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13
Mai

Kapitel 2-10

   Posted by: Steamtown    in Kapitel 2

Ganz entgegen seiner früheren Aussage schien der kleine aber massige Mr. Cummins ganz und gar nicht abgeneigt, sich des öfteren zu wiederholen.
“Sieht aus, als hätten wir ihren Arsch gerettet”, stellte er gerade zum dritten Mal fest, während er hinter dem Pater her durch einen Tunnel marschierte, der so eng war, dass beide Männer immer wieder die schmierigen Wände mit den Schultern streiften. “Bettany ist ein Prachtstück. Es gibt einige Medusen hier unten, aber sie ist mit Abstand die größte. Es scheint, als würden die sich beim wachsen nach vorhandener Nahrung und Platz richten. Und Sie haben den Lake Henry ja gesehen, Pater. Also das Überlaufbecken 23. Wir hier unten nennen es nur Lake Henry. Wie dem auch sei… Tawyer, da vorn links. Wir gehen über die Vierundvierzig nach oben”, unterbrach er sich selbst, indem er sich an den an der Spitze des Zuges gehenden Mann mit der Flechette wandte.
Direkt hinter ihm trugen Coler und Bruggs die behelfsmäßige Trage, auf der ohnmächtige Eric transportiert wurde. Ihnen folgte der hinkende Mr. Ferret und den Abschluss bildete der Pockennarbige namens Samson mit bereit gehaltener Hakenlanze. Offiziell, um dem Zug Rückendeckung zu geben, doch sicherlich auch, wie Mr. Ferret vermutete, um ihn im Auge zu behalten. Die Lederhäute waren nicht vertrauensselig oder dumm. Dumme, unvorsichtige Menschen überlebten hier unten nicht.

Was Mr. Ferret betraf, war ihm dies jedoch so gleichgültig, wie es nur sein konnte. Er war schon froh, dass er sich noch aus eigener Kraft bewegen konnte und das Leck in seiner Bauchleitung zumindest provisorisch abgedichtet war. Im Stillen führte er eine Bestandsaufnahme durch. Er würde auf jeden Fall eine Werkstatt brauchen, und aller Wahrscheinlichkeit nach auch einen medizinischen Ætheromanten. Soweit er es überblicken konnte, waren dies die schlimmsten Schäden, die er seit fast einem Jahrzehnt hatte einstecken müssen. Dass sich alle davon vollständig beheben lassen würden, das wagte er momentan zu bezweifeln. Und es war ja nicht gerade so, als würde die Behörde sonderlich viel in seine Wartung investieren. Dafür, so war man dort der Einstellung, bezog er ja schließlich sein Gehalt. Nachdenklich musterte Mr. Ferret seinen unbrauchbaren Arm und die unnatürlich verschobene Schulter. Er würde mehr als einen Gefallen einfordern müssen, um das zu beheben. Und das stimmte ihn nicht gerade froh.

“Wie dem auch sei”, wiederholte Mr. Cumins weiter vorn, an den Pater gewandt, und nahm seinen ungebremsten Redefluss wieder auf. “Bettany hat im Lake Henry mehr als genug Platz und Nahrung. Sie muss sich vor etwa acht Jahren dort nieder gelassen haben. Soweit wir wissen, ist sie eine der ältesten überhaupt. Nur Sir Tobey in der 118er Staustufe ist noch älter. Wir haben keine Ahnung, wo sie herkommen, aber wir lassen sie, wo sie sind. Für gewöhnlich bleiben sie in ihren Becken, verhalten sich still und entsorgen eine Menge Zeug, das wir sonst mühsam rausfischen oder umlegen müssten. Ratten, Quexer, Kadaver und so. Ich vermute, ihr Plasmazombie hat das alte Mädchen ein wenig auf den Geschmack gebracht. Man sollte nur nicht mit ihnen in Berührung kommen. Wenn sie einen richtig erwischen, dann ist es vorbei. Atemnot, Herzstillstand und Schluss. Ihr Junge da hinten hat mächtig Glück gehabt. Aber so gekleidet geht man auch nicht hier runter, Sir. Wir tragen die hier nicht umsonst!” Er klopfte auf den ledernen Overall, der seinen mächtigen Leib wie eine Wurstpelle umspannte. “So, was sagten Sie? Eine Morduntersuchung treibt sie hier her? Muss ja ne Mordssache sein!”
Cummins lachte dröhnend über seinen eigenen Witz. “Eine Mordssache. Erzählen Sie, Pater! Ich bin neugierig.”

