur fort von dem Angreifer. Dessen bloße Hände krachten auf das Kopfteil des Bettes und zertrümmerten es genau an der Stelle, wo gerade noch ihr Schädel gelegen hatte. Ein Wolke von Daunen stob auf, als das Kissen zerfetzt wurde. Sie hechtete über das Fußteil hinweg, um sich in eine bessere Verteidigungsposition zu bringen. Mit dem linken Fuß blieb sie an der Kante des Fußendes hängen und schlug der Länge nach hin. Die Fernbedienung flog aus ihrer Hand und rutschte zur Tür des Zimmers hinüber. Ein Wutschrei entrang sich ihrer Kehle. Noch während sie sich aufrappelte, griff sie nach der geschmackvollen Vase auf dem kleinen Beistelltisch.
Mit einem lauten Klirren zerbarst das Keramikgefäß im Gesicht des Angreifers. Der stand einige Sekunden wie verwirrt vor sich hin und wischte sich die Scherben ab. Dann drehte er sich zu Whiggs um. Ein unwilliges, fremdartig wirkendes Knurren aus tiefster Kehle erklang. Das war kein Mensch, konnte es nicht sein. Die Emanatin musste sicher gehen. Whiggs veränderte ihr Sichtfeld soweit, dass sie die schwirrenden Plasmonen erkennen konnte, die den Fremden umgaben. Erschrocken keuchte sie auf. Das war einer von ihnen, diesen …
In diesem Moment flog die Zimmertür auf und schlug krachend gegen die Wand. Eine dürre Gestalt stand in der Öffnung. Mr. Ferret.
“Hey”, sagte er und zertrümmerte eine schwere Messingstehlampe direkt auf dem Schädel des Angreifers, als sich dieser umwandte.
Der Getroffene schüttelte sich. Dann knurrte er.
“Verdammt”, stellte Mr. Ferret fest. “Du schon wieder?!” Er versuchte noch, sich unter der vorschnellenden Faust weg zu ducken, war jedoch den Reflexen seines Gegners nicht gewachsen. Mit hörbar metallischem Geräusch trafen dessen Knöchel auf Mr. Ferrets Schädel. Die Wucht des Schlages katapultierte den Wiedergänger rückwärts zur Tür hinaus, wo Erics Garderobenschrank seinen Flug stoppte. Splitternd brach das alte Möbel zusammen und begrub den dünnen Mann unter sich.
Verbissen griff Whiggs nach der nächstbesten Waffe und rammte sie dem abgelenkten Angreifer unter die Rippen. Sie versuchte es zumindest. Der lange Holzkeil, der vom zertrümmerten Kopfteil des Bettes übrig geblieben war, traf beinahe unmittelbar auf Widerstand, bog sich und brach mit einem lauten Knall, gerade, als die Spitze abrutschte und mit einem hässlichen Reißen die Seite des Gegners entlang fuhr. Whiggs ließ das Ende des Holzstückes los und rollte sich gerade noch rechtzeitig zur Seite, um nicht von der Klinge aufgeschlitzt zu werden, die sich plötzlich in der Hand des Mannes befand. Oder die aus der Hand des Mannes wuchs? Sie war sich im trügerischen Halbdunkel des Raumes nicht sicher - und sie hatte keine Zeit, inne zu halten. Nur mit Mühe gelang es ihr, auch dem nächsten Hieb der Waffe auszuweichen. Verbissen rollte sie sich über das zerfetzte Bett und ging dahinter in Deckung. Soviel das auch nutzen mochte.
“Hey!” rief abermals jemand.
Dann zerbarst ein Stuhl mit solcher Wucht auf dem Rücken des Wiedergängers, dass dieser tatsächlich zwei Schritte beiseite taumelte und den Blick auf die massige Gestalt des Paters frei gab. “Wenn jemand meine Verwandten umlegt, dann bin ich das immer noch selbst”, stellte Grand düster fest und verpasste der Kreatur einen Aufwärtshaken, der ihren Kopf nach hinten schnellen ließ. “Scheiße”, fluchte Grand und schüttelte seine Hand.
Gleich darauf wiederholte er den Fluch und ließ sich nach hinten fallen, um den Klingen auszuweichen, die auf ihn zu fauchten. Unbeholfen prallte er gegen die Wand und rutschte daran hinab. Kaum eine Handbreit über seinem Kopf hinterließen zwei blitzende Schneiden tiefe Furchen in Tapete und Putz von Erics Schlafzimmerwand.
