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26
Okt

Kapitel 8-03

   Posted by: Tom    in Kapitel 8

Fluchend schleuderte Doktor Sartorius das Blechtablett zu Boden, noch bevor der dampfende Plasmatropfen sich gänzlich hindurch gefressen hatte.
Neben ihm hatten sich zwei Wachmänner aus ihren Uniformjacken geschält und die verätzten Kleidungsstücke von sich geworfen. Auf der Wange des einen und der Schulter des anderen hatten sich bereits große, wässrige Blasen gebildet. “Was beim Himmel war das, Doktor?” verlangte einer der beiden zu wissen.
Sartorius ignorierte ihn. Er zog ein Einstecktuch aus seinem Anzug, wickelte es fest um die Brandwunde auf seiner Hand und marschierte zum Sprechrohr neben der Tür.
Mit einer wütenden Handbewegung entfernte er den Verschluss. “Sartorius hier. Schicken Sie mir mehr Männer nach B4 und stellen sie die Plasmaleitung dort ab! — Richtig. Und dann senden Sie nach Doktor Orwill, Doktor Fryer und ihre Assistenten. Sie sollen so schnell wie möglich ins Labor ZA-3 kommen. — Was? Nein! Der Zeitplan ist soeben verkürzt worden. Sagen Sie Ihnen, dass wir in einer halben Stunde beginnen. — Das ist mir völlig egal. Tun Sie es einfach. Und zwar auf der Stelle, Sie Idiot!” Er rammte das Mundstück zurück in seine Halterung. Dann wandte er sich an die beiden Wachleute. “Sie da. In wenigen Augenblicken wird Verstärkung eintreffen. Sichern Sie diesen und alle anderen Ausgänge aus diesem Raum. Und damit meine ich ausdrücklich: Erschießen Sie jeden, der durch diese Türen kommt. Und Sie”, er wandte sich an den zweiten Wachmann, “kommen mit mir.”
Brüsk wandte er sich ab und marschierte den Gang hinab. Die flackernden Plasmaröhren in der Decke gaben ihm das beunruhigende Aussehen eines der gefährlicheren Insassen dieser Einrichtung.
Die beiden Wachleute wechselten einen unsicheren Blick, wagten es jedoch nicht, zu widersprechen. Stattdessen zogen sie beide ihre Waffen.

Als nur wenig später die Tür des Saales ein weiteres Mal aufgestoßen wurde, fielen jedoch keine Schüsse.
Ein Dutzend stöhnender oder bewusstloser Wachleute bedeckte den Boden des Ganges. Mehr als einer blutete aus hässlichen Platzwunden und die unnatürliche Lage verschiedener Gliedmaßen deutete auf schmerzhafte Knochenbrüche hin.
Mr. Ferret richtete sich auf und ließ den lederumwickelten Schlagstock fallen. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Es machte ihn wie gewöhnlich nicht attraktiver.
“Mr. Ferret!” rief Eric aus. “Wie… was tun Sie hier?”
“Mr. Van Valen, Miss Taversham. Ich bin erfreut, Sie zu sehen. Ich hatte befürchtet, mehr Schwierigkeiten zu haben, Sie zu finden, Sir.” Der dünne Mann rückte seine Melone gerade. “Aber wie ich sehe, können sie beide gut auf sich selbst achten.” Er warf einen nicht zu deutenden Blick in den dunklen Operationssaal, aus dem immer noch das Stöhnen Verwundeter drang. Whiggs zuckte mit den Schultern und schloss die Tür. “Ich bin nicht wehrlos, falls Sie das meinen.”
Eric musterte das außer Gefecht gesetzte Empfangskommando auf dem Gang. “Was ist hier passiert?”
“Wenn ich das richtig verstanden habe, hatten die Herren vor, hier jemanden mit einem unangenehmen Sperrfeuer zu empfangen, Sir. Zumindest sah es ganz danach aus. Und da ich nicht vermute, dass sich außer uns noch andere Eindringlinge hier befinden, hielt ich es für angebracht, mich um diese kleine Unannehmlichkeit zu kümmern.” Abwesend wischte er über die schmierigen Plasmareste einiger Hoegle-Projektile, die seinen Mantel verunzierten. “Es ist eigentlich erstaunlich, dass diese Wachmänner nicht besser ausgerüstet sind, wenn man bedenkt, dass hier Plasmierte herumstreifen, Sir.”
Eric nickte langsam. “Wo Sie sie gerade erwähnen - was ist aus Ihren drei Begleitern geworden? Sind sie…”
“Unsere Freunde sind leider wohlauf, Sir”, sagte Mr. Ferret trocken. “Aber sie mussten feststellen, dass die Stahlverstärkungen an ihren Skeletten nicht in jeder Situation eine Verbesserung darstellen. Zumindest nicht, wenn man sich im Umfeld von starken Magnetspulen befindet, die sich mit einem simplem Hebeldruck aktivieren lassen. Man könnte sagen, sie fühlen sich von dieser neuartigen Technologie recht stark angezogen. Ich hingegen bin da ein wenig altmodischer.” Er klopfte auf seine Brustplatte. “Messing”, fügte er hinzu.
Eric grinste breit. “Man kann zumindest nicht behaupten, das Sie zum alten Eisen gehören, Mr. Ferret.”
“Danke, Sir.”

