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13
Jul

Kapitel 4-10

   Posted by: Steamtown    in Kapitel 4

Eric wirbelte herum, überquerte die Straße und übersprang mit einem Satz die niedrige Mauer zum nächsten Vorgarten. Mr. Ferret folgte ihm - und einen Augenblick später kam Bewegung in die Menge der bislang stummen Männer.
Mit einem gemeinschaftlichen Aufschrei der Empörung jagten sie den Agenten hinterher.
Fluchend duckte sich die beiden unter einer tief hängenden Wäscheleine hindurch, fegten eine pendelnde Tür beiseite und stürmten in eine düstere Küche hinein. Daran schloss sich ein schmaler Flur an, eine noch schmalere, steile Treppe. Polternd eilten die beiden hinauf, gerade als hinter ihnen die ersten ihrer Verfolger in die Küche eindrangen. Eine teigige Frau sah aus einer der Türen am oberen Ende der Treppe, zuckte jedoch kreischend zurück, als die beiden Agenten an ihr vorbei rannten. Sie liefen durch einen weiteren Flur, ein weiteres, muffiges Zimmer voller alter Polstermöbel und dumpf glotzender Kinder, dann warf sich Eric gegen eine verzogene Tür und stolperte abermals hinaus ins Sonnenlicht. Hinter ihnen stürmten die ersten Männer johlend die Treppe hinauf. “Wohin, Ferret?” keuchte Eric.
“Rechts, Sir! Die Straße entlang!” Mr. Ferret warf die Tür ins Schloss und riss mit einem Ruck den Knauf ab. Ein Blick nach links ließ seine Befürchtungen wahr werden. Von dort näherte sich bereits eine weitere Gruppe Verfolger. Er warf ihnen den Messingknauf entgegen und jagte Eric nach. Glücklicherweise sollte er Recht behalten. Nach nur wenigen Dutzend Metern öffnete sich die Straße auf einen kleinen Platz. ‘Sticky Square’ verkündete ein beinahe abgefallenes Schild an der nächsten Laterne.
“Welches Haus?”
“Ich habe keine Ahnung, Sir”, sagte Ferret, als sie auf den Platz hinaus liefen. Mr. Ferret drehte sich im Kreis. “Wenn ich raten müsste, würd ich auf das tippen.” Als Eric ihm einen zweifelnden Blick zu warf ergänzte er: “Sieht am verkommensten aus, Sir. Passt zum Pater.”
“Ich hoffe, Sie irren sich nicht.” Mit langen Schritten eilte Eric auf das windschiefe, graurote Häuschen zu. Er überquerte den verkümmerten Unkrautstreifen, in dem man mit viel gutem Willen sogar ein paar vertrocknete Rosen entdecken konnte, und hielt keuchend vor der Tür. “Sie hatten recht, Ferret!” Er deutete auf eine rostige Plakette. ‘S&E Grand’ war darauf gerade noch zu entziffern. “Machen Sie auf, Grand! Schnell!” Eric hämmerte mit der Faust gegen die Tür.
Hinter ihnen strömten ihre Verfolger auf den Platz.
“Sir”, sagte Mr. Ferret. “Ich fürchte, wir haben keine Zeit für Freundlichkeiten.”

Eine Flasche flog heran und zerbarst neben Eric an der Wand. Der Agent fuhr herum - und erstarrte.

“Mein Gott”, murmelte er tonlos. Es mussten an die zwanzig, vielleicht auch dreißig Männer sein, die jetzt aus den Straßen und Seitengassen auftauchten. Viele von ihnen hielten Steine oder Flaschen in der Hand, einige auch Holzlatten, Eisenrohre oder Brechstangen. Jetzt, da sie ihre Beute in die Ecke gedrängt sahen, verlangsamten sie ihren Lauf und bildeten einen murrenden und gröhlenden Halbkreis auf dem Platz. “Wen haben wir denn da?” rief irgend jemand. “Einen feinen Pinkel und einen hässlichen Vogel, der uns einen hübschen Haufen Kohle einbringen wird…” Andere johlten zustimmend.
Eric hämmerte weiter mit der Faust an die Tür, ohne die langsam näher rückende Menge aus den Augen zu lassen, die nur noch auf ein Zeichen zum Angriff wartete.
“Worauf warten wir eigentlich”, gröhlte irgend jemand. “Hol’n wir uns die Bastarde doch einfach!”

