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12
Aug

Kapitel 5-10

   Posted by: Steamtown    in Kapitel 5

“Helena.”
Whiggs Beine gaben nach und sie sank neben dem zerstörten Leichnam der jungen Frau auf die Knie. “Helena…”
Unbewusst tastete ihre Hand nach den kalten, blutleeren Fingern der Toten. Dann jedoch zuckte sie zurück, als ihr bewusst wurde, dass diese Hand nicht mehr mit dem Rest des Körpers verbunden war. Ein keuchendes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle und sie ballte die Fäuste in den Falten ihres Kleides.
“Miss?” sagte Eric nach einem Moment. “Sie kannten diese Person?”
Whiggs nickte wortlos, unfähig, zu sprechen, aus Angst, vollends die Fassung zu verlieren.
“Scheint mir eine harte Woche zu sein”, sagte Mr. Ferret leise. Er hockte sich neben der Leiche auf den Boden und betrachtete mit ausdrucksloser Miene Zentimeter für Zentimeter des geschundenen Körpers. Hinter ihm scharrten die Lederhäute peinlich berührt mit den Füßen. Sie waren es gewohnt, den Tod hier unten zu sehen, und nur allzu oft stolperten sie über die angefressenen Überreste eines unglücklichen Tunnlers. Aber das hier war anders. Diese Tote hatte einen Namen - und jemanden, der um sie zu trauern schien.
“Miss?” wiederholte Eric. “Alles in Ordnung? Wir müssen…”
Whiggs nickte abermals und schniefte. “Helena”, sagte sie nochmals mit rauer Stimme. “Sie heißt… hieß Helena. Sie gehörte zu uns, zu Lethe. fast fünf Jahre war sie schon bei uns. Sie ist meine… ich meine… sie war etwas, was wir hier unten nicht oft haben. Sie war eine Freundin. In den Tunneln ist man meist auf sich gestellt, allein. Die meisten von uns werden früh hart. Helena war anders. Sie konnte lachen. Und sie mochte es, zu singen. Sie…” Die junge Frau schüttelte den Kopf. “Ich hatte gedacht, sie wäre in Lethe, bei den anderen. In Sicherheit.” Whiggs wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht.
“Hier, Miss”, Eric fingerte umständlich ein Leinentuch aus seiner Brusttasche und reichte es der jungen Frau, “nehmen Sie. Es tut mir leid, Miss Taversham.”
“Schon in Ordnung. Danke.” Whiggs seufzte, nahm das Tuch entgegen, ohne Eric anzusehen und bedeckte damit das zerstörte Gesicht der Freundin. “Ich sollte eigentlich daran gewöhnt sein. Das Leben in den Tunneln war noch nie gerecht.” Immer noch ohne die Männer anzusehen erhob sie sich und starrte in den Tunnel vor ihnen. “Wer immer das getan hat - er wird dafür büßen müssen”, sagte sie leise, scheinbar an niemand anderen als sich selbst gerichtet.
Eric betrachtete sein Taschentuch auf dem Gesicht der Toten und fühlte einen sauren Geschmack im Hals aufsteigen.
Schnell wandte er den Blick ab und schluckte einige Male. Schließlich trafen seine Augen auf den Blick von Mr. Ferret. Der Plasmierte nickte ihm unauffällig zu. “Sie haben die Handschrift sicherlich erkannt, Sir”, sagte er leise. Eric hob die Augenbrauen. “Hartlefield?”
“Genau, Sir. Minus die Flechette. Aber das Muster ist das selbe.”
Die Nagespuren der Ratten ersetzen allerdings eine Flechette ziemlich wirkungsvoll, dachte Eric und fühlte eine weitere Welle heißer Flüssigkeit seine Speiseröhre erklimmen. “Also war unsere erste Spur doch richtig”, stellte er fest.
Mr. Ferret nickte zustimmend. “Es sieht so aus, als hätte der Pater recht gehabt, Sir.”