Die Deckenlampen flackerten abermals und die drei warfen einen Blick nach oben.
“Stahlverstärkungen?” Whiggs sah verständnislos zwischen den beiden Agenten hin und her.
“Plasmierte”, erklärte Eric. “von der Art wie jener, der Ihren Onkel auf dem Gewissen hat. Sartorius stellt sie her. In größerer Stückzahl, wie wir erfuhren.”
“Es gibt mehr als eines dieser Monster?” Whiggs sah ihn alarmiert an.
Eric nickte. “Wir sind gleich drei weiteren begegnet. Sie wurden wie Mr. Ferret modifiziert - doch in weit höherem Umfang. Auch wenn sie, wie es scheint, einige Konstruktionsschwächen haben.”
“Die Wunder des Magnetismus, Miss”, sagte Mr. Ferret. “Ich fürchte jedoch, dass die Schwankungen im Plasmafluss die Magnetspulen nicht stabil laufen lassen. Irgend etwas scheint die Versorgung hier stark in Mitleidenschaft gezogen zu haben.”
Whiggs hatte den Anstand, betreten zu wirken. So betreten, dass Eric sich verpflichtet fühlte, ihr beizuspringen. “Miss Ta… Whiggs hat sich ganz hervorragend gehalten. Ich verdanke ihr mein Leben und meine Unversehrtheit.”
“Daran zweifle ich nicht, Sir. Ich fürchte nur, dass wir deshalb schon bald wieder mit unseren drei Freunden zusammen stoßen werden, Sir.”
“Es ist nicht so, als hätte ich eine Wahl gehabt”, warf Whiggs trotzig ein. Sie beugte sich hinab und nahm einem der Wachmänner die Hoegle aus der schlaffen Hand.
“Niemand macht Ihnen einen Vorwurf, Whiggs!”
“Natürlich nicht”, bestätigte der Wiedergänger und hob eine unhandlich und schwer aussehende Gerätschaft auf, die Eric erst auf den zweiten Blick als Schusswaffe identifizierte. “Es war damit zu rechnen, dass mein kleines Fluchtmaneuver mir ohnehin nicht viel Vorsprung verschaffen würde. Deshalb war ich so frei, und habe mir das hier aus einem der Labore geliehen.”
“Ah.” Eric musterte die Waffe argwöhnisch. Sie ähnelte keinem ihm bekannten Modell. “Und was ist das?”
“Was Sie gewollt haben, Sir. Eine größere Waffe.” Mr. Ferret begegnete dem Blick des jungen Agenten. Dann zuckte er mit der linken Achsel und schulterte die Waffe. “Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, Sir. Es scheint sich um einen Prototypen zu handeln. Aber soweit ich das beurteilen kann, verfügt er über mehr als genügend Feuerkraft, um auch einen meiner Enkel zu stoppen. Ich denke also, er kann uns noch nützlich sein, Sir.”
“Gut und schön, meine Herren”, unterbrach Whiggs. “Aber könnten wir uns vielleicht auf das Wesentliche konzentrieren?”
Eric riss sich vom Anblick der Waffe los. “Entschuldigen Sie, Sie haben natürlich vollkommen Recht. Wir müssen Sartorius finden und ihn aufhalten.”
“Was?” Whiggs starrte Eric verblüfft an. “Ich hatte eigentlich gedacht, dass wir von hier verschwinden und Ihre Freunde von der Polizei benachrichtigen!”
Eric und Mr. Ferret sahen sich an. Dann schüttelten beide den Kopf.
“Nein, Miss”, sagte der dünne Mann. “Sartorius will in wenigen Stunden die Quexer auf die Straßen treiben lassen. Es sieht so aus, als sei er auch für Ihr Problem in Lethe verantwortlich.”
“Und nachdem wir ihm derart lästig geworden sind, wird er sein Vorhaben beschleunigen, fürchte ich”, ergänzte Eric. “Deshalb ist es von höchster Dringlichkeit, ihn so schnell wie möglich festzusetzen.”
“Aber wie wollen Sie ihn finden, verdammt nochmal?” fuhr Whiggs auf.
Eric warf Mr. Ferret einen besorgten Blick zu. “Das ist eine gute Frage.”
Mr. Ferret betrachtete nachdenklich die um sie herum liegenden, stöhnenden Wachleute. Dann sah er auf und Eric an.
Seine ausdruckslosen, schwarzen Nagetieraugen blinzelten.
Einmal.

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