“Da gibt es nicht viel zu erzählen. Irgend so ein Arschloch hat oben in den Straßen einen Passanten mächtig auseinander geschnipselt. Ist nicht viel übrig geblieben. Das Ministerium macht das natürlich ordentlich neugierig auf den Täter. Bevor der noch einmal zuschlägt und die braven Bürger von Steamtown aus ihrem wohlverdienten Schlummer aufschreckt, versteht sich.”
Cummins grinste beipflichtend. Von seiner Warte aus betrachtet kümmerte er sich mit seiner Truppe um ein ähnliches Ziel.
„Eine der Spuren führte hier herunter, was uns die wunderbare Möglichkeit einbrachte, einen gemütlichen Spaziergang unter Tage durchzuführen.“ Cummins bemerkte den beißenden Sarkasmus in Pater Grands Stimme offensichtlich nicht. Oder er ignorierte ihn schlichtweg. Dass die Kanalisation nicht das Himmelreich war, konnte niemandem entgehen, der sich einmal in den Tunneln und Kanälen aufgehalten hatte. Aber für Cummins, der den Geist der Kanalisation täglich in sich einsog, war es der Ort, der ihm seinen Lebensunterhalt und auch irgendwie jede Menge Spaß sicherte. Wenn man bisweilen tödlichen Nervenkitzel so bezeichnen konnte. Cummins tat es jedenfalls.

„Bei der Gelegenheit, haben sie hier unten in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches bemerkt? Ich habe den leisen Verdacht, dass der Täter gewohnheitsmäßig Teil dieser Anlage sein könnte. Vor allem, wenn ich mir ihre Bettany so betrachte.“
Was genau er damit meinte, behielt der Pater geflissentlich für sich. Er würde das, was er vorhin an dem riesigen Polypen gesehen hatte, erst einmal überprüfen müssen. Und zwar bei nächster Gelegenheit und allein.
“Nein, ich glaube kaum, dass ihr Mörder jemand ist, der hier unten lebt”, sagte Cummins nachdenklich, während er ein großes, eisernes Tor aufschloss. “Die Tunnler wüssten davon. Wobei, wenn ich’s recht bedenke… sie sind argwöhnischer und aggressiver als sonst.”

„Ist nicht wahr. Und ich dachte, das wäre so eine Art Begrüßungstanz gewesen, mit dem sie uns beglückt haben, bevor wir leider die Party für ein herrliches Bad im Lake Henry verlassen mussten. So kann man sich irren.“ Der Pater lachte ein kurzes, trockenes Lachen. Eins von der Art, wie er es in vergleichbaren Situationen stets an den Tag legte.
“Da haben ihnen die Tunnler ja einen heißen Empfang bereitet. Wundern tut´s mich nicht”, entgegnete Cummins und winkte sie durch das Tor, um es sorgfältig wieder hinter ihnen abzuschließen. Dann stiegen Sie mühsam eine lange, staubige Treppe hinauf, die seltsamerweise mit steinernen Statuen ernst blickender Männer und aufwändigen Ornamenten verziert war. Sogar die Plasmalaternen hier waren reich verziert, wenn auch sichtlich vernachlässigt.
“Ich glaube nicht, dass sie derzeit irgendjemanden durch die Tunnel lassen, den sie nicht kennen. Und nicht mal wir dürfen im Moment in die Nähe ihrer Wohnbereiche. Nein, Pater, ich denke nicht, dass Sie Ihren Killer unter den Tunnlern finden. Aber vielleicht war er wirklich hier unten. Sie scheinen sich wegen irgendwas Sorgen zu machen. Und ich kann Ihnen sagen: Menschen, die freiwillig hier unten leben, haben vor so gut wie nichts Angst. Ich würde Ihnen raten, nicht nochmals allein hier herunter zu kommen. Wenn es gar nicht anders geht, dann sprechen Sie lieber mit uns. Noch mal werden Sie wahrscheinlich nicht so viel Glück haben. So, da wären wir. Immer herein in die gute Stube.”
Mr. Cummins öffnete eine weitere Eisentür und winkte den Trupp in einen in gedämpftes Plasmalicht getauchten Gang. “Willkommen im Pumpwerksturm 2, dem Wohnzimmer von Abteilung 2-E-1. Das sind wir”, fügte er überflüssigerweise hinzu.

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