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Kapitel 5-09
Die kleine Prozession arbeitete sich langsam und mit entsicherten Waffen den dunklen, steinernen Gang entlang. Das Licht der Plasmalampen an den Helmen der Lederhäute erhellte nur wenige Meter voraus. Der Rest des Weges verblieb in der ewigen Nacht der Unterwelt Steamtowns verborgen.
Der Boden unter ihren Füßen schien gar nicht mehr trocken werden zu wollen, im Gegenteil, seine Oberfläche wurde immer feuchter und rutschiger. Selbst Cummins wankte nun ab und an, wenn ihm der sichere Tritt abhanden kam. Dazu roch es mit jedem Schritt, den die Gruppe tat, intensiver nach faulem, abgestandenem Wasser. Keine Frage, sie näherten sich Fools Court.
Irgendwann, nach quälend langen Minuten der Anspannung und der unheimlichen Stille des Ganges, sah man einmal von den Geräuschen der Schritte ab, die von den Wänden hallten, ließ Samson die Gruppe anhalten. Bisher hatten sie keine Anzeichen von Quexern entdecken können und schon jetzt drückte das ungewohnte Gewicht des schweren Plasmagewehres und ließ Müdigkeit in Erics Arme sickern. Cummins rückte nach vorne und erkundigte sich leise. “Was ist los, Samson?”
“Dreckfresser, Sir”, flüsterte dieser, während er die Luft prüfend einsog. “Dem Geruch nach zu urteilen, sind es gut drei oder vier vor uns. Direkt hinter der nächsten Biegung. Und keine kleinen.”
“In Ordnung. Dann lass mal ein Kügelchen rollen. Alle anderen: absolute Stille. Ich will keinen Mucks hören.”
Eric beugte sich zu Whiggs hinüber und stellte trotz des Verbots eine kurze Frage. “Dreckfresser, Miss?”
Whiggs bedachte ihn dafür mit einem seltsamen Blick, einer Mischung aus Unglauben über seine Unwissenheit und dem Ärger über seine Frage, obwohl sich Cummins doch sehr deutlich ausgedrückt hatte.
Trotzdem entschied sie sich aus irgendeinem Grund, ihm zu antworten. Sie brachte ihren Mund ganz nah an sein Ohr und hauchte: “Mutierte Ratten. Sie hören verdammt gut und sind noch gefährlicher. Beim kleinsten Geräusch greifen sie an.”
Eric nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. So leise, wie der Wortwechsel auch von statten gegangen war, dem Anführer der Lederhäute war es nicht entgangen. Mit den Händen vollführte er ein eindeutiges Zeichen. Sein Zeigefinger ging dabei in einer ruckartigen Bewegung von der linken Seite seines Halses zur rechten. Unwillkürlich musste Eric schlucken. Es war wohl besser, Cummins nicht weiter zu verärgern. Also schwieg er fortan.
Derweil hatte Samson einen kleinen kugelförmigen Gegenstand aus einer seiner Munitionstaschen hervorgeholt. Die silbern im Plasmalicht glänzende Kugel wies eine glatte Oberfläche auf und war dabei relativ unscheinbar, zumindest solange bis Samson die obere Hälfte nach rechts drehte. Dann leuchteten mehrere grünliche Plasmaröhren auf, die abwechselnd flackernd die Aktivierung des Geräts bestätigten. Mit einer weit ausholenden Bewegung schleuderte er sie schließlich in den Gang hinein. Zwei, drei Sekunden später kam die Kugel mit einem metallischen Klong auf dem Tunnelboden auf und rollte noch einige holperige Schritte, bis sie schließlich zum Liegen kam. Mit dem kaum hörbaren Schnurren eines fein geölten Uhrwerkes öffnete sie sich und verströmte fauchend ein dichtes Gas in der Umgebung.
