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9
Okt

Kapitel 7-09

   Posted by: Carsten    in Kapitel 7

Endlich ruckte die Kabine und senkte sich langsam nach unten. Der Zufall oder eine solide durchgeführte Gebäudeplanung hatte in der Nähe des Lastenaufzuges zum Glück eine weitere Plasmaleitung vorbeigeführt. Von dort konnte Whiggs mit Hilfe ihrer Fähigkeiten die nötige Energie heranziehen, um die Kabine in Bewegung zu setzen. Aus dem zerstörten Kreislauf des Flurs war nichts mehr zu holen gewesen. Wahrscheinlich hatte dort bereits die automatische Notabschaltung gegriffen, um weitere Beschädigungen zu verhindern.
Aus der Küche drangen immer noch Schreie und wüstes Geschimpfe zu ihr herunter. Doch mit etwas Glück hatte der Wachmann in der Dunkelheit nicht bemerkt, wohin sie verschwunden war. Und wenn alles zu ihren Gunsten lief, würde er auch noch eine ganze Weile brauchen.

Mit einem Ruck kam der Aufzug zum Halten. Whiggs blieb für einen Moment ganz still und lauschte. Nichts rührte sich. Vorsichtig ließ sie die Klappe nach oben gleiten. Das gleißende Licht des hell erleuchteten Flurs schien ihr ins Gesicht und ließ sie gequält blinzeln. Doch ihr blieb keine Zeit, sich über derartige Unannehmlichkeiten Gedanken zu machen. Sie musste aus diesem Aufzug heraus, wollte sie sich nicht wie auf dem Präsentierteller von irgendwelchen Wachleuten erwischen lassen. Mit leisen Schritten folgte sie dem Gang. Dabei prüfte sie die abgehenden Türen daraufhin, ob eine von ihnen unverschlossen war. Die meisten waren jedoch mit speziellen Schlössern versehen, für die sie weder einen Schlüssel noch irgendeinen Trick auf Lager hatte. Doch gerade, als aus einem Seitengang Schritte und Stimmen näher kamen, lächelte ihr die Glücksgöttin. Leise zog sie die unverschlossene Tür hinter sich zu und war sofort wieder von Dunkelheit umgeben. Beinahe. Denn der Raum in dem sie sich befand, war von Dutzenden schwach leuchtenden und blinkenden Gerätschaften in ein diffuses Halbdunkel getaucht.

Als die Stimmen näher kamen, rückte Whiggs hastig vom Eingang ab. Dabei übersah sie jedoch mehrere gläserne Apparaturen auf einem Labortisch direkt neben ihr. Einen der Experimentierkolben streifte sie mit dem Ellbogen und stieß ihn vom Tisch. Klirrend zersprang das Glas auf dem Boden. Whiggs erstarrte und vor der Tür verstummten die Schritte.
“Hast du das auch gehört?” drang es gedämpft zu ihr herein. Ein Mann mit einem alarmierten Ton in der Stimme.
Ein anderer verneinte. “Was soll denn gewesen sein?”
“Da war ein Geräusch in C3. Am besten, schauen wir mal nach.”
“Von mir aus. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass du mal wieder Gespenster hörst. Die Arbeit hier unten tut dir nicht gut. Sie macht dich paranoid.” Er lachte.
“Ja ja, schon klar.”

Fieberhaft sah sich Whiggs um. Sie brauchte ein Versteck und zwar schnell. Ihr blieben vielleicht noch zwei, drei Sekunden, bis die Männer herein kamen. Da, der große, rechteckige Klumpen vor ihr musste ein Tisch mit darüber geschlagenem Tuch sein. Das konnte gehen. Als die beiden Männer in das dunkle Labor traten, schwang der Stoff noch einmal zurück und hing dann bewegungslos von der Kante des Tisches herab. Der Lichtschein vom Gang erhellte zwei Paar Beine.
“Was hab ich dir gesagt? Alles ruhig”, sagte ein Mann, den Whiggs von ihrer Position aus nicht erkennen konnte.
Der andere tastete derweil nach dem Lichtschalter. Die Emanatin reagierte instinktiv und manipulierte die Plasmabrenner in den Deckenlampen. Als der Schalter klickte, blieb es dunkel.
“Verdammte Mist. Hast du deine Stableuchte zur Hand?”
“Liegt oben im Aufenthaltsraum. Musst du also so nach deinem Gespenst suchen.”
“Du bist mir wie immer eine großartige Hilfe.”
Ein Paar Schuhe kam auf ihr Versteck zu und blieb genau davor stehen. Whiggs hielt den Atem an.
“Hab ich doch recht gehabt, da war tatsächlich was. Habe ich doch richtig gehört.” Eine Hand im weißen Ärmel eines Kittels griff nach den Überresten des zerschmetterten Glaskolbens. Ein Wissenschaftler.
“Und wenn schon. Wird wohl einer deiner Kollegen nicht richtig auf den Tisch gestellt haben.”
“Ganz sicher. Und wenn du und deine Kollegen euren Job anständig erledigen würdet, dann hätten wir oben nicht diese Idioten herumspringen.”
“Als ob das meine Schuld wäre. Komm schon, wenn wir bei Sartorius waren, gebe ich dir einen Drink aus”, lenkte der Wachmann ein. “Hier ist nichts.”
“Einverstanden. Wird ja auch mal Zeit, dass du etwas springen lässt.”

Beide Männer drehten sich um und gingen zur Tür zurück. Der Luftzug ließ das Tischtuch ein Stück hochschweben und Whiggs sah den Zipfel des Kittels, den der Wissenschaftler trug, davon gleiten. Ein Glitzern stach ihr ins Auge. Eines, das ihr ungewöhnlich und gleichsam vertraut vorkam. Eilig wechselte sie in die Plasmonen-Sicht und fixierte den Stoffrand. Ein erschrockenes Keuchen entwich ihrer Kehle, bevor sie es mit der Hand ersticken konnte. Die beiden Männer jedoch hatten nichts gehört und verließen scherzend das Labor, ohne sich noch einmal umzudrehen. Erleichtert atmete die Emanatin aus.
Sie hatte ihre Spur.
Oder besser, sie hatte die Spur gefunden, die der Agent zu finden gehofft hatte. Was der Wissenschaftler so unwissentlich durch die Gegend spazieren führte, waren reinste Hesiodplasmonen, wenn auch in äußerst geringen Mengen. Illegal wie eine Ampulle SMAP, keine Frage. Sie musste den beiden Männern folgen. Dort, wo sie hingingen, würde sie auch das Hesiodplasma finden. Und die Beweise, die Eric Van Valen benötigte.
Whiggs öffnete die Tür einen Spalt breit und lugte hinaus. Sie sah gerade noch, wie die beiden Männer in einen anderen Gang einbogen. Vorsichtig folgte sie ihnen.
Die Verfolgung endete am Ende eines lang gezogenen Flures, der in einer einsamen Tür mündete. Der Wissenschaftler und der Wachmann gingen zusammen hinein. Whiggs konnte für einen Augenblick die Sicht auf das Innere des Raumes erhaschen. Sie sah unzählige Seziertische und jede Menge großflächiger Gerätschaften. Der Raum war geradezu vollgestopft damit. Bessere Deckung konnte sie sich gar nicht erhoffen.
Whiggs wartete noch ein, zwei Augenblicke und schlüpfte dann hinterher, bevor sich die Tür ganz schließen konnte.

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