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16
Nov

Kapitel 8-12

   Posted by: Steamtown    in Kapitel 8

Das Feuer hatte sich inzwischen von den unteren Kellerräumen bis in die höheren Etagen gefressen und schlug nun aus einzelnen kleinen, vergitterten Dachfenstern. Rauch stieg in mehreren dunkelgrauen Säulen zum Himmel hinauf. Zumindest der Ostflügel des Coleman-Asylums würde ziemlich sicher ein Opfer der Flammen werden.
Eric und Whiggs hatten sich erschöpft gegenüber des Asylum-Einganges auf die Treppe eines Mehrfamilienhauses gesetzt und betrachteten das Spektakel. Eric rieb sich verlegen mit der Linken über die kurzen, versengten Stoppeln auf seinem Kopf. Und zuckte zusammen, als seine Finger mehreren Brandblasen begegneten. Whiggs hatte seine Bewegung gesehen und lächelte ihn schief an. “Tut mir leid, das da. Ich hab’s nicht ganz geschafft…”
“Unsinn! Natürlich haben Sie es geschafft. Wir leben alle noch. Das würde ich doch geschafft nennen.” Eric lächelte zurück. Whiggs Haarpracht war wundersamerweise verschont geblieben und im Gegensatz zu den anderen hatte sie von dem Inferno auch keine Verbrennungen davon getragen. Erics Gesicht hingegen fühlte sich an, wie damals, als er mit zwölf Jahren im Garten eingeschlafen war und die Sonne ihn fürchterlich verbrannt hatte.

Eine Dampfpfeife plärrte an der nächsten Straßenkreuzung, dann noch eine und noch eine. Die Löschdroschken der Feuerwache mit ihren Rettungsleitern und den dampfunterstützten Pumpenwagen waren im Anmarsch. Kurz darauf bog die erste Feuerwehrdroschke in halsbrecherischem Tempo um die Ecke und bahnte sich rücksichtslos und unter Zischen und Pfeifen einen Weg durch die sich ansammelnde Menschenmenge. Feuerwehrleute sprangen herab, entrollten die Wasserschläuche und schlossen sie am nächsten Hydranten an. Alles ging routiniert und diszipliniert von statten, auch wenn die Hoffnung, das Gebäude zu retten, eher zweifelhaft war. Zumindest würde man versuchen, die angrenzenden Gebäudetrakte und die Nachbarhäuser vor den Flammen zu schützen. Nach der Feuerwehr trafen nun auch die ersten Einheiten der Polizei ein und begannen sofort, die neugierigen Gaffer zurückzudrängen.

Im Gehsteig vor dem brennenden Ostflügel klaffte ein Krater, aus dem stinkend-ölige Rauchschwaden krochen. In der massiven Mauer des Asylums gähnte an dieser Stelle ein Loch, durch das man bequem einen Dampfschienenwaggon hätte fahren können. Noch immer fielen in unregelmäßigen Abständen Ziegel und ganze Mauerstücke herab, wenn sich das Gebäude stöhnend bewegte. Die Öffnung markierte den Ort, an dem zwei Stockwerke tiefer die Kellerräume und Labors des Asylums samt ihren Wiedergängertanks und aller Beweise im Plasmafeuer vergangen waren.
Durch die geborstene Mauer waren verletzte Wachmänner, Pfleger und Insassen hinaus ins Freie getaumelt. Während erstere ihre Wunden von den eingetroffenen Sanitätern versorgen ließen, genossen die ehemals eingesperrten Patienten ihre ungewohnte Freiheit. Eine junge Frau mit weißem Nachtgewand und wirr abstehenden Haaren lief barfüßig über den Hof, während sie lauthals Verse des berühmten Lokaldichters Leifson Wielke deklamierte. Ein anderer, der seine blanke Kehrseite den johlenden Zuschauern von der Spitze einer Straßenlaterne zuwandte, ahmte mit einem Arm und einer bemerkenswert weit tragenden Stimme das Gebahren eines Hahnes in den Morgenstunden nach. Vergeblich versuchten zwei Feuerwehrleute und ein Pfleger, den Mann zum Herabsteigen zu bewegen.