Cummins wartete noch ein paar Minuten, bis sich auch der letzte Rest des Rattengiftes verzogen hatte, dann ließ er den Trupp langsam vorrücken. Nach wenigen Metern hielten sie erneut an, als sie auf ein blutiges Bündel zu ihren Füßen stießen. Von Rattenkadavern weit und breit nichts zu sehen.
“Vielleicht ham´se sich schon verzog’n gehabt”, meinte Bruggs. “Ham uns gehört un´s Weite gesucht.”
“Ändert nichts daran, dass sie hier eine kleine Zwischenmahlzeit gefunden haben, was?” Cummins stieß vorsichtig mit dem Fuß gegen den zerschundenen Kadaver. “Müsste einer ihrer Leute gewesen sein, Miss. Schätze ich.”
Whiggs kam nach vorne und betrachtete den leblosen Körper. Die Ratten hatten die einfache Kleidung der Frau und den weichen Bauch darunter nicht zerfetzt, soweit sie das sehen konnte. Es gab zwar Krallen- und Bissspuren, aber die Wunden, welche schließlich zum Tod geführt hatten, sahen völlig anders aus. Der Torso war beinahe vollständig entzwei geschnitten worden und wurde nur noch durch wenige Muskelstränge und Hautlappen zusammen gehalten. Eine schreckliche Wunde. Weitere Schnitte dieser Art waren auch auf den Armen und sogar am Schädel zu finden, tiefe Bisse einer Klinge, die an mehr als einer Stelle Knochen zertrümmert hatten. Das waren nicht die Verletzungen, die Quexer ihren Opfern zufügten. Davon abgesehen, dass Quexer keine essbaren Überreste zurück ließen, wenn sie es einrichten konnten. Nein, diese Person war weder durch Dreckfresser, noch durch Quexer zu Tode gekommen Jemand hatte diesen armen Menschen mit einer wahren Schlachterklinge zerstückelt und dann hier liegen gelassen.
Die Ratten hatten sich nicht einmal die Mühe machen müssen, die Bauchhöhle aufzureißen, um sich an den Gedärmen gütlich zu tun. Dass sie zusätzlich auch noch die anderen Weichteile vertilgt hatten, war eigentlich keine Überraschung. Augen, Zunge, Lippen, Innereien - die Riesenratten fraßen alles und davon viel. Schnelligkeit galt hier unten in den Tunnel als das wichtigste Überlebenskriterium, was aber nicht hieß, dass die Ratten deswegen auf Leckereien verzichteten. Trotzdem kamen ihr die Züge der Toten unweigerlich bekannt vor. Sie wußte nur noch nicht, woher.
Ganz sicher war es aber jemand aus Lethe gewesen. Sie trug die typische Kleidung einer Tunnlerin. Ein einfaches, braunes Kleid, wie es die meisten in der Siedlung bevorzugten und das sie selbst ab und zu trug, kombiniert mit einer kurzen, aber robusten Jacke. Dazu halblange schwarze Haare, zu einem strengen Zopf zusammen gebunden. Der brutale Angriff hatte ihn halb auseinander gefleddert, so dass er irgendwie unpassend unordentlich aussah.
Langsam stieg in Whiggs das Bild einer jungen Frau auf. Von jemandem, der trotz der bescheidenen Verhältnisse, in der sie alle lebten, auf sein Äußeres geachtet hatte, um wenigstens etwas die Form zu wahren. Im Unterschied zu manch anderem Bewohner Lethes. Und dann fiel ihr Blick auf die ebenmäßigen, weißen Zähne, die zu einem geradezu obszönen, lippenlosen Grinsen gebleckt waren. In diesem Augenblick erkannte sie endlich die Tote, erkannte das zerstörte Gesicht einer Freundin. Ein erstickter Laut stahl sich über ihre Lippen, als sie den Namen der Frau ausprach: “Helena.”
Tags: Bruggs, Coler, Cummins, Eric, Fools Court, Lederhäute, Lower Market, Mr. Ferret, Quexer, Sampton, Samson, Tawyer, Van Valen, Whiggs

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