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Kapitel 1-01
Mit einem lautem Knarren öffnete sich die Eingangstür der Spelunke und das Geräusch sorgte dafür, dass sich umgehend alle Anwesenden zu ihm umdrehten. Manche sahen ihn erschrocken an, anderen fuhr die Hand reflexartig unter das Wams oder den Mantel, um nach einem Messer oder sogar Schlimmerem zu tasten. Erst als sie im diffusen Halbdunkel des Schankraums erkannten, wer gerade eingetreten war, entspannte sich die Stimmung.
Kaum eine Sekunde war verstrichen und die halbseidenen Gestalten, die sich hier und dort um einige niedrige Tisch gruppiert hatten, wandten sich wieder ihren eigenen Geschäften zu. Bei weitem nicht alle davon würde das Ministerium auch nur halbwegs als legal einstufen. Wenn er es sich so recht überlegte, wahrscheinlich nicht mal ein einziges. Trotzdem ging es ihm gepflegt am Allerwertesten vorbei.
Er war hier, um seinen Feierabend zu genießen. Allein und ohne Störung.
Pater Siberius Grand ließ die Tür hinter sich zu fallen und bahnte sich seinen Weg bis hin zu der gewaltigen Eichentheke, welche die linke Seite des Raumes dominierte. Über ihm, an der Decke, schwebte ein opulenter Kronleuchter, der mit unzähligen grünlich flackernden Plasmalichtern für schummrige Helligkeit sorgte.
Der Pater suchte sich ein freies Fleckchen direkt an der Bar und fand es zwischen einem Betrunkenen, dessen Kopf auf die Theke gesunken war, während er weiterhin sein Glas mit der Rechten umklammert hielt, und einer der leichtbekleideten Animierdamen. Mit einem aufreizenden Lächeln begrüßte ihn die Rothaarige.
„Da ist ja mein Süßer. Bereit für ein Abenteuer, Pater?“
„Heute nicht, Lilly. Ich hatte einen schweren Tag.“
„Wie immer, Sib, wie immer.“
Sie zwinkerte ihm versöhnlich zu.
Schwer ließ sich Pater Siberius auf einen Hocker plumpsen. Mit seinem breiten Kreuz, dass einem Preisboxer zum Neid gereicht hätte, touchierte er versehentlich den Betrunkenen zu seiner Rechten, der daraufhin geräuschvoll zu Boden plumpste. Allerdings machte dieser genauso wenig Anstalten, von alleine wieder aufzustehen, wie Pater Siberius ihm aufzuhelfen. An diesem Ort war sich jeder selbst der Nächste.
Stattdessen rief er nach dem Barkeeper. Gus O`Brian, der am anderen Ende der Theke ein paar Gläser polierte, war zugleich der Besitzer dieser Spelunke. Eine Bezeichnung, die hier am Rande von Orums Lot, der berüchtigten Hafengegend der Stadt Steamtown, beinahe schon für ein gehobenes Etablissement stand.
„Hey, Gus. Einen Brandwein, wenn es keine Mühe macht.“
Der Angesprochene drehte sich zu Pater Siberius um, grinste und kam dann herüber, immer noch an einem Glas wienernd.
„Mühe? Doch nicht für einen alten Freund, Sib. Ich mache dir gleich einen Doppelten. Wirst ihn brauchen, wie es aussieht. Kommst direkt von der Schicht, he?“
Gus deutete auf den schwarzen Mantel und das ebenso schwarze Hemd, das am Kragen mit einer weißen Manschette der geistlichen Zunft versehen war.
Pater Siberius nickte. Eigentlich war er mit knapp über fünfzig Jahren viel zu alt, um immer noch den Handlanger zu spielen. Aber was tat man nicht alles, um über die Runden zu kommen.
Müde blickte er in den riesigen Spiegel hinter der Bar und bemerkte, dass er immer noch seinen Zylinder auf dem Kopf trug. Daran befestigt war ein Plasmaokkular, dass ihm bei seiner Arbeit half. Beinahe höhnisch funkelte es ihn an. Zumindest kam es ihm so vor. Er nahm den Zylinder mit einer fahrigen Bewegung herunter und drehte ihn so von sich weg, dass das Okkular in eine andere Richtung wies. Er hatte heute einfach keine Lust es anzuschauen.
Gus hatte derweil ein großes Glas mit dem georderten karamelfarbenen Drink vor ihm abgestellt und der Pater stürzte es mit einem Ruck herunter.
„Noch einen, Gus.“
„Kommt sofort, mein Alter.“
Als er sein zweites Glas in der Hand hielt, schaute sich Pater Siberius um, so wie er es immer tat, wenn er hier war. Und wie immer blieb sein Blick an dem riesigen, nicht minder hässlichen und ausgestopften Kopf einer Dämonenratte hängen, die Gus seit dem Tag der Eröffnung seines Etablissements an der Wand befestigt hatte. Und so wie jedes Mal würde Gus nicht zögern, ihm die Geschichte der Ratte, die für den blumigen Namen der Spelunke „Zur buckligen Ratte“ verantwortlich war, zu erzählen.

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