Eric betrachtete einen Moment die angespannten Schultern der jungen Frau vor ihm. Dann wandte er sich den Lederhäuten zu, die ihn erwartungsvoll ansahen.
“Also gut, meine Herren. Wir haben immer noch einen Mörder zu finden. Und dieses Rohr dürfte uns zu ihm führen. Also sollten wir besser keine Zeit verlieren, Mr. Cummins.”
Der Seuchenschutzbeamte schob seinen Priem von einer Wange in die andere. “Stimme Ihnen zu, Sir. Auf geht’s, Männer. Abmarsch.” Er trat mit einem großen Schritt über den Leichnam. “Samson, Bruggs, Sie gehen wieder vor.”
“Und die Tote, Sir?” fragte Mr. Ferret leise. “Was machen Sie mit der?”
“Normalerweise schieß’n wir denen in’n Kopf. Damit ’se nich’ zurück komm’n”, rumpelte Bruggs ungerührt und hob seine Waffe. Dann fing er jedoch Mr. Ferrets Blick auf und stockte. “Aber ich denk’ ma’, das wird in dem Fall nich’ nötich sein…” fügte er hinzu und beeilte sich, Samson zu folgen. Cummins hielt Mr. Ferrets Blick länger stand. “Was schon”, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Mitnehmen is nicht drin. Begraben geht auch nicht, was sollen wir also Ihrer Meinung nach tun? Und jetzt kommen Sie schon. Ich habe keine Lust, wegen Ihnen hier auch bald so rum zu liegen.”
Mr. Ferret nickte. Während die anderen ihre Waffen schulterten und einer nach dem anderen in der Dunkelheit verschwanden, verharrte er einen Augenblick länger bei der Toten. Als er kurze Zeit später zur Gruppe aufschloss, glaubte Eric, so etwas wie Melancholie in seinen dunklen Augen wahrzunehmen.

Je näher sie ihrem Ziel kam, um so stiller wurde die Gruppe. Irgendwann verstummten selbst Samson und Bruggs, die sich bis dahin im fröhlichen Flüsterton irgendwelche unsinnigen Wortgefechte geliefert hatten. Deutlich verlangsamten die beiden nun ihre Schritte und sicherten mit entnervender Gründlichkeit jedes Loch und jede noch so kleine Spalte, die sich längs ihres Weges auftat. Mehrmals hob Samson unvermittelt die Hand und bedeutete den anderen, kurz zu warten. Dann entfernte er sich einige Schritte und schien in die Dunkelheit hinein zu lauschen. Nach einer halben Ewigkeit, wie es schien, kehrte er jedes Mal zurück, warf Cummins einen kurzen Blick zu und schüttelte den Kopf.
Der Anführer der Lederhäute schien das mit zunehmender Irritation zur Kenntnis zu nehmen. Tiefe Sorgenfalten hatten sich in seine Stirn gegraben.
Eric bewegte sich leise neben ihn. „Was ist los?“ fragte er im Flüsterton. „Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Es is ruhig“, erwiderte Cummins. „Zu ruhig.“
Eric schaute ihn fragend an. „Was bedeutet das? Ist es denn nicht gut, wenn es ruhig ist?“
Cummins schaute einen Augenblick nachdenklich nach vorn, ehe er antwortete. „Die Leute glauben immer, unter der Erde wäre es still wie in nem Grab. Aber wenn man hier unten arbeitet, weiß man, dass es nie vollständig ruhig ist. Das Rauschen von Wasser, die Bewegungen der Erde, die Geräusche von den Straßen Steamtowns, die nach unten geleitet werden - und vor allem die vielen Kreaturen, die hier herumkriechen. Vor allem die Ratten. Die bewegen sich, die rufen, die laufen umher, die streiten, kämpfen und scheißen dir sogar auf den Kopf, wenn du nicht aufpasst. Die Ratten sind niemals still… jedenfalls dachte ich das bis heute.“
„Quexer?“ fragte Eric.
Cummins schüttelte den Kopf. Nervös schob er den Priem in seinem Mund hin und her. „Die Quexer sind den Ratten im Grunde genommen egal. Die folgen ihnen sogar manchmal, um sich die Reste von dem zu besorgen, was diese Monster auf ihren Raubzügen zurück lassen. Ratten haben eigentlich vor nichts Angst. Besonders diese mutierten Viecher, über die wir vorhin beinahe gestolpert sind. Sind nur klug genug, sich zurück zu ziehen, wenn sie Samsons hässliches Gesicht sehn. Ziehen sich in ihre dunklen Ecken zurück und lachen uns aus, weil wir so blöd sind, mitten in die Quexer-Wohnstube reinzumarschieren.“
„Wenn es nicht die Quexer sind, was könnte dann der Grund für das seltsame Verhalten der Ratten sein?“
Cummins zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, sagte er. „Wir sind es jedenfalls nicht. Aber wir werden es sicherlich bald herausfinden. Dann können wir vermutlich froh sein, dass wir diese hübschen Mädels hier mitbekommen haben.“ Er tätschelte liebevoll seine Waffe und deutete dann nach vorn. „Sehen Sie die Fliesen dort vorn an den Wänden, Sir? Die gehören zu den ehemaligen Eingängen in die Station. Das bedeutet, dass wir jetzt ganz dicht dran sind. Ab jetzt kein Wort mehr. Sonst geht hier nämlich gleich die Hölle los – früher als uns allen lieb ist.“

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