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17
Jun

Kapitel 3-12

   Posted by: Carsten    in Kapitel 3

Die kleine Gruppe, bestehend aus vier Männern und einer Frau, hastete durch die zahllosen Gänge des unterirdischen Labyrinths in Richtung Norden. Auf ihrem Weg passierten sie in aller Eile verschiedenartige Tore, manche aus Holz, andere aus Metall.
Schon bald hatten sie das Kasernengelände hinter sich gelassen und waren in die unteren Bereiche der Kanalisation eingetaucht. Weitere Gänge und verschieden große Stau- und Sammelbecken flogen förmlich vorbei, die selbst von den Männern der Seuchenkontrollbehörde seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gewartet wurden. Muffige Luft in verschiedenen Duftnuancen von abgestanden bis faulig begleitete ihren Weg.

Im Schlepptau hatten sie eine bewusstlose Gestalt, die eingeklemmt zwischen zweien der Männer rücksichtslos mitgeschleift wurde. Die Hände des Bewusstlosen waren fachkundig mit einem groben Strick auf dem Rücken zusammengeschnürt worden. Auf seinem Hinterkopf, vom üblich getragenen Zylinder befreit, prangte eine dicke Beule.
Whiggs lief mit geschmeidigen Bewegungen vorne weg und spähte die günstigste Richtung aus, während ihr die Männer zügig folgten. Ihr oblag augenscheinlich das Kommando über die kleine Schar. Sie bewegten sich so rasch und so geräuschlos vorwärts, wie es angesichts der Umstände überhaupt möglich war. Alle legten eine beinahe paranoide Wachsamkeit an den Tag, bereit, bei jeder ungewöhnlichen Bewegung und jedem störenden Geräusch umgehend die Waffen zu zücken. Die Gänge hier unten waren nicht sicher. Schon eine ganze Weile nicht mehr. Daher war es besser, kein unnötiges Risiko einzugehen.
„Wir haben es gleich geschafft. Was macht unser Gefangener, Flyers?“, fragte Whiggs nach hinten einen der Männer, die den Pater festhielten. Das war zufällig der gleiche Mann, der den Pater niedergeschlagen hatte.
„Schläft wie ein Baby, Emanatin. So ein gutes Nickerchen hätte ich zur Abwechslung auch gerne mal wieder.“
„Wenn uns das Plasma gewogen ist, wird es bald bessere Zeiten geben. Bis dahin müssen wir wachsam bleiben. Kommt, der Duke erwartet uns schon.“

Wie angekündigt veränderte sich das Erscheinungsbild des unterirdischen Weges innerhalb kürzester Zeit. Wo bisher schlechte Luft und schmutzige Ziegel vorherrschten, gab es nun sorgfältig behauenen Fels, an dem in regelmäßigen Abständen kleine Plasmalaternen angebracht waren. Schließlich passierten sie einen bewachten Posten. Whiggs nickte den Wachhabenden kurz zu und schritt ohne anzuhalten hindurch. Sie hatten das Territorium der Tunnler erreicht.
Wäre Pater Grand bei Bewusstsein gewesen, hätte er sich sicher bei dem Anblick, der sich ihm geboten hätte, gewundert. So verschlief er die fachmännisch erbauten Unterkünfte, die imposante Brunnenanlage und die kunstvollen Reliefs an der Felsendecke. Der Rückzugsort der Tunnler war keine primitive Notunterkunft, geboren aus der Not und seiner verzweifelten Existenz. Ganz im Gegenteil, würde dieser Ort jemals Besucher empfangen, so böte sich diesen in Lethe eine Stadt voller unerwarteter Schönheit und Leben.
Die Emanatin leitete ihre Gruppe bis zu einer von vielen Säulen gestützten Halle, einem antiken Tempel gleich aus weißem Marmor gemeißelt, die inmitten auf einem großen Platz errichtet worden war. Dort hieß sie ihre Männer, den Gefangenen vor einem hölzernen Thron fallen zu lassen.