Die stämmige Gestalt des Chief-Inspectors O’Donohue drängte sich durch die Menge und hielt auf Whiggs und Eric zu. Von seinem fröhlichen Gemüt war angesichts solcher Zerstörung nicht all zuviel übrig. „Hier stecken Sie also. Ich hatte schon befürchtet, ihre Überreste dort unten in dem Loch zu finden. Was zum Henker ist hier passiert? Ich hatte es so verstanden, als wollten Sie sich unauffällig umsehen. Stattdessen sprengen Sie den halben Hügel weg, dass man es bis Potters Field hört. Verstehen Sie das unter unauffällig?“
„Tja, was soll ich sagen, Chief-Inspector“ Ein Schmunzeln kroch auf die rissigen Lippen des jungen Agenten. „Wir haben da eine brandheiße Spur gefunden.” Als er die Miene des Polizisten sah, wurde er wieder ernst. “Um es kurz zu machen: Wir haben den Mörder gefunden, Sir. Und dessen Auftraggeber. Doktor Sartorius hat in den Kellern des Asylums seine eigene Privatarmee aus Wiedergängern gezüchtet.”
“Er hat was?”
“Wiedergänger, Sir.” bestätigte Whiggs. “Mehr als zwanzig unglaublich starke, weiter entwickelte und modifizierte Plasmierte, für die er eigens Hesiodplasma…”
“Hesi…was bitte?” O’Donohue blickte misstrauisch zwischen Eric und Whiggs hin und her.
“Hesiodplasma. Ein überaus seltenes und gefährliches Derivat von hochenergetisiertem …”
“Schon in Ordnung, Miss. Sparen Sie sich das für die Techniker. Er hat also Wiedergänger produziert. Das ist eine ungeheuerliche Anschuldigung!”
“Sir! Ich versichere Ihnen…”
O’Donohue unterbrach Eric mit einem müden Winken. “Aber es ergibt einen Sinn”, fuhr er fort. “Immerhin ist Sartorius unser Beauftragter für die Evaluierung von Plasmierten. Er hat also durchaus die Möglichkeiten. Aber warum sollte er das tun?”
Whiggs seufzte. “Er hat sie auf die Quexer angesetzt, die deshalb wiederum über die Tunnler hergefallen sind. Und aus den Reihen der Tunnler bezog er auch die Leichen für die Wiedergänger. ”
Eric warf ihr einen fragenden Blick zu. Whiggs zuckte mit den Schultern. “Ich habe sie gesehen”, fügte sie leise hinzu.
“Das erklärt aber immer noch nicht, warum…”
“Nein, Sir, die Tunnler waren nicht sein Ziel”, ergänzte Eric. “Er wollte die Quexer zusammentreiben und dann aus den Tunneln hinauf auf die Straßen jagen.”
“Von wie vielen Quexern sprechen wir hier?” fragte O’Donohue argwöhnisch.
“Von Hunderten, Sir. Vielleicht sogar tausend.”

Der Chief-Inspector sah Whiggs entgeistert an. “Ist das Ihr Ernst?” Als die junge Tunnlerin nickte, ließ er sich ächzend neben Eric auf die Stufen der Treppe fallen. Er zog eine bereits angerauchte Zigarre aus seiner Uniformjacke. “Himmel! So viele? Das würde ein Blutbad werden! Wir könnten sie nie…”
“Exakt, Sir”, bestätigte Eric. “Genau das war die Idee. Sobald es zu einer hinreichend erschreckenden Zahl an Opfern unter den Zivilisten und ihren unvorbereiteten Truppen gekommen wäre, hätte er seine kampfbereiten Plasmierten aus der Rocktasche gezaubert und die Quexer vernichtet.”
O’Donohue kaute nachdenklich auf seiner kalten Zigarre und tastete nach einem Zündholz. “Ja, ich kann mir vorstellen, dass einige Ministerien nach einer derart eindrucksvollen Demonstration ihre ablehnende Haltung in Bezug auf den Einsatz von Plasmierten überdenken würden. Er könnte vermutlich Hunderte davon unterbringen. Und als Zuständiger für die Evaluierung würde er eine gute Stange Geld…”
“Verzeihung, Chief”, unterbrach ihn Eric. “Sie denken in zu kleinem Maßstab. Sein Ziel war es, die Lizenz zur Fertigung Tausender zu bekommen. Soldaten für den Krieg in den Kolonien. Das wäre im Übrigen noch viel leichter an die Ministerien zu verkaufen. Und das hätte ihn auf einen Schlag zum mächtigsten Mann in den Kolonien gemacht. Von reich wollen wir gar nicht erst reden.“
„Sie… Du meine Güte. Sie müssen allerdings zugeben, dass das verdammt abenteuerlich klingt, Mr. Van Valen. Und Doktor Sartorius soll auch noch diesen Hartlefield auf dem Gewissen haben?“, fragte O’Donohue argwöhnisch. Das Zündholz in seiner Hand war vergessen.

