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Zwischenspiel 7
Der Lärm der Sirenen ließ ihn aus seinen Träumen aufschrecken. Pulsierend traf das grünliche Licht der Plasmalampen auf sein Gesicht. „Verdammt, was zum …“ Die Erkenntnis traf ihn wie einen Blitz. Ohne zu zögern schlug er die Decke beiseite und rannte zur Tür. Noch im Nachthemd betrat er die Werkshallen der Fabrik und rannte zum Forschungslabor der Firma.
Die schwere Stahltür stand weit offen, die mehrere Zentimeter breiten Bolzen waren verbogen und der Prototyp fehlte. Es war nur eine leere Halterung zurückgeblieben, auf der der schwere Prototyp Halt gefunden hatte. Drei Jahre Arbeit waren fort.
Mit zitternden Knien trat er in den kleinen Raum und blickte sich um. Die Schränke mit den Unterlagen schienen unversehrt. Wenigstens konnte er ihn nachbauen. Dennoch passte es ihm überhaupt nicht, dass er seine Interessenten vertrösten musste. Sie erwarteten Ergebnisse und der erste Test stand noch aus.
Ein eisiger Windhauch ließ ihn umfahren. Hinter ihm klaffte ein riesiges Loch in der Wand, das Mauerwerk glühte gelb-grünlich. Er bekam eine Gänsehaut. Sein Gesicht verzog sich zu einer grinsenden Maske. Es war unglaublich, aber ihre Theorie stimmte tatsächlich. Der Hermion-PLW übertraf in seiner Zerstörungskraft den errechneten Radius bei weitem. Er würde Miss Noël einen kleinen Bonus zahlen müssen, aber in Anbetracht dieses Erfolges …
Die Ordnungshüter trafen pünktlich über eine Stunde zu spät am Tatort ein und begannen, die Hallen abzuriegeln. Der Chief Inspector, O’Donohue oder wie er sich nannte, trat an ihn heran und holte einen kleinen Notizblock hervor. Der Mann ließ sich alle Zeit der Welt, während sich der Täter mit dem Plasmawerfer längst über alle Berge gemacht haben musste.
„Da haben sie aber ein ordentliches Loch in der Wand, Sir Hoegle. Könnten sie mir berichten, was geschehen ist?“, fragte der Ordnungshüter schon beinahe zu freundlich.
„Ich wurde bestohlen, das ist hier geschehen.“
„Jap. Das hatte ich mir schon gedacht, aber was wurde gestohlen?“
Die Ruhe des Polizisten brachte ihn zur Verzweiflung. Konnte sich der Kerl nicht denken, was hier gestohlen wurde? Der Mann trug selbst eine 22er aus seinem Hause! „Der Prototyp einer neuen Waffe“, entgegnete er fauchend.
„Konnten Sie den Täter sehen?“
„Nein …“
„Können Sie mir die Waffe beschreiben?“
„Ein neuartiger Plasmawerfer auf Basis von hochenergetischem Plasma, das in einer Oszillationskammer …“
„Ich meinte das Aussehen. Mit dem technischen Schickschnack kenne ich mich nicht aus.“ Der Chief Inspector hob kurz eine Augenbraue. „Die Waffe ist hoffentlich nicht illegal …“
„Sie ist in etwa einen Meter lang, besteht aus drei unterschiedlich großen Rundkammern, in denen sich die Oszillationskammern befinden. Die ganzen Plasmaleitungen liegen offen und sind per Æther-Radiationsröhren mit den Oszillations… Ich glaube es ist besser, sie nehmen einfach eine der Konzeptzeichnungen mit!“
„Sehr gut, das spart Zeit. Lag der Waffe Munition bei? Wie viele Schüsse wird der Täter eventuell haben?“
„Wenn sie sich nicht beeilen und ihn finden, hat er womöglich genug Munition, um sich in jede Bank der Stadt zu schießen. Der Prototyp funktioniert mit den 52er Standardmagazinen.“ Der Inspector zeigte einen Gesichtsausdruck, der von Unverständnis zeugte. Gab es hier denn keine kompetenten Leute? „Die Munition für die Kremsberger … Die Plasmagewehre. Das Magazin ist zwar bereits nach einem Schuss leer, aber darin befindet sich genau die richtige Menge, die zur Zündung der Plasmawellen in den Kaltwellendruckkolben vonnöten ist.“
„Also, damit ich das richtig verstehe, Sir Hoegle … Ein Unbekannter hat ihre neueste Waffe gestohlen, die sich durch dicke, stahlverstärkte Betonmauern brennen kann und hat quasi unbegrenzte Munition, richtig?“ O’Donohue wirkte so, als ob es ihn diese Tatsache keineswegs beunruhigen würde.
