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Kapitel 3-04
Doktor Sartorius marschierte mit sichtlich nur mühsam im Zaum gehaltener Wut vor ihnen her – mit derart ausladenden Schritten, dass Eric ihm mit seinem noch immer geschwollenen Bein kaum folgen konnte. Es schien den Arzt allerdings mit grimmiger Genugtuung zu erfüllen, dem jungen Agenten Unbehagen zu verursachen und so schwieg Eric und hinkte ihm hinterher, so schnell er es vermochte.
An einem vergitterten Treppenaufgang blieb Sartorius stehen und nahm das Mundstück einer Sprechanlage von der Wand.
“Sartorius hier. Wilkins? Wir haben hier Besuch vom Ministerium, der unbedingt Mrs. McManus besuchen möchte. — Was? — Nein, habe ich nicht. — Ja, das habe ich versucht, den Herren zu erklären, allerdings ohne Erfolg.” Bei diesen Worten warf er einen bedeutsamen Seitenblick auf Eric. “— Ich bin mir dessen bewusst. — Das ist mir vollkommen egal. Lassen Sie öffnen, wir kommen jetzt rauf —” Er lauschte einem Moment der blechernen, unverständlichen Stimme aus dem Hörrohr. “Ja, das haben sie richtig verstanden. Jetzt machen sie schon!” Er knallte das Mundstück zurück auf seinen Platz, ohne eine Antwort abzuwarten und funkelte Eric und Mr. Ferret düster an. Nur einen Augenblick später zischte die Tür und mehrere stählerne Bolzen glitten in die Wand. Mit einem dumpfen Klacken öffnete sich die Tür und Sartorius stieg vor ihnen die steile Treppe hinauf. Auf dem ersten Absatz warf er einen Blick auf Eric, dem die Stufen sichtlich Mühe bereiteten. “Kommen Sie, Agent Van Valen. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.”
Tatsächlich war es ein ordentlicher Fußmarsch, den sie zurückzulegen hatten. Wirkte das Asylum von außen lediglich bedrohlich, so war es im Inneren zudem auch noch ausgesprochen verwirrend.
Doktor Sartorius führte sie durch eine Vielzahl von Gängen, gesäumt von Reihen metallener Türen, hinter denen Wimmern, Stöhnen, Murmeln und das gelegentliche Schreien oder Singen von unsichtbaren Menschen erklang. In einem Abschnitt war fröhliches Kinderlachen zu hören, das so gar nicht zu der bedrückenden Atmosphäre der weiß und grün gekachelten Gänge passen mochte.
In einem anderen ertönte das nervenaufreibende Geräusch eines blechernen Tellers, der über rau verputzte Wände kratzt. Über allem lag der stechende Geruch von Salmiak und anderen Reinigungsmitteln, der von den spiegelblank polierten Fliesen aufstieg.
Mehrmals noch stiegen sie Treppen hinauf und gelegentlich hinab und immer wieder wurden sie von eisernen, weiß lackierten Gittertüren aufgehalten, die von Sartorius mit einem großen Schlüsselbund geöffnet werden mussten. Nur gelegentlich passierten sie einen Pfleger oder Wachpersonal, das an größeren Kreuzungen in Kammern mit vergitterten Fenstern saß, dem Doktor zunickte und das Gatter zur nächsten Passage öffnete.
“Wie lange…?” setzte Eric schließlich atemlos an.
Doktor Sartorius nickte zu einer an die Wand gemalten Kennzeichnung, ohne sich umzusehen. BT27-III-560-859 war dort zu lesen. “Wir sind da. Mrs. McManus ist in Zimmer BT27-III-568 untergebracht”, erklärte der Arzt barsch und holte das Schlüsselbund zum wiederholten Male hervor. “Hätten Sie sich etwas gedulden können, bis es der Patientin besser geht, dann hätten Sie uns den Fußmarsch durchaus ersparen können. Dann hätte ich sie nämlich in einen der Besuchsräume bringen lassen. Nun, Sie wollten es ja so.” Er begann, nach dem passenden Schlüssel für die Gittertür vor ihnen zu suchen.
“III-568? Das müsste dann die Tür sein, die offen steht”, bemerkte Mr. Ferret.
Dr. Sartorius hielt inne und sah auf. “Was?”
Mr. Ferret deutete durch die Gitter. Jetzt, wo er darauf hinwies, sah auch Eric, dass eine der Türen weiter vorn halb geöffnet war.
“Ich denke, dass einer der Pfleger gerade auf seiner Runde ist”, sagte Sartorius und nahm die Suche nach dem richtigen Schlüssel wieder auf.
“Jetzt?” erkundigte sich Eric zweifelnd.
Dr. Sartorius zuckte mit den Schultern. “Ich habe Wilkins vorhin davon in Kenntnis gesetzt, dass wir Mrs. McManus besuchen werden, also wird er vermutlich jemanden geschickt haben, der nachsieht, in welchem Zustand die Patientin ist. Wie Sie sich vorstellen können, geht den geistig Verwirrten gelegentlich das Gefühl für Reinlichkeit oder Anstand verloren.” Er probierte einen der Schlüssel im Schloss und rüttelte probeweise an der Tür. Dann fluchte er leise und probierte den nächsten.
