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21
Aug

Kapitel 6-01

   Posted by: Steamtown    in Kapitel 6

Der ekelhafte Geschmack mochte einfach nicht aus ihrem Mund verschwinden. Oder ihrer Nase. Nur mühsam unterdrückte Whiggs ein weiteres Würgen. Bei den letzten Schüben hatte sie krampfhaft nur Galle hervor gewürgt. Ihr restlicher Mageninhalt dagegen hatte sich längst mit dem brackigen Wasser vermischt oder war versunken. Dorthin, wo sich nun einige Quappen vorsichtig näherten, um sich der willkommenen Mahlzeit zu widmen. Einfach nur widerlich, dachte die Emanatin und war beinahe versucht, dem Würgereiz ein weiteres Mal nachzugeben. Kein Wunder, dass die Biester so stanken. Sie fraßen echt jeden Dreck. Spontan entschloss sie sich, höchstpersönlich eine Tunnlerexpedition zur Vernichtung der übrigen Brut anzuführen und hier endgültig aufzuräumen. So nachhaltig, dass sich in der alten Station niemals mehr ein Quexer ansiedeln würde.

Der Anführer der Lederhäute war einer der ersten, die sich wieder fingen. Cummins spuckte angeekelt aus, als er die unzähligen Kadaver in dem Verbindungstunnel betrachtete. „Was für eine Sauerei! Jemand hat diese Viecher mit System abgemurkst. Was meinst du, Bruggs?“
Bruggs schnäuzte geräuschvoll das linke Nasenloch frei, indem er sich mit dem Zeigefinger das rechte zuhielt. Dann erst kramte er ein schmutziges Taschentuch heraus und hielt es sich vor die Nase, um den Gestank ein wenig abzumildern. Mit bedächtigem Schritt trat er näher und betrachtete einen der Kadaver, die unmittelbar hinter der jetzt ausgerissenen Tür lagen.
„Die ha’m hier ganze Arbeit geleistet, Chef. Die Froschfress’n sin’ ausnahmslos aufgeschlitzt un’ zerfetzt word’n. Jedes einzelne vonnen verdammt’n Viechern. Wer auch immer das war, sieht mächtich so aus, als ob’s ihn’n ziemlich Spaß gemacht hätt’.“
„Oder ihm“, bemerkte Eric düster.

Cummins blickte ihn zweifelnd an. „Einer allein wird wohl kaum in der Lage sein, so eine Quexerarmee zu vernichten, Sir. Selbst wenn es diese Kreatur gewesen ist, von der Sie erzählt habt.“
Eric nickte nachdenklich. „Wahrscheinlich haben Sie recht“, erwiderte er, war sich aber keineswegs sicher. Trotzdem behielt er den Gedanken bei sich. Es hatte keinen Sinn, die Lederhäute noch mehr zu beunruhigen, als sie angesichts des Ortes an dem sie sich befanden, ohnehin schon waren. Sie waren harte Kerle, aber, auch wenn sie es nicht zugeben wollten, wirkte der eine oder andere von ihnen inzwischen doch sichtlich angespannt. Sie versuchten nur, es auf ihre eigene Art zu übertünchen, indem sie derbe Sprüche von sich gaben und sich betont lässig verhielten.
„Vorwärts“, befahl Cummins schließlich, und Samson und Bruggs setzten sich ohne zu zögern wieder an die Spitze. Vorsichtig bahnten sie sich ihren Weg zwischen den aufgetürmten Quexern hindurch, sorgsam darauf bedacht, die verwesenden Leichen im Vorbeigehen nicht zu streifen.

Vielleicht hundert, oder auch aber zweihundert Meter und mehr, marschierte der kleine Trupp schweigend durch den Tunnel, den man nicht anders als ein Massengrab bezeichnen konnte. War die Luft anfangs noch so drückend und schwer, dass ihnen allen beinahe die Sinne schwanden, so schien sie sich doch langsam zu verbessern, so dass das Atmen schließlich wieder möglich wurde, ohne von Husten und Brechreiz unterbrochen zu werden.
Tatsächlich schien irgendwann sogar ein leichter Luftzug durch den Tunnel zu wehen.
„Belüftungsschächte.“ Cummins leuchtete mit seiner Plasmalampe nach oben an die Decke. Dort waren in größeren Abständen senkrecht nach oben führende Schächte zu erkennen. „Allem Anschein nach weht die Luft in unsere Richtung. Es besteht also die Möglichkeit, dass wir bald einen Ausgang finden - wo immer der uns hinführt.“

Der Ausgang entpuppte sich als eine Metalltür von der gleichen Bauart wie jene, die sie am anderen Ende des Tunnels vorgefunden hatten. Der einzige Unterschied war die vergitterte Öffnung, die sich in zirka drei Metern Höhe direkt neben der Plasmaleitung befand. Und durch diese Öffnung fiel ein schwacher Lichtschein.
Umgehend ordnete Cummins das Dimmen sämtlicher Lampen an. Auf seinen Befehl hin stemmte sich Bruggs gegen die Wand, verschränkte seine Hände ineinander und ließ seinen Vorgesetzten darauf wie über eine Leiter auf seine Schultern hinauf steigen.