Er verdrehte die Augen und nickte, woraufhin der Polizist seinen Notizblock in einer seiner Brusttaschen verschwinden ließ. „Mir bleibt aber auch nichts erspart“, murmelte er plötzlich weniger freundlich und wandte sich von ihm ab. „Warum konntet ihr nicht wie sonst auch ein eigenes Magazin entwickeln?“
Weil es während der Entwicklungsphase einfacher ist, schoss ihm durch den Kopf. Doch er sprach den Gedanken nicht laut aus.
„Da fällt mir gerade noch etwas ein“, der Polizist blieb stehen und blickte über die Schulter. „Nach meiner Einschätzung haben Sie entweder einen Spion in der Firma oder das ganze hier selbst inszeniert.“
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, während er langsam den Kopf schüttelte.
„In diesem Fall bitte ich um eine vollständige Personalliste, wer hier zurzeit arbeitet oder irgendwann einmal gearbeitet hat.“ O’Donohue wandte sich lächelnd ab, ohne auf eine Antwort zu warten. Er hob nur seinen Arm und winkte zum Abschied.
Seufzend ließ er sich an seinem Schreibtisch nieder. Er hatte Kopfschmerzen. Ein Spion in seiner Firma. Er mochte dem Chief Inspector ungern recht geben, aber alle Indizien deuteten daraufhin. Wollten sich die Lejens ihren Durchbruch direkt aneignen? Sie begannen mehr und mehr, seine Waffen vom Steamtowner Schwarzmarkt zu verdrängen, mit angeblich höherwertigen Eigenproduktionen. Aber warum hatten sie dann nicht die Forschungsunterlagen mitgenommen? Andererseits hatten sie zum Durchsuchen des Labors zu wenig Zeit gehabt … Oder hatten sie bereits Kopien?
Es klopfte. „Herein“, befahl er mit gebieterischer Stimme.
„Sie Hoegle?“ Eine junge Frau blickte unsicher durch den Türspalt.
„Was ist los, Miss Noël?“
„Ich hörte, der Prototyp ist gestohlen worden …“ Irgendwie wirkte sie erleichtert. War sie etwa die Spionin? „Ehrlich gesagt gab es da etwas, über das ich mit Ihnen reden wollte. Ich bin gestern Nacht noch einmal die Berechnungen durchgegangen“, begann sie und nahm ihm gegenüber Platz. „Die Kühlung reicht nicht aus.“
„Wie habe ich das zu verstehen“, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
„Wenn man mehr als zwei Schüsse innerhalb von fünf Minuten abgibt, wird sie überhitzen.“
„Und?“ Er konnte das Problem nicht so recht fassen. Viele der Plasmawaffen wurden ungewöhnlich heiß, wenn man zu oft mit ihnen feuerte. Um zu vermeiden, dass die Waffen explodierten waren sie mit entsprechenden Sicherheitsmechanismen ausgerüstet.
„Die Waffe arbeitet bereits gute zwanzig Grad über der Temperatur, bei der hundertachtzig Hedley noch sicher sind. Bei einem Schuss kommt es zu einer weiteren Aufheizung und die Oszillationskammern werden schließlich zerplatzen“, sie machte eine kurze Pause. „Alles, was sich in mindestens fünfundzwanzig Metern Radius befindet verdampft.“
„Wollen sie mir etwa sagen, dass dort draußen eine tickende Zeitbombe herumläuft?“
„Ich hatte Ihnen gesagt, dass die Waffe nicht fertig ist. Ich war noch nicht dazu gekommen, die Kaltwellendruckkolben anzupassen. Außerdem sollte der erste Test der Waffe erst nächste Woche stattfinden. Ich hätte also noch genügend Zeit gehabt!“
„Und wer sagt mir, dass nicht sie hinter diesem Diebstahl stecken und mir jetzt diese Geschichte auftischen, um die Waffe heimlich an die Lejens zu verkaufen?“
Miss Noël verdrehte die Augen. „Ich war einfach nur froh, nicht zu Dame Roshnatow zu müssen, um mich in ein Korsett und diese aufgeplusterte Pfauentracht zu zwängen. Falls sie mich deswegen anklagen wollen, dann können sie sich jemanden suchen, der ihnen hier schneller einen neuen Prototypen baut, als ich bei den Lejens!“ Wütend stapfte sie aus dem Raum und schlug die Tür hinter sich zu. Warum konnte er diese eine Frau nie richtig einschätzen?
Er nahm eine Zigarre von seinem Schreibtisch und entzündete sie mit dem reichlich verzierten Plasmafeuerzeug, das ihm sein Vater hinterlassen hatte. Ihm wurde nun die unschöne Aufgabe zuteil, dem Chief Inspector das neueste Problem zu erklären. Vielleicht würde die Polizei dann wenigstens schneller Arbeiten. Er nahm einen tiefen Zug aus der Zigarre und verließ sein Büro mit einem unguten Gefühl im Magen.
Tags: chief Inspector, Lejen, Miss Noël, O'Donohue, Sir Hoegle

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