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Kapitel 3-11
Hovener Garden. Kaum jemand erinnerte sich noch daran, dass die wunderschöne Parkanlage mit ihrer umfangreichen, exotischen Pflanzensammlung vor wenig mehr als einem Jahrzehnt auf den Überresten einer ministerialen Kaserne aufgebaut worden war. Grand tat es. Schließlich war er einst selbst dort untergebracht gewesen. Der Einstieg zu den unterirdischen Kammern und Gängen war ein Geheimnis, das damals schon eines gewesen war und ihm nur durch einen Zufall offenbart wurde. Nur die wenigsten wussten davon und die meisten davon waren bereits nicht mehr am Leben. Nur Eleonore, seiner Nichte, hatte er es einmal erzählt, als sie noch ganz klein gewesen war und er wusste, dass sie es nicht vergessen hatte.
Er betrat den Park während die Sonne langsam zum Horizont hinab wanderte und dem Himmel einen rötlichen Schimmer verlieh. Eine alte Voliere mit verschnörkelten und rostigen Gitterstäben stand, teilweise zugewachsen, in einer der ruhigen Ecken des Parks und der Pater wandte sich nach einem prüfenden Rundblick genau dorthin. Ein schneller Griff nach dem verborgenen Hebel und eine schmale Tür an der Rückwand schwang knirschend auf, eine dunkle Treppe nach unten freigebend.
Grand trat hindurch und verschloss den Eingang hinter sich. Sofort umfing ihn absolute Lichtlosigkeit, in der die Stufen und alles andere vollständig verschluckt wurden. Mit einer erst zögerlichen, dann routinierten Bewegung befestigte er das Okular aus seiner Tasche an seinem Zylinder. Er hasste es, das Gerät anzulegen, fast genauso, wie er sich selbst dafür hasste. Aber hier unten würde es ihm gute Dienste leisten und er mochte auf diesen Vorteil nicht verzichten. Kaum angebracht, verschob sich seine Sicht in den plasmotischen Bereich und gab ihm den Blick auf die Umgebung frei.
Die Treppe führte nur wenige Schritt in die Tiefe, vielleicht zwei, drei Yards, mehr nicht. Unten, am Ende der Stufen, schloss sich ein trister Gang an, der stur geradeaus führte, bis er irgendwann in einem Endstück mündete, das mehrere Türen bereithielt. Manche öffneten sich zu weiteren Gänge, andere zu kleinen Räumen: Wachstuben, Vorratskammern, leere Zimmer. Der Pater wählte eine davon aus und huschte hinein.
„Du kommst spät, Onkel.“
Die beißende Ablehnung in ihrer Stimme kratzte schmerzhaft an seinem emotionalen Schutzpanzer, den er sich mühsam auf den letzten Schritten angelegt hatte. Ihre nächsten Worte fegten seine Verteidigung in einem Schlag hinfort.
„Musstest du wieder Leute umbringen lassen, Onkel?“
„Eleonore“, schnappte er erstickt nach Luft. „Ich habe nie gewollt …“
„Spar dir deine Entschuldigungen. Ich will sie nicht hören. Und nenne mich nicht Eleonore. Eleonore ist tot. Ich heiße Whiggs.“
Einen Moment herrschte eisige Stimmung zwischen den beiden.
„Also, warum bist du gekommen?“
Grand brauchte eine Weile, um sich wieder zu fangen. Er hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass es einfach werden würde, das war es nie, aber irgendwie schaffte sie es immer wieder aufs neue, ihn völlig aus der Bahn zu werfen. Nervös knetete er seine Finger, während er ihre grünlich funkelnden Augen betrachtete. Sie stand ihm gegenüber, lässig an die Wand gelehnt, die Arme abweisend verschränkt. Sie war ein ganzes Stück gewachsen, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Hübsch war sie geworden, eine junge Dame mit tiefer Entschlossenheit und ebenso starkem Willen. Ihre tiefschwarzen Locken, die bis zu den Schultern reichten, waren mit kleinen silbernen Perlen und winzigen bunten Federn verziert. Ab und zu blitzte es in seinem Okular energievoll auf, wenn sie sich bewegte.
In ihrer ablehnenden Haltung stellte sie eine exakte Kopie ihrer Mutter - seiner Schwester - dar. Wie damals, als er Josephine mitgeteilt hatte, was er mit Arminton zu tun gedachte. Oder besser gesagt, was ihm als einziger Ausweg übrig geblieben war. Josephine hatte ihm einen ebenso abscheuerfüllten Blick zugeworfen, nachdem er sie herausgeholt hatte, wie jetzt Eleonore - nein, Whiggs – und ihm anschließend erklärt, dass sie zurück in das abgesperrte Viertel gehen würde, um den Hilflosen und Unschuldigen ihren Beistand zu bieten. Dann war sie gegangen und er hatte sie nie wieder gesehen.