Der Agent drehte sich um und zog seine Waffe hervor. “Sie behindern einen Agenten des Ministeriums in Ausübung seines Amtes”, rief er der Menge entgegen. “Ziehen Sie sich bitte zurück, oder ich muss geeignete Maßnahmen ergreifen…”
“Ach verdammt”, murmelte Mr. Ferret. Er holte aus und hieb gegen das Schloss, das mit einem hässlichen Knirschen brach und stieß die Tür auf. “Kommen Sie, Sir.”
Eric nickte, noch immer mit ausgestreckter Waffe, den Blick auf die plötzlich erstarrte Menge gerichtet.

“He, das is’ bloß ‘ne Hoegle!” rief schließlich irgend jemand. “Damit tut er kei’m weh!”
“Tatsächlich?” Der Agent fixierte den letzten Rufer, einen vierschrötigen Kerl ohne Schneidezähne in der ersten Reihe. Ohne seinen Blick abzuwenden, hob er die Waffe und einen Wimpernschlag später explodierte eine der Laternen über den Köpfen des Mobs in einem Schauer aus Glas, Blechstreifen und heißem Plasma. “Was wetten Sie?”
“Beeindruckend”, murmelte Mr. Ferret in die plötzliche Stille hinein. Dann griff er Eric am Kragen und zog ihn ins Haus, um gleich darauf die Tür zu zu werfen und eine schwere Kommode davor zu schieben. Fast im selben Moment prasselten die ersten Wurfgeschosse dumpf gegen das Holz.
.
***

Mit einem protestierenden Quietschen schob sich der Kanaldeckel über den grauen Asphalt und kam schließlich zum Liegen. Aus der entstandenen Öffnung schob sich ein flacher Zylinder mitsamt Okular, dem ein verhärmtes und schmutziges Gesicht folgte. Pater Grand sah sich vorsichtig um, bevor er seinen Körper auf die Straße hievte. Schließlich hatte er nicht vor, unbeabsichtig unter die Räder einer dahereilenden Droschke zu geraten. Auch wenn dieses Schicksal zumindest für den Bruchteil einer Sekunde wesentlich angenehmer erschien, als jenes, das ihm der plasmagefüllte Metallring um seinen Hals versprach.
Für einen Moment blieb der ungewohnte Kragen an steinernen Rand hängen, bevor er mit einem kratzenden Ächzen an der Kante vorbeischabte. Müde blieb er langgestreckt auf der Straße liegen. Dann rollte er zur Seite, stand auf und reichte Whiggs, die hinter ihm aus dem Loch stieg, eine Hand als Hilfe.
Das Mädchen schlug sie mit einem geringschätzigen Knurren beiseite. Hilfe? Von diesem Mann? Niemals. Und wenn es das letzte in ihrem Leben wäre.

Sie klopfte den Staub aus ihrem enganliegenden, hier oben schon fast unschicklich wirkenden, grünen Kleid. Blinzelnd blickte sie sich um. Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte die Straße in ein gleißendes Licht, das in ihren Augen schmerzte.
„Wir sind in der Nähe des Viertels, in dem mein Haus steht. Ich würde vorschlagen, wir machen uns dort erst ein wenig frisch, bevor wir ins Ministerium fahren. So würden wir nicht einmal durch die Pforte kommen.“ Er zeigte auf sein Wams und seine Jacke, die beide noch immer mit getrocknetem Quexerblut getränkt waren. Von den Rissen und Löchern, die der Stoff aufwies, ganz zu schweigen. Der Pater machte einen erbärmlichen Eindruck, der eher einem langjährigen Herumtreiber alle Ehre machte, denn einem ordinierten Priester.

„Hier entlang, wenn ich bitten darf.“
Whiggs antwortete nicht, hielt aber zur Antwort kurz den kleinen Kasten nach oben. Dann nickte sie mit dem Kopf in die Richtung, in welche Grand gehen wollte.
„Du willst also immer noch nicht reden. Gut. Dann folge mir einfach. Es ist nicht weit.“
Grand trottete los, die grimmig dreinblickende Whiggs hinten drein.
Nur wenige Straßen vor ihrem Ziel stießen sie auf eine stetig anwachsende Menschenmenge, die unruhig und mit deutlich zu spürender Anspannung in die gleiche Richtung strömte wie sie selbst.
„Verdammt, was ist denn hier los?“, fluchte der Pater ungehalten. „Wo wollen die nur alle hin? Komm, wir schieben uns mal ein wenig nach vorn. Ich hab so ein Gefühl, dass ich besser nach dem Rechten sehen sollte.“

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