Plötzlich peitschten zwei Schüsse durch den Raum. Zwei Kugeln schlugen direkt in die Brust des Wiedergängers ein. Funken stoben, ein entsetzliches metallisches Kreischen war zu hören und irgend etwas flog seitlich davon. Der Wiedergänger hielt inne und blickte an sich hinunter. Für einen kurzen Moment verharrte er so und starrte auf die zwei Löcher in seinem Overall. Dann schaute er zu Eric hinüber, der mit rauchender Hoegle im Türrahmen stand. Ein bösartiges Grinsen zog über sein Gesicht und er wandte sich, offenbar völlig unverletzt, erneut dem Pater zu.
Eric ließ die Hoegle sinken. „Größere Waffen“, murmelte er entgeistert. „Wir brauchen größere Waffen. Viel größere Waffen…“
“Das wäre ausgesprochen hilfreich, Sir.” Mr. Ferret knirschte mit dem Genick und eilte an ihm vorbei zurück in das dunkle Zimmer.
Langsam drehte sich der junge Agent um und ging hinaus in den Flur, wo er in einem Schrank sein großkalibriges Jagdgewehr aufbewahrt hatte. Für einen Moment zuckte er erschrocken zurück, als er die offene Apartmenttür bemerkte, in der sich mehrere Schatten bewegten.
„Mister Van Valen“, hörte er die vor Aufregung leicht schrill klingende Stimme des Portiers, „Was geht hier vor? Was hat dieser Lärm zu bedeuten?“ Etwa ein halbes Dutzend aufgeregter Hausbewohner beugte sich neugierig über seine Schulter, einige von ihnen mit Knüppeln oder Regenschirmen bewaffnet.
„Ich habe leider keine Zeit für Erklärungen, Mister Millner“, sagte Eric. Eilig schloss er die Tür des Schranks auf, entnahm ihm das Gewehr, überprüfte mit einem Blick die zwei Plasmakammern und lud durch. „Aber ich kann ihnen versichern, dass für Sie kein Grund zur Beunruhigung besteht.“ Irgendwo hinter ihm schlug etwas hart gegen die Wand und ein Schmerzensschrei war zu vernehmen. Eric verzog das Gesicht und rannte zurück in den Salon.
Mr. Ferret kam gerade noch rechtzeitig, um die Faust des anderen Wiedergängers abzufangen, bevor sie Pater Grands Kopf in einen unansehnlichen Brei verwandeln konnte. Der Schwung riss ihn von den Füßen und katapultierte ihn geradewegs in Erics Kommode. Abermals ging ein Möbelstück in einer Wolke splitternden Holzes zu Bruch. Mit einem Aufschrei rollte sich Whiggs beiseite und betastete ihr Gesicht, in dem einer der Splitter einen brennenden Riss hinterlassen hatte. Dann fluchte sie undamenhaft. Beinahe wäre es ihr gelungen, eine Plasmastruktur zu isolieren, mit deren Hilfe sie dem Wiedergänger empfindliche Schmerzen hätte zufügen können. Zumindest hatte sie das gehofft - was jetzt müßig war, da Mr. Ferrets Sturz sie aus der Konzentration gerissen hatte.
Die Ablenkung jedoch war genug gewesen, um den Pater wieder auf die Füße kommen zu lassen, bevor der Angreifer sich wieder ihm zu wandte. Mit einem wuchtigen Schlag lenkte er die Klinge beiseite und tief in die Wand. Seine Rechte packte den Hals der Kreatur, um sich tief in die kalte Haut zu graben. Mit einem Grollen stach die zweite Hand des Wiedergängers zu, doch diesmal war Grand darauf vorbereitet gewesen und seine Linke stoppte das Handgelenk, noch bevor die Klinge sein Gesicht erreichen konnte. “Du willst tanzen?” Der Pater grinste humorlos. “In Ordnung. Tanzen wir.”
Mit diesem Worten warf er sich herum und schleuderte den Wiedergänger Gesicht voran in die Wand.
Die Kreatur taumelte zurück und wankte ein, zwei knirschende Schritte zur Seite.
Grands Grinsen erstarb, als am Kragen um seinen Hals plötzlich ein helles, grünes Licht aufflackerte.
“Was …?” flüsterte er, gerade als Eric in der Tür auftauchte. Im Schein des Kragens starrte er auf den kleinen Kasten zu Füßen des Wiedergängers.
Einen kleinen, zerquetschten Messingkasten, an dem gerade ein winziges, rotes Licht verglomm, als die zertretene Mechanik ihren Geist aufgab.
“Oh nein”, hauchte Whiggs neben ihm.
Der mechanische Kragen des Paters begann zu summen.
Tags: Eric, Millner, Mr. Ferret, Pater Grand, St. Fountain Cathedral, VanValen, Whiggs, Wiedergänger

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