Unmittelbar an diesen Gedanken stiegen die Stimmen aus seinem Unterbewusstsein auf, die klagenden Schreie voller Angst und Schmerz, die er lange nur in seinen Träumen ertragen musste. Die Schreie seiner Opfer, der Menschen, die aufgrund seines Befehls einen grausamen Tod gefunden hatten.
Arminton war ein blühendes Viertel gewesen, voller pulsierendem Leben, voller Geschäftigkeit, so temperamentvoll. Bis die Wiedergänger den Straßen ihren tödlichen Stempel aufgesetzt hatten. Aus welchem Loch sie auch immer hervorgestiegen waren. Die Kirche war ratlos gewesen, ebenso wie das Ministerium und fassungslos hatten sie mit angesehen, wie die Menschen von Arminton dem Untergang anheim fielen. Mit jedem neuen Toten gab es auch einen neuen Wiedergänger, der seinerseits die Lebenden attackierte, als geböte ihm der reine, pure Hass, jeden warmen Körper zu zerfetzten, zu zerreißen, mit Klauen und Zähnen zu zerstückeln …
Die Seuche einzudämmen schien unmöglich und beinahe hätte sie die ganze Stadt ergriffen, wenn Arminton nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln abgeriegelt und in ein gewaltiges Schlachthaus verwandelt worden wäre, das Schlächter und Opfer zusammen einsperrte.
Dann hatte Pater Grand, damals noch Prior und verantwortlicher Geistlicher für Arminton, vom Bischof persönlich den Befehl bekommen, die Brut des Teufels ein für allemal auszumerzen. Mit der reinigenden Flamme des heiligen Feuers. Dieses bestand aus einer besonderen, plasmotischen Substanz, welche, einmal entzündet, heißer und länger brannte, als alle anderen damals bekannten Mittel. Sogar Stein konnte sie zum Schmelzen bringen.
Dreimal hatte Grand um eine Alternative gebeten, um eine andere Lösung ersucht, sogar versucht, den Bischof persönlich zu sprechen, doch dieser hatte sich nicht von seinem Weg abbringen lassen. Der Herr wird die Seinen erkennen und erlösen, hatte er ihm lapidar mit einer hastig dahingekritzelten Depesche mitteilen lassen. Handle im Sinne der Kirche, in deren Schoß du dich befohlen hast.
Grand hatte gehandelt. Das Feuer loderte über zwei Wochen ununterbrochen und vernichtete das gesamte Viertel. Brannte es zu Asche, zu Schlacke, zu beißenden Qualm. Genau wie seine Schwester und ihren Mann. Einzig Eleonore überlebte, weil Josefine sie rechtzeitig fortgeschickt hatte.
Es war also kein Wunder, dass ihn seine Nichte bis ins Mark hasste. Er hasste sich ja selbst dafür.
„Ich wollte dich warnen, Eleo … Whiggs“, berichtigte er sich beinahe entschuldigend. „Es treibt sich ein gefährlicher Irrer in der Kanalisation herum. Ein Irrer, der Menschen tötet. Ich will dich einfach in Sicherheit wissen.“
„Ein Irrer, so wie du einer bist?“ Der Spott in ihrer Stimme war schneidend wie Glas. „Glaube mir, Onkel, hier unten gibt es viele gefährliche Dinge und von den meisten weißt du nicht einmal. Ich kann sehr gut selbst auf mich aufpassen. Dich brauche ich bestimmt nicht dafür.“
„Whiggs, bitte …“
„Du hättest nicht herkommen sollen.” Sie machte eine bedeutungsschwere Pause. Dann sah sie an ihm vorbei und sprach mit jemandem hinter ihm. “Nehmt ihn mit.”
Bevor er sich umdrehen konnte, traf ihn ein Knüppel schwer am Kopf. Grand stürzte mit dem Gesicht voran auf den Boden. Eine Ohnmacht löschte seine Sicht aus und mit dem letzten Funken Bewusstsein hörte er, wie jemanden zu Whiggs sagte: “Wir haben ihn, ehrenwerte Emanatin”.
Dann wusste er nichts mehr.
Tags: Arminton, Eleonore, Hovener Garden, Pater Grand, Whiggs

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