Auf dem Thron saß ein drahtiger Mann, ein Bein über das andere geschlagen und lässig zurück gelehnt. Sein kantiges Gesicht und das braune, zur Seite gescheitelte Haar verliehen ihm einen aristokratischen Zug, der tatsächlich zu seiner offensichtlichen Position zu passen schien. Der Duke lächelte, als er die Ankömmlinge bemerkte.
„Du hast ihn also wirklich mitgebracht, Whiggs. Meinen Glückwunsch.” Interessiert musterte er einige Augenblicke die bewusstlose Gestalt vor sich. Schließlich schnaubte er. “Weckt ihn auf“, befahl er den Begleitern der Emanatin. Einer der Männer holte einen Eimer mit eiskaltem Wasser und schüttete ihn über dem Kopf des Paters aus.
Prustend und spuckend schüttelte sich Grand und erhob sich taumelnd. Als er wieder einigermaßen bei Sinnen war, sah er sich um und entdeckte Whiggs, die mit verschränkten Armen neben dem Thron stand.
„Was… Scheiße, das tut weh!” Er widerstand der Versuchung, sich mit den gefesselten Händen den Schädel zu reiben und verzog stattdessen das Gesicht. “Was sollte der Mist, Eleonore? Wohin hast du mich verschleppt? Das sieht ja hier aus wie das verdammte Walhalla. Und wer ist der Vogel da?“ Er deutete auf den Duke, der jetzt nicht mehr lächelte.
„Du darfst dich als meinen Gefangenen betrachten, Schlächter von Arminton“, antwortete dieser an Stelle von Whiggs. „Zumindest bis zu deiner Exekution.“
„Verflucht noch eins, was soll das? Wollt ihr mich verarschen? Eleonore, das ist doch nicht sein Ernst!“
„Du wirst für deine Verbrechen bezahlen, Onkel. So steht es im Gesetz von Lethe und so wird es geschehen. Ich sagte ja, du hättest nicht herkommen sollen.“
„Dir verbleibt noch Zeit bis morgen früh. Dann wirst du in aller Öffentlichkeit hingerichtet“, schaltete sich der Duke wieder ein. „Ich habe genug von diesem Abschaum. Bringt in die Zelle.“
„Ich werde was?! Ihr macht einen riesigen Fehler“, fluchte der Pater, während er von zwei bulligen Männern des Duke weggeschleift wurde. Den vereinten Kräften der beiden Tunnler hatte er trotz heftigster Gegenwehr nichts entgegen zu setzen. „Nehmt eure verfluchten Flossen weg, ihr Kanalratten! Wenn ich hier rauskommen sollte, dann Gnade euch Gott. Das verspreche ich euch!“
Whiggs stand währenddessen bewegungslos neben dem Thron und schaute in eine andere Richtung. Auch wenn sie ihren Onkel aus tiefster Seele hasste, konnte sie ihm aus irgendeinem seltsamen Grund nicht in die Augen sehen.

Plötzlich gellte irgendwo ein Alarmruf. Hastig griffen die Männer des Duke nach ihren Waffen, die alle eher primitiv und hinter dem Stand der Technik wirkten. Mehrfach wurden lange, machetenähnliche Messer gezückt oder kurze Speere mit gezahnten Klingen ergriffen. Nur hier und da zog einer der Tunnler eine angelaufene, zerschrammte Schusswaffe hervor und überprüfte hastig Magazin oder Tank. Der Duke holte aus einem Seitenfach seines Thrones eine beinahe schon antike Schusswaffe hervor. Die doppelläufige Darbinger mit ihrem klobigen Plasmamagazin glänzte im Licht der Laternen frisch geölt und poliert, sah aber dennoch wie ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert aus. Was sie genau genommen auch war. Immerhin ließ ihr Zustand keinen Zweifel daran, dass sie trotzdem funktionieren würde, wenn es darauf ankam.
Wieder erscholl ein Schrei, diesmal näher und mit dem markerschütternden Unterton eines Sterbenden. Einen Moment später stolperte ein blutüberströmter Mann mit einer klaffenden Kopfwunde aus einem der angrenzenden Tunnel heran. „Die Quexer! Sie haben die Wachposten umgangen und sind durch die Tunneldecke eingebrochen!”, keuchte er.
Der Duke zögerte keine Sekunde, sondern wies die Männer sofort in ihre Verteidigungspositionen. “Alle Mann in die Stellungen! Wir müssen dieses verfluchte Geschmeiß zurückschlagen. Sie dürfen auf keinen Fall bis zur Stadtmitte durchdringen, sonst sind wir verloren. Flyers, du bleibst bei Whiggs und passt auf sie auf. Ihr darf nichts geschehen.“
„Geht klar, Duke.“
“In Ordnung. Slugger, Dog, Verbal - ihr kommt mit mir! Der Rest - auf eure Posten! Los, los, los!”
Die Tunnler spritzen auseinander und hasteten mit gezogenen Waffen in Richtung des Alarms.
Von den Randbezirken der unterirdischen Stadt konnte man nun immer deutlicher die spitzen Jagdrufe der Quexer hören, vermischt mit weiteren Schmerzens- und Todesschreien. Sie kamen schnell näher.

Grand beschlich das unangenehme Gefühl, dass es deutlich mehr Angreifer sein mussten, als es für Quexer üblich war. Sehr viel mehr.

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