„Leider, Sir. Er hat einen seiner Plasmierten auf ihn angesetzt. Hartlefield war angestellter Inspekteur der Steamtown Power Transmission Ltd. Er hatte entdeckt, dass Sartorius hochenergetisches Plasma aus deren Leitungen abzweigte. Vermutlich zur Herstellung dieses Hesiod-Plasmas für die Wiedergänger. sie erinnern sich - das war genau das, was Pater Grand an seiner Leiche entdeckt hatte. Und das war wohl der Grund, warum Hartlefield sterben musste.”
“Hm. Und der andere Tote, dieser Doktor?”
“Doktor Dunston war, wie wir wissen, Spezialist für Hesiod-Plasma. Die erste Adresse, wenn ich so viel wie möglich über das Zeug erfahren wollte.”
“Wonach man ihn beseitigen müsste. Klar.”
Eric nickte. “Was auch den Tod von Mr. Esposito erklärt. Er war Pfleger im Asylum und wusste wohl, was dort vor sich ging. Als er nach seiner Entlassung ungeschickterweise als Wachmann bei der Steamtown Power Transmission Ltd. anheuerte, war er eindeutig zu einem Sicherheitsrisiko geworden.”
“Das klingt alles schön und gut, Mr. Van Valen, und ich bin geneigt, Ihnen zu glauben. Aber das allein hilft uns nicht weiter. Wo sind Ihre Beweise? Und vor allem: Wo ist unser Mörder und wo Sartorius?”
Der junge Agent lächelte freudlos und deutete auf das qualmende Loch in der Straße.
“Tja. Das ist das Problem. Vielleicht finden Sie ja dort unten noch etwas, wenn das Feuer gelöscht ist. Aber ich fürchte, weder vom guten Doktor Sartorius noch von seiner Armee oder sonstigen Beweisen dürfte viel zu finden sein. Es war ein wirklich ausgesprochen beeindruckendes Feuer. Wie Sie sehen können.“ Mit einem freudlosen Lächeln deutete Eric auf sein Gesicht.

Der Chief-Inspector musterte ihn. Dann nickte er grimmig und steckte seine Zigarre wieder weg.
Mit einem Seufzen stemmte er sich wieder auf die Füße und streckte Eric die Hand hin. “Ich glaube Ihnen tatsächlich, Mister Van Valen. Das hilft uns jetzt zwar nicht weiter, aber wir werden sehen, was wir finden. Ich danke Ihnen.” Als Eric die Hand ergriff, fügte er hinzu: “Sie können sicher sein, dass ich mich beim Ministerium für Sie einsetzen werde. Schließlich sollte man einen so erfolgreichen Agenten nicht unnötig lange von seiner Arbeit abhalten. Wenn Ihre Vorgesetzten Ihnen trotzdem Schwierigkeiten machen, dann schicken Sie sie zu mir. Ich werde sagen, Sie haben in meinem Auftrag gehandelt. Das sollte die Wogen etwas glätten, hoffe ich.“
„Danke, Chief-Inspector. Das weiß ich zu sehr zu schätzen.“
“Das will ich doch hoffen, junger Mann.” O’Donohue nickte ihm und Whiggs zu. Dann wandte er sich ab und musterte den Himmel. “Ich will verdammt sein, wenn es heute keinen Regen gibt. Warum immer in meiner Schicht?” Er straffte die Schultern und stapfte davon, um einigen Untergebenen Befehle zuzubrüllen.

Wenige Meter weiter saßen Mr. Ferret und Joey und sahen der Unterhaltung zu.
Der Zivilpolizist sog genüsslich an einer Zigarette, während Mr. Ferret bewegungslos, den verkohlten Bowler tief ins Gesicht gezogen, neben ihm hockte. In seinem gegenwärtigen Zustand sah er aus wie eine zerfledderte Vogelscheuche, die irgend jemand vor zehn Jahren von einem Feld gestohlen und hier weggeworfen hatte.
„Sieht nicht gut aus für Ihren Vorgesetzten, oder, Mr. Ferret? Mr. Van Valen ist ein feiner Kerl. Ich fürchte allerdings, dass er aus Sicht des Ministeriums den Bogen ein wenig überspannt hat. Man wird sie dort nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen, das ist Ihnen klar, oder? Ich vermute sogar, ganz besonders Sie nicht, Mr. Ferret. Einen Wiedergänger, der einem Befehl des Ministeriums zuwider handelt?“ Joey wiegte skeptisch den Kopf.
„Man wird sich vermutlich schwer damit tun, meine genaue Fehlfunktion zu evaluieren, Sir“, antwortete Mr. Ferret und starrte geradeaus. “Sie erinnern sich vielleicht, wo das eigens dafür eingerichtete Labor befand - und wer es geleitet hat, Sir.”
Joey folgte seinem Blick und schmunzelte. Ein weiteres Stück Mauer brach zusammen und gab den Blick auf lodernde Flammen frei.
“Sie sind ein Mann mit ausgesprochen bemerkenswertem Einfallsreichtum, Mr. Ferret. Wir könnten in unserer Einheit Leute wie Sie gebrauchen. Also falls Sie mal kündigen wollen und einen neuen Job suchen…”
“Sir, ich kann nicht kündigen. Ich bin ein Werkzeug im Besitz des Ministeriums. Und als solches auch nicht für meine Aktionen verantwortlich, Sir. Ich fürchte, das Problem wird ganz bei Mister Van Valen liegen, Sir.”
Der Polizist musterte ihn nachdenklich und betrachtete dann Eric.

“Tja, dann… Wir müssen alle sehen, wo wir bleiben. Dürfte ich Sie dann beim Ministerium anfordern, wenn ich Bedarf für jemanden wie Sie hätte? Was meinen Sie?”
Mr. Ferret hob die unbeschädigte Schulter und ließ sie wieder fallen.
“Ich wüsste nicht, was Sie davon abhalten sollte, es zu versuchen, Sir.”
Joey und der dünne Mann saßen einen Moment lang schweigend nebeneinander. “Aber falls Sie doch über einen Karrierewechsel nachdenken sollten, Mr. Ferret, dann sollte ich Ihnen vielleicht diese Karte hier überreichen. Und Ihnen ausrichten, dass man nicht unbedingt hochzufrieden ist, aber mit dem Ergebnis leben kann. Man hat also in Zukunft eventuell weitere Verwendung für Sie.”
Mr. Ferret musterte Joey regungslos. Dann nahm er die Karte und drehte sie um.
Auf er Rückseite fand sich das Siegel, das er erwartet hatte.
Er sah auf. Der Polizist nickte ihm zu, schnippte den Rest seiner Zigarette weg und stand auf.
“Man sieht sich, Mr. Ferret.”
“Ich fürchte, die Alternative wäre, mir die Augen zu entfernen, Sir.”
Joey grinste, steckte die Hände in die Taschen und verschwand im Gedränge der Schaulustigen.
Der dünne Man blinzelte. Einmal.

Nebenan war das Gespräch inzwischen beendet. Eric war mit Whiggs Hilfe mühsam auf die Füße gekommen und winkte Mr. Ferret zu sich herüber.
“Kommen Sie. Machen wir, dass wir von hier verschwinden, Mr. Ferret.”
„Nichts lieber als das, Sir.“
Niemand beachtete die drei, als sie gemeinsam das Gelände des Coleman-Asylums verließen und der Straße in Richtung Innenstadt folgten. Whiggs hatte sich bei Eric untergehakt.
„Ich hoffe, Sie kennen ein angemessenes Etablissement, Eric.“
Der Agent zog erstaunt eine versengte Augenbraue hoch. „Wofür genau, Miss Eleonore?“
„Sie wollen mich doch in ein anständiges Lokal ausführen, Eric, oder etwa nicht?“
„Äh … selbstverständlich, Miss Eleonore.“
„Gut, dann nehme ich Ihre Einladung sehr gerne an. Allerdings würde ich vorher gern eine Stunde schlafen und mich frisch machen. Außerdem würde ich vorschlagen, dass auch Sie vorher ein ausgiebiges Bad nehmen. Sie riechen etwas unangenehm, wenn ich das so sagen darf.“
Eric lachte herzlich, Whiggs tat es ihm kurz darauf nach.
„Das dürfen Sie, Eleonore, das dürfen Sie.“

Mr. Ferret blinzelte. Nochmals.

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