Der Anblick, der sich Cummins bot, als er oben angekommen einen Blick durch das Gitter warf, verschlug ihm schier den Atem. Vor seinen Augen öffnete sich ein gigantischer Verladebahnhof, an dessen Decke einzelne, funktionale Lampen herab hingen, die ihr fahles Licht auf Schienen und Laderampen warfen. Die parallelen Eisen der Zugführung schimmerten frisch gereinigt und blank. Dazu konnte er Unmengen gestapelter Kisten und Paletten am Rand und am anderen Ende der Halle ausmachen. Das sah nicht gerade nach einem verlassenen Ort aus und stand damit im krassen Gegensatz zu allem, was er eigentlich erwartet hatte. Hier tat jemand Dinge, die niemand anderer mitbekommen sollte. Ganz eindeutig. Warum sollte man sich sonst einen derart vergessenen Ort aussuchen?
Als er genug gesehen hatte, kletterte er leise herunter, winkte die anderen ein Stück von der Tür weg und gab schließlich seinen Bericht ab.
“Sir, ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, was hinter dieser Tür vor sich geht. Aber mit einem bin ich sicher: Das entspricht auf keinem Fall auch nur einer unserer Vorschriften. Also, Mr. Agent, wie gehts nun weiter?”
“Wir gehen rein”, hörte sich Eric sagen, obwohl er sich eigentlich sicher war, dass er etwas völlig anderes hatte von sich geben wollen. Aber die Männer (und Miss Taversham) sahen ihn jetzt erwartungsvoll an. Also fügte er ein “Mr. Ferret. Das ist eine Aufgabe für Sie. Wenn Sie so freundlich wären” hinzu.

Der Wiedergänger musterte den jungen Agenten einen Moment.
Dann zuckte er mit den Schultern und drückte sich seinen Bowler fester auf den Schädel. “Wenn Sie meinen, Sir”, sagte er leise.
Er griff nach dem Türknauf, drehte ihn und drückte gegen die Tür, die sich unter leisem Protest öffnete. Eric und Cummins sahen sich an. Dann räusperte sich der Sergeant. “Na gut. Samson, Bruggs. Hören Sie auf zu grinsen. Sie sichern.”

Ihre Schritte knirschten leise im Kies der Gleisbetten, als sich die Männer nacheinander zwischen den Prellböcken am Ende der Halle hindurch schoben. Das und das leise Blubbern der Flechette auf Tawyers Rücken waren für einige Zeit die einzigen Geräusche in der verlassen wirkenden Anlage.
Wenig später huschten die beiden aus dem Schatten der rückwärtigen Wand, eilten die Schienen entlang und erreichten schließlich sie den Verladesteig. Oben angekommen senkten die beiden Lederhäute ihre Waffen. Dann winkte Bruggs und deutete auf etwas, das Eric nicht sehen konnte.
Als der Rest ihrer Gruppe schließlich zu ihnen aufgeschlossen hatte, verstand er. Über Ihnen prangte ein in den Stein gehauener Schriftzug.

‘STEAMTOWN POWER TRANSMISSION LTD.’

‘Verladehof Nord’, war mit weißer Farbe darunter geschrieben und ein Schild klärte den Besucher über zahlreiche Sicherheitsbestimmungen auf.
Eric atmete durch. “Ich denke, Mr. Cummins, Ihre Sorge war unbegründet. Wir befinden uns hier ganz offensichtlich auf dem Werksgelände der Plasmafabriken. Wir haben also nichts mehr zu befürchten.”
“Wenn das so ist - warum ist dann hier niemand?” fragte Whiggs argwöhnisch. “Ich denke…”
Etwas klickte und ein unangenehm vibrierendes Summen drängte sich in ihre Wahrnehmung. Die Tunnlerin verstummte und um sie herum erstarrten die Lederhäute. Dieses Geräusch war zu charakteristisch, um etwas anderes zu sein, als das Aufheizen schwerer Plasmawaffen.
Vieler schwerer Plasmawaffen.
“Das denke ich allerdings auch”, sagte Mr. Ferret neben ihr und legte langsam seine Waffe auf dem Boden.

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