“Es ist üblich, dass dann einer unserer Mitarbeiter vor einem Besuch eventuelle… Probleme beseitigt. Und schließlich können wir nie ausschließen, dass ein Patient in plötzliche Raserei verfällt, wenn man unangemeldet in seinem Zimmer erscheint.” Er rüttelte abermals an der Gittertür und versuchte, den Schlüssel zu drehen. “Sehen Sie, das ist ja genau der Grund, warum wir hier überall diese Gittertüren haben. Sie schützen die Patienten davor, sich in einem Anfall der geistigen Umnachtung selbst oder aber andere zu verletzen. Selbst eine zarte Person wie Mrs. McManus könnte Sie, Mr. Van Valen, in einem Anfall akuter Raserei vermutlich in zwei Teile brechen.”
“So in etwa?” erkundigte sich Mr. Ferret, griff an Eric und dem Doktor vorbei und schob die Tür auf. Unter protestierendem Kreischen verbogen sich die Bolzen des Schlosses und zersprangen schließlich mit einem scharfen Knall. Mit einem Seitenblick auf Sartorius schob sich Mr. Ferret an dem Arzt vorbei. “Ich glaube nicht, Mr. Van Valen, Sir”, sagte er, “dass es erlaubt ist, bei einer Visite die Tür offen zu lassen.”
“Da hat er recht”, stellte Eric fest und warf dem Arzt ebenfalls einen Blick zu, um dann eilig dem dünnen Mann zu folgen. Dr. Sartorius starrte, den jetzt überflüssigen Schlüssel immer noch in der Hand haltend, den beiden einen Augenblick reglos hinterher. “He, Moment!” protestierte er dann. “Sie können doch nicht…”
Aber Eric hörte bereits nicht mehr hin. Dicht auf den Fersen von Mr. Ferret erreichte er die offene Tür.
Gerade in diesem Moment trat ein breitschultriger, großer Kerl in der weißen Kleidung eines Pflegers heraus. Er schob eine Spritze in die Tasche seines Kittels und schloss die Tür, als er Mr. Ferret und den jungen Agenten wahrnahm.
“Sie da, was tun Sie hier?” verlangte Eric zu wissen. Der Pfleger senkte den Kopf und nickte einen knappen Gruß, bevor er sich umwandte und in die entgegengesetzte Richtung davon ging.
“He! Ich habe Sie etwas gefragt, Sir!” rief Eric dem Rücken des Mannes hinterher.
Mr. Ferret riss die Tür des Zimmers auf, ohne den Riegel an der Außenseite zu beachten. Er warf einen Blick in die kleine Kammer. “Mr. Van Valen, Sir”, sagte er dann leise. Eric sah sich um und wusste, was der Wiedergänger meinte. Eine kleine, grauhaarige und zerbrechlich wirkende Frau lag auf einem Metallbett, nur von einer dünnen Decke bedeckt, jedoch an Händen und Füßen an den Rahmen der Lagerstatt gefesselt. Ihre Augen starrten blicklos an die weiße Decke und ihr gesamter Körper bebte vor äußerster Anspannung. Es war klar, dass sich die Frau in einem Zustand heftigsten Schocks befand.
Eric wirbelte herum und riss seine Waffe hervor. “Sie da! Bleiben Sie sofort stehen! Das ist ein Befehl!”
Der Pfleger entfernte sich, noch immer ruhigen Schrittes, gerade so, als hätte er Eric überhaupt nicht gehört.
“Verdammt! Bleiben Sie auf der Stelle stehen und heben Sie die Hände! Sonst sehe ich mich gezwungen, auf Sie zu schießen!”
Die Reaktion des Mannes änderte sich auch durch diese Drohung nicht. Stattdessen griff er in eine Tasche und förderte einen Schlüsselbund zutage, um das Gitter am anderen Ende des Ganges zu öffnen. Eric feuerte. Die Kugel schwirrte dicht am Kopf des Pflegers vorbei und zerplatzte an den eisernen Gitterstäben. Als der Kerl noch immer keine Reaktion zeigte, biss Eric die Zähne zusammen und feuerte abermals. Diesmal traf er den Mann im Rücken.
Doch statt zuckend zu Boden zu fallen, wandte dieser nur mit einem leisen Knurren den Kopf. Und plötzlich wurde sich Eric der Tatsache bewusst, dass dieser Pfleger die selben schwarzen Augen wie Mr. Ferret aufwies. “Ach, zum…!” sagte er gepresst und feuerte nochmals, zweimal, dreimal.
Die gläsernen Geschosse zerplatzten an Arm, Oberkörper und Kopf des Pflegers und verspritzen ihr glühendes Plasma. Die einzige Reaktion des Mannes war ein neuerliches Knurren. Dann zog er den Kopf ein und stürmte auf Eric los. Zwei weitere Kugeln, die ihn trafen, ignorierte er vollkommen. Und ein leises Zischen wies darauf hin, dass das Magazin des jungen Agenten leer war.
“Nein!”, hörte er den entsetzten Ruf des Doktors hinter seinem Rücken, dann war der bullige Mann über ihm.
Oder beinahe.
Im letzten Moment traf die Faust Mr. Ferrets den Brustkasten des Pflegers mit markerschütternder Wucht. Der massige Mann blieb stehen, als sei er gegen eine Wand gelaufen.
Zu Erics höchstem Entsetzen jedoch wurde der Kerl nicht zurückgeschleudert, um mit einem faustgroßen Loch in der Brust liegen zu bleiben.
Stattdessen knurrte er abermals und fixierte den dünnen Wiedergänger. Für einen reglosen Moment starrten jettschwarze Augen in jettschwarze Augen.
Dann hob der Mann seine eigene, tellergroße Pranke, griff nach Mr. Ferrets Gesicht und rammte dessen Kopf knirschend in die Wand.
Tags: Coleman-Asylum, Dr. Sartorius, Eric, Millicent McManus, Mr. Ferret